Tayari Jones: In guten wie in schlechten Tagen

Woraus ist Liebe gemacht – jene Art von Liebe, die zwei Menschen auf ganz besondere Weise verbindet? In ihrem Roman versucht Tayari Jones Antworten auf diese Frage zu finden.

Es geht um Roy und Celestial, jung, schwarz, frisch verheiratet und mit Perspektiven für eine glänzende berufliche Zukunft, doch in einer Nacht am falschen Ort. Eine Frau wird vergewaltigt und ist davon überzeugt, dass Roy der Täter ist. Dass er die ganze Zeit mit Celestial zusammen war, dass es keine DNA-Spuren von ihm gibt, dass er unschuldig ist, interessiert niemanden, auch nicht die Geschworenen, die Roy zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilen. Die Haft stellt die Ehe der beiden auf eine harte Probe. Was geschieht, wenn die Trennung länger dauert als die Zeit des Beisammenseins? Das Buch wird vorübergehend zum Briefroman; Celestial schreibt immer zurückhaltender, Roy versinkt zunehmend im Selbstmitleid, die Briefe werden seltener. Der Leser ist gefordert, zwischen den Zeilen zu lesen und seine eigenen Überlegungen anzustellen.

Es geht auch um die Eltern der beiden Hauptfiguren. Roy kennt seinen leiblichen Vater nicht; dieser hat die Mutter sitzenlassen, als sie schwanger war. Der Mann, der Roy zu seinem Junior gemacht hat, liebt seine Frau und den Junior bedingungslos. Roys Eltern sind einfache Leute mit einer engen Verbindung zueinander. Sie haben ihren Sohn zu einem anständigen Menschen erzogen, ihm Bildung ermöglicht; er sollte es eines Tages besser haben.

Celestial stammt aus gutem Hause. Ihre Eltern sind reich, der Vater konnte eine Erfindung für viel Geld verkaufen. Es ist seine zweite Ehe. Er hatte Celestials Mutter nichts davon gesagt, dass er bereits verheiratet ist, als sie zusammenkamen. Die Unterschiede in der Herkunft von Roy und Celestial gaben oft Anlass zu Streitereien der beiden, ebenso wie Roys gelegentliche Untreue.

Und dann geht es noch um Celestials Beziehung zu Andre, ihrem Sandkastenfreund, der sie liebt, solange er zurückdenken kann. Andre und Celestial haben sich in ihrem Leben eingerichtet, als Roy nach fünf Jahren vorzeitig freikommt. Der Konflikt spitzt sich zu. Was hat die Haft aus Roy gemacht? Was wird aus seinen früheren Zukunftsplänen? Celestial hat sich nie scheiden lassen – hat ihre Ehe eine Zukunft?

Die Kapitel werden abwechselnd aus der Sicht von Roy und Celestial, später auch von Andre erzählt. Dadurch bringt Tayari Jones den Leser nah an die Hauptfiguren heran, lässt  diese mit ihren Stärken und Schwächen lebendig werden, wirbt in deren Namen für Verständnis. Darüber hinaus beleuchtet sie die Ehen der Elterngeneration und gibt Einblicke in das Leben der afroamerikanischen Mittelschicht.

Obwohl es um einen unschuldig verurteilten Schwarzen geht und die Inhaftierungszahlen von schwarzen Amerikanern noch immer für systematischen Rassismus amerikanischer Institutionen sprechen, bleibt der Roman erstaunlich unpolitisch. Über die Details der Haftzeit schweigt Jones sich aus. Sie stellt die zwischenmenschlichen Beziehungen ihrer Figuren in den Mittelpunkt; dies tut sie auf erfrischende und berührende Art.

Liebe entsteht auf vielerlei Weisen. Sie zu erhalten kann zur Herausforderung werden.

Alles in allem ein lesenswerter Beziehungsroman.

Tayari Jones: In guten wie in schlechten Tagen.
Arche Verlag, Februar 2019.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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