Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Wer es in New York bis Dreißig nicht geschafft hat, wird es gar nicht mehr schaffen. Diese erbarmungslose Regel gilt im Dunstkreis der Reichen und Schönen. Louise ist 29 Jahre alt und wollte in New York Schriftstellerin werden. Dumm nur, dass sie nichts zu Papier bringt und sich mit drei schlechtbezahlten Nebenjobs notdürftig über Wasser hält. Da tritt die reiche Lavinia in ihr Leben. Jung, schön, blond, reich, exzentrisch. Sie nimmt Louise unter ihre Fittiche, staffiert sie aus, schleppt sie mit auf dekadente Partys, führt sie ein in eine Welt, die sich Louise immer erträumt hat, in die sie aber nicht zu passen scheint. Zumindest nicht, bevor sie radikale Entscheidungen trifft. Was folgt, ist eine Freundschaft zwischen Abhängigkeit, Dominanz und Unterwerfung. Tara Isabella Burton zeichnet das Bild einer Gesellschaft des Scheins, in der Likes und Follower mehr zählen, als echte Beziehungen. In der jeder nach immer neuen Extremen sucht, um sich interessant zu machen. In der Verbrechen ungestraft bleiben, da alle verlernt haben, hinzusehen und mitzufühlen.

Lavinia trägt Vintage-Kleidung, bricht in Parks ein, ist mit Künstlern sowie mit „nicht richtigen“ Prostituierten befreundet und geht auf Partys, in denen Zwerge mit Dildos performen. Sie ist ein klassisches It-Girl, obwohl sie eigentlich nichts leistet. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um während eines Sabbaticals einen Roman zu schreiben, der sich grottenschlecht liest. Gesponsert wird sie von ihren reichen Eltern, die sich nach Frankreich zurückgezogen haben. In Louise findet sie ein williges Spielzeug, das sie nach ihren Wünschen lenken kann. Sie liebt es, von ihr angehimmelt und gebraucht zu werden. Gleichzeitig braucht auch Lavinia immer jemanden – Publikum, Bewunderer, Personal. Louise erlebt Monate wie im Rausch, meist sprichwörtlich. Doch bleibt die Angst, nicht mithalten zu können. Louise kann sich dieses Leben nicht leisten, kann keine 200 Dollar für Champagner aufbringen. Dennoch lässt sich Louise immer mehr von der Hochglanzwelt Manhattens einnehmen. Sie zieht bei Lavinia ein, schlägt sich die Nächte um die Ohren, verliert ihre drei Jobs. Plötzlich ist sie vollkommen von ihrer Freundin abhängig. Louise beginnt, Gelder „umzuverteilen“ indem sie heimlich Geld vom prall gefüllten Konto ihrer Freundin abhebt. Liebt sie Lavinia, hasst sie Lavinia? Vielleicht sogar beides? Louise verliert den Überblick, versucht nur, atemlos Schritt zu halten. Sie wird nicht nur optisch zu Lavinias Abklatsch, sondern beginnt, sich das Leben der Freundin anzueignen. Seien es Kontakte, die sie beruflich nutzt, um endlich zu publizieren. Oder abgelegte Liebschaften. Es wird kompliziert, als sie sich in Lavinias Ex-Freund Rex verliebt. Dem Freundlichen, Empathischen, der eigentlich jemand „Nettes“ sucht. Der aber genauso wenig von der selbstsüchtigen Lavinia ablassen kann, wie sie. Louise hat sich längst an das Luxusleben gewöhnt. Doch sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. „Diese Leute nehmen, was sie von dir haben wollen, sagen dir, was du hören willst, und vergessen, ob sie es auch so gemeint haben.“

Die Sache steuert auf kein gutes Ende zu, das steht von Anfang an fest. Schon nach wenigen Seiten erfahren wir Leser, dass Lavinia sterben wird. Dies tut der Spannung aber keinerlei Abbruch (im Gegenteil!) da wir gebannt verfolgen, wie sich alle Protagonisten in einer toxischen Spirale auf dieses Ereignis zubewegen. Der Stil der Autorin ist schnörkellos, kurz, knackig, brutal, einprägsam. Er spiegelt das Tempo einer gehetzten, gierigen, taumelnden Gesellschaft wider. Aber damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende …

Die Handlung entfaltet eine ungeheure Sogwirkung, wodurch die Autorin sich auch eines sprachlichen Kunstgriffs bedient. Immer wieder spricht sie ihre Leser direkt an. So stellt sie uns als das dar, was wir sind: Voyeure, die einen nicht unerheblichen Spaß daran haben, Menschen beim Aufstieg und Fall zu beobachten. Voyeure sind ebenso die Protagonisten. Sie stellen ihr Leben in den Sozialen Medien bloß, wollen sehen und gesehen werden und schauen doch nie richtig hin.

Alle sind miteinander vernetzt, aber keiner ist wirklich miteinander verbunden. Das radikale Ende passt hervorragend zum Rest des Plots. Ein Buch wie eine atemlose Nacht im Club. Hart, schnell, berauschend und mit wohltuender Katerstimmung im Abgang.

Tara Isabella Burton: So schöne Lügen.
DuMont Buchverlag, Mai 2019.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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