Tanja Schwarz: In neuem Licht

Die deutsche Autorin Tanja Schwarz (Jahrgang 1970) lebt und arbeitet in Hamburg. Am 27. September 2021 veröffentlichte hanserblau im Carl Hanser Verlag ihr Buch „In neuem Licht“.

Darin finden sich zwölf Erzählungen oder wie es im Untertitel heißt Romanminiaturen.

Schon mit der ersten Geschichte „Sonnenwende“ packt Tanja Schwarz mich als Lesende. Da begegne ich Nele, die sich mit ihrer psychisch kranken Mutter beschäftigen und für sie eine besondere Therapieentscheidung treffen muss. Neles eigene Tochter Sina ist darüber fassungslos und empört.

In „Axalp“ wehrt Sina sich dann gegen die Ski-Reise mit ihrer Mutter und will bei ihrem Vater Hauk leben.

In  „Unabomber“ verliebt sich die über fünfzigjährige Ulla in Ibo, einen jungen Kurden. Sie lässt ihn und seine Freunde bei sich wohnen, bezahlt Ibo den Deutschkurs oder seine Internetbestellungen und sie liebt den Sex mit ihm, ganz zum Unverständnis ihres Sohnes Ian. Am Ende brennt die Unabomberhütte.

Da ist Lene mit ihrer Tochter Lynn, die von ihrem Mann getrennt lebt und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Eines Tages läuft eine Unterrichtsstunde aus dem Ruder. Die Figur Lene taucht auch in den Geschichten „Cover me“ und „Eine Harzreise“ wieder auf.

In „Torfbaby“ (die für mich schwächste Miniatur des Buches) schreckt eine Waldfrau Jugendliche im Zeltlager auf der Schwäbischen Alb auf.

In „Élysée“ und „National Trust“ geht es um Begegnungen Deutscher mit Flüchtlingen.

Die Mutter in „Lockdown“ muss sich von ihrem pubertierenden und ausschließlich vor dem Computer hockenden Sohn böse beschimpfen lassen.

Die Geschichten von Tanja Schwarz sind für mich schwere und dennoch feine literarische Kost. Die Frauenfiguren darin mühen sich im Alltag ab: mit ihren Kindern, ihren Partnern, ihren Eltern, mit fremden Menschen. Und immer wieder bringen sie sich in noch anstrengendere Situationen. Doch dann erscheinen diese „In neuem Licht“, und die Frauen schöpfen Hoffnung. Tanja Schwarz zerrt in einer direkten und knappen Sprache die Unzulänglichkeiten ihrer überwiegend weiblichen Figuren ans Licht. Lässt sie nach Auswegen aus ihren Lebenssituationen suchen. Da fahren sie in Urlaub oder gehen ins Ausland, sie verlieben sich in viel jüngere Männer oder machen Ausflüge mit Fremden. Sie schämen sich ihrer eigenen Mutter, wie Nele in „Das Gespinst“, um zu erkennen, wie sehr sie sie doch lieben. Alle wirken fahrig, unsicher und überfordert.

Die einzige männliche Hauptfigur findet sich in „Élysée“, Carl Sprenger, der eine syrische Flüchtlingsfamilie in sein Haus läßt. So wie Carl Sprenger erscheinen die anderen erwachsenen männlichen Figuren (die Söhne nicht) in Tanja Schwarz’ Geschichten eher unaufgeregt, souverän und beruhigend:

„Victor ist die Ruhe und die Vernunft selbst, er hat beides erfunden, wollte ich schreien, dagegen bin ich die Panik und Unvernunft… Er macht alles richtig, so richtig, dass ich kotzen könnte.“ (S. 229)

Tanja Schwarz’ Protagonistinnen werden in ihren persönlichen, familiären Kontexten konfrontiert mit Migration, Klimawandel und Pandemie. So spiegelt sich in den Romanminiaturen die aktuelle Lebenswelt wider, was die Komplexität der Wirklichkeit für die fiktiven Frauen (und auch für die Lesenden) zusätzlich erhöht.

„In neuem Licht“ birgt neben einem Haufen Desillusionierung einen schmalen Streifen von Zuversicht. Empfehlenswert!

Tanja Schwarz: In neuem Licht.
Hanserblau, September 2021.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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