Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

Abdulrazak Gurnah (Jahrgang 1948) erhielt 2021 den Literatur-Nobelpreis. Geboren im Sultanat Sansibar (Afrika) ist er emeritierter Professor für englische und postkoloniale Literatur an der Universität von Kent (UK). Seine Bücher schreibt Gurnah in englischer Sprache.

Die Originalausgabe von „Das verlorene Paradies“ erschien schon 1994 unter dem Titel „Paradise“. Der Penguin Verlag veröffentlichte am 8. Dezember 2021 eine Neuauflage des Romans.

Abdulrazak Gurnah erzählt in „Das verlorene Paradies“ die Geschichte des Jungen Yusuf in Deutsch-Ostafrika, heute Tansania. Ende des 19. Jahrhunderts wird er mit zwölf Jahren von seinen Eltern dem Kaufmann und Händler Aziz als Pfand für nicht bezahlte Schulden des Vaters überlassen. Dieser nimmt Yusuf von Kawa mit in die Stadt am Meer. Für „Onkel Aziz“ arbeitet er fortan in einem kleinen Laden und im Garten von Aziz’ Haus. Der etwas ältere Khalil, der das gleiche Schicksal wie Yusuf erlitt, nimmt ihn unter seine Fittiche. Es ist die Zeit in Ostafrika, in der arabische und indische Männer die Handelsgeschäfte dominieren. Die Frauen versorgen Kinder und Haushalt. Doch auch die zukünftige deutsche Kolonialherrschaft wirft ihre Schatten voraus. Weiterlesen

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Jussi Adler-Olsen: Natriumchlorid

Der dänische Schriftsteller Jussi Adler-Olsen (Jahrgang 1950) legt mit „Natriumchlorid“ den neunten Fall für Kommissar Carl Mørck aus dem Sonderdezernat Q vor. Der Thriller ist am 17. November 2021 bei dtv in einer Übersetzung von Hannes Thiess erschienen. „Natriumchlorid“ spielt im Corona-Winter 2020. Allerdings basieren die Vorgänge, wie im Prolog angegeben, auf Ereignissen aus den 1980er Jahren.

Das bekannte Ermittlerteam um Carl Mørck mit Assad, Rose und Gordon wird von Marcus Jacobsen, dem Chef der Mordkommission, auf die Todesanzeige einer Maja Petersen aufmerksam gemacht. Maja Petersen hat an ihrem 60. Geburtstag Selbstmord begangen. 1988 hatte sie bei einer Explosion in einer Autowerkstatt ihren dreijährigen Sohn Max verloren. Ove Wilders, der Chef der Werkstatt, und vier seiner Mitarbeiter kamen ebenfalls ums Leben. Am Tatort wurde ein Haufen mit Kochsalz (Natriumchlorid) gefunden. Jacobsen und Mørck ermittelten damals erfolglos in dem Fall, ein Täter oder eine Täterin konnte nicht gefasst werden.

Nun beginnt für Sonderdezernat Q das Stöbern in alten Akten, das Recherchieren im Umfeld der Autowerkstatt und das Befragen von Personen, die im Zusammenhang der damaligen Ermittlungen standen. Carl Mørck und sein Team stossen auf weitere Todesfälle, bei denen Salz eine Rolle spielt. Weiterlesen

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Otto Jägersberg: Pianobar

Otto Jägersberg (Jahrgang 1942) ist ein deutscher Autor und Filmemacher. Er lebt und arbeitet in Baden-Baden. Sein erster Roman „Weihrauch und Pumpernickel“ erschien 1964. Am 27. Oktober 2021 veröffentlichte der Diogenes Verlag ein Kurzprosa-Buch von Otto Jägersberg mit dem Titel „Pianobar“.

Darin finden sich 232 kurze und sehr kurze Texte zu unterschiedlichen Themen. Mal sind es Beobachtungen aus dem Alltag oder Einfälle, mal Aufzählungen, mal Prosa-Miniaturen oder Kurz-Gedichte und mal Sequenzen aus dem Fernsehen.

Ganz gleich welche Seite des Buches ich als Lesende aufschlage und lese, schleicht sich ein Lächeln in mein Gesicht:

„Filzpantoffeln. Erstand ein Paar Filzpantoffeln. Da hilft keine Ironie. Sechs Euro, bei Aldi. Bequem, aber nicht lange.“ (S. 63)

Otto Jägersberg sammelt Gedanken und Augenblicke. Er versteht sich darauf, diese in kleine Sprachschätze zu verwandeln. Weiterlesen

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Jo Nesbø: Eifersucht

Den norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø (Jahrgang 1960) muss ich nicht mehr vorstellen. Viel zu bekannt und berühmt ist er durch seine Krimis mit dem einmaligen Harry Hole. Gelegentlich schreibt Nesbø auch Bücher, die ohne seinen Kult-Ermittler auskommen. So in dem neuen Band „Eifersucht“, der sieben Geschichten zu diesem Thema enthält. Das Buch ist am 1. November 2021 in einer Übersetzung von Günther Frauenlob bei Ullstein Buchverlage erschienen.

„Sieben Storys, ein Motiv“ heisst es im Klappentext und so dreht sich in den Kurzkrimis alles um die Eifersucht.

In der ersten Geschichte „London“ sitzt eine von ihrem Ehemann und ihrer besten Freundin betrogene Frau im Flugzeug von New York nach London und kommt mit ihrem Sitznachbar ins Gespräch. Zwischen den beiden entwickelt sich eine vertrauensvolle Nähe, in der die Frau erzählt, dass sie eine Selbstmordfirma beauftragt hat, sie umzubringen. Nun ist sie aber nicht mehr sicher, ob sie das wirklich will.

Die Titelgeschichte „Eifersucht“ ist die längste im Buch. Da verlieben sich die Zwillingsbrüder Franz und Julian auf der griechischen Insel Kalymnos in die selbe Frau. Julian verschwindet nach einem Streit mit seinem Bruder und Nikos Balli, Eifersuchtsexperte aus Athen, beginnt mit seinen Ermittlungen. Irgendwann taucht Julian wieder auf, dafür ist Franz weg. Balli steht vor einer verzwickten Situation und wird außerdem von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt. Weiterlesen

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Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Antje Rávik Strubel (Jahrgang 1974) hat mit ihrem Roman „Blaue Frau“ in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnet jedes Jahr zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen „Roman des Jahres“ aus. „Blaue Frau“ erschien am 11. August 2021 im S. Fischer Verlag.

Die junge Tschechin Adina Schejbal, Urenkelin eines Partisanen und letzter Mohikaner ihres Dorfes, sitzt allein in einer Wohnung in einem Plattenbau in der Vorstadt Helsinkis. Sie trinkt Kaffee mit Schnaps und denkt darüber nach, Anzeige zu erstatten. Allerdings ist seit dem Verbrechen ein Jahr vergangen. Leonides Siilmann, verheirateter estnischer Abgeordneter in Brüssel, der an der Universität von Helsinki lehrt, kam ihr dazwischen. Doch die Erinnerungen an Berlin mit der Fotografin Rickie und den Gutshof an der Oder mit dem Halbrumänen Razvan Stein und dem Berliner Strippenzieher Johann Manfred Bengel sind übermächtig. Mit Hilfe der finnischen Menschenrechtsaktivistin und Abgeordneten Kriistina will Adina sich der Vergangenheit stellen.

Und daneben trifft die Schriftstellerin die blaue Frau hinter dem Tunnel unter der dreispurigen Strasse in dem kleinen Seglerhafen am Meer. Weiterlesen

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Terézia Mora: Fleckenverlauf: Ein Tage- und Arbeitsbuch

Terézia Mora wurde 1971 in Ungarn geboren, aktuell lebt sie in Berlin. Für ihre Werke, die sie in Deutsch schreibt, bekam sie u.a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1999), den Deutschen Buchpreis (2013) und den Georg-Büchner-Preis (2018). Außerdem arbeitet sie als Übersetzerin ungarischer Werke ins Deutsche.

Für das Tage- und Arbeitsbuch „Fleckenverlauf“ wollte sie sieben Jahre ihres Lebens, vom 43. bis zum 50. Lebensjahr, dokumentieren. Das veröffentlichte Experiment umfasst nun die Zeit von 2014 bis 2020. Terézia Mora gewährt den Lesenden Einblick in ihre Alltags- aber auch in ihre Schriftstellerinnenwelt.

Dabei sammelt sie Momentaufnahmen vom Tag, Skizzen und Gedanken für ihre Bücher (u.a. die Kopp-Trilogie oder Die Liebe unter Aliens) und Begegnungen, aber immer wieder auch Gejammer über Schreibbe- und verhinderungen, Reisestress und Krankheiten.

Ihre Notizen sind nicht immer einfach zu lesen. Anders als Moras Prosa kann ich dieses Arbeitsbuch nicht in einem Rutsch durchlesen. Weiterlesen

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Kenneth Bonert: Toronto: Was uns durch die Nacht trägt

Der Schriftsteller Kenneth Bonert wurde 1972 in Südafrika geboren, als Teenager wanderte er nach Kanada aus. Er lebt in Toronto. Und „Toronto“ ist auch der Titel seines Romans, der am 29. September 2021 im Diogenes Verlag in einer Übersetzung von Stefanie Schäfer erschienen ist.

Darin erzählt Kenneth Bonert in vier Geschichten vom Leben und der Liebe in der kanadischen Metropole Toronto. Seine Protagonisten sind „waschechte“ (also in Kanada geborene) und eingewanderte Menschen.

Da ist in der ersten Geschichte des Buches eine namenlose, zweimal geschiedene Endvierzigjährige, die nach dem Tod ihres ältesten Sohnes dessen Zimmer an einen jungen Künstler vermietet. Sie beginnt eine Affäre mit ihm. Als ihr neuer Mieter eine andere Freundin hat, kündigt sie ihm. Aber der junge Mann will die Wohnung nicht verlassen.

Oder Trevor (54), der sich nach einer tröstlich gemeinten Umarmung in seine Arbeitskollegin Ping verliebt. Die junge Taiwanerin verlässt die Firma. Trevor sucht nach „Berührung“ (so auch der Titel der Geschichte) in asiatischen Massagesalons. Dort lernt er u.a. die Ärztin Marta kennen, die aus Belarus stammt. Er schreibt seiner Frau Trudy einen Brief. Weiterlesen

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Håkan Nesser: Schach unter dem Vulkan

Herbstzeit ist Krimizeit. So auch für Håkan Nesser, den schwedischen Schriftsteller (Jahrgang 1950), der nach fast genau einem Jahr, nach dem „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ erschienen ist, nun den 7. Band der Kommissar Barbarotti Reihe veröffentlicht. Am 4. Oktober 2021 kam bei btb Nessers „Schach unter dem Vulkan“ in einer Übersetzung von Paul Berf heraus.

Kommissar Gunnar Barbarotti ermittelt in diesem Fall im Schriftsteller/innenmilieu. Im November des Jahres 2019 verschwindet der Autor Franz J. Lunde nach einer Lesung in Kymlinge spurlos. Zunächst ist Barbarotti auf sich allein gestellt, denn seine Kollegin und Lebenspartnerin Eva Backmann ist nach Australien geflogen, um zu klären, warum ihr Sohn Kalle dort in Untersuchungshaft gelandet ist.

Barbarotti erfährt, dass Lunde während seiner Lesungen von einer weiblichen Person aus dem Publikum bedroht wurde. Lunde arbeitete an einem Text mit dem Titel „Letzte Tage und Tod eines Schriftstellers“. In seinem früheren Roman „Das feinmaschige Netz“ beschreibt Lunde einen perfekten Mord. Weiterlesen

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Graham Norton: Heimweh

Der irische Komiker, Schauspieler, Moderator und Buchautor Graham Norton wurde 1963 als Graham William Walker in Dublin geboren. Besonders bekannt wurde Norton durch die Comedy-Talkshow „The Graham Norton Show“. 2017 erschien sein Debütroman „Ein irischer Dorfpolizist“ bei Kindler in Deutschland. Nun veröffentlichte der Verlag am 19. Oktober 2021 Graham Nortons Buch „Heimweh“ in einer Übersetzung von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann.

Ende der 1980er Jahre verunglücken in dem irischen Städtchen Mullinmore sechs junge Leute auf ihrer Rückfahrt von einem Ausflug zum Meer. Bernie Bradley und David Hegarty wollen am nächsten Tag heiraten. Carmel O’Connell, ihre Brautjungfer, und Linda, Carmels Schwester, Martin Coulter, der Sohn des Dorfarztes und Connor Hayes, dessen Eltern ein Pub in Mullinmore besitzen, sitzen in dem Auto, das an einem Kreisverkehr von der Straße abkommt und sich überschlägt. Bernie, David und Carmel sind tot, Linda schwerverletzt, Martin und Connor nur leicht. Connor Hayes hatte den Wagen gefahren. Nach dem Gerichtsprozess wird Connor nach Liverpool geschickt. Seine Schwester Ellen heiratet später Martin Coulter und Linda O’Connell sitzt im Rollstuhl. Für Connor beginnt in England ein anderes Leben. Er lernt Männer kennen und geht schließlich nach New York, wo er viele Jahre mit Tim zusammenlebt. Dort lernt er 2012 einen jungen Iren in einer Bar kennen. Und mit dieser Begegnung muss er sich der Vergangenheit in Mullinmore stellen. Weiterlesen

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Daniel Schreiber: Allein

Der deutsche Autor Daniel Schreiber (Jahrgang 1977) lebt und arbeitet in Berlin. Er hat 2007 eine Susan Sontag Biografie veröffentlicht. Seine beeindruckenden Essays „Nüchtern“ und „Zuhause“ erschienen 2014 und 2017. Am 27. September 2021 kam bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag sein neuestes Essay mit dem Titel „Allein“ heraus.

Wie in „Nüchtern“ und „Zuhause“ nähert sich Daniel Schreiber dem Thema „Allein“ von seiner persönlichen, subjektiven Seite. Beim Gärtnern, Wandern, Yoga und Stricken denkt er über die Bedeutung und den Wert von Freundschaften und über das Alleinsein nach. Und all dies in Zeiten der Corona-Pandemie.

Schreiber bleibt jedoch nicht im Persönlichen haften, er schlägt den Bogen zur Literatur, Philosophie, Psychoanalyse und Soziologie. Dabei lerne ich als Lesende das Phänomen Alleinsein von verschiedenen Seiten kennen. Dazu gehören Stichworte wie uneindeutige Verluste („Verluste, bei denen es unklar bleibt, was genau man verloren hat.“ S. 79), Freundschaft, Einsamkeit oder Liminalität („Schwellenzustand, eine Zeit außerhalb der regulären Zeit, in der viele alte Regeln und Normen nicht mehr zu gelten schienen.“ S. 75). Weiterlesen

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