Kai Magnus Sting: Hömma, so isset!

Am Anfang war das Wort und die Bude, der Ort, wo Menschen ihr Pils trinken und sich austauschen.

„… , wie is denn?
Muss. Un selbs?
Muss, ne.
Ja, klar muss eben.
Kannz nicht klagen.
Nee, kannz nich.
Könnz klagen …“ (S. 21/22)

Der Kabarettist und Autor Kai Magnus Sting kommt aus dem Ruhrpott. Seine Liebeserklärung zu einem besonderen Menschenschlag, dem Ruhrpötti, liest sich wie eine Anekdotensammlung aus seiner Familie und den Menschen, denen er auf das Maul geschaut hat. In Dialogen kreiseln die Gedanken der Gesprächsteilnehmer umeinander herum, verwirbeln Grammatik und Logik, bis sie sich überraschenderweise gedanklich einig werden oder auch nicht. Die wichtigste Lektion des Autors: Nur falsch ist richtig, und richtig ist falsch.

Wie die Sprache im Detail funktioniert, erklärt Sting stets in Einschüben, damit der Nicht-Ruhrpötti alles nicht nur inhaltlich verfolgen kann. Stets ergeben sich neue Situationen voller Komik, die amüsieren oder zum Lachen einladen. Weiterlesen

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Clemens Fuest: Wie wir unsere Wirtschaft retten

Wenn im Badezimmer ein Wasserrohr bricht und man – wie es der Zufall erlaubt – dies schon nach Stunden und nicht erst nach einem Urlaub bemerkt, dann hilft in der Not der Absperrhahn. Doch was ist, wenn dieser so fest sitzt, dass er beim sehr kräftigen Losdrehen abbricht und auch der Absperrhahn im Keller, seit Ewigkeiten nicht gewartet, nur eingeschränkt funktioniert. Wie es weiter geht, mag sich jeder alleine vorstellen.

Seit dem Ausbruch der Corona Pandemie gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie es weiter gehen könnte. Viele Meinungen prallen aufeinander. Darüber hinaus geben die Prognosen der Fachleute aus dem Bereich Finanzen und Wirtschaft Anlass für weitere Diskussionen.

Clemens Fuest gilt als renommierter Ökonom und ist Präsident des Ifo Instituts. In seinem Buch analysiert er die aktuelle Wirtschaftslage und nimmt seine Leser mit auf eine informative Reise. Umfassend erfährt man bei der kurzweiligen, aber auch anspruchsvollen Lektüre, wie eng verzahnt Bildung, Konsum und Globalisierung geworden sind. Unterbrochene Produktionsketten, wegbrechende Steuern, erhöhte Ausgaben zeigen eine unglückliche Asymmetrie. Denn in dem Moment, in dem der Finanzbedarf am größten ist, müssen alle mit einem Minimum auskommen. Am Beispiel der Lufthansa, die in jeder Stunde eine Millionen Euro verlor und über Monate hinweg extrem wenig verdient, zeigt sich, wie wichtig Rücklagen sind. Weiterlesen

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Nancy Vo: Ranger

Annie ist ein Ranger. Tagelang streift sie alleine durch die Wälder und kundschaftet die Gegend aus. Eines Tages kümmert sie sich um einen Fuchs, der in einem Fangeisen eingeklemmt ist. In der Regel bedeutet so eine brutale Falle das Todesurteil. Doch der Fuchs lebt. Noch. Für mehrere Tage kümmert sich Annie um ihn, bis es ihm wieder besser geht. Danach beschließt der Fuchs, Annie zu folgen. Und es zeigt sich, dass dies eine richtig gute Idee war.

Nancy Vo wuchs in der Prärie auf. Nach einem Studium in Kunst und Architektur wollte sie Kinderbücher schreiben und illustrieren, suchte und fand Gleichgesinnte. Heute arbeitet sie als Städteplanerin in Vancover BC in Kanada.

Die Autorin hat aus ihrem zweiten Kinderbuch wieder ein Kunstwerk geschaffen, in das sie Bildelemente auf das Wesentliche konzentriert. Tusche, Zeitungsmaterial, Stoffe und Holz verbindet sie zu einem dezenten Augenschmaus. Weniger ist bekanntlich mehr.

Der von Richard Rosenstein übersetzte Text integriert sich so angenehm in die liebevoll gestalteten Bilder, dass hieraus eine harmonische Einheit entstanden ist. In den Vordergrund drängeln sich die orangerote Farbe der Liebe im Halstuch und Fuchsfell sowie die Schattenbildung der helfenden Hand. Weiterlesen

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Yves Grevet: Vront: Was ist die Wahrheit?

Die Erwachsenen meinen es mit ihren Kindern natürlich gut, erst recht wenn es um Schutz und Sicherheit geht. Und LongLife verspricht dies alles, wenn jeder ein Transplantat im Körper trägt. Diese Sicherheit beginnt beim täglichen Gesundheitscheck. Auch die Erziehung erleichtert LongLife mit der Festlegung der Aktionsradien der Kinder, die vom Transplantat mit Stromstößen für Grenzüberschreitungen bestraft werden. Auch das nächtliche Ausgehverbot ist einprogrammierbar.

Für den siebzehnjährigen Scott ist die totale Überwachung ein Gräuel. Schon als kleiner Junge begehrte er auf, und als junger Erwachsener hat er mit seinen Freunden einen Weg gefunden, LongLife auszutricksen. Ihre politische Bewegung Vront ist plötzlich in aller Munde. Manche sprechen von jugendlichen Terroristen. Und dann wird Scott verhaftet und zu einer längeren Haftstrafe verurteilt. Für seinen jüngeren Bruder Stan ist dies eine Katastrophe. Er hat Angst um seinen Bruder, der für ihn immer ein Vorbild ist. Dass die namenlose Angst den Machtkampf zwischen dem Staat und einer Verbrecherorganisation ankündigt, können sich die Brüder zunächst in ihren verrücktesten Träumen kaum vorstellen. Wie wehrt man sich, wenn andere einen als Spielfigur benutzen und kaltherzig zu opfern bereit sind? Weiterlesen

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Alice Feeney: Ich weiß, wer du bist

Schon seit einer Weile wird die Schauspielerin Aimee Sinclair gestalkt. Als ihr Mann Ben den Vorschlag macht, nach London zu ziehen, hofft sie, endlich Ruhe zu finden. Doch ihre Hoffnungen gehen ins Leere, genauso wie die Hilfe der Polizei verpufft. Zwei Tage vor Drehende verschwindet Ben spurlos, ohne Schuhe, Handy, Schlüssel und Jacke. Und wieder gehen die üblichen Ermittlungen der Polizei in die falsche Richtung. Nach einer erneuten Hausdurchsuchung wird Aimee verhaftet. Ihre Karriere, ihr bisheriges Leben drohen zu zerbrechen. Doch was ist mit einem Leben, das schon lange keines mehr ist? Aimee, die seit ihrer Kindheit das Leben einer anderen spielt, sieht sich gezwungen, das zu tun, was sie am besten kann.

Die Journalistin und Autorin Alice Feeney hat mit ihrem zweiten Thriller »Ich weiß, wer du bist« wieder eine kurzweilige Unterhaltung geschrieben, die schnell fesselt. Sprachlich schafft sie es immer wieder, prägnante Sätze wie Pfeile zu schleudern. Wenn es um das Verschwinden ihres Mannes geht, erklärt Aimee: „… Ben kann nicht tot sein. Weil ich ihn nicht getötet habe. Daran würde ich mich erinnern. Ich erinnere mich an alle, die ich getötet habe.“ (S. 198/199)

In der Vergangenheit wurde dem Mädchen Aimee nach traumatischen Erlebnissen ein Gedächtnisverlust diagnostiziert. Weiterlesen

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Joris-Karl Huysmans: Lourdes: Mystik und Massen (1906)

1906 veröffentlichte Joris-Karl Huysmans (1848-1907) seinen Erfahrungsbericht über den berühmten Wallfahrtsort Lourdes, wo Pilger und Kranke um Wunder und -heilung beten. Über zwei Jahre widmete er sich dem Thema Mystik und Massen und begann mit der Außensicht. Er schaute dabei so genau hin, dass auch der Kunstkritiker in ihm zu Wort kommen musste. „In Lourdes herrscht ein derartiges Übermaß an Banalität, ein solcher Blutsturz des schlechten Geschmacks, dass sich zwangsläufig der Gedanke an einen Einfluss aus den tiefen der Hölle aufdrängt.“ (S. 78) Zur künstlerischen Gestaltung der Basilika schreibt er: „… Es handelt sich tatsächlich nicht um einen Mangel an Talent, sondern es fehlen das ABC und die Grundlagen, und es handelt sich hier um die absolute handwerkliche Unfähigkeit gesteigert durch die infantile Sentimentalität des Arbeiters aus katholischem Umfeld, der einen im Tee hat!“ (S. 81)

Bekannt wurde der Autor über seine Romane und Literaturkritik. Sein Hauptwerk beschäftigt sich mit der Dekadenz, die unweigerlich auch in seinem Bericht mitschwingt. Die Natur des Menschen im Allgemeinen und die des Kritikers stoßen frontal aufeinander: „Niemand glaubt mehr an die Redlichkeit der Politiker, …, an die Unabhängigkeit der Justiz. … Es herrscht momentan eine Art Malaria der Respektlosigkeit, und niemand kann sich dieser Infektion der Seele entziehen, jeden hat sie mehr oder weniger infiziert, denn niemand kann den Einflüssen seiner Zeit entkommen …“ (S. 183)

In verschiedenen Kapiteln arbeitet sich der Autor durch die Themen Religion,  Wunderheilung sowie die Begleitumstände der Pilgeranstürme. Vieles missfällt ihm und findet Eingang in seinen Beschreibungen, meist mit dem abschließenden Ausrufezeichen. Huysmans zetert, kritisiert, staunt, schimpft, lästert, wundert sich, denkt analysierend über das Phänomen Lourdes nach. Weiterlesen

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Parker Bilal: London Burning: Crane und Drake ermitteln

Detektive Cal Drake lebt nach der Devise, man muss selbst etwas tun, damit es besser wird. Deswegen hat er sich als Jugendlicher von allen negativen Einflüssen befreit, wurde Soldat, nach einer Kriegsverletzung Militärpolizist und schließlich Detektiv. Aber es will einfach nicht besser werden. Weder bei den Kollegen, die alles Fremde diskriminieren, noch auf den Straßen von London.

Der Schmelztiegel London brennt. Sowohl miteinander konkurrierende Kleinkriminelle als auch verbrecherische Organisationen bekämpfen sich bis auf das Blut. Fressen oder gefressen werden. Die Macht des Stärkeren regiert, im Dunkeln wie in den eleganten Bürotürmen.

Als Cal Drake von der Zentrale zu einem angeblichen Einbruch auf die Baustelle für zukünftige Luxuswohnungen geschickt wird, findet er in einer Grube zwei gefesselte Menschen vor, die gesteinigt worden sind. Drake sieht in diesem grausamen Fund einen Weg, sich endlich zu rehabilitieren und seinen alten Dienstgrad zurückzubekommen. Aber dafür muss er möglichst schnell den Täter überführen. Auch andere wittern ihre Chance. Viel zu schnell steht Drake seinem Erzrivalen und ehemaligen Partner Pryce gegenüber, der als Chef der neu einberufenen Sondereinheit die Richtung bei der Mordermittlung vorgibt, und zwar Terrorismus und Kampf gegen den Islam. Weiterlesen

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Anne Enright: Die Schauspielerin

Der Roman Die Schauspielerin ist Anne Enrights siebter Roman, der von Eva Bonné übersetzt wurde. Erneut geht es um die Familie, das manchmal schwierige Miteinander.

Eine alleinerziehende, geschiedene Mutter in den 1950er Jahren war noch eine Besonderheit. Erst recht in Dublin. Für die vaterlos heranwachsende Norah war Katherine O’Dell jedoch viel mehr als nur eine arbeitende Mutter.

„… Unten an der Tür drehte sie sich endlich zum Spiegel um und setzte sich zusammen, und das zu sehen war wunderbar; wie sie Blickkontakt zu ihrem Spiegelbild aufnahm und sich durch eine unmerkliche Veränderung in ihr öffentliches Ich verwandelte. … Und dann ging sie zur Tür hinaus und war den ganzen Tag berühmt.“ (S. 203)

Eine Aneinanderreihung von glücklichen und weniger glücklichen Ereignissen prägen das besondere Mutter-Tochter-Verhältnis. Für die Erzählerin, die im Schatten eines Stars aufwächst, spielt es im Laufe der Jahre eine immer größere Rolle, ihre eigene Identität zu finden.

Früher pflegten Tochter und Mutter das Ritual: „,… Du warst wunderbar‘, sagte ich, und sie fragte: ‚Wirklich? War es in Ordnung?‘“ (S. 287)

Dieser Austausch macht aus der Tochter eine Vertraute und Wegbegleiterin, aber auch eine Zeugin, wenn der Star der Familie kometenhaft auf seinem Sinkflug verglüht. Katherine O’Dell geht diesen Weg unbeabsichtigt. Und als sie nicht mehr die junge, schöne Frau spielen kann, bleiben ihr die Berühmtheit, kleine Rollen und die geheimen, ganz privaten Erlebnisse. Weiterlesen

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Zora Neale Hurston: Barracoon

Die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston (1891-1960) war Aktivistin der künstlerischen Bewegung Harlem Renaissance. In der Zeit von 1918 bis 1920 studierte sie an der Howard University in Washington, D.C. 1925 erhielt sie ein Stipendium am Barnard College Anthropologie und studierte zuletzt an der Columbia University.

Im Sommer 1927 erhielt sie den Auftrag, einen Artikel über den letzten amerikanischen Sklaven, Cudjo Lewis, zu schreiben, der zu dieser Zeit häufig interviewt wurde.

1927 war Cudjo Lewis ein einsamer, alter Mann, der noch immer für seine Gemeinde als Küster arbeitete und seinen Garten bestellte. Er lebte in einer fensterlosen Holzhütte. Seine fünf Kinder und Ehefrau waren gewaltsam oder durch eine Krankheit verstorben. Er selbst starb 1935 im Alter von 95 Jahren.

Im Dezember 1927 suchte die Autorin Cudjo Lewis zu weiteren Interviews auf und führte darüber hinaus Feldforschungen in Arbeiter- und Gefangenenlagern fort. (Noch heute kann man im Internet Filmaufnahmen hierüber finden.)

So nach und nach erzählte Lewis über seine Zeit als freier Mensch in Afrika und über die Hintergründe seiner Versklavung: Sein friedliches Leben begann unter dem afrikanischen Namen Kossola 1841 in Benin, Westafrika. Der Süden des Landes grenzt an den Golf von Guinea, wo sich auch der Regierungssitz Cotonou und die Hauptstadt Porto Novo befinden. Zu den angrenzenden Ländern zählen Togo, Burkino Faso und Niger, die durch ihre Kriege und Gewaltexzesse bekannt wurden. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold. Schatten und Licht

Am 24. Mai 1922 wird nachts in Berlin eine alternde Prostituierte über die Brüstung einer Brücke gestoßen. Sie ertrinkt unbemerkt im Fluss. Jeder aus dem Milieu, der die fixe Rita kannte, denkt sofort an Mord. Doch die Polizei will lieber an Selbstmord glauben. Täglich stößt die Hebamme Hulda Gold auf große Not. Sie kann einfach nicht wegsehen und muss aus einem inneren Bedürfnis heraus helfen. Als sie von einer Patientin erfährt, die angeblich ertrunkene Frau sei ihre Nachbarin und Freundin gewesen, wird Hulda neugierig. Und je mehr sie den Unstimmigkeiten nachgeht, um so mehr schreckt sie die falschen Leute auf. Auch ihre Begegnung mit dem ermittelnden Kommissar hat Folgen.

Die Berlinerin Anne Stern hat mit ihrem Roman Fräulein Gold Schatten und Licht den ersten Band einer Reihe vorgestellt, der den Leser in die Nachkriegszeit führt, in der die Folgen des Ersten Weltkriegs zum Alltag gehören. Statt für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen, bekämpfen sich die politischen Vertreter bis aufs Blut. In diesem Machtvakuum übernimmt der Skrupellose die Regie. Die Metropole Berlin in der Zeit der Goldenen Zwanziger hat sich zu einer Arena für unterschiedliche Interessen entwickelt. Vor diesem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dürfte die Autorin auf reichlich Stoff stoßen, die eine alleinstehende, engagierte junge Frau in spannende Abenteuer und Schwierigkeiten verwickeln kann. Weiterlesen

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