Sarah Moss: Zwischen den Meeren

Ally und Tom heiraten. Beide lieben ihre Freiheit und wollen sich gegenseitig darin unterstützen. Nachdem Ally mit Bestnoten eine der ersten Ärztinnen in England geworden ist und eine bezahlte Stelle sucht, wird Tom von seinem Chef nach Japan geschickt. Für viele Monate soll der erfahrene Ingenieur den Bau von erdbebensicheren Leuchttürmen unterstützen.

Ally und Tom gehen auf Zeit eigene Wege.

Sarah Moss hat mit ihrem aktuellen Roman Zwischen den Meeren die Geschichte ihrer Heldin Ally fortgeführt. Während im Roman Wo ist Licht die junge Ally den grausamem Erziehungsmethoden ihrer Mutter entflieht, um zu studieren, glaubt die Dreißigjährige nach ihrem abgeschlossenen Medizinstudium alles geschafft zu haben. Doch Ally irrt sich. Sie braucht eine Antwort auf die Frage, ob eine berufstätige Ärztin auch Ehefrau sein kann. Sie weiß, dass insbesondere Frauen ihrer Grundrechte beraubt, unterdrückt und ausgebeutet werden. Das Patriarchat hat ihr zwar über das Studium ein Schlupfloch in die Unabhängigkeit erlaubt, doch die Akzeptanz in der englischen Gesellschaft fehlt. Dies wird besonders deutlich in der tragischen Mutter-Tochter-Beziehung. Die Autorin zeigt eine seelisch verletzte Frau, der das Kämpfen nicht liegt. Auf der einen Seite hat die Wissenschaftlerin eigenständiges Denken gelernt, und auf der anderen Seite wurde ihr Gehorsam und Demut eingeprügelt. Weiterlesen

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Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Nach Walters Tod beginnt für Vesta ein neuer Lebensabschnitt. Das Ende einer langen Ehe, ein zu großes Haus und die innere Leere motivierten sie, wegzuziehen. Jetzt lebt sie mit ihrem Hund Charlie mitten im Wald. Das alte, vernachlässigte Haus, der See vor der Tür könnten auf sie heimelig wirken. Doch immer wieder rütteln Vesta Erinnerungen auf. Sie war mit Walter so eng verbunden, dass sie ihn häufig in ihren Gedanken reden hört: „So etwas ist nichts für dich […]. Deine Nerven sind zu empfindlich. Du bist ein […] kleiner Spatz, aber du willst unbedingt ein Falke sein. […] tanz ein bisschen, kehr den Boden. Mein federleichtes kleines Mädchen.“ (S. 188)

Vesta legt alte Gewohnheiten ab, eine nach der anderen, bis sie auf eine Überraschung stößt. In der neuen Umgebung findet sie eines Morgens einen mit Steinen beschwerten Zettel, der sie ablenkt und beschäftigt: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat.“ (S. 7) Und Vesta findet mehr heraus, als sie für möglich hält.

Ottessa Moshfegh wurde für ihre Romane mehrfach ausgezeichnet. Anke Caroline Burger hat Den Tod in ihren Händen übersetzt, so dass man sich sprachlich und dramaturgisch auf eine fintenreiche Lesereise begeben darf. Denn nichts ist so, wie es scheint. Weiterlesen

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Véronique Petit: Sechs Leben

Der Volksmund behauptet, eine Katze habe sieben Leben. Véronique Petit überträgt diese Aussage auf Menschen, die ebenfalls mehrere Leben haben können: Der fünfzehnjährige Gabriel liebt das Fallschirmspringen. Bei seinem Lieblingscomputerspiel lässt er seinen Springer so lange wie möglich im freien Fall. Genau das Gleiche möchte er auch real erleben. Als er erfährt, er gehöre zu den 1% der Menschen, die sechs Leben zur Verfügung haben, vereinen sich Verwirrung, Freude und Abenteuerlust. Diese Abenteuerlust bezahlt er kurz darauf mit seinem ersten Leben. Aber es stört ihn nicht weiter. Schließlich hat er noch fünf.

Tely, ein älterer Klassenkamerad, warnt ihn, er könne auch zu einer menschlichen Bombe werden. Gabriel vermutet hinter dieser Aussage persönliche Erfahrungen und ist extrem neugierig. Denn Tely hatte sieben Leben und kam mit nur noch drei Leben in seine Schule. „Er ist ein merkwürdiger Typ, in seinen Augen liegt etwas Beängstigendes. […] Er verbringt die Pausen allein, gefangen in seiner Welt.“ (S. 33) Gabriel beginnt seine eigene Welt neu zu definieren. Viel Glück und noch mehr Gefahren gehören dazu. Weiterlesen

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Lone Theils: Falsche Gesichter

Die dänische Journalistin Nora Sand wird nach Nordengland in die Stadt Toppingham geschickt, um über die ungewöhnliche Ermordung des Kriminalkommissars Crow zu berichten. Der Leiter der Sittenabteilung wurde entführt und dessen Tötung in einem Video veröffentlicht. Während viele einen Bezug zum IS sehen wollen und Crow öffentlich in den höchsten Tönen loben, sieht Nora zunächst einige Unstimmigkeiten. Wie kann sich ein Beamter einen so teuren Wagen leisten? Und warum kommen kritische Äußerungen so verhalten? Wie ein eigenwilliger Spürhund folgt Nora ihrem Instinkt.

Kurz darauf muss sie beobachten, wie unsensibel die örtliche Polizei mit den Nöten junger Mädchen umgeht. Eine von ihnen ist Laura, die volltrunken jemandem in einem Imbiss vorwirft, an Mels Tod schuld zu sein. Als Nora in Lauras Umfeld recherchiert, geschieht ein zweiter Mord. Dieser stellt nicht nur die bisherige Richtung der polizeilichen Ermittlung in Frage sondern bestätigt auch Noras Zweifel. Je mehr Bewohner sie befragt, um so deutlicher spürt sie, dass hinter der Fassade der Normalität nichts mehr normal sein kann. Weiterlesen

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter

Für Pietro ist der Name der Mutter, der Name einer Fremden. Sie hat ihn verlassen, als er noch sehr klein war. Seit diesem Tag wächst er bei seinem Vater Ettore im ländlichen Norditalien auf. Der schweigsame Ettore erzieht Pietro so, wie er es von seinem schweigsamen Vater gelernt hat. Sie sprechen nur das Nötigste, weil die tägliche Arbeit im Vordergrund steht. Pietro wächst zu einem Mann heran, der nur eine strenge Erziehung und wenig Liebe kennt.

Noch immer schweigt sein Vater das Thema Mutter aus. Auch die Großeltern schweigen über die verschwundene Tochter, die alles hinter sich gelassen hat, die Familie, ihren Sohn, das Dorf und die an sie gesetzten Erwartungen. Und dann wird Pietro selbst Vater, und es sieht so aus, als könnten sich bestimmte Unzulänglichkeiten wiederholen.

Roberto Camurri gewann 2018 mit seinem ersten Roman A Misura d’Uomo gleich zwei Preise. Mit seinem zweiten Roman, Der Name seiner Mutter, übersetzt von Maja Pflug, stellt sich der Autor erstmalig dem deutschen Publikum vor. Weiterlesen

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Thomas Ziebula: Abels Auferstehung

„Die große Kreuzung […] war von demonstrierenden Menschen, berittenen Soldaten und Kraftwagen der Reichswehr verstopft. Gewerkschaften und linke Arbeitervereine protestieren gegen die geplante Erhöhung der Fahrpreise für die Elektrische und die Besetzung Leipzigs durch General Maerckers Truppen. Geschrei, Sprechchöre und Schüsse waren zu hören.“ (S. 443)

In Leipzig brodelt es. 1920 stehen viele Veränderungen an. Während in der Politik mit harten Bandagen gekämpft wird, kommen traumatisierte Soldaten aus der Gefangenschaft zurück. Jeder von ihnen braucht einen Brotberuf. Doch nicht jeder bekommt auch einen. Gleichzeitig werden viele Frauen aus ihrem Beruf und in die Verarmung gedrängt. Auch die Karriere von Kommissarinspektor Paul Stainer ist in Gefahr. Nach der Beerdigung seiner Frau muss er den Mord an einen Künstler aufklären, der sich vor kurzem duelliert hat.

Weitere Morde folgen, und es sieht so aus, als handele es sich um einen Einzeltäter. Während Stainer und seine Kollegen nach dem verbindenden Motiv suchen, intrigieren ein paar seiner Kollegen gegen Stainer. Ihm droht die Degradierung.

Thomas Ziebula schickt seine Leser auch in seinem zweiten Kriminalroman in die Vergangenheit. Sein Kriminalinspektor Paul Stainer kämpft mit den Folgen traumatischer Erlebnisse und trauert um seine Edith. Der Autor zeigt einen sympathischen, klugen Ermittler, der viele Widrigkeiten gleichzeitig händelt. Weiterlesen

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Dolf Verroen: Traumopa

Der zehnjährige Thomas trägt zu seiner roten Kappe jetzt auch einen roten Schal. Der rote Schal gehörte seinem Opa, den er sehr liebte, der mit ihm über seine Träume sprach oder ganz viel mit seinen Händen machen konnte.

Als Thomas bei seinen Großeltern zu Besuch war, schlief sein Opa ein. Er stupste noch kurz seine Frau an, und dann schlief er für immer ein. Es dauert eine Weile, bis er abgeholt wird. Thomas erinnert sich an Opas lächelndes Gesicht. Es will so gar nicht zu der schimmernden Plane passen, unter der Opa verborgen liegt.

„… Das macht mich böse. Opa in einer Plane, als wäre er ein Ding. Es ist gemein. Er ist tot. Als ob das nicht genug wäre.“ (S. 16) Thomas weiß nicht, wie er mit Opas Fehlen umgehen soll. Er ist ratlos. „Leute in Geschichten weinen, wenn jemand tot ist. Meine Oma nicht. Ich auch nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich traurig bin. Es ist, als fehlte etwas. […] Keine Ahnung.“ (S. 20) Diese Leere beschäftigt ihn, und er glaubt, er hätte viel mehr als nur seinen Opa verloren. Weiterlesen

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Willem Elsschot: Maria in der Hafenkneipe (1946)

Der unter dem Pseudonym Willem Elsschot Schreibende zählt zu den wichtigsten Autoren Belgiens und der Niederlande. Er lebte in Antwerpen und begann schon sehr früh Gedichte in Zeitungen zu veröffentlichen.

Unter dem Geburtsnamen Alfons De Ridder (1882-1960) arbeitete er in Paris, Rotterdam und Brüssel. In Antwerpen gründete er eine Werbeagentur und lebte dort mit seiner Frau und sechs Kindern.

In der flämischen Literatur gelten seine elf Romane als Klassiker und wurden mit vielen Preisen bedacht. Sein Leitthema sind die Träume der kleinen Leute, mit denen sie ihrem nicht immer angenehmen Alltag zu entfliehen versuchen.

Die noch immer aktuelle Erzählung, übersetzt von Gerd Busse, begleitet einen Mann in den fünfziger Jahren, ebenfalls Vater von sechs Kindern und verheiratet, durch eine regenreiche, kalte Nacht. Eigentlich wollte er wegen des unangenehmen Wetters nach Hause, um sich am warmen Ofen hinter seiner Zeitung zu verkriechen und zu schweigen. Denn mit Zeitung lässt es sich in einer Großfamilie viel besser schweigen als ohne. Er hatte sich vorgenommen, mit seiner gewohnheitsmäßig späten Heimkehr aufzuhören. Doch dann wird er von drei Afghanen in Festtagskleidung höflich angesprochen. Die drei jüngeren Männer erklären, sie haben auf ihrem Schiff eine schöne und liebenswürdige Segelflickerin kennengelernt und sich mit ihr an einem bestimmten Ort verabredet. Der Erzähler legt das in seiner Hafenstadt übliche ablehnende Verhalten ab und hilft ihnen bei der Suche. Auf diese Weise lernt er die drei Fremden nicht nur schätzen, sondern sie finden in ihren Gesprächen neben dem Trennenden auch Gemeinsamkeiten. Weiterlesen

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Sylvain Prudhomme: Allerorten

Sascha ist ein erfolgreicher Schriftsteller und ein Einzelgänger, der Menschen lieber auf Abstand sieht und nicht in der eigenen Wohnung.

Mit vierzig beschließt er, diesen Abstand zu vergrößern. Er zieht nach V., wo nur ein Cousin und eine Bekannte von ihm wohnen. Sascha glaubt, es sei der ideale Ort, um wie ein Einsiedler zu leben und zu arbeiten. Doch kaum ist er angekommen, erfährt er auf einer Begrüßungsparty, der Anhalter, sein alter Freund, lebe auch in V. Noch sehr genau erinnert sich Sascha daran, wie er dem Anhalter vor zwanzig Jahren die Freundschaft aufgekündigt hatte. Sie seien einfach zu verschieden, findet er. Der eine habe die Eigenschaft eines tönernen und der andere die des eisernen Topfes. Dies seien die besten Voraussetzungen für das Zerbrechen des Schwächeren.

Sein Freund, der Anhalter, lebt inzwischen mit Frau und Sohn in einem Haus. Sehr schnell finden die beiden wieder zueinander. „Wir genossen es, uns frei unterhalten zu können, […] wir redeten, hörten auf zu reden, blieben lange Minuten still […] Es war, als würde der Anhalter nach all den Tagen auf den Straßen loslassen.“ (S. 82)

Abgesehen vom Alter scheint sein Freund trotzdem der Alte geblieben zu sein. „Er liebte die braunen Schilder am Rand der Autobahn. Die illustren Namen mitten in der verlassenen Landschaft, hoch über dem Standstreifen.“ (S. 89)

Und Sascha wundert sich. Obwohl oder vielleicht sogar trotz des familiären Glücks geht sein alter Freund wie früher auf spontane Reisen. So wie sie es gemeinsam getan hatten – Daumen hoch und mal schauen, wie weit und wohin es geht. Sascha und die Familie des Anhalters werden immer vertrauter miteinander.

Sascha, der Sonderling, verändert sich. Weiterlesen

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Claudia Piñeiro: Wer nicht?

Hernán wird von seiner Mutter beauftragt, das Haus vom verstorbenen Großvater Martín zu verkaufen. Er erfüllt diese Aufgabe nur, weil er der Lieblingsenkel gewesen ist und als Architekt arbeitet. Mit der verborgenen Überraschung hat er nicht gerechnet. „Er starrt weiterhin die aufgebrochene Wand vor ihm an. Und dann geht er, als hätte er auf einmal begriffen, mit bloßen Fäusten auf das bröckelnde Mauerwerk los, schiebt die Stücke zur Seite.“ (S. 102)

Jeder Mensch kann in eine Ausnahmesituation geraten. Wenn diese dann auch noch mit einer Erkenntnis verbunden ist, haben die Betroffenen nicht nur eine Entscheidung zu treffen. Sie hat auch Auswirkung auf das eigene Leben.

In Claudia Piñeiros facettenreichen Erzählungen finden sich Personen im scheinbar harmlosen Alltag wieder. Ob es sich hierbei um so etwas Banales wie das Raustragen des Hausmülls, ein unbedachtes Wort im Spiel oder einen zweiten Koffer handelt, in jedem Ereignis verbergen sich Fallstricke, die eine Veränderung einleiten. Aus diesem Grund bleiben die Geschichten in Erinnerung. Die von Peter Kultzen übersetzten Texte berühren, erschüttern oder lassen im Kopfkino eine dramatische Fortsetzung entstehen.

Für viele Charaktere beginnt danach ein neuer Lebensabschnitt. Die Autorin bietet viele Möglichkeiten an. Dabei schafft sie es, persönliche Schicksale zu fokussieren. Unter anderem beschreibt sie ihre weiblichen Charaktere als anpackend oder hart arbeitend in ihrem Beruf. Ihre Frauen hinterfragen die ihnen auferlegte Rolle als Mutter, Tochter oder Ehefrau. Sie zeigen sowohl Mitgefühl als auch persönliche Grenzen. Weiterlesen

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