Bridget Collins: Das große Spiel

Solange Léo Martin zurückdenken kann, will er der Beste sein. In der Schule und auch später. Er glaubt, nur so könne er dem Schrottplatz seines Vaters entfliehen. Und es sieht so aus, als gebe ihm der Verlauf seines Lebens Recht: Ein Stipendium für die Eliteschule in Montverre, der jüngste Goldmedaillengewinner in der Geschichte der Schule, und nach dem erfolgreichen Studienabschluss wird er der jüngste Kulturminister. Bisher hat er den Preis für seine politische Karriere ignoriert. Doch dann, als ihm eine Gesetzesvorlage zu weit geht und er diese deshalb ablehnt, wird er sofort abgesetzt. Dabei dachte Léo stets, er stünde in der Gunst des ‚Alten‘ ganz oben und genieße Freiheiten. Viel zu schnell sitzt er wieder in Montverre in der Eliteschule, um offiziell private Studien zu betreiben. Tatsächlich beginnt für ihn die pure Langeweile. Denn in dem alten Gemäuer hoch oben in den Bergen gibt es außer dem Studium und unangenehmen Erinnerungen kaum Ablenkung. Womit Léo ebenfalls nicht rechnet, ist das Aufeinandertreffen mit Magister Ludi, der Meisterin des großen Spiels. Sie ist zugleich Claire, die Schwester seines früheren Studienfeindes- und Freundes Carfax. Ihre Verbindung ist von Anfang an mit offenen Rechnungen und Schuldgefühlen belastet. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold: Die Stunde der Frauen

Im vierten Band mit Fräulein Gold hat die Stunde der Frauen geschlagen, so dass für die Aufdeckung von Verbrechen wenig Raum bleibt. Hulda hat inzwischen eine steile Karriere zurückgelegt: Aus der freischaffenden Hebamme ist die leitende Hebamme einer angesehenen Frauenklinik in Berlin-Mitte geworden. Endlich hat sie die Macht, einzelnen Gebärenden ein angenehmes Umfeld zu schaffen. Auch ihre Erfolge bei schwierigen Geburten erstaunt so manchen Arzt.

Privat geht es ebenfalls aufwärts: Der junge Arzt Johann will sie nach einem Jahr intensiver Werbung endlich heiraten. Im Vergleich zu Hulda sieht er keine Hindernisse, denn seine vermögenden Eltern haben ihm bisher jeden Weg geebnet. An seiner Seite lernt Hulda die Licht- und Schattenseiten der höheren Gesellschaft kennen. Ihre Neugier und Zweifel finden neue Nahrung.

Der Name Anne Stern steht für kurzweilige Unterhaltungsromane, in denen die Autorin die großen Themen Gleichberechtigung und Frauengesundheit vor einem historischen Hintergrund bearbeitet. 1925 geht es in Berlin für viele wirtschaftlich ein wenig aufwärts. Es herrscht in den Arbeiterkreisen aber trotzdem tiefe Armut. Weiterlesen

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Maika & Maritza Moulite: One Of The Good Ones

Was wäre, wenn Familien generationsübergreifend um ihr Leben fürchten? Was wäre, wenn der gewaltsame Tod in jeder Generation fest verankert ist? Und was wäre, wenn dies so normal ist wie das Atmen?

Die Familie Smith aus Los Angeles mit den Töchtern Kezi, Happi und Genny haben ebenfalls diese Gewalterfahrung. Kezi will dieser Tradition auf den Grund gehen. Und je mehr sie erfährt, umso häufiger berichtet sie darüber auf YouTube. Der Erfolg ermutigt sie, auf eine Demo zu gehen, wo sie prompt verhaftet wird. Die Achtzehnjährige erfährt eine Polizeigewalt, die sie sich nie vorstellen konnte.

Danach erhält die Familie Smith eine Urne. Happi und Genny glauben, sie können ihre Trauer nur bewältigen, wenn sie die von Kezi vorbereitete Reise antreten.

Die Schwestern Maika und Maritza Moulite schreiben, um die Wahrnehmung auf die People of Color (PoC) zu verändern. Silvia Kinkel und Constanze Wehnes haben den Jugendroman aus dem Amerikanischen übersetzt. Weiterlesen

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Ella Carey: Die Frauen von New York 01: Glanz der Freiheit

Manchmal stellt sich erst später heraus, wer ein Feind ist. Lily Rose, die bisher von ihren reichen Eltern behütet worden ist, folgt ihrem Talent, dem Kochen. Rezepte auszuprobieren, macht ihr mehr Spaß, als Oberflächlichkeiten auf Partys oder gesellschaftlichen Ereignissen auszutauschen. In der Küche des berühmten New Yorker Restaurants Valentino’s darf Lily endlich das Kochen von der Pike auf lernen und dringt damit in eine Männerdomäne ein. Schnell steigt sie die Karriereleiter nach oben. Einige Kollegen werfen ihr vor, nur wegen ihrer Schönheit, ihrer Beziehungen und der Kriegsumstände Sous-Chefin geworden zu sein. Allein die Aussicht, sie könne jetzt auch noch Küchenchefin werden, sorgt für weiteren Aufruhr.

Die Australierin Ella Carey hat mit ihrem Auftakt der Trilogie Frauen in New York ein breites Feld abgesteckt. Sie liebt mutige Frauenfiguren und schreibt Romane nach wahren Begebenheiten. Aus dem Englischen übersetzten Christine und Anna Julia Strüh. Weiterlesen

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Edvart Hoem: Die Hebamme

Marta Kristines Eltern sind Häusler. 1800 bedeutete dieser Beruf in Norwegen eine geringe soziale Stellung und hohe Steuerlast. Häusler lebten in kleinen Häusern oder Hütten mit wenig Grundbesitz und mussten als Gegenleistung für die Großbauern unter anderem als Erntehelfer arbeiten. Erst wenn dessen Ernte sicher eingebracht war, konnten sie sich um ihre eigene Ernte kümmern. Dies hieß: ernten zur falschen Zeit und unter ungünstigen Wetterbedingungen. Häusler arbeiteten meist als Dienstboten, Tagelöhner oder Handwerker. Für junge Frauen mit wenig Schulbildung gab es nur die Heirat mit einem Bauern oder die Arbeit als Magd. Aber Marta Kristine wollte mehr. Sie wollte in ihrem Leben etwas bewirken und kam schon sehr früh auf den Gedanken, den Frauen helfen zu wollen. Für ein armes Häuslermädchen war die Ausbildung zur Hebamme undenkbar unter anderem auch, weil sie als Unverheiratete ein Kind bekam. Trotzdem „Die ihr eigene Ruhelosigkeit würde sie antreiben –  hin zu etwas, das größer war als ihr jetziges Leben. Bei allem, was sie tat, stand flirrend eine einzige Frage vor ihr, was wird aus einer wie mir, wenn Hans mich nicht mehr haben will?“ (S. 61)

Es dauerte einige Jahre, bis sie ihre Jugendliebe Hans heiraten konnte und ähnlich lang, Fürsprecher für ihre Ausbildung zu gewinnen. Doch die eigentlichen Herausforderungen kamen noch. Hebammen-Stina wurde von den werdenden Müttern gemieden. Weiterlesen

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Elise Hooper: Fast Girls

Es war Freitag, und ihre Eltern erwarteten, dass sie Pa am Wochenende half, die Werkzeuge und Gerätschaften zu reinigen, die am Mittwoch mit versteigert werden sollten. Helen schob sich das Haar aus dem Gesicht und betrachtete ihr Farmhaus. Der scharfe Wind trieb ihr die Tränen in die Augen. […] Auf jede schöne Erinnerung mit Bobbie Lee kamen drei schlechte mit Pa.“ (S. 269)

Helen fällt jedem auf. Sie ist groß, nicht besonders hübsch und liebt das Laufen. Nur der Sport schenkt ihr Selbstvertrauen, und weil sie viel schneller als alle anderen in der Schule läuft, wird ihr Talent gefördert. Irgendwann begreift Helen, dass Laufen viel mehr sein kann als nur ein Sport.

Die Autorin Elise Hooper schreibt für das Fernsehen und studierte Literatur und Geschichte. In ihren historischen Romanen stellt sie Frauen vor, die in der Geschichtsschreibung systematisch übersehen worden sind. Dies holt sie nun nach. Die von ihr gezeichneten Sportlerinnen waren in der Sportgeschichte Pionierinnen. Sie drangen in eine Männerwelt ein, die irritiert und ablehnend reagierte. Trotzdem blieben sie ihrem Talent treu, wurden selbstbewusst und stark. Die nachfolgende weibliche Generation in der Leichtathletik durfte diesen Gewöhnungsprozess in der öffentlichen Aufmerksamkeit weiter aufbauen und auf mehr Toleranz hoffen. Die Botschaft der Autorin ist dabei offensichtlich: Gleiche Rechte für alle. Dies zeigt die Autorin, indem sie Fakten und Fiktion harmonisch zu einer überzeugenden Geschichte vereint hat. Die schnellen Mädchen, unter anderem Betty, Helen und Louise, rennen auf dem Weg zu ihrer Sportkarriere quasi um ihr Leben. Weiterlesen

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Walter Bauer: Hutzelmann und Himmel weit (1926/1927)

„Müde und verdrossen ging ich von der Arbeit nach Hause. Wenn man acht Stunden im Kontor saß und Zahlen schrieb und dürre Worte, legt sich ein dünner Schleier über die Augen […], man muß sie nun wieder aufreißen, damit sie die Welt sehen, […]“ (S. 119)

Walter Bauer (1904-1976) ging gerne auf Wanderschaft. Mal wählte er den Wasserweg oder Pfade durch unberührte Natur. Die Sehnsucht nach der Natur findet sich in seinen Geschichten wieder, so dass seine Naturbeschreibungen zu wichtigen Akteuren werden: Das Wasser tost, der Wind braust, die Wälder rauschen. Darin bettet er Ereignisse ein, die aus so unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, dass sie aufmerken lassen.

„Der Nebel machte den Erdboden unsichtbar, den Himmel, er war zwischen den Menschen und trennte sie, er tanzte schwer und geschlossen in die dunkle Ebene. Das sah ich alles, die Stille, die blassen Lichter und Feuerzeichen, die Schatten und ging, nun selber still, nach Hause, in meine Stube.“ (S. 119) Weiterlesen

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Till Raether: Danowski 06: Hausbrauch

Hauptkommissar Adam Danowski hat Sendepause. Er kann nicht mehr. Zu viel erinnert ihn an das desaströse Ende seiner Geiselhaft. 24 Stunden blickte er in die Mündung einer geladenen Waffe, die in der Hand eines verzweifelten Mannes lag. Die Folgen haben bei Adam in mehrfacher Hinsicht Spuren hinterlassen und ihn arbeitsunfähig gemacht. Die Kurklinik in Damp an der Ostsee wird für einige Wochen sein neues Zuhause.

Auch in der Reha geht Danowski in Deckung und beschließt, dass weder Gesprächsgruppen noch Anwendungen zu ihm passen. „Am Anfang hatte er hier Angst vor der Einsamkeit gehabt, jetzt bekam er Angst, sich gar nichts anderes mehr vorstellen zu können.“ (S. 69) Im scheinbar falschen Moment stört Mareike Teschner seine flüchtige Ruhe. Sie bittet ihn um Hilfe und zieht den Polizisten Adam Danowski in ein neues Chaos.

Der Journalist und Autor Till Raether schreibt seit 2014 viel gelobte Kriminalromane. Sechs von ihnen handeln von Adam Danowskis Arbeit bei der Hamburger Polizei und zeigen einen Mann, der an Hypersensibilität und Depressionen leidet. Auf der einen Seite hängt Adam in seinem ganz persönlichen Sumpf fest, und auf der anderen Seite nimmt er die Sorgen anderer überdeutlich wahr. Nur die langjährige Routine hilft ihm, den Alltag zu meistern. Doch nun ist er an einem Punkt angekommen, an dem er an Aufhören denkt. Weiterlesen

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Ursula Poznanski: Shelter

Es ist spät geworden. Nach der Feier sitzen nur noch die fünf Freunde zusammen. Eine Frage beschäftigt die Psychologiestudentin Liv: Wie kann man Menschen erreichen, deren Überzeugung so fest ist, dass sie anderslautende Tatsachen komplett ablehnen? Und Benny, der Schauspieler werden möchte, spinnt weiter: „[…] du zeigst ihnen auf eine andere Art und Weise, wie naiv sie sind.“ (S.11)

Man könnte den Verbohrten „[…] eine total bescheuerte eigene Verschwörungstheorie präsentieren, und sobald sie darauf eingestiegen sind, hättest du haha gesagt, ätsch, alles bloß meine persönlichen Hirngespinste […]“ (S. 11)

Kurz darauf haben die Fünf eine Theorie entwickelt, und Livs neues Projekt kann starten. Mit Fake-Accounts und gesprayten Logos in der realen Welt geht es los. Schnell wird allen klar, dass ihre erfundene Verschwörung Widersacher braucht. „Man muss selbst das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen, die Dinge zu durchschauen.“ (S. 49) Also planen sie, die Gegenseite zu steuern. „Wir greifen auf der einen Seite an und verteidigen auf der anderen.“, schlägt Liv vor. „‚Ein paar Sekunden lang starren alle sie an. Dann lachte Darya. ‚Du machst mir Angst‘, sagte sie.“ (S. 50) Weiterlesen

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Shichiro Fukazawa: Die Narayama-Lieder (1956)

Als Shichiro Fukazawas Mutter sehr krank war, wollte sie ein letztes Mal ihre Felder sehen und ob sie gut bearbeitet worden sind. Also trug der Autor seine Mutter auf dem Rücken dorthin, wohin ihr Finger zeigte. Irgendwann hatte sie alles begutachtet und war zufrieden. Sie konnte sterben.

In Shichiro Fukazawas berühmter Erzählung aus dem Jahr 1956 ist die fast siebzigjährige Orin noch rüstig und gesund. Sie angelt die meisten Fische, führt den Haushalt für ihren verwitweten Sohn und die Enkel. Zu ihrem Leidwesen kann sie keine der üblichen Zahnlücken vorweisen und muss deshalb häufig Spott hören. Orin, die vom Dorf auf der anderen Seite des Berges kam, um zu heiraten, lebt das Leben einer Außenseiterin.

Kurz vor ihrem letzten Geburtstag liegt noch eine Aufgabe vor ihr. Orin will ihren Haushalt organisieren, bevor sie in die Berge gehen kann. Weiterlesen

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