YORN: Gast im Glück

Als der neunzehnjährige Jürgen Michaelsen und seine Schwester 1956 nach Paris fuhren, erhielt er über Beziehungen die Einladung zu einer Modenschau von Christian Dior. Auch sonst war ihm das Glück ein guter Freund, denn er durfte Christian Dior persönlich eigene Modeentwürfe zeigen. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass Diors Assistent am Vortag zum Militärdienst einberufen und deshalb ein Neuer gesucht wurde. Der junge Michaelsen erhielt nach dem kurzen Gespräch den Job und blieb der Pariser Haute Couture erhalten. Kurz darauf gab Dior seinem Assistenten einen leicht auszusprechenden Kurznamen und schenkte ihm auf diese Weise den späteren Markennamen Yorn.

Drei Jahre später las eine Wahrsagerin aus Jürgen Michaelsens Hand, er sei ein Gast im Glück und umgeben von Frauen, die ihm Ruhm und Reichtum bescheren. Er würde sich selbst und andere glücklich machen. Es dauerte nur wenige Jahre, bis Yorn sein eigenes Haute-Couture-Haus eröffnete.

In Paris verblüffen couture et cuisine jedes Jahr mit neuesten Kreationen. Aus diesem Grund war es nur naheliegend, Vertragsverhandlungen mit Gaumenfreuden zu kombinieren. Je köstlicher die Speisen, um so geneigter verabschiedeten sich seine Vertragspartner. Rückblickend auf ein erfülltes, glückliches Leben beschloss Yorn, seine Erlebnisse mit liebgewonnenen Rezepten zu verknüpfen. Als er sich diesbezüglich mit seinem Freund Sempé, dem berühmten Illustrator des Kleinen Nick, beriet, sagte dieser spontan seine Unterstützung zu. Weiterlesen

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Ann Petry: The Street/Die Straße (1946)

Es gibt Menschen, die glauben der Lüge, jeder sei seines Glückes Schmied. Doch Lutie Johnson begreift allmählich, dass hinter den Fehlschlägen ein Plan steckt, der insbesondere von weißen Händen arrangiert worden ist. Hinter jeder offenen Tür, die ein besseres Leben verspricht, findet sie einen neuen Käfig, der ihr immer weniger Schlupflöcher erlaubt.

Die alleinerziehende junge Mutter eines achtjährigen Jungen verlässt das untervermietete Zimmer bei ihrem Vater, weil dessen Lebensgefährtin ihrem Sohn Alkohol und Zigaretten gibt und in seiner Nähe der Prostitution nachgeht.

Lutie will für ihren Sohn einen besseren Start ins Leben. Also zieht sie in Harlem in eine billige Dachgeschosswohnung. Die Straßen in ihrem neuen Umfeld erweisen sich viel zu schnell als das, was sie nie wollte: einen sozialen Brennpunkt, in dem besonders Frauen schlecht behandelt werden. In Harlem, dem Viertel der Farbigen, lebt auch ein alter weißer Mann. Mit viel Geschick ist er reich und einflussreich geworden. Ihm würde es gefallen, wenn es Lutie so schlecht ginge, dass sie wie die anderen Frauen ihren Körper verkauft. Zur gleichen Zeit stellt ihr der Hausmeister nach. Luties Zuhause erweist sich jeden Tag mehr als eine Falle, in der auch ihr Sohn gefangen ist.

Die Straße zeigt ihr hässlichstes Gesicht; ihr scheint niemand aus eigener Kraft zu entkommen.

Ann Petrys fesselnder Debütroman The Street, übersetzt von Uda Strätling, wurde 1946 erstmalig veröffentlicht; ein Jahr nachdem James Baldwin dem Tod bringenden Rassismus in den USA den Rücken kehrte und mit 40 Dollar Startkapital sein schriftstellerisches Schaffen in Frankreich fortsetzte. Seine Aussage, er sei kein Nigger, er sei ein Mensch, wurde berühmt. Weiterlesen

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Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch

Michel de Palma soll in drei Wochen in den Ruhestand gehen. „… Hunderte von Verhaftungen hatte er miterlebt, … Es waren jedes Mal harte Brüche gewesen. Menschenleben, die an Paragrafen zerschmettert waren.“ (S. 343)

Als der Taucher und Archäologe Fortin bei der Erforschung der Unterwasserhöhle an der Küste der Calanques verunglückt, vermutet die Forschungsleiterin darin einen Angriff mit Todesfolge. Und weil viele Indizien für ihre These sprechen, nimmt de Palma seine Ermittlungen auf. Dabei taucht er tief in die Fachgebiete der Archäologie, Mythologie und Psychiatrie ein.

Wenige Wochen darauf flieht Thomas Autran aus der geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Der zu einer lebenslangen Verwahrung Verurteilte sieht an den Umständen des Tauchunfalls ein Zeichen, das auf seine eigene Vergangenheit verweist.

Auch de Palma glaubt an einen Zusammenhang, denn in der Höhle gibt es Handabdrücke, die denen von Thomas Autran ähneln, als dieser seine eigenen als Visitenkarte neben seinen Mordopfern hinterließ.

Ein wertvoller archäologischer Fund und unklare Todesfälle haben de Palmas Augen geöffnet, und er kann nicht mehr wegsehen. Weiterlesen

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Dashka Slater: Bus 57

2012 lebte Richard wieder in Oakland bei seiner Mutter. Wegen einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen ihm, seinen Freunden und einer Gruppe weißer Jugendlicher war er bereits als 14-Jähriger zu dem Verbleib in einer Jugendgruppe verurteilt worden. Über ein Jahr lang befand er sich in einer Betreuung und unter Beobachtung. Vieles hat sich nach seiner Rückkehr geändert. Er wollte mehr für die Schule lernen, regelmäßig zum Unterricht gehen und sich verantwortungsvoll verhalten. Doch anderes war geblieben. Wenn er mit den falschen Leuten zusammenhing, vergaß er seine Vorsätze. Auch sein Naturell war geblieben, das ihn dazu verleitete, den Spaßmacher zu spielen.

Die Chancen, für afroamerikanische Jungen auf dem Rücksitz eines Streifenwagens zu landen, waren für Richard nach wie vor sehr hoch. Jungen wie er „… machten nur dreißig Prozent der minderjährigen Bevölkerung Oaklands, aber fünfundsiebzig Prozent aller verhafteten Jugendlichen aus.“ (S. 104)

Am 04. November 2013 war er erneut mit den falschen Leuten zusammen, mit denen er herumalberte. Für seine 16 Jahre wirkte er deutlich jünger und unreifer. Im Bus 57 saß Sasha in ihrer Nähe, die/der zu einer Weste und Kappe einen weißen Rock trug. Sasha war offensichtlich anders als die/der durchschnittliche Jugendliche. Weiterlesen

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Peter Grandl: Turmschatten

Der Neonazi Karl Rieger wurde wegen Erpressung und schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Doch schon nach fünfzehn Monaten kommt er wieder auf Bewährung frei. Inzwischen hat sich an seiner Einstellung mehr geändert, als er für möglich hält: Er liebt eine Jüdin. Und da ist noch sein 13-jähriger Schützling Thomas, der wie Karl ungewollt in die rechtsradikale Szene reingerutscht ist und nun dringend Hilfe braucht, um sein Leben noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Karls erste Schritte in Freiheit verlaufen jedoch völlig anders als geplant. Dies liegt nicht nur an dem eskalierten Erstgespräch mit seiner Bewährungshelferin, die ihn beim kleinsten Regelverstoß ins Gefängnis zurückschicken will. Kurz darauf erfährt er von seinen Kameraden, zu denen er offiziell keinen Kontakt mehr haben darf, dass für einen Überfall Thomas die Rolle des Lockvogels übertragen wurde. Karl glaubt, nur wenn er sich an der Operation beteiligt, könne er den Jungen beschützen und das Schlimmste verhindern. Doch auch diese Aktion eskaliert und entwickelt sich zu einem medialen Großereignis mit Folgen.

Wer als Regisseur gearbeitet hat und heute als Texter und Drehbuchautor tätig ist, dem darf man blind Können und Handwerk unterstellen. In seinem Debüt zeigt Peter Grandl all dies und noch viel mehr. Was an seinem in jeder Hinsicht gelungenen Thriller auffällt, ist die Kombination von Desastern. Weiterlesen

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David Lama: Sein Leben für die Berge: Von ihm selbst erzählt

Es gibt Menschen, die für ihre Passion alles geben und deshalb intensiv und kompromisslos leben. David Lama lebte so und erfuhr in seiner Familie eine scheinbar grenzenlose Unterstützung. Bereits als Dreijähriger begleitete er seine Eltern in die Berge. Davids Vater, Rinzi Lama, ein ehemaliger Sherpa aus der Everest Region, begegnete 1987 seiner zukünftigen Frau Claudia, als diese und ihre Freundinnen einen Führer für eine dreiwöchige Wanderung buchten. Ein Jahr später heirateten sie und wohnten zusammen in Österreich. 1990 wurde David geboren.

David Lama war bereits im Alter von fünf Jahren vom Klettern begeistert. Dank der Beharrlichkeit seiner Mutter wurde er in eine Kletterschule für Kinder aufgenommen. Schon am ersten Tag fiel sein grandioses Talent auf, und David gewöhnte sich daran, immer und überall der Kleinste und Jüngste zu sein. Dies fällt auch bei den unzähligen Wettkämpfen und Weltmeisterschaften auf, bei denen der Junge David häufig zu den Besten zählte. Nach der Bezwingung des Cerro Torre im Freikletterstil war er endgültig dem Alpinismus verfallen und nahm an keinem Wettkampf mehr teil. Dieser rigorose Entschluss war auch in seiner Jugend eines seiner Wesensmerkmale. Denn um sich als Jugendlicher voll auf die Wettkämpfe zu konzentrieren, verließ er trotz zahlreicher Widerstände die Schule. Wenn Klettern, dann sollte es richtig gemacht werden, mit ganzem Herz und ganzer Seele. Weiterlesen

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Jeanine Cummins: American Dirt

Lydia hätte es wissen müssen. Die Gewalt der rivalisierenden Banden hält nicht nur das einst ruhige Acapulco fest in ihrem Griff; sie hat auch ganz Mexiko geprägt. Als der kultivierte Javier ihren Buchladen zum ersten Mal betritt und sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt, weiß sie noch nichts von seinem zweiten Leben als Bandenchef. Und als sie es erfährt und ihr Mann, ein bekannter Journalist, über Javier einen Artikel in seiner Zeitung veröffentlicht, glaubt Lydia, Javier werde den Artikel gutheißen. Sie und ihre Familie seien nicht in Gefahr.

Zwei Wochen später, auf einem Familienfest im Garten ihrer Mutter, entkommen Lydia und ihr achtjähriger Sohn Luca nur knapp einem Massaker. Und wenn sie weiterleben wollen, müssen sie in die Vereinigten Staaten fliehen. Es gibt Tausende wie sie, die in Richtung Norden ziehen. Und es gibt auf dem Weg ebenso viele, die an den Flüchtlingen verdienen wollen. Wer nicht zahlen kann, stirbt.

2015 erklärte Angela Merkel: „Wir schaffen das.“ Für eine überschaubare Zeit wurden die Grenzen nach Europa geöffnet, und unzählige Flüchtlinge aus Kriegsgebieten erfuhren Hilfe. Die Grenzen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten dagegen werden immer dichter und strenger bewacht. Die Folgen hieraus beschreibt die Autorin Jeanine Cummins in ihrem zweiten Roman, übersetzt von Katharina Naumann, so plastisch aus der Sicht einer Mutter und ihres Sohnes, dass man als Leser die beiden wie gebannt durch alle Gefahren begleiten muss. Weiterlesen

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze

Sie nimmt eines der Bilder […] Ein Nachtzug durchschneidet diagonal die Erde. Schwarzblaue Farbtöne. Kein Passagierzug, sondern Güterwaggons. Schatten und Nebel. Ein gelbes Licht erleuchtet nur die Frontscheibe des Führerstands. Die Lokomotive ist winzig und schmal – die Leinwand groß.“ (S. 54)

Was soll man inhaltlich über einen grandiosen Roman schreiben, ohne zu viel zu verraten? Wer würde allein dem Hinweis »unbedingt lesen!!« vertrauen??

In seinem ersten Roman erzählt der Autor Sasha Filipenko von einem jungen Mann, der 2001 von Moskau nach Minsk zieht. Dort wohnen seine Schwiegereltern. In dieser fremden für ihn tristen, grauen Stadt glaubt Alexander, hier bliebe seine besondere Geschichte geheim.

Er glaubt und irrt auch in anderen Dingen. Dies begreift er, als seine neue Nachbarin Tatjana Alexjewna, eine an Alzheimer leidende alte Dame, ihm überraschend klar und deutlich aus ihrem Leben erzählt. Mit der Wucht eines ungebremsten Zuges überrollt ihn die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Tatjana, die 1910 in London geboren wurde, zog als Kind nach Moskau. Ihr intellektueller Vater glaubte nach der Ermordung des Zaren, in seiner alten Heimat entstünde ein neues Land, und er wolle beim Aufbau helfen und sehen, wie neue Menschen ihr neues Leben annehmen.

Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, studierte Literatur und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Fernsehmoderator. Von ihm gibt es inzwischen fünf Romane in russischer Sprache. Weiterlesen

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Katrine Engberg: Glasflügel

… Kopenhagen hat eine Liebesbeziehung mit dem Meer. Steht man am Hafen, ist deutlich zu spüren, dass die Stadt am Wasser gebaut wurde … Das Wasser weicht die harten Kanten auf und bringt Leben mit sich, das Wasser spült den Dreck weg.“ (S. 316)

Es gibt selten einen perfekten Zeitpunkt, um eine Mordermittlung zu leiten: Jeppe hat aufgrund seiner Scheidung sein Haus verkauft und wohnt für die Übergangszeit in seinem ehemaligen Kinderzimmer. Seine Mutter freut sich sehr über den Einzug ihres Sohnes und belebt ihre Mutterrolle, die Jeppe wiederum nicht gebrauchen kann. Zur gleichen Zeit stillt seine Kollegin Annette ihre Tochter, die viel schreit und wenig schläft. In der geringen Freizeit leidet die stillgelegte Kommissarin unter Langeweile. Die Ermordung einer Bekannten verleitet sie zu privaten Nachforschungen.

In den nächsten zwei Tagen werden weitere Mordopfer im Wasser abgelegt und kurz darauf gefunden. Recht schnell finden Jeppe und seine Kollegen heraus, dass alle Getöteten in einer ehemaligen psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche gearbeitet haben.

Doch die Suche nach Zeugen geht ungewöhnlich beschwerlich voran. Manche können sich nicht mehr genau erinnern, andere Zeugen wollen sich nicht erinnern, oder sind aufgrund ihrer psychischen Erkrankung wenig glaubwürdig. Darüber hinaus sind ehemalige Mitarbeiter und Patienten nicht erreichbar. Jeppe sieht eine Fülle von Informationen und Hindernissen, die auf viele Verdächtige zeigen. Weiterlesen

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Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Der neunjährige Jai lebt mit seiner Familie in einem Basti, einem stark verzweigten Slum, in dem es kleine Plätze aber auch Steinhäuser gibt. In Sichtweite stehen die HiFi-Hochhäuser, die Wohntempel der Reichen. Wer dort eingezogen ist, hat es geschafft. Jais Eltern haben es nicht geschafft. Zu viert leben sie in einer Einraumhütte, die jeder jederzeit betreten kann. Er hört den Zank der Nachbarn, riecht deren gekochtes Essen und wird Ohrenzeuge ihrer Vertraulichkeiten. Auch von den Gerüchten seines verschwundenen Klassenkameraden hört er und ist erschrocken. Wie kann Bahadur verschwinden, ohne dass es ihm selbst aufgefallen ist?

Jai schlägt seinen besten Freunden, der schlauen Pari und dem muslimischen Faiz, vor, wie die berühmten Detektive nach Bahadur zu suchen und gleichzeitig ihr Basti zu retten. Denn die korrupte Polizei droht, bei einer Durchsuchung jede Hütte zu planieren.

Innerhalb weniger Monate verschwinden weitere Kinder spurlos, und Jais Detektivarbeit geht nicht nur in den Hausaufgaben unter. Die Angst der Erwachsenen erschwert seine Recherche. Schon bald fallen Interessenvertreter auf, die die Bewohner gegeneinander aufwiegeln. Weiterlesen

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