Carmen Korn: Zeitenwende

Vier Hamburger Freundinnen wurden zu Beginn des letzen Jahrhunderts geboren, da hatte Deutschland noch einen Kaiser. Alle vier haben beide Kriege überlebt, wenn sie auch mehr oder weniger beschädigt daraus hervorgegangen sind, sie haben ihre Familien durch Inflation und Wirtschaftswunder gebracht und im letzten Band erleben sie die Zeit der Studentenunruhen, des Deutschen Herbstes, der Wiedervereinigung und auch den Jahrtausendwechsel.

Groß ist er geworden, der Freundeskreis, in dem man Freunde und Familie kaum noch auseinanderhalten kann. Das Buch setzt 1970 mit Henny Ungers 70. Geburtstag ein, es gibt alleinerziehende, erfolgreiche Mütter, die schwule Lebensgemeinschaft ihres Sohnes wird endlich legal. Trotzdem muss man sich um die Verwandtschaft noch jede Menge Sorgen machen. Da träumt die eine von einer Karriere als Kriegsreporterin, die andere lässt sich während des Studiums mit der RAF ein. Es sind die großen und kleinen Sorgen, die diese Trilogie ausmachen und die sie so liebenswert machen.

Jeder kann sich ausrechnen, dass nicht alle der Akteure der ersten Stunde dieses Buch überleben werden, die meisten sind schließlich Anfang des Jahrhunderts geboren. Deswegen ist der letzte Teil der Trilogie auch ein Abschiednehmen von lieb gewonnen Protagonisten. Weiterlesen

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Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Helene glaubt, nicht viele Talente zu haben. Aber Programmieren, oder „Programme stricken“, das kann sie, auch wenn die neuartigen Komputer (sic!) sich im Deutschen Reich erst in den Anfängen durchgesetzt haben. Eugen dagegen ist von sich schon überzeugt, der Vater ist im Weltkrieg als Kriegsheld gefallen, die Mutter übergroß. Beide arbeiten bei der NSA, dem Nationalen Sicherheits Amt und ihre Aufgabe besteht darin, die Unmenge von Daten, die es über jeden Staatsbürger gibt, auszuwerten.

Es ist eine alternative Welt, die Andreas Eschbach für seine Roman geschaffen hat. Aber er hat sie derart mit historischen Realitäten durchsetzt, dass das Buch den Leser verstört zurücklässt. Deutschland hat den Weltkrieg 1917 verloren, die Nazis sind 1933 an die Macht gekommen, Nürnberger Gesetze, Wannseekonferenz, alles eingebettet in eine Welt, in der Soziale Medien und Elektronisierung einfach einige Jahre früher gekommen sind. Es gibt ja viele Romane über die Gefahren der Datenausnutzung, wir werden jeden Tag davor gewarnt, zuviel von uns preiszugeben. Weiterlesen

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Stephen King: Der Outsider, gelesen von David Nathan

Ein elfjähriger Junge ist tot, übelst geschändet, unter Verdacht: Ausgerechnet der beliebte Baseballtrainer Terry. Bei der ersten Vernehmung gibt er an, hunderte Kilometer entfernt auf einer Tagung gewesen zu sein. Die Polizei bezweifelt seine und die Aussage der ihn begleitenden Kollegen. Aber es gibt sogar einen Videobeweis: In einer Aufzeichnung der Tagung ist Terry deutlich zu sehen und zu hören. Auf dem Weg zur Anhörung wird Terry vom Vater des ermordeten Jungen erschossen. Die Polizei möchte das Thema abhaken, Täter gefasst, Täter tot, Thema erledigt. Aber so einfach ist es nicht. Denn Terry hat bis zu seinem Tod geschworen, er wäre es nicht gewesen. Es passte auch gar nicht zu ihm. Und seine Familie möchte eine Aufklärung.

Es gibt weitere Ermittlungen und die Geschichte wird immer undurchsichtiger. Es sieht so aus, als wäre Terry tatsächlich mehrfach an zwei Orten gleichzeitig gewesen. Ein Doppelgänger? Weiterlesen

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Laetitia Colombani: Der Zopf, gelesen von Andrea Sawatzki u.a.

Drei Frauen, drei Kontinente, drei Geschichten. Arm und reich, mit und ohne Kinder, allein oder eingebunden. Was haben diese drei Frauen miteinander zu tun?

Smita lebt in Indien, gehört einer der untersten Kasten an, verrichtet Arbeit, die verachtet wird und sie krank macht und möchte etwas besseres als Schicksal für ihre kleine Tochter.

Giulia lebt in Italien, glaubt alles zu haben, der geliebte Vater besitzt eine Perückenmanufaktur und ihr größtes Problem ist ihr neuer Freund, von dem sie nicht weiß, ob die Familie ihn akzeptieren wird. Da verändert ein Rollerunfall ihr ganzes Leben.

Und Sarah, sie lebt in Kanada auf der Sonnenseite des Lebens, zumindest oberflächlich betrachtet. Die ist erfolgreiche Anwältin einer großen Kanzlei, verdient gut, aber sie muss sich dafür verbiegen. Niemand darf wissen, dass die Arbeit nicht das ganze Leben ist, sie muss funktionieren wie eine Maschine und niemals zeigen, dass sie etwa noch ein Leben außerhalb der Kanzlei hat. Bis ihr das Leben schmerzhaft zeigt, dass auch sie eine Schwachstelle hat und dass sie mit einem Recht hatte: die Kanzlei darf man nicht schwächeln, sonst kommen die Haifische. Weiterlesen

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June Perry: White Maze 01: Du bist längst mittendrin

Viv ist ein It-Girl, das mit der modernen Technik aufgewachsen ist. Ihre Mutter ist Entwicklerin bei einem großen Spiele-Konzern und Linsen, die VR übertragen und das Handy ersetzen, sind schon lange Standard. Der neuesten Clou, kurz vor der Markteinführung, sind Linsen, die nicht nur Bilder übertragen, sondern dem Gehirn des Trägers das gesamte Programm vorspiegeln, also inklusive Gerüchen, haptischen Einwirkungen usw. Da stirbt Vivs Mutter Sofia, offiziell an einem Herzinfarkt. Aber so alt war sie doch noch gar nicht.

Kurz vor ihrem Tod hat sie Viv zuerst die neuen Linsen zum ausprobieren gegeben und dann mehr als hysterisch wieder weggenommen. Stimmt etwa etwas nicht mit den Linsen? Viv macht sich auf die Suche nach Antworten.

Zunächst mal ein Wort zum äußeren des Buches. Das Cover ist noch mal umhüllt von weißer, milchiger Folie, umgeklappt wie ein Schutzumschlag. In Hinsicht auf den Inhalt des Buche ist das ziemlich genial: das wahre Bild wird verschleiert. Weiterlesen

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Frank Goldammer: Vergessene Seelen

Dresden 1948. Ein extrem heißer Sommer. Drei Jahre nach Kriegsende ist Dresden noch immer eine riesige Baustelle und die Versorgung lässt zu wünschen übrig. Für Kriminalkommissar Max Heller hat sich hauptsächlich eins geändert: Es sind nicht mehr die Russen, die sich ständig in seine Arbeit einmischen, sondern es ist inzwischen die SED. Die ihn darüber hinaus auch noch dauernd in ihre Reihen aufnehmen will und in die sein zurückgekehrter Sohn bereits eingetreten ist. Max sieht sich einem Gegner gegenüberstehen, den er nicht bekämpfen will.

In einer Baugrube wird ein 14jähriger Junge gefunden. Die Todesursache ist unklar. Ist er gestürzt, hat er sich wegen seines gewalttätigen Vaters umgebracht oder wurde er von Schmugglern getötet. Max tauch tief in die Welt der einfachen Leute und ihrer Sorgen und Schwierigkeiten ein und mit ihm der Leser. Es wird oft vergessen, dass mit Kriegsende eben nicht plötzlich alles wieder gut war (im Westen übrigens auch nicht). Männer kehren traumatisiert aus dem Krieg zurück und wissen sich nicht anders zu helfen, als Gewalt gegen ihre Familien auszuüben. Weiterlesen

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Dan Wells: Die Formel

NewYew, eine New Yorker Firma, die ursprünglich Krebsmedikamente hergestellt hat, inzwischen aber auf Kosmetika setzt, will eine neue Hautcreme entwickeln. Das gelingt dem Chefchemiker Lyle Fontanelle und seiner Assistentin Susan besser, als sie sich das jemals vorgestellt hätten. Eigentlich sollte die Antifalten-Creme nur den Körper anregen, eigenes Collagen zur Faltenauffüllung zu produzieren. Stattdessen kopiert schon eine winzige Portion der Creme, irgendwo auf die Haut aufgetragen, die komplette DNA desjenigen, der die Creme zuletzt berührt hat, auf den neuen Träger. Das bietet ungeahnte Möglichkeiten. Für den einen zur Heilung aller Krankheiten, für den anderen die Möglichkeit zum Wunschkörper, für alle NewYew vor allem die Möglichkeit zu unendlich viel Geld. Sie nennen das Produkt ReBirth und um dem schwierigen Genehmigungsweg auszuweichen, vermarkten sie es nicht als Medikament, sondern als simple Kräutercreme.

Dan Wells beschreibt herrlich, wie die Welt durch Egoismus, Angst und Gier in nicht mal 300 Tagen untergeht. Das ist jetzt kein Spoiler, das steht bereits über Kapitel 1. Eigentlich liegen die Möglichkeiten und Gefahren von ReBirth völlig klar auf der Hand, Weiterlesen

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Neal Shusterman: Scythe 02: Der Zorn der Gerechten, gelesen von T. Michaelis u.a.

Am Ende des ersten Bandes ist die Entscheidung gefallen:  Citra wurde auserwählt und Rowan geht in den Untergrund. Etwa ein Jahr später haben beide einen Platz gefunden. Citra geht als Scythe Anastasia die Nachlesen auf ihre ganz eigene Art und Weise an, die der Rat nicht immer billigt. Rowan dagegen hat sich einen Namen als Scythe Luzifer gemacht, weil er Scythen nachliest, die ihrer Aufgabe mit sagen wir mal unangemessener Begeisterung nachgehen. Allein die Existenz von Scythe Luzifer ist in dieser Welt schon ein Unding, aber die Umbrüche gehen noch viel weiter. Es scheint, dass das Ende des sorglosen Lebens für alle Menschen gekommen ist.

Vieles an diesem Hörbuch ist beeindruckend, aber bei weitem am meisten ist es die (manchmal echt quengelnde) Stimme des Thunderhead. Der Thunderhead ist jener Computer, der allgegenwärtig ist, der vom Wetter bis zum Denken in dieser Welt alles steuert, außer den Skythen, der per Definition unabhängig sein müssen. Weiterlesen

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Otto Waalkes: Kleinhirn an alle, gelesen vom Autor

Nach meiner Erinnerung kam Otto in den 70gern ins deutsche Fernsehen. Meinen Eltern war er zeitweise zu modern. Ich glaube er hat meine Liebe zu Märchenadaptionen jeglicher Art zementiert. Damals war es neu, was er gemacht hat, oder zumindest in unserem kleinbürgerlichen Haushalt neu. Beim Hören seiner Biographie kommen also jede Menge alte Erinnerungen hoch. Man merkst dem Hörbuch an, dass Otto sowohl schreiben als auch entertainen kann. Das Zuhören ist ein einziger Genuss. Der – ich verspreche es – zu jeder Zeit  gefesselte Zuhörer erfährt viel über die Anfänge, über die erste Band, die meistens wichtiger war als die Schule und über die ersten Auftrittsversuche. Persönlich fand ich es auch erleuchtend, wie Otto die 60ger und 70ger Jahre wieder lebendig werden lässt, denn es kamen nicht nur Erinnerungen auf, die mit Otto unmittelbar zusammenhingen. Locker flockig von der Leber weg, wie es so seine Art ist, erzählt er – aber nicht zu intim – aus seinem Leben und Wirken und auch einiges über seine Vorbilder. Nach Ende des Hörbuchs hat man so richtig Lust auf mehr Otto. Weiterlesen

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Corinna Griesbach: Das Prinzip der Mittelmäßigkeit

H’Thüsos Maisyn ist Historiker und fremd in der Welt, in die er aus der Zukunft geschickt wurde. Es ist nicht wirklich unsere Welt, aber wir könnten nur wenige Jahre davon entfernt sein. Großbrände und Überschwemmungen bestimmen die Nachrichten, Füchse haben sich die Städte erobert und leben neben den Menschen, andere Tiere sind komplett ausgestorben oder ihre Sichtung ist extrem selten, wie Enten. H’Thüsos Maisyn hat eine Aufgabe. Er soll mit seinem „Auge“ aufzeichnen, was ihm des Aufzeichnens wert erscheint und er soll eine Frau für seine Zukunft finden. Keine besondere, nur eben eine mittelmäßige. Keine leichte Aufgabe, wenn man die Vorgehensweisen der Welt, in der man gerade nicht, nicht wirklich versteht.

„Das Prinzip der Mittelmäßigkeit“ hat mich mehr durch seine Sprache als durch seine Handlung bestochen, obwohl man doch irgendwie immer wissen will, wie es weitergeht. Dabei muss ich sagen, dass ich nicht behaupten kann, alle Handlungsstränge vollständig verstanden zu haben. Manches ist mir rätselhaft geblieben, z.B. warum sich die Frauen dauernd umbringen und warum das H’Thüsos Maisyn sagt, dass einer seiner Kollegen erfolglos war. Weiterlesen

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