Emma Becker: La Maison

„Und irgendwer muss doch darüber sprechen.“, sind die letzten Worte in Emma Beckers frisch erschienenem Roman „La Maison“, einem Buch, das mich wie nur wenige bisher verführt hat und bei dem ich das Gefühl bekomme, dieses Verb sei eigens dafür erfunden worden. Und wenn nicht für diesen Roman, dann für das, wovon er handelt. Wenn ich verführt sage, dann meine ich die Anmut der Weiblichkeit, die die Welt an sich bindet, den Geruch von frisch gewaschener Haut und süßem Parfüm, dann meine ich die Erregung, wie bei flüchtig getauschten Blicken zwischen tanzenden Körpern, ein erstes anziehendes Annähern, eine Verführung voll Licht und Schatten, geheimnis- und verheißungsvoll.

Emma Becker zieht mich zwischen die Seiten ihrer Geschichte und ich komme nicht dazu, mich zu wehren, denke gar nicht daran. Die Intimität ihrer Erzählung, von einem Zuhause, das nur wenige je als solches betiteln würden, von dem Kollektiv einer erkauften Schwesternschaft und nicht zuletzt von reinem, menschlichem Sex, macht mich sprachlos und ist so intensiv, dass sich meine Gedanken noch jetzt, ein paar Tage nach Auslesen des Buches, dagegen sträuben, geordnet zu werden. Sie spricht ein Thema an, das so alt ist wie die Menschheit selbst und über das dennoch, oder gerade deswegen, nie gesprochen wird. Ich meine nicht Sex, dieses Tabuthema entfaltet sich mehr und mehr, nein, was ich meine, was sie meint, ist das Bordell. Weiterlesen

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Abbas Khider: Palast der Miserablen

„‚Und mein Vater?‘

‚Er ist zu Hause. […] Morgen reden wir weiter. Morgen reden wir über den Palast der Miserablen.‘“

Mit diesen lauernd drohenden Sätzen entlässt Abbas Khiders neuester Roman „Palast der Miserablen“ in eine Todesszene, deren Kontrast zur restlichen Handlung nicht gravierender sein könnte, in eine Tragik, die von Anfang an gefürchtet, doch stets durch Hoffnung überwunden wurde.

Es ist ein Ende, das wütend macht und erschüttert, das dazu bewegt, die Welt mit Füßen treten zu wollen und aller Gewalt ins Angesicht zu spucken. Abbas Khider, durch seine eigene Kindheit und Jugend im Irak, verschiedene Festnahmen und die Flucht nach Deutschland geprägt, schafft mit seinen Werken genau das, übt Kritik an den Zuständen in seinem Heimatland und weckt Aufmerksamkeit, indem er seine Erzählungen so persönlich und realitätsnah gestaltet, dass es einfach fällt, ihnen zu verfallen. So bin auch ich hineingezogen worden in die quirlig-bunte, von immerwährendem Krieg, Wirtschaftsembargos und Armut geprägte Welt des jungen Shams Hussein, begleite ihn auf seinem Weg ins Erwachsenwerden, durch verschiedene Selbstfindungsphasen bis hin zu dem Moment, an dem in einer einsamen Zelle im Bauch eines Militärkrankenhauses seine Hoffnung zu sterben droht. Weiterlesen

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Burhan Sönmez: Labyrinth

Worte. Sind sie es, die den Dingen Bedeutung verleihen oder tun dies die Dinge selbst? Und ist es dasselbe mit Namen? Verleiht ein Name seinem Träger eine Identität? Und wer ist die Person auf der anderen Seite des Spiegels?

Fragen wie diese werden in Burhan Sönmez Anfang 2020 erschienenem Roman Labyrinth auf jeder Seite geboren und nicht wieder vergessen. Dabei ist das Vergessen präsent in jeder seiner Zeilen und gräbt sich in den nicht zweifelsfrei als Boratin zu benennenden Protagonisten. Denn Boratins Existenz verschwand bei einem Sprung von der Bosporusbrücke und ließ einen jungen Mann ohne Erinnerungen zurück. Ein junger Mann, der durch die Straßen des ihm nun fremden Istanbuls irrt, sich nicht zwischen seinem jetzigen Ich und dem früheren Boratin entscheiden kann, weder den einen noch den anderen kennt und versucht, dem Gesicht im Spiegel eine Identität zu geben.

Diese Suche nach sich selbst birgt auch die Suche nach dem Warum. Warum der Sprung von der Brücke, warum der Tod? Was ist mit dem Knoten geschehen, der Boratin dazu trieb, sein Leben den Wellen des Bosporus zu opfern? „Den bist du losgeworden,“, sagt ein vermeintlicher Freund des Nachts. „nicht durch Sterben, sondern durch Vergessen.“ Klingt da Neid in seiner Stimme mit? Ist es ebendies Vergessen, das der damalige Boratin bezwecken wollte? Für den Gedächtnislosen scheint dieser Zustand alles andere als erstrebenswert zu sein. Zwischen Tagen und Nächten verschwimmt seine Zeit, wird durch das Ticken der Uhr bedeutungslos, gestern und die Antike gleichen sich bis aufs Haar, lassen sich nicht unterscheiden, er kennt keines von beiden und driftet dahin auf ungleichmäßigen Wellen ohne Bedeutung und Klang. Weiterlesen

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André Aciman: Find me, Finde mich

Plätschernde Worte, voll verzweifelter Schwere und bezaubernder Leichtigkeit; das sich drehende Rad der Zeit, vor und zurück, mal schnell, mal langsam; sich überschneidende Lebenslinien und nicht zuletzt geschlechtslose, unabdingbare Liebe, die die Zeit zu einer Nichtigkeit werden lässt.

André Aciman versteht sich auch bei seiner Fortsetzung des Erfolgsromans „Call me by your name“ noch immer wie niemand sonst darauf, gesellschaftliche Normen außer Kraft zu setzen und Beziehungen zu spannen, wo andere nur Grenzen sähen. „Find me“ erschien bereits 2019 in englischer, und Anfang 2020 dann schließlich auch in deutscher Sprache und erzählt die Geschichten dreier Männer auf der Suche nach dem Zuhause ihres Herzens.

Samuel, Vater des damals 17-jährigen Elio, findet dieses nach Jahren der Einsamkeit in einem Zug auf dem Weg nach Rom; der mittlerweile erwachsene Elio verbringt einen melancholischen Winter im Colot-Land einer anderen Generation und ein gealterter Oliver kämpft mit unerfüllten Sehnsüchten und der Erinnerung an Bach auf einem Steinway. Weiterlesen

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