Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

Ein sehr trauriges Buch. Aber verdammt gut. Salisbury ist der Ort in England in dem sich nicht nur die besagten Flüsse treffen, sondern es ist auch der Ort eines Mopedunfalls. Dieses Geschehen wird von unterschiedlichsten Menschen gesehen, erlebt, bewertet oder sogar herbeigeführt. Fünf Schicksale kollidieren, und alle gehen einen eigentümlich nah.

Es ist letztendlich die Eindringlichkeit mit der Barney Norris seine Figuren zeichnet. Ein Roman über Einsamkeit, Alkoholmissbrauch, Projektionen, Träumen aber vor allem kleine und mittlere menschliche Katastrophen, in die man selbst bitte nicht hineintappen will. Aber wir leben alle nicht in Sicherheit und müssen zusehen, wie wir klarkommen. Das Leben ist immer auch Drama!

Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse.
DuMont Buchverlag, April 2018.
320 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Ich bin ganz ehrlich: der erste Teil hat mich echt umgehauen. Einsame Klasse. Der zweite Teil hat mich überrascht und der dritte Teil, da sage ich jetzt: na gut. Wenigstens gibt es keinen Vierten. Weil ich diese Atemlosigkeit des ersten Bandes nicht wieder gefunden habe, erst nicht im zweiten Teil und im Dritten schon gar nicht. Trotzdem ist es natürlich wieder in Teilen riesig: Sätze wie in Stein gemeißelt. Mit einer weltwissenden Schärfe und Analysekraft wird unsere Gesellschaft seziert und brillant zerlegt.

Ich komme allerdings mit den vielen, immer mehr werdenden Figuren nicht mehr klar, die sich irgendwie um den nunmehr eher als Guru in Erscheinung tretenden Vernon, versammelt haben. Vernon Subotex tritt immer weiter in den Hintergrund, wird zum esoterischen Satelliten, der in den Gedanken seines Gefolges kreist. Weiterlesen

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Tja, ich kann mich nicht in den Reigen der Lobhudeleien einreihen, sagen wir, ich bin eher frustriert. Aber fangen wir mal mit dem an, was mich so unberührt lässt, und das „Berührtsein“  sollte ja der Sinn einer guten Geschichte sein. Ich konstruiere mal folgendes Szenario: treffen sich zu einem geheimnisvollen literarischen Zirkel folgende Weltbestseller in Persona: Michael Köhlmeier (z.B. Joel Spazierer), Carlos Ruiz Zafón (Der Schatten des Windes), Christoph Ransmayr (Die letzte Welt, Cox oder der Lauf der Zeit) und Umberto Eco (Der Name der Rose). Erwarten könnte man noch Patrick Süskind, als Experte für pathologische Sucht nach Erfüllung und Philip Roth und/oder Paul Auster für die Schattenseiten von New York.

Der kleine Gunnar Kaiser sitzt unter dem Tisch, wenig beachtet von dem illustren Kreis, und notiert sich heimlich die Stichworte der Herren Monsterliteraten, die den Roman der Romane diskutieren. Inhalt:  das Buch als Gesamtkunstwerk, als quasi göttliches Wesen, von außerirdischer Schönheit, unbezahlbar und deshalb von unbezähmbarer Gier gejagt. Nicht nur das Wort zählt, der Einband ist genauso entscheidend. Weiterlesen

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Karl Wolfgang Flender: Helden der Nacht

Es ist schon mutig, nach dem Vorbild oder im Stile von Dashiel Hammet und/oder Raymond Chandler zu schreiben. Das wird schwer, das liegt in der Natur der Sache. Ist es den altvorderen Kriminalliteraten eigentlich immer gelungen, seinen Detektiven ein klares Profil zu geben, auf das man sich verlassen konnte. Am Ende des Falles kommt noch eine letzte Kurve und Philip Marlowe schaut irgendeiner Frau in die Augen, und der Fall war eigentlich gelöst und dann wieder nicht. Denn richtig glücklich war Marlowe nie, denn die ganz großen Haie, haben sich doch immer wieder raus gewunden. In etwa versucht Karl Wolfgang Flender dem gerecht zu werden.

Herausgekommen ist eine zu Anfang noch nachvollziehbare Story eines vor dem Ruin stehenden Detektivbüros, vertreten durch den Junior Bryan Auster und einer Kriminalkommissarin namens Colleen McCollum. Und schon kommen erste Irritationen, bzw. ich habe nicht verstanden, warum Auster seine Sicht der Dinge im Imperfekt erzählt und Colleen immer in der Gegenwart. Außerdem irritiert, dass man lange Zeit gar nicht weiß, wo man eigentlich ist. Der Autor gibt den Beteiligten amerikanische Namen und man wähnt sich in der Falle, weil man nicht weiß, sind wir in New York oder in Berlin. Weiterlesen

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Rachel Cusk: Kudos

Deprimierend gut, so würde ich einleiten, wenn man mich fragen würde. Ein existenzphilosophischer Roman, eine Spiegelung menschlicher Dramen und einer Traurigkeit der Welt. Aber es ist schön, mal wieder so geerdet zu werden. Vielleicht beobachtet man die Menschen nach diesem Buch mal wieder etwas genauer, hört intensiver zu und vergleicht sein eigenes Leben bzw. kann es vielleicht besser einordnen. Rachel Cusk ist ein Roman gelungen, das einen innehalten lässt, wie selten.

Es steht ganz im Widerspruch unserer heutigen „Alles gut“ – Antwortrealität, wobei man genau weiß, das stimmt bei keinem von uns. So ist das Leben nämlich nicht angelegt. Weiterlesen

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Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne

Schon lange habe ich keinen Roman mehr gelesen, den ich gleich von Anfang an wieder weglegen wollte. Dieser Roman und ich, wir passen nicht zueinander. Dabei kenne ich das System, den Aufbau, die Produktion ganz gut. Denn hier geht es unter anderem um die Subjektivität des Erlebten, um die Relativität der Eindrücke. Ein und das gleiche Ereignis wird unterschiedlich interpretiert. Wir haben es mit drei Mittelschichtsehen zu tun. Es gibt einen Spontispruch, den ich für dieses psychopathologische und zweifelhafte Reihenhausvorortidyll leicht abgeändert habe: „In Gefahr und höchster Not, bringt die Mittelschicht den Tod“. Eltern und Kinder kommen abwechselnd mal länger mal kürzer zu Wort um ihre jeweilige Sicht der Dinge und den Lauf der Ereignisse zu kommentieren. Lexchen als eine Art Oskar Matzerath beschrieben, weil obwohl schon acht Jahre, sie anscheinend das Wachstum eingestellt hat.

Vielleicht passt hier das Bild aus der Blechtrommel: Bei all dem Psychoscheiß um sie herum, das Wachsen einstellen, warum auch nicht. Weiterlesen

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Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Dieses Buch liest sich wie ein gut geölter Motor, der nicht stottert oder irgendwelche besonderen Geräusche von sich gibt. Sollte also jemand sich sowohl gut unterhalten fühlen wollen als auch eine Einschlaflektüre suchen, dann ist man bei diesem Buch zu hause. Ein Genuss ohne Reue sozusagen, aber eben auch kein Knaller. Weil, außer eine Familientragödie, die unvermittelt die Lebenspläne eins der vier Hauptprotagonisten zerstört, passiert nicht viel. Das Buch läuft mit seinen ewigen Rückblenden wie an der Schnur gezogen vorwärts.

Wir begleiten die anfangs schüchterne Greer Kadetzky auf ihren Weg. Dabei sind noch ihre Jugendliebe Cory und die homosexuelle Zee, die Greer an der Uni kennenlernt. Leicht in Fahrt kommt der Roman durch die frühe Begegnung von Greer mit der bekannten Frauenrechtlerin Faith Frank,  die sie fortan nicht mehr los lässt und auch inhaltlich ihr Berufsleben bestimmt. Interessant sind die Ausflüge in die Historie der amerikanischen Frauenbewegung und ihre vorreitenden Zeitschriften wie „Bloomer“. Weiterlesen

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Robert Harris: Konklave

Nicht, dass ich die Trachtentruppe im Vatikan jemals ernst genommen hätte. Dazu bin ich viel zu weit vom Klerus entfernt und versuche eher, einen gewissen Humanismus zu leben, bin Darwinist und fast schon Atheist. Das hindert mich aber nicht, sprachlos vor Staunen durch den Vatikan zu stolpern, denn die Augen sind immer irgendwo und nie am Boden um schließlich in der sixtinischen Kapelle nur noch nach oben zu gucken. Eben Michelangelo. Dass Menschen in der Lage sind, so ein Bauwerk, solche Gemälde zu erschaffen. Eigentlich unfassbar. Und für was?

Trotz allem legt Robert Harris eine spannende Geschichte über eine Papstwahl vor und vergnügt lernt man, bei aller Spannung die grade Harris in der Lage ist, zu vermitteln, wie denn so eine Konklave eigentlich abläuft. Also inner circle sozusagen. Und vor allem liest man genüsslich, dass es (als wenn wir es nicht vorher gewusst hätten) bei den Jungs mit den bedenklichen Hüten und Umhängen auch nicht anders zugeht, wie im richtigen Leben Weiterlesen

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Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland

Ja! Ja! Ja! Und alle Sterne und meinetwegen den deutschen Buchpreis, oder was immer! Schiefelbusch ist es mit Hochdeutschland gelungen, die Absurdität unseres Daseins, unser Leben im Deutschland des Spätkapitalismus, den Widersinn unserer eigenen Vorstellungen, die Obszönität der Hure Geld, etc., endlich richtig zu verorten und klarzustellen. Wir leben in einer unglaublichen Dynamik, voller bescheuerter Ideologien und sonstigen Dummheiten und der Zug rast, voll mit frohgelaunten, feierwütigen deutschen Kegelbrüdern und quiekendem Wellfleisch auf Junggesellinnenabschied, dem Abgrund entgegen. Victor ist erfolgreicher Investmentbanker in einem Frankfurter Glaspalast und bleibt trotzdem auf wundersamer Weise das ganze Buch durch sympathisch.

Er reitet gekonnt auf hohem Ross durch das Durcheinander der deregulierten Märkte und der Sackgasse des Neoliberalismus und macht damit so unvorstellbar viel Geld wie auch jetzt wieder mit dem Gespür, dass was anders werden muss, bis hin zur verdeckten Verstaatlichung zum Beispiel der Energiewirtschaft. Weiterlesen

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Tim Krohn: Erich Wyss übt den freien Fall

Ich bleibe dabei, auch beim zweiten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ (s. meine Kritik: Herr Brechbühl sucht eine Katze) In der Fortsetzung befinden wir uns nun im Jahre 2001. Wir alle wissen, wie dieses Jahr die Welt verändert hat: 9/11! Und so kommt es, dass diese furchtbare Katastrophe sich auch in die Geschichten in und um das Haus widerfinden. Schließlich werden die Anregungen für Stories ja auch von Lesern vorgeschlagen.

Tim Krohn spinnt sich daraus eine Art „Lindenstraße“, die ich zwar nie gesehen habe, aber wo das Drehbuch sich sicher auch daran hält, die persönlichen Geschichten mit denen aus der Realität korrespondieren zu lassen. Man hat die Figuren aus dem ersten Band ja bereits lieb gewonnen und Weiterlesen

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