Lutz Wilhelm Kellerhoff: Die Tote im Wannsee

Ein Schwarz-Weiß-Film als Buch. Die drei Autoren, die Herren Lutz, Kellerhoff und Wilhelm, machen ein Jahrzehnt wieder lebendig, in dem sie die Bilder, die man irgendwo gespeichert hat, durch ihre Beschreibungen der Szenerien des Berlins Ende der sechziger Jahre, sofort wieder vor Augen hat. Die Demonstrationen in Berlin, bis dahin in Deutschland nie für möglich gehalten, mit für die Beteiligten überraschender Gewalt und Hilflosigkeit auf allen Seiten. Rennende Schupos mit Tschakos auf den Köpfen, Demonstrationsketten mit entsprechen Schlachtrufen, Wasserwerfer, brennende Barrikaden, alles da.

Dazu die Namen von damals: Mahler, Meins, Dutschke, Kommune 1, die späteren RAF Namen, und zur Folklore die jungen Liedermacher Wader und Mey. Man wähnt sich im Bonner Haus der Geschichte oder in der RAF Ausstellung, die ich in Berlin (!) vor Jahren besucht habe. Dazu durchzieht das ganze Buch die unsägliche, so genannte Entnazifizierung, die, gelinde gesagt, in Deutschland als geradezu lächerlich durchzogen wurde. Weiterlesen

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Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng

Mallorca, absolute Nebensaison – wenn es das dort überhaupt noch gibt! Aber der private Ermittler Cheng braucht ein paar Tage Ruhe. In dem verschlafenen kleinen Hotel auf der Insel wohnt allerdings neben unserem einarmigen und leicht verdrehten Wiener Dedektiv Cheng,  u.a. ein weiterer Gast, den Cheng, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Hörensagen kennt. Der Gast ist nämlich der berühmte Synchronsprecher Peter Polnitz, der – evtl. vergleichbar mit Christian Brückner (Robert de Niro, Robert Redford, etc.), die Stimme des Kino-Weltstars Andrew Wake ist. Die beiden unterhalten sich relativ zwanglos und die Sache wäre bald vergessen gewesen, wenn nicht ca. ein Jahr später genau dieser Peter Polnitz in einem Londoner Hotel verhaftet wird, wegen Mordes an eben den Filmstar Blake. Weiterlesen

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Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Vielleicht kennen einige die sehr gute Stephen King Kurzgeschichte „Stand by me – Das Geheimnis eine Sommers“. Da geht es um die Verdichtung, bzw. Nacherzählung der Erlebnisse von vier Freunden die sich um den Fund einer Leiche im Wald dreht. Stephen King hat hier wunderbar die Atmosphäre des Heranwachsens, den Zwist mit Erwachsenen und der örtlichen Halbstarkenszene eingefangen. Vielleicht waren das damals in den USA die Fünfziger. Es geht um den Rückblick einer Erlebnisstrecke die Jahre her ist; in diesem Fall, im Roman von Ulrich Woelk, um das Jahr 1969. Die Apollomissionen waren da hochaktuell und eigentlich interessierte unseren Ich-Erzähler Tobi, damals 11 Jahre, nichts anderes.

Die Dinge liefen wie sie mussten, Vater, Mutter, Kind, Vorstadteigenheim. Gute Lage, guter Job – eben all die Bürgerlichkeit. All dies wird durch den Zuzug einer neuen Familie als Nachbarn gesprengt. Diese ist auch dreiköpfig und Rosa, die Tochter, zwei Jahre älter als unser Tobias. Weiterlesen

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Wolf Haas: Junger Mann

Mal was leichtes, federndes für zwischendurch. Vom Großmeister literarisch, komödiantischer Krimis im Wiener Milieu (Kommissar Brenner) fein gezeichnet, und mit einem ständigen Schmunzeln auf den Lippen zu lesen. Der „junge Mann“, ich glaube der Vor- oder Familienname wird nie erwähnt, erzählt von sich selbst und von seiner ersten großen Liebe und von einem Typ namens Tscho, vor dem er Respekt hat, ihn vielleicht auch heimlich bewundert und dessen Freundin und spätere Frau Elsa, in die sich der „junge Mann“ herrlich verliebt. Elsa selbst ist äußerst kokett ihm gegenüber und lässt den Altersunterschied einfach mal weg in dem sie kräftig mit dem (sagen wir ca.) Vierzehnjährigen flirtet, wenn Tscho mit seinem Scania LKW mal wieder auf dem Autoput Richtung Teheran unterwegs ist.

Der „junge Mann“ arbeitet in den Sommerferien an der Tankstelle eines unbestimmten Ortes nicht weit von der deutschen Grenze in Österreich und fühlt sich in seiner pubertierenden Zeit einfach zu dick. Zu Hause hat er eine fürsorgliche Mutter, die ihn zu sehr füttern will, und sein Vater, köstlich beschrieben, hat einen kleinen psychischen Schatten in der Landesklinik aufzuarbeiten. Weiterlesen

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Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt

Es ist doch super, wenn das erste Buch des Jahres gleich so ein Superlativ ist. Es tat so gut es zu lesen, dass ich aufgepasst habe, mich durch nichts stören zu lassen, wenn ich es las. Weit entfernt von Erlebnissen mit Romanen, die ich am liebsten schon nach hundert Seiten aufgegeben hätte oder bei denen ich anfing quer zu lesen um zum Ende zu kommen. Bei Hilmar Klute habe ich jeden Satz genossen. Um sogar eine gewisse Beklemmung zu spüren, weil auch dieses Buch ein Ende hat – willze machen! Ich hätte es immer weiterlesen können.

Hilmar Klutes Figur Volker Winterberg (wie viel Klute steckt darin?) ist ein Lyrikfan – und selber junger Dichter -wie er im Buche steht (!) und so komme ich gleich zur zweiten Ebene dieses Romans: er macht bekannt mit all den großen Dichtern und Lyrikern unserer (Nachkriegs-) Zeit, vor allem die, welche die Gruppe 47 bildeten, mit all den Namen wie Rühmkorf, Uwe Johnson, Reich – Ranicki oder auch sonstige literarische Helden wie Böll, Gernhardt, ach was weiß ich…Und immer wieder Nicolas Born, Grass, Handke, Walter Richter! Weiterlesen

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Walter Wüllenweber: Frohe Botschaft

Sensationelles Buch zur richtigen Zeit. Walter Wüllenweber gelingt mit diesem (Sach-)Buch ein Paradox zu beschreiben, weil es gleichzeitig warnt und entspannt.

Man sich endlich mal Zeit nehmen kann, sich zurückzulehnen, weil die Dinge tatsächlich mal so wie sie sind bewertet werden – in allen positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte  – und man wiederum im nächsten Moment aufschreckt, ob der unglaublichen Ungerechtigkeit in der Verteilung des Reichtums und der Ressourcen in dieser Welt! Dabei ist es immer wichtig, seine eigene Position zu orten, denn die Frage bleibt, wie und was hab ich damit zu tun und was geht überhaupt noch, wenn ich mich einmische? Es ist, so analysiert Wüllenweber richtig, so leicht, sich auf den „Es-geht-eh-alles-den Bach runter-Virus“ zu berufen und dann mit guten Freunden in ebensolchen Restaurants mit einem noch besseren Roten anzustoßen. Mich hat dieses Buch schwer beeindruckt, denn die gnadenlose Zusammenfassung der letzten Jahrzehnte, in denen es – auch mir – immer besser ging und die Verhältnisse (immer natürlich relativ und von statistischen Werten ausgehend ) wie, Z.B. „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ (erinnern wir uns an Willy Brandt Anfang der  70ger) tatsächlich besser wurden. Weiterlesen

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Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

Ein sehr trauriges Buch. Aber verdammt gut. Salisbury ist der Ort in England in dem sich nicht nur die besagten Flüsse treffen, sondern es ist auch der Ort eines Mopedunfalls. Dieses Geschehen wird von unterschiedlichsten Menschen gesehen, erlebt, bewertet oder sogar herbeigeführt. Fünf Schicksale kollidieren, und alle gehen einen eigentümlich nah.

Es ist letztendlich die Eindringlichkeit mit der Barney Norris seine Figuren zeichnet. Ein Roman über Einsamkeit, Alkoholmissbrauch, Projektionen, Träumen aber vor allem kleine und mittlere menschliche Katastrophen, in die man selbst bitte nicht hineintappen will. Aber wir leben alle nicht in Sicherheit und müssen zusehen, wie wir klarkommen. Das Leben ist immer auch Drama!

Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse.
DuMont Buchverlag, April 2018.
320 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Ich bin ganz ehrlich: der erste Teil hat mich echt umgehauen. Einsame Klasse. Der zweite Teil hat mich überrascht und der dritte Teil, da sage ich jetzt: na gut. Wenigstens gibt es keinen Vierten. Weil ich diese Atemlosigkeit des ersten Bandes nicht wieder gefunden habe, erst nicht im zweiten Teil und im Dritten schon gar nicht. Trotzdem ist es natürlich wieder in Teilen riesig: Sätze wie in Stein gemeißelt. Mit einer weltwissenden Schärfe und Analysekraft wird unsere Gesellschaft seziert und brillant zerlegt.

Ich komme allerdings mit den vielen, immer mehr werdenden Figuren nicht mehr klar, die sich irgendwie um den nunmehr eher als Guru in Erscheinung tretenden Vernon, versammelt haben. Vernon Subotex tritt immer weiter in den Hintergrund, wird zum esoterischen Satelliten, der in den Gedanken seines Gefolges kreist. Weiterlesen

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Tja, ich kann mich nicht in den Reigen der Lobhudeleien einreihen, sagen wir, ich bin eher frustriert. Aber fangen wir mal mit dem an, was mich so unberührt lässt, und das „Berührtsein“  sollte ja der Sinn einer guten Geschichte sein. Ich konstruiere mal folgendes Szenario: treffen sich zu einem geheimnisvollen literarischen Zirkel folgende Weltbestseller in Persona: Michael Köhlmeier (z.B. Joel Spazierer), Carlos Ruiz Zafón (Der Schatten des Windes), Christoph Ransmayr (Die letzte Welt, Cox oder der Lauf der Zeit) und Umberto Eco (Der Name der Rose). Erwarten könnte man noch Patrick Süskind, als Experte für pathologische Sucht nach Erfüllung und Philip Roth und/oder Paul Auster für die Schattenseiten von New York.

Der kleine Gunnar Kaiser sitzt unter dem Tisch, wenig beachtet von dem illustren Kreis, und notiert sich heimlich die Stichworte der Herren Monsterliteraten, die den Roman der Romane diskutieren. Inhalt:  das Buch als Gesamtkunstwerk, als quasi göttliches Wesen, von außerirdischer Schönheit, unbezahlbar und deshalb von unbezähmbarer Gier gejagt. Nicht nur das Wort zählt, der Einband ist genauso entscheidend. Weiterlesen

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Karl Wolfgang Flender: Helden der Nacht

Es ist schon mutig, nach dem Vorbild oder im Stile von Dashiel Hammet und/oder Raymond Chandler zu schreiben. Das wird schwer, das liegt in der Natur der Sache. Ist es den altvorderen Kriminalliteraten eigentlich immer gelungen, seinen Detektiven ein klares Profil zu geben, auf das man sich verlassen konnte. Am Ende des Falles kommt noch eine letzte Kurve und Philip Marlowe schaut irgendeiner Frau in die Augen, und der Fall war eigentlich gelöst und dann wieder nicht. Denn richtig glücklich war Marlowe nie, denn die ganz großen Haie, haben sich doch immer wieder raus gewunden. In etwa versucht Karl Wolfgang Flender dem gerecht zu werden.

Herausgekommen ist eine zu Anfang noch nachvollziehbare Story eines vor dem Ruin stehenden Detektivbüros, vertreten durch den Junior Bryan Auster und einer Kriminalkommissarin namens Colleen McCollum. Und schon kommen erste Irritationen, bzw. ich habe nicht verstanden, warum Auster seine Sicht der Dinge im Imperfekt erzählt und Colleen immer in der Gegenwart. Außerdem irritiert, dass man lange Zeit gar nicht weiß, wo man eigentlich ist. Der Autor gibt den Beteiligten amerikanische Namen und man wähnt sich in der Falle, weil man nicht weiß, sind wir in New York oder in Berlin. Weiterlesen

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