Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen

Es ist die Story eines Tagebuches. Oder auch ein Roman über eine Reise. Aber ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das ein Roman ist. Ich bleibe mal bei „Reisetagebuch“. Die Geschichte fängt mit einem mühsamen Aufstieg zum Kilimandscharo an und Hans, unser Ich Erzähler, bzw. Chronist dieser Reise, trifft, anstatt Ruhe und überwältigende Gefühle am Gipfel, bzw. am Krater des „Kibu“ zu finden, eine Gestalt namens Tscharli, der ihm anfangs seine Nerven raubt. Mit seiner bayerischen Respektlosigkeit und Arroganz, mit schrägen bis (vermeintlich) rassistischen Ansichten über Land und Leute, bringt er den Hansi (Hans ist unser Globetrotter und Reiseschriftsteller) zur Weißglut.

Allerdings fällt dem Hansi relativ fix auf, dass dieser Tscharli in „Afrika“ bzw. in dieser Gegend eine Berühmtheit ist und die Guides eben diesen Tscharli als familienzugehörig betrachten und sogar verehren. Nun passiert es, dass ein Schneesturm über den Berg fegt und es tatsächlich äußerst schwierig ist, anschließend wieder herunterzukommen. Zumal Tscharli, mal vorsichtig gesagt, Blut und Wasser scheißt, also – echt krank aussieht und auch ist. Weiterlesen

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Frank Goosen: Kein Wunder

Das Berlin der Achtziger hatte immer was Verstörendes an sich. Es ist genau die Zeit, in der auch ich des Öfteren über Helmstedt nach Berlin gurkte. Mal mit Band, mal einfach so oder zu einem Pokalspiel. Alleine das sich nähern an die Grenzkontrollen… ich kann heute noch das Gefühl in mir schmecken von dieser absurden (zu leicht, ich weiß) Scheiße. Jedenfalls spielt Goosens Roman Ende der Achtziger, also kurz vor dem Mauerfall. Wunderbar beschrieben sind Dialoge zwischen Ost – und Westlern, noch nicht geprägt von dem baldigen Zusammenbruch, sondern eher davon, dass keiner überhaupt einen Plan hat. Außer Fränge, aber das hat eher mit seinen Frauengeschichten zu tun. Als Westler in Berlin darf er rüber und hat, so ist er nun mal, auf jeder Seite eine Flamme, Marta in Westberlin und Rosa im Osten.

Förster, den wir ganz nah begleiten, fährt mit Brocki, den gemeinsamen Kumpel Fränge in Berlin besuchen. Fränge, Brocki und Förster sind Bochumer Szenegeschichte. Nur ist Kneipenleben in Berlin eben doch was anderes als Tief im Westen. Weiterlesen

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Markus Orths: Picknick im Dunkeln

Huch! Das erste Buch des Jahres und gleich ein furioser, hoch unterhaltsamer Ritt durch das „Nichts“ oder durch eine Zeitschleife ohne Beginn und Ende;  oder auch, sagen wir,  ein Treffen in der „Seelenzeit“, nämlich da wo man längst tot ist und es relativ egal ist, wann wer gestorben ist. Verstanden? Nun, das ist der Hintergrund dieser metaphysischen Begegnung in vollkommener Dunkelheit, im schwärzesten Schwarz, was man sich vorstellen kann, eben irgendwo auf der anderen Seite, wo Zeit und Raum egal sind, man sich zwar noch verstofflicht fühlt, aber das eben nicht mehr „ist“. Stan Laurel, genau der, der geniale „Doof“ mit dem Partner „Dick“ (Oliver Hardy), also Stan wird wach (obwohl…?) in eben dieser Schwärze und kann sich nichts erklären. Er tastet sich voran und fühlt sogar glatte metallische Wände.

Wir nehmen Teil an diesem Rätsel und auch schon hier startet sein Bericht über sein Aufwachsen, eben über alles, was seine Vita ausmacht, seine Frauengeschichten, seine unbändige Lust Theater zu spielen und die Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch seine kummervollen Reisen, als Filmstar auf der einen – und als hoch melancholisch veranlagter Mensch, auf der anderen Seite. Nachdem er sich „eine Zeit lang“ vorgetastet hat, stolpert er über einen Menschen, eher ein Fleischberg in Relation zu ihm. Es handelt sich um den nahezu 700 Jahre vorher verblichenen Thomas von Aquin, großer religiöser Denker seiner Zeit. Weiterlesen

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Adam Brookes: Der chinesische Verräter

Verdammt lang her, dass ich einen Spionage Thriller gelesen habe. Aber ich vertraute mal einem Tipp des Buchhändlers meiner Wahl und hatte ein paar Tage Urlaub. Ich muss sagen, genau richtig! Der Roman besticht durch Aufbau und Spannung, Direktheit und gnadenloser Weltsicht. Eine, die, wie zu vermuten ist, zu den neuen Todsünden der Menschheit gehört: Cyberkrieg. Und die Gier der jeweiligen beteiligten Staaten, durch ihr Agentennetz Vorteile zu erlangen. Menschenleben sind dabei egal. Das große Ziel bleibt, wie bei alle diesen verrückten Entwicklungen im mörderischen Kapitalismus oder im China von heute, einen Vorteil vor der Konkurrenz zu haben. Mit der fragwürdigen Begründung, dass, wenn man es nicht selbst macht, tun es die anderen sowieso. Und so schaukelt sich das Ganze hoch. Wir befinden uns im China dieser Tage beim Ausbruch eines Gefangenen namens Peanut (ein Art Deckname), der im Jahre 1989 am 4 Juni bei den Unruhen auf dem Tiananmen Platz gefangen und eingekerkert wurde. Irgendwo in einer staubtrockenen Wüste, zig Kilometer von der nächsten Stadt. Der normale Weg ist, hier zu sterben. Doch Peanut wurde nicht gebrochen, ihm gelingt nach zwanzig Jahren eine unglaubliche Flucht. Weiterlesen

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Jan Weiler: Kühn hat Hunger

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man so eine Diät, noch dazu mit völlig bescheuerten Ansprachen und Direktiven, überhaupt überstehen kann. Um so etwas anzugehen, müssen die Dinge ziemlich schief laufen. Und das tun sie offensichtlich bei Kommissar Kühn. Er fühlt sich in seiner Haut nicht mehr wohl, und merkt auch, dass seine Frau Susanne sich distanzierter verhält, also ran an den Speck und die „Ferdie Caparacq Methode“ angewandt. Er will als Mann wieder attraktiver, begehrlicher sein. Seinen Platz zurück erobern, sozusagen. Nun kann man ja so eine Tortur einfach so angehen, wenn rings herum kein Stress ist. Aber wieder nix. Ein komplizierter Fall fordert das Gespür des ganzen Kommissars. Trotz ständigem Hunger. Eine junge Frau wird gefunden in einem Baustellenloch und in der Nähe ist ein Campingplatz. Bitter die Parallele zu Lügde, das wird ja grade erst gerichtlich aufgearbeitet und immer noch kommen schlimmste Nachrichten ans Tageslicht.

Parallel zu Kühns Hungerkur verfolgen wir die Psychopathologie zweier Gestalten, die versuchen unter dem Radar eines normalen Lebens klar zu kommen, obwohl sie beide schlimme Vorstellungen vom und mit dem Leben der Frauen haben. Sie beobachten lieber, setzen sich dann vor dem Screen. Weiterlesen

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Burkhard Spinnen: Rückwind

Wenn man entscheidende Daten der Weltgeschichte, wie ZB. den 8. Mai, den 6. August, den 11.September, den 9. November, etc. auf der einen Seite sieht – und auf der anderen Seite alles auf das entscheidende persönliche Datum eines Einzelschicksals herunter bricht, dann ist in diesem Fall der 9. April 2018 für Hartmut Trössner der Weltuntergang. Trössner, ein „everybodys darling“ der Ökoszene, der trotz familiärem Durcheinander doch noch Erbe eines Windkraftimperiums wird. Darüber hinaus hat Trössner eine bekannte Seriendarstellerin zur Frau – und einen Sohn mit ihr, aber er verliert an diesem besagten Datum alles: Frau, Sohn, Haus, sein milliardenschweres Windkraftunternehmen…alles. Ein beispielloses Beispiel von Murphys Gesetz. Trössner versinkt in sich selbst, verrottet innerlich, keine Therapie, kein Gespräch kommt monatelang in der Klinik an ihn heran, man kann das posttraumatische Depression nenne, aber irgendwie ist das noch schlimmer. Das wir das alles wissen, verdanken wir einer Art Schutzengel, oder seinem alten Ego, welches in ihm überlebt und der ihn tatsächlich auf seiner „Widergeburt“  begleitet. Und der als Ich – Erzähler die ganze Handlung erzählt. Langsam kommt also Hartmut Trössner zu sich selbst zurück. Und hat zum Ende dieses heißen Sommers einen Plan. Weiterlesen

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Martin Simons: Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon

Heute Mittag erreichte mich die Nachricht, dass die Frau eines meiner besten Freunde verstorben sei. Von Diagnose und Krankheitsverlauf war das irgendwann zu erwarten, aber trotzdem trifft Dich die Nachricht immer wie ein Hammer. Sofort fand ich mich wieder, denn meine Frau starb vor ziemlich genau neun Jahren. Sehr krank zwar – aber immer „plötzlich und unerwartet“.

Relativ schnell legt sich so eine Art „Welpenschutz“ über dich und du bist froh über die technokratischen Hürden, die jetzt zu bewältigen sind. Bestatter, Ämter, all der Scheiß. Einfach funktionieren! Gleichwohl hast Du von Anfang an das Gefühl, dass neben oder unter dir dieser große, schwarze, tiefe und undurchdringliche See liegt, der von nun an auch an Dir zerrt und dich zu verschlingen droht. Auch ich war schon auf dem Sprung. Ich kenne diesen Sog. Dein Job ist es nun, dem irgendwie zu widerstehen. Sei es durch therapeutische Begleitung oder der Sicherheit mit guten Menschen zu tun zu haben für die du sogar noch Verantwortung hast. Über allem liegt aber ein Thema: die Endlichkeit des Lebens!

Warum diese lange Einleitung? Parallel zu der obigen Nachricht lese ich, wenn es sich nicht so marktschreierisch anhören würde, ein sensationelles Buch zum Thema. Eben die Endlichkeit. Martin Simons ist der, der seine Erfahrungen beschreibt – ausgehend von einem seltsamen Blutgerinnsel, Aneurysma, oder ähnlichem im Hirn, welches bei ihm, grade Mitte 40 oder so, einen Schlaganfall auslöst. Weiterlesen

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Lucas Vogelsang & Joachim Król: Was wollen die denn hier?: Deutsche Grenzerfahrungen

Ich kann mir nicht helfen, aber so langsam komme ich auch zu der Überzeugung, dass es vor 30 Jahren nichts anderes war als eine Art feindliche Übernahme, oder auch eine Annektion der DDR. Heute im Rückblick bleibt mir fast die Spucke weg, wenn ich darüber nachdenke, wir wenig ich selbst darüber nachgedacht habe, was das alles für die Menschen dort bedeutete. Mir war „Dunkeldeutschland“ eigentlich immer relativ egal, auch die Maueröffnung habe ich, soweit ich mich noch erinnere, relativ emotionslos erlebt. Am 9. November 1989 saß ich in einem Konzert von (ausgerechnet) Franz Josef Degenhardt, der, wie wir alle wissen, sicherlich sprachlos ob der Entwicklung in „seiner“ DDR war und trotzdem eisern seine Nummern spielte und sich wahrscheinlich abends mit Valpolicella zugedröhnt hat. In der Nachwendezeit hatte ich jahrzehntelang Mühe, die „neuen Bundesländer“ aufzählen zu können und erst heute kann ich sie fehlerfrei geographisch zuordnen. Ebenso die Städte, deren Lage ich aber schlimmer Weise nahezu ausschließlich über die Neonazi – und Pegida Beklopptheiten zu finden lernte. Warum diese lange Einleitung? Es geht doch um dieses wunderbare Buch „Was wollen die denn hier?“ Diese, sagen wir Reportage, glänzt schon allein durch seine Produktion: der eine ein Schauspieler, der sich einen Wunsch erfüllt, der andere der leise, lyrisch Beobachtende der jeweiligen Szenerie. Und die führt uns über das Ruhrgebiet bis an die Ostsee. Thema ist die Begegnung mit Menschen, die allesamt in der DDR aufgewachsen sind, aber die den Mauerfall und ihre Zeit davor und danach aus unterschiedlichen Perspektiven bewerten. Weiterlesen

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Stig Sæterbakken: Durch die Nacht

Puh, das ist ein hartes Stück Brot. Kaum zu kauen und noch schwerer zu schlucken. Ausgangspunkt ist eigentlich ein heute nicht seltenes (Beziehungs-) Drama: ein Mann im gestandenen Alter, erfolgreicher Zahnarzt mit einer Vorzeigefamilie die aus seiner Frau Eva und den beiden Kindern Stine und Ole-Jakob besteht, verlässt dieses Idyll unerklärlicherweise für eine zwanzig Jahre jüngere Geliebte, namens Mona. Dieses kurze Aufflammen endet allerdings in einer Katastrophe. Was dann kommt, ist ein Selbstzerstörungsroman, kafkaesk oder an Altmeister Edgar Allen Poe gelehnt, verrückterweise im Stil auch erinnernd an Literaturerlebnisse des letzten Jahres, verfasst von Haruki Marukami „Die Ermordung des Commendatore“ (1+2). Es gibt nicht nur die eine Seite, das nachvollziehbare, gleichwohl Unfassbare, welches ein traumatisches Ereignis auslöst: nämlich der Selbstmord des Sohnes des Ich – Erzählers. Weiterlesen

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Inger-Maria Mahlke: Archipel

Es ist nicht das erste Mal, dass mir eine Entscheidung der Jury für den Deutschen Buchpreis komisch vorkommt. Bei „Die Habenichtse“ von Katharina Hacker kam ich mir sogar richtig verarscht vor. Oder „Tannöd“ (A.-M. Schenkel), ich erinnere mich noch, deutscher Krimipreis. Lächerlich. Dann wieder gibt es Highlights und verdiente Ehrungen wie für „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff, ach ich weiß es doch auch nicht und vielleicht Geschmackssache!  Naja, aber jetzt frage ich mich schon wieder, was das soll? „Archipel“ ist zwar von der Inselbeschreibung her, also das was hinter der Tourismusschiene, sozusagen auf der Rückseite von Teneriffa, an wirklichem Leben und Elend geschieht und geschah, sehr nah dran, aber die Familiengeschichten, von der Gegenwart zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert verfolgt, bleiben eine einzige Anstrengung.

Da nutzen auch die (zur Hilfestellung) aufgeführten Namenslisten der vorkommenden Personen nichts, denn das immer wieder Vorblättern hilft dann auch nicht, wenn man grad wieder jemand neues im Buch vorfindet – der vorne nicht genannt wird – und vergeblich nach irgendeiner Affinität sucht. Weiterlesen

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