Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Wenn man sagt, das etwas des Guten zu viel ist, dann meint man doch, dass da zwar was etwas Gutes als Grundlage da ist, aber durch das zu viele Gute etwas sich selbst verwässert. Verständlich? So ging es mir nach diesem Büchlein von Jocelyne Saucier, einer Frankokanadierin, die folgende gute Geschichten,  in einen Roman packt: 1. Eine Geschichte dreier alter Männer, die der Zivilisation den Rücken gekehrt haben und  so etwas wie ein eigenes Palliativzentrum als Einsiedelei für sich aufgebaut haben, um – sagen wir – in Ruhe zu sterben. 2. Eine Geschichte über Feuersbrünste in Kanada am Anfang des 20. Jahrhunderts mit vielen Toten, aber auch ein paar Überlebenden, einer davon ist oder war einer der alten Männer. 3. Die Geschichte einer zierlichen alten Dame, die drei Viertel ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat. 4. Ein Fotografin, die reges Interesse an den Überlebenden der Feuersbrünste hat und deren Geschichte dokumentieren will. Weiterlesen

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Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Vor mir liegt ein Bildungsroman, den ich mit Vergnügen und Eifer gelesen habe. Eifrig, was für ein bescheuertes Wort, aber hier passt es eben. Es sind zwei Größen des letzten Jahrtausends um die es hier geht, eben Karl Marx und Charles Darwin! Sie haben das Denken, die Richtung, die Aufklärung und überhaupt alles revolutionär geprägt, in dem sie den Ballast hinter sich gelassen, den Klerus und Feudalismus, beide schon immer Hand in Hand arbeitend, in vielen Jahrhunderten zu ihrem Nutzen aufgeschichtet haben. Marx und Darwin und räumen auf. Darwin erkennt die Gesetzmäßigkeiten der Evolution und Marx eben die des Kapitals uns seiner Gier, sich selbst zu aufzufressen. Weiterlesen

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Svenja Gräfen: Das Rauschen in unseren Köpfen

Mich erinnert dieser Liebesroman, bzw. er fügt sich nahtlos ein, an den Sprachstil und der Inhalte,  der  zur Zeit auf allen „Happy Wellen“ im Radio laufenden neuen Schlager-Schnulzen, wie von Revolverheld, Silbermond, Holofernes, Max Giesinger oder Marc Forster, etc… Da geht der Himmel auf, der Bauch ist voll Zement, man verschenkt Sonne, Mond und Sterne sowie Regenbögen, Wellen und Wolken mit der Nummer 7! Träume platzen, etc.! Nun gut, man kann ja ausmachen und wer war nicht schon mal verliebt.

Die Geschichte kann man schnell zusammen fassen: zwei innige Freundinnen, auch Klassenkameradinnen, machen gemeinsam Abi und irgendwann ziehen sie zusammen in ihre erste Wohnung. Man lebt wohlbehütet noch, wenn auch als naher Satellit etwas entfernter vom Elternhaus, man flirtet und feiert viel in Clubs und durch Nächte, hier und da Urlaub am Meer oder träumend im Gras im Stadtpark. Weiterlesen

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Wenn mich jemand fragen würde, ob ich moderne,  gute, französische Literatur empfehlen könne, dann hätte ich natürlich folgende Antwort parat: 1. „Unterwerfung“ von Michel Houlellebecq und dann gleich danach von 2. Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex“. Unbedingt lesen! Um gleich einen Strick dazuzulegen. Ehrlich, „Unterwerfung“ war schon niederschmetternd, aber Despentes holt uns aus allen Träumen von einem lebenswerten Leben mit Hoffnung auf Zukunft. Das Buch schreit uns förmlich an: „Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Bist Du blind und siehst die ganze Scheiße nicht? Wo lebst Du eigentlich? Und warum machst Du Dir immer noch was vor? Sieh gefälligst hin, Du Träumer!“ Ja, so kann es einem gehen, wenn man sich durch das Buch gebissen hat. Weiterlesen

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Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Hospiz- oder zu Hause sterben? Ein großes Thema. Überall gibt es mittlerweile Möglichkeiten, um sich bei karikativen- oder kirchlichen Organisationen zum Sterbebegleiter ausbilden zu lassen. Das ist nicht leicht, denn man kommt, noch vor der Begegnung mit einem oder einer Sterbenden, auf jeden Fall an seine Grenzen. Susann Pásztor hat uns mit diesem Roman den Einstieg leicht gemacht. Karla hat ihr Leben so gelebt, wie sie auch sterben möchte, eben unter ihren Bedingungen.  Karla ist eigensinnig, sogar zickig, aber im Kern auch milde und warmherzig. Und sie hat vielleicht noch ein halbes Jahr.

Fred wird ihr, ehrenamtlich Sinn im Leben suchend, zugeteilt. Karla ist Freds Erste. Er ist entsprechend nervös. Weiterlesen

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Mohsin Hamid: Exit West

In diesen Zeiten fühle ich mich in der Welt so, als wäre ich ein Protagonist eines Science-Fiction Romans, den ich vor 40 Jahren gelesen habe und wahrscheinlich damals ungläubig zur Seite gelegt habe. Es gab schon immer „Seher“ im Bereich der Fiktion, die eine beängstigende Zukunft in ihren Romanen auf den Schirm hatten. Romane wie „Die Straße“(McCarthy) oder „Nachricht an alle“ (Kumpfmüller) oder „Die Memoiren einer Überlebenden“ (Doris Lessing) sind so Fälle. Auch „Exit west“ reiht sich hier ein. Wir befinden uns, ohne dass es um Datierungen und geographische Erkenntnisse geht, wohl in einem muslimischen Land, etwa Aleppo oder Mossul. Jene Orte, die man nur noch verdrängen will, aber die als gespenstische Ruinen noch existieren. Hier lernen sich Nadja und Saeed in den Anfangswirren eines kommenden Bürgerkriegs kennen. Weiterlesen

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Miika Nousiainen: Die Wurzel alles Guten

Ein Buch vom Suchen, wobei das Finden letztendlich nicht so wichtig ist. Analog etwa: der Weg ist das Ziel. Hört sich etwas abgedroschen an. Ist aber durchaus richtig. Es gilt immer, einen Anfang zu machen. In diesen, ich nenne es mal „Tagebuchaufzeichnungen“ zweier finnischer Brüder, Pekka und Esko – ersterer ist ein Werbeagenturmensch und zur Zeit getrennt lebend und Nesko der Zahnarzt,der eigentlich auch nur das sein will. Fast schon autistisch steif zieht er seinen Klienten die Zähne oder macht sie heil.  Die Begegnung von Pekka und Nesko ist zufällig. Pekka hat Zahnschmerzen. Er sieht in der Namensgleichheit und an der Ähnlichkeit des Zahnarztes, dass da eine eventuelle Verwandtschaft der Grund sein kann. Zack, nach und nach geht die Reise los, denn sie wissen beide, als sich herausstellt, dass sie Halbbrüder sind, so gut wie nichts von ihrem gemeinsamen Vater. Weiterlesen

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Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Nach einem beschaulichen, fast an ein Kinder- und Jugendbuch erinnernden Anfang, entwickelt dieser wunderbare Roman doch einen ganz eigenen Stil und Sog. Wobei eigener Stil vielleicht etwas zu relativieren ist. Ich dachte, während ich mich mehr und mehr in dieses kleine Dorf im Westerwald, mit seinen teilweise ganz skurrilen Bewohnern einlas, plötzlich an Janosch. Der große Romancier, Autor und Philosoph und Erfinder wunderbarer Kinderbuchfiguren: die Charaktere der Janosch-Bücher. Vor allem die vielen Abenteuer vom kleinen Bären und seinem Freund, dem kleinen Tiger werden weltweit und über Generationen hinweg immer wieder gern gelesen. Und irgendwie finde ich in den Beschreibungen der Protagonisten dieses Westerwald Dorfes: da ist der Reiseesel Mallorca, im Buch mit Peter zu vergleichen, Luises Vater. Luise ist der kleine Tiger mit ihrem Freund Martin, dem Bären. Weiterlesen

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Jean-Philippe Blondel: Die Liebeserklärung

Tatsächlich wieder ein Blondel und leichtfüßig, wie immer bei ihm, kommt sein neues Büchlein daher. Es geht mir bei Blondel so, dass ich mir vorstelle, ein milder Windstoß ließe ein Blatt durch das Küchenfenster hereinwehen, es würde auf meinem Tisch landen und ich halte ein schönes, klug aufgebautes Gedicht in den Händen. Nichts weltbewegendes, doch im Nachhinein genießt man die Zeit, die man mit diesem Gedicht verbracht hat und schaut melancholisch durch das andere Fenster, aus dem das Blättchen, mit einer neuerlichen lyrischen Erfassung des einzig wirklich großen belletristischen Themas, nämlich der Liebe, mit dem Wind wieder verschwunden ist.

Corentin ist mit seinen 27 Jahren ein Prototyp einer unentschlossenen Generation. Eher zufällig, in Ermanglung von Alternativen,  arbeitet er im Fotogeschäft seines Patenonkels, dessen unique selling point es ist, Hochzeiten zu dokumentieren. Weiterlesen

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Arun Gandhi: Wut ist ein Geschenk

Es ist so eine Art Buch, welches man nach der Lektüre sinnend zur Seite legt und sagt: ja! Wie recht hat der Mann, bzw. wie recht hatte (bzw. hat) Mahatma Gandhi.

Wir lesen die Aufzeichnung eines Enkels des Mahatmas (sagt man das so? Nun fix gegoogelt und schon weiß ich folgendes: er hieß eigentlich: Mohandas Karamchand Gandhi und Mahatma ist eine Ehrentitel), eben Arun Gandhi, der zwei Jahre als Heranwachsender im Ashram seines Großvaters gelebt hat und nun die Lehren von Gandhi in 11 Lektionen aufbereitet, plus Vor- und Nachwort! Und was dabei herausgekommen ist, macht einen echt demütig. Es ist auch eine Art Geschichtskunde, denn der Mahatma hat viele gewaltfreie Aktionen inszeniert, wie z.B. den Salzmarsch, der sich gegen den britischen Kolonialismus richtete und zur Unabhängigkeit Indiens führte. Ich will hier gar nicht die Vita von Mahatma Gandhi nacherzählen, die steht ja im Buch, es gibt eine, oder es gibt die wichtigste Komponente, über die sich nachzudenken lohnt: was macht das mit mir!? Weiterlesen

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