Wolf Haas: Junger Mann

Mal was leichtes, federndes für zwischendurch. Vom Großmeister literarisch, komödiantischer Krimis im Wiener Milieu (Kommissar Brenner) fein gezeichnet, und mit einem ständigen Schmunzeln auf den Lippen zu lesen. Der „junge Mann“, ich glaube der Vor- oder Familienname wird nie erwähnt, erzählt von sich selbst und von seiner ersten großen Liebe und von einem Typ namens Tscho, vor dem er Respekt hat, ihn vielleicht auch heimlich bewundert und dessen Freundin und spätere Frau Elsa, in die sich der „junge Mann“ herrlich verliebt. Elsa selbst ist äußerst kokett ihm gegenüber und lässt den Altersunterschied einfach mal weg in dem sie kräftig mit dem (sagen wir ca.) Vierzehnjährigen flirtet, wenn Tscho mit seinem Scania LKW mal wieder auf dem Autoput Richtung Teheran unterwegs ist.

Der „junge Mann“ arbeitet in den Sommerferien an der Tankstelle eines unbestimmten Ortes nicht weit von der deutschen Grenze in Österreich und fühlt sich in seiner pubertierenden Zeit einfach zu dick. Zu Hause hat er eine fürsorgliche Mutter, die ihn zu sehr füttern will, und sein Vater, köstlich beschrieben, hat einen kleinen psychischen Schatten in der Landesklinik aufzuarbeiten. Weiterlesen

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Hilmar Klute: Was dann nachher so schön fliegt

Es ist doch super, wenn das erste Buch des Jahres gleich so ein Superlativ ist. Es tat so gut es zu lesen, dass ich aufgepasst habe, mich durch nichts stören zu lassen, wenn ich es las. Weit entfernt von Erlebnissen mit Romanen, die ich am liebsten schon nach hundert Seiten aufgegeben hätte oder bei denen ich anfing quer zu lesen um zum Ende zu kommen. Bei Hilmar Klute habe ich jeden Satz genossen. Um sogar eine gewisse Beklemmung zu spüren, weil auch dieses Buch ein Ende hat – willze machen! Ich hätte es immer weiterlesen können.

Hilmar Klutes Figur Volker Winterberg (wie viel Klute steckt darin?) ist ein Lyrikfan – und selber junger Dichter -wie er im Buche steht (!) und so komme ich gleich zur zweiten Ebene dieses Romans: er macht bekannt mit all den großen Dichtern und Lyrikern unserer (Nachkriegs-) Zeit, vor allem die, welche die Gruppe 47 bildeten, mit all den Namen wie Rühmkorf, Uwe Johnson, Reich – Ranicki oder auch sonstige literarische Helden wie Böll, Gernhardt, ach was weiß ich…Und immer wieder Nicolas Born, Grass, Handke, Walter Richter! Weiterlesen

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Walter Wüllenweber: Frohe Botschaft

Sensationelles Buch zur richtigen Zeit. Walter Wüllenweber gelingt mit diesem (Sach-)Buch ein Paradox zu beschreiben, weil es gleichzeitig warnt und entspannt.

Man sich endlich mal Zeit nehmen kann, sich zurückzulehnen, weil die Dinge tatsächlich mal so wie sie sind bewertet werden – in allen positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte  – und man wiederum im nächsten Moment aufschreckt, ob der unglaublichen Ungerechtigkeit in der Verteilung des Reichtums und der Ressourcen in dieser Welt! Dabei ist es immer wichtig, seine eigene Position zu orten, denn die Frage bleibt, wie und was hab ich damit zu tun und was geht überhaupt noch, wenn ich mich einmische? Es ist, so analysiert Wüllenweber richtig, so leicht, sich auf den „Es-geht-eh-alles-den Bach runter-Virus“ zu berufen und dann mit guten Freunden in ebensolchen Restaurants mit einem noch besseren Roten anzustoßen. Mich hat dieses Buch schwer beeindruckt, denn die gnadenlose Zusammenfassung der letzten Jahrzehnte, in denen es – auch mir – immer besser ging und die Verhältnisse (immer natürlich relativ und von statistischen Werten ausgehend ) wie, Z.B. „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ (erinnern wir uns an Willy Brandt Anfang der  70ger) tatsächlich besser wurden. Weiterlesen

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Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse

Ein sehr trauriges Buch. Aber verdammt gut. Salisbury ist der Ort in England in dem sich nicht nur die besagten Flüsse treffen, sondern es ist auch der Ort eines Mopedunfalls. Dieses Geschehen wird von unterschiedlichsten Menschen gesehen, erlebt, bewertet oder sogar herbeigeführt. Fünf Schicksale kollidieren, und alle gehen einen eigentümlich nah.

Es ist letztendlich die Eindringlichkeit mit der Barney Norris seine Figuren zeichnet. Ein Roman über Einsamkeit, Alkoholmissbrauch, Projektionen, Träumen aber vor allem kleine und mittlere menschliche Katastrophen, in die man selbst bitte nicht hineintappen will. Aber wir leben alle nicht in Sicherheit und müssen zusehen, wie wir klarkommen. Das Leben ist immer auch Drama!

Barney Norris: Hier treffen sich fünf Flüsse.
DuMont Buchverlag, April 2018.
320 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Ich bin ganz ehrlich: der erste Teil hat mich echt umgehauen. Einsame Klasse. Der zweite Teil hat mich überrascht und der dritte Teil, da sage ich jetzt: na gut. Wenigstens gibt es keinen Vierten. Weil ich diese Atemlosigkeit des ersten Bandes nicht wieder gefunden habe, erst nicht im zweiten Teil und im Dritten schon gar nicht. Trotzdem ist es natürlich wieder in Teilen riesig: Sätze wie in Stein gemeißelt. Mit einer weltwissenden Schärfe und Analysekraft wird unsere Gesellschaft seziert und brillant zerlegt.

Ich komme allerdings mit den vielen, immer mehr werdenden Figuren nicht mehr klar, die sich irgendwie um den nunmehr eher als Guru in Erscheinung tretenden Vernon, versammelt haben. Vernon Subotex tritt immer weiter in den Hintergrund, wird zum esoterischen Satelliten, der in den Gedanken seines Gefolges kreist. Weiterlesen

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Tja, ich kann mich nicht in den Reigen der Lobhudeleien einreihen, sagen wir, ich bin eher frustriert. Aber fangen wir mal mit dem an, was mich so unberührt lässt, und das „Berührtsein“  sollte ja der Sinn einer guten Geschichte sein. Ich konstruiere mal folgendes Szenario: treffen sich zu einem geheimnisvollen literarischen Zirkel folgende Weltbestseller in Persona: Michael Köhlmeier (z.B. Joel Spazierer), Carlos Ruiz Zafón (Der Schatten des Windes), Christoph Ransmayr (Die letzte Welt, Cox oder der Lauf der Zeit) und Umberto Eco (Der Name der Rose). Erwarten könnte man noch Patrick Süskind, als Experte für pathologische Sucht nach Erfüllung und Philip Roth und/oder Paul Auster für die Schattenseiten von New York.

Der kleine Gunnar Kaiser sitzt unter dem Tisch, wenig beachtet von dem illustren Kreis, und notiert sich heimlich die Stichworte der Herren Monsterliteraten, die den Roman der Romane diskutieren. Inhalt:  das Buch als Gesamtkunstwerk, als quasi göttliches Wesen, von außerirdischer Schönheit, unbezahlbar und deshalb von unbezähmbarer Gier gejagt. Nicht nur das Wort zählt, der Einband ist genauso entscheidend. Weiterlesen

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Karl Wolfgang Flender: Helden der Nacht

Es ist schon mutig, nach dem Vorbild oder im Stile von Dashiel Hammet und/oder Raymond Chandler zu schreiben. Das wird schwer, das liegt in der Natur der Sache. Ist es den altvorderen Kriminalliteraten eigentlich immer gelungen, seinen Detektiven ein klares Profil zu geben, auf das man sich verlassen konnte. Am Ende des Falles kommt noch eine letzte Kurve und Philip Marlowe schaut irgendeiner Frau in die Augen, und der Fall war eigentlich gelöst und dann wieder nicht. Denn richtig glücklich war Marlowe nie, denn die ganz großen Haie, haben sich doch immer wieder raus gewunden. In etwa versucht Karl Wolfgang Flender dem gerecht zu werden.

Herausgekommen ist eine zu Anfang noch nachvollziehbare Story eines vor dem Ruin stehenden Detektivbüros, vertreten durch den Junior Bryan Auster und einer Kriminalkommissarin namens Colleen McCollum. Und schon kommen erste Irritationen, bzw. ich habe nicht verstanden, warum Auster seine Sicht der Dinge im Imperfekt erzählt und Colleen immer in der Gegenwart. Außerdem irritiert, dass man lange Zeit gar nicht weiß, wo man eigentlich ist. Der Autor gibt den Beteiligten amerikanische Namen und man wähnt sich in der Falle, weil man nicht weiß, sind wir in New York oder in Berlin. Weiterlesen

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Rachel Cusk: Kudos

Deprimierend gut, so würde ich einleiten, wenn man mich fragen würde. Ein existenzphilosophischer Roman, eine Spiegelung menschlicher Dramen und einer Traurigkeit der Welt. Aber es ist schön, mal wieder so geerdet zu werden. Vielleicht beobachtet man die Menschen nach diesem Buch mal wieder etwas genauer, hört intensiver zu und vergleicht sein eigenes Leben bzw. kann es vielleicht besser einordnen. Rachel Cusk ist ein Roman gelungen, das einen innehalten lässt, wie selten.

Es steht ganz im Widerspruch unserer heutigen „Alles gut“ – Antwortrealität, wobei man genau weiß, das stimmt bei keinem von uns. So ist das Leben nämlich nicht angelegt. Weiterlesen

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Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne

Schon lange habe ich keinen Roman mehr gelesen, den ich gleich von Anfang an wieder weglegen wollte. Dieser Roman und ich, wir passen nicht zueinander. Dabei kenne ich das System, den Aufbau, die Produktion ganz gut. Denn hier geht es unter anderem um die Subjektivität des Erlebten, um die Relativität der Eindrücke. Ein und das gleiche Ereignis wird unterschiedlich interpretiert. Wir haben es mit drei Mittelschichtsehen zu tun. Es gibt einen Spontispruch, den ich für dieses psychopathologische und zweifelhafte Reihenhausvorortidyll leicht abgeändert habe: „In Gefahr und höchster Not, bringt die Mittelschicht den Tod“. Eltern und Kinder kommen abwechselnd mal länger mal kürzer zu Wort um ihre jeweilige Sicht der Dinge und den Lauf der Ereignisse zu kommentieren. Lexchen als eine Art Oskar Matzerath beschrieben, weil obwohl schon acht Jahre, sie anscheinend das Wachstum eingestellt hat.

Vielleicht passt hier das Bild aus der Blechtrommel: Bei all dem Psychoscheiß um sie herum, das Wachsen einstellen, warum auch nicht. Weiterlesen

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Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Dieses Buch liest sich wie ein gut geölter Motor, der nicht stottert oder irgendwelche besonderen Geräusche von sich gibt. Sollte also jemand sich sowohl gut unterhalten fühlen wollen als auch eine Einschlaflektüre suchen, dann ist man bei diesem Buch zu hause. Ein Genuss ohne Reue sozusagen, aber eben auch kein Knaller. Weil, außer eine Familientragödie, die unvermittelt die Lebenspläne eins der vier Hauptprotagonisten zerstört, passiert nicht viel. Das Buch läuft mit seinen ewigen Rückblenden wie an der Schnur gezogen vorwärts.

Wir begleiten die anfangs schüchterne Greer Kadetzky auf ihren Weg. Dabei sind noch ihre Jugendliebe Cory und die homosexuelle Zee, die Greer an der Uni kennenlernt. Leicht in Fahrt kommt der Roman durch die frühe Begegnung von Greer mit der bekannten Frauenrechtlerin Faith Frank,  die sie fortan nicht mehr los lässt und auch inhaltlich ihr Berufsleben bestimmt. Interessant sind die Ausflüge in die Historie der amerikanischen Frauenbewegung und ihre vorreitenden Zeitschriften wie „Bloomer“. Weiterlesen

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