Michael Cunningham: Ein wilder Schwan

So haben Sie Märchen noch nie gelesen: sexy, abgrundtief böse, nachdenklich stimmend, menschlich absurd und unfassbar komisch! Michael Cunningham erzählt die Vorgeschichten der Protagonisten und das, was nach dem vermeintlichen Happy End passiert. Er nimmt die Perspektive von Hexen und Kinderräubern ein, ruft Verständnis für all jene Underdogs hervor, die bislang in den eindimensional konzipierten Plots zu kurz kamen. Es ist schon fast ein Sakrileg, mit welchem Chuzpe er sich über das literarische Kulturgut von Generationen hermacht! Der Autor bringt Farbe in die Schwarz-Weiß-Malerei von Gut und Böse. Ein Genuss für Märchenliebhaber und Märchenhasser gleichermaßen. Weiterlesen

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Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot (1936)

Mit „Geheimnis in Rot“ setzt der Klett-Verlag seine nostalgische Weihnachtskrimi-Reihe fort und hat sich wieder einmal ein echtes Juwel herausgepickt. Der 1936 entstandene Roman – mitten in der „Goldenen Ära“ der britischen Kriminalliteratur – punktet mit stimmungsvollem Setting. Der winterliche Landsitz, die adligen Akteure und das Flair der 30er Jahre bereiten klassisches Krimivergnügen der guten alten Schule. Sir Osmond Melbury trommelt seine ganze Familie an Weihnachten zusammen. Ein böser Fehler: Kaum hat die Bescherung begonnen, wird er mit einer Kugel im Kopf aufgefunden. Mord! Colonel Halstock hat bei der Aufklärung des Falles alle Hände voll zu tun: Bei näherer Betrachtung könnten einige Familienmitglieder ein Interesse am vorzeitigen Ableben des Patriarchen gehabt haben … Weiterlesen

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Minna Lindgren: Der Todesfall der Woche

Tod, Demenz und Pflegeheim – wohl niemand außer den Finnen versteht es, derartige Themen schwarzhumorig, schonungslos und warmherzig zugleich aufzubereiten. Im „Abendhain“ vertreiben sich die über 90-jährigen Heimbewohnerinnen Siiri, Irma und Anna-Lisa mit Canasta, Stuhlgymnastik und Rotweintrinken den Tag. Auch die Frage, wen es von den Nachbarn diese Woche dahingerafft hat, bietet Gelegenheit für anregende Unterhaltungen. Bis der junge Kantinenkoch Tero stirbt, den Patienten merkwürdige Medikamente untergejubelt werden und ein mysteriöser „Höllenengel“ mit Lederjacke und Motorrad in ihr Leben tritt. Plötzlich befindet sich Siiri in einem Abenteuer, in dem sie ihre Freiheit verteidigen muss.

Die drei rüstigen Freundinnen bilden neben einem ehemaligen Botschafter, der stets auf Beerdigungen einschlafenden Krempenhutdame sowie dem Ehepaar Partanen, welches jeden Nachmittag lautstarken Sex praktiziert Weiterlesen

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Lilli Beck: Glück und Glas

„Glück und Glas, wie leicht bricht das?“ Der auf diesem Sprichwort basierende Buchtitel hätte nicht treffender gewählt sein können. Denn die ungleichen Freundinnen Marion und Hannelore werden beide am 7. Mai 1945 in Deutschland geboren, durchleben entbehrungsreiche Nachkriegsjahre, Studentenunruhen, erste Emanzipationsschritte, Aufstieg und Fall, Lieben und Entlieben. Eine wunderbare Frauenfreundschaft und eine nostalgische Zeitreise durch Deutschland.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: Hannelore stammt aus einer wohlhabenden Schuhfabrikantenfamilie, Marions Mutter muss sich hochschwanger – durch Bombardements obdachlos geworden und mit einem Ehemann in Kriegsgefangenschaft – allein durchschlagen. Weiterlesen

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Lauren A. Forry: Abigale Hall

Nachkriegsdrama, Horrorstory, Psychothriller – „Abigale Hale“ ist hochgradig spannend!  Lauren A. Forry hat in ihrem Debütroman den richtigen Ton getroffen, wofür sie mit dem Faber und Faber Creative Writing Prize ausgezeichnet wurde. Dieser Roman packt das Grauen auf mehreren Ebenen – auf der übernatürlichen, realen und psychologischen.

1947: In Londons Straßen herrscht der alltägliche Nachkriegshorror. Zwischen zerbombten Ruinen und langen Warteschlange vor Ausgabe der Lebensmittelrationen, tummeln sich Menschen, denen ihre persönlichen Kriegstraumata ins Gesicht geschrieben stehen: Kriegsversehrte, Witwen und Waisen. Zu letzteren gehören auch die 17-jährige Eliza und ihre fünf Jahre jüngere Schwester Rebecca. Sie haben ihre Eltern verloren und leben seitdem bei ihrer Tante Bess. Diese hat die beiden zwar pflichtschuldig aufgenommen, hegt aber kaum Sympathien für die ihr anvertrauten Nichten. Weiterlesen

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Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Lucia Berlin – ein Name, der nach einer angesagten Bloggerin aus der Hauptstadt klingt. Tatsächlich handelt es sich um eine US-amerikanische Autorin, die im Stil von Raymond Carver große Literatur in kleine Szenen verpackt. Szenen, die erschüttern, unterhalten, verblüffen, nachwirken. Die Autorin wurde 1936 in Alaska geboren und starb 2004 in Kalifornien. Ihre Protagonisten sind Alkoholiker, Einwanderer, Krankenschwestern, Putzfrauen, Sekretärinnen, Alleinerziehende, Frauen, die im Alltag ihren Mann stehen müssen. Zum Glück wurde Berlins Literatur posthum wiederentdeckt. Sonst hätten WIR Leser etwas Großartiges verpasst! Allein im Jahr 2015 erhielt ihre Prosa den California Book Award und zählte zu den „TOP 10 Books“ der New York Times. Weiterlesen

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Marco Missiroli: Obszönes Verhalten an privaten Orten

Gleich die erste Szene gereicht dem Buchtitel zur Ehre: Libero Marsell ertappt seine Mutter im Nebenzimmer beim Fellatio mit Papas bestem Freund. Dieses Trauma lässt ihn nicht mehr los. Der Roman begleitet den zwölfjährigen Jungen, der 1975 mit seiner Familie von Mailand nach Paris zieht, bis ins Erwachsenenalter hinein. Durch erlesene Szenen verfolgen wir Liberos Mannwerdung, von der Entdeckung der Selbstbefriedigung zur Auslebung geheimer Fantasien. Elegant und intelligent erzählt, gelingt dem Autor eine literarische Reifeprüfung der besonderen Art.

Nach Liberos „erotischer Taufe“ steht fest: Mittels eines Orgasmus‘ will er sich künftig von allem Kummer befreien! Der Kummer hält dennoch Einzug in seinen Alltag: Er muss seine Freunde in Italien zurücklassen und leidet unter seiner „Unsichtbarkeit“: Mädchen sehen in ihm nur einen platonischen Kumpel. Weiterlesen

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Jaroslav Kalfař: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Jakub Procháska symbolisiert den Stolz einer ganzen Nation. Von einem Kartoffelacker erhebt sich das erste tschechische Raumschiff der Geschichte, um ein astronomisches Phänomen zu untersuchen. In den Weiten des Weltalls trifft Jakub auf den Ursprung des Lebens und einen extraterrestrischen Begleiter. Die irdischen Probleme des Astronauten verfolgen ihn jedoch in luftige Höhen. „Meine größte Hoffnung ist es, dass der Leser so etwas noch nie zuvor gelesen hat“, betont der Autor Jaroslav Kalfař. Mission geglückt: Seine fantasievolle Mischung aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, gespickt mit kafkaesken Anleihen, tschechischer Geschichte und philosophischen Untertönen sucht seinesgleichen! Weiterlesen

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Ingrid Noll: Halali

Halali ist ein Gruß und Tonsignal aus der Jägersprache.  Auf die Pirsch gehen die beiden Sekretärinnen Karin und Holda allerdings nur, um aussichtsreiche Junggesellen zu erlegen. Im Jahre 1955 wird in der BRD weibliche Selbstverwirklichung noch nicht großgeschrieben, der Weg der Frau endet in der Ehe. Wie gut, dass es in der Hauptstadt Bonn und an ihrem Arbeitsplatz im Innenministerium von hohen Tieren wimmelt. Ein Diplomat könnte ihnen die weite Welt zu Füßen legen. Denn während die Jugend in der BRD noch den Klängen von Catarina Valente lauscht, heißt es anderswo längst: Rock around the clock!

So blasen die schüchterne Holda und die fesche, sexuell wesentlich aufgeschlossenere Karin zur Jagd auf das andere Geschlecht. Doch Bonn ist längst nicht so bieder wie gedacht. Sie geraten in ein Abenteuer voller Spionage, Erpressung und Romeo-Agenten. Kollateralschäden nicht ausgeschlossen. Weiterlesen

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Yaa Gyasi: Heimkehren

Ein Buch, das den Begriff „Pageturner“ wirklich verdient hat, ist das vielfach ausgezeichnete Erstlingswerk der Autorin Yaa Gyasi. Es beginnt an der afrikanischen Goldküste, Ende des 18. Jahrhunderts: Sie sind schwarz, stehen jedoch auf unterschiedlichen Seiten. Mal als Sklaven, mal als Sklavenhändler für die Weißen. Die Schicksale zweier Familien werden über Jahrhunderte hinweg in Ghana und den USA miteinander verflochten. Diskriminierung, Hass und Hoffnung auf ein Stück Heimat gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks. Diese afroamerikanische Literatur trifft wahrhaftig in Schwarze – mitten ins Herz der Leser. Erschütternd, emotional, episch!

Effia und Esi sind Halbschwestern, die von der Existenz der anderen nichts wissen. Ihr Leben könnte kaum unterschiedlicher verlaufen. Effia wächst bei den Fante auf, einem Stamm, der mit den britischen Kolonialmächten Handel betreibt und zu Wohlstand gelangt. Weiterlesen

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