Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Lucia Berlin – ein Name, der nach einer angesagten Bloggerin aus der Hauptstadt klingt. Tatsächlich handelt es sich um eine US-amerikanische Autorin, die im Stil von Raymond Carver große Literatur in kleine Szenen verpackt. Szenen, die erschüttern, unterhalten, verblüffen, nachwirken. Die Autorin wurde 1936 in Alaska geboren und starb 2004 in Kalifornien. Ihre Protagonisten sind Alkoholiker, Einwanderer, Krankenschwestern, Putzfrauen, Sekretärinnen, Alleinerziehende, Frauen, die im Alltag ihren Mann stehen müssen. Zum Glück wurde Berlins Literatur posthum wiederentdeckt. Sonst hätten WIR Leser etwas Großartiges verpasst! Allein im Jahr 2015 erhielt ihre Prosa den California Book Award und zählte zu den „TOP 10 Books“ der New York Times. Weiterlesen

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Marco Missiroli: Obszönes Verhalten an privaten Orten

Gleich die erste Szene gereicht dem Buchtitel zur Ehre: Libero Marsell ertappt seine Mutter im Nebenzimmer beim Fellatio mit Papas bestem Freund. Dieses Trauma lässt ihn nicht mehr los. Der Roman begleitet den zwölfjährigen Jungen, der 1975 mit seiner Familie von Mailand nach Paris zieht, bis ins Erwachsenenalter hinein. Durch erlesene Szenen verfolgen wir Liberos Mannwerdung, von der Entdeckung der Selbstbefriedigung zur Auslebung geheimer Fantasien. Elegant und intelligent erzählt, gelingt dem Autor eine literarische Reifeprüfung der besonderen Art.

Nach Liberos „erotischer Taufe“ steht fest: Mittels eines Orgasmus‘ will er sich künftig von allem Kummer befreien! Der Kummer hält dennoch Einzug in seinen Alltag: Er muss seine Freunde in Italien zurücklassen und leidet unter seiner „Unsichtbarkeit“: Mädchen sehen in ihm nur einen platonischen Kumpel. Weiterlesen

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Jaroslav Kalfař: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Jakub Procháska symbolisiert den Stolz einer ganzen Nation. Von einem Kartoffelacker erhebt sich das erste tschechische Raumschiff der Geschichte, um ein astronomisches Phänomen zu untersuchen. In den Weiten des Weltalls trifft Jakub auf den Ursprung des Lebens und einen extraterrestrischen Begleiter. Die irdischen Probleme des Astronauten verfolgen ihn jedoch in luftige Höhen. „Meine größte Hoffnung ist es, dass der Leser so etwas noch nie zuvor gelesen hat“, betont der Autor Jaroslav Kalfař. Mission geglückt: Seine fantasievolle Mischung aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, gespickt mit kafkaesken Anleihen, tschechischer Geschichte und philosophischen Untertönen sucht seinesgleichen! Weiterlesen

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Ingrid Noll: Halali

Halali ist ein Gruß und Tonsignal aus der Jägersprache.  Auf die Pirsch gehen die beiden Sekretärinnen Karin und Holda allerdings nur, um aussichtsreiche Junggesellen zu erlegen. Im Jahre 1955 wird in der BRD weibliche Selbstverwirklichung noch nicht großgeschrieben, der Weg der Frau endet in der Ehe. Wie gut, dass es in der Hauptstadt Bonn und an ihrem Arbeitsplatz im Innenministerium von hohen Tieren wimmelt. Ein Diplomat könnte ihnen die weite Welt zu Füßen legen. Denn während die Jugend in der BRD noch den Klängen von Catarina Valente lauscht, heißt es anderswo längst: Rock around the clock!

So blasen die schüchterne Holda und die fesche, sexuell wesentlich aufgeschlossenere Karin zur Jagd auf das andere Geschlecht. Doch Bonn ist längst nicht so bieder wie gedacht. Sie geraten in ein Abenteuer voller Spionage, Erpressung und Romeo-Agenten. Kollateralschäden nicht ausgeschlossen. Weiterlesen

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Yaa Gyasi: Heimkehren

Ein Buch, das den Begriff „Pageturner“ wirklich verdient hat, ist das vielfach ausgezeichnete Erstlingswerk der Autorin Yaa Gyasi. Es beginnt an der afrikanischen Goldküste, Ende des 18. Jahrhunderts: Sie sind schwarz, stehen jedoch auf unterschiedlichen Seiten. Mal als Sklaven, mal als Sklavenhändler für die Weißen. Die Schicksale zweier Familien werden über Jahrhunderte hinweg in Ghana und den USA miteinander verflochten. Diskriminierung, Hass und Hoffnung auf ein Stück Heimat gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks. Diese afroamerikanische Literatur trifft wahrhaftig in Schwarze – mitten ins Herz der Leser. Erschütternd, emotional, episch!

Effia und Esi sind Halbschwestern, die von der Existenz der anderen nichts wissen. Ihr Leben könnte kaum unterschiedlicher verlaufen. Effia wächst bei den Fante auf, einem Stamm, der mit den britischen Kolonialmächten Handel betreibt und zu Wohlstand gelangt. Weiterlesen

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Hilary Mantel: Der Hilfsprediger

Hilary Mantel, Meisterin des bösen britischen Humors, hat sich einem Thema gewidmet, bei dem sie aus dem Vollen schöpfen kann: die katholische Kirche. Genauer: Abstruse Klosterereignisse im ländlichen England der 50er Jahre. Ein Pfarrer, der nicht mehr an Gott glaubt, eine sexuell frustrierte Oberin und debile, dem Aberglauben zugetane Dorfbewohner. Dazu ein übereifriger Bischof, welcher die Kirche modernisieren möchte. Mit dem Auftauchen von Vikar Fludd mehren sich wundersame Vorkommnisse:  Warzen wandern, Whisky vermehrt sich. Wer ist der geheimnisvolle Fremde? Weiterlesen

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Henry James: Die Kostbarkeiten von Poynton (1897)

Die distinguierte Mrs. Gereth liebt Kunst und erlesene Schönheit. Ihren Landsitz „Poynton Park“ hat sie mit seltenen Kostbarkeiten aus ganz Europa geadelt. Leider geht der Besitz an ihren Sohn Owen über, der kein Auge für Kunst hat, aber dafür Gefallen an der stillosen, aufgedonnerten Mona Brigstock gefunden hat. Undenkbar, den beiden ihr Lebenswerk zu überlassen! Zum Glück hat Mrs. Gereth in der klugen Fleda Vetch eine Komplizin gefunden, die sich als würdige Schwiegertochter erweisen könnte. Mögen die Spiele – mit all ihren Intrigen – beginnen!

Henry James zeigt sich als Meister der subtilen, doppelbödigen Gesellschaftsdramen, die mit vielen Wendungen und ironischen Dialogen aufwarten. Seine Charaktere und ihre Beweggründe sind zunächst nicht leicht zu durchschauen, was einen eigenen Reiz ausmacht. Zwischen dem, was sie fühlen und denken und dem, wie sie sich nach außen zeigen und handeln, liegen oft Welten. Weiterlesen

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Olivier Adam: Die Summe aller Möglichkeiten

Ein Ferienort an der Côte d’Azur: Zur Nebensaison bleiben nur diejenigen zurück, die vom Leben abgehängt wurden. Eine fürchterliche Sturmflut wirbelt alles durcheinander: Fußballspieler Antoine liegt halbtot geprügelt vor dem Krankenhaus, ein stummes Mädchen wird von der Flut angespült, andere ertrinken im Meer, verlorene Seelen versuchen, mehr schlecht als recht den Kurs zu halten.

Krimi? Gesellschaftsstudie? Gegenwartsroman? Olivier Adams Werk ist alles in allem und noch viel mehr. Es geht um falsch eingeschlagene Wege im Leben. Und wie das Leben aussehen könnte, hätte man einen anderen Zug genommen oder zumindest die Möglichkeit gehabt, sich das Zugticket zu leisten.

In 23 Episoden lernen wir 22 unterschiedliche Figuren kennen. Mit nur wenigen Sätzen zeichnet der Autor Charaktere von ungewöhnlicher Tiefe, deren Ängste und Wünsche universell sind. Weiterlesen

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Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier

Was ist das Böse? Steckt es von Geburt an in uns oder wird es uns anerzogen? Viele literarische Werke haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt, jedoch selten mit einer so schonungslosen Eindringlichkeit wie in diesem Buch der dänischen Schriftstellerin Naja Marie Aidt. Thomas hat seine schreckliche Kindheit hinter sich gelassen und sich erfolgreich in der Gesellschaft hochgearbeitet. Als sein krimineller und gewalttätiger Vater stirbt, schlägt er die Erbschaft aus, bis er in einem Toaster die Diebesbeute seines letzten Coups entdeckt. Thomas behält das Geld heimlich – schon zieht das Böse wieder in sein Leben ein.

Vor der Vergangenheit gibt es kein Entrinnen. Nach außen hin führt Thomas ein bürgerliches Leben. Er hat einen Schreibwarenladen, eine Beziehung mit der schönen Kunsthistorikerin Patricia, wohnt in einem angesehenen Stadtteil. Weiterlesen

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Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger

Sie ist jung, unterbezahlt und vernarrt in Bücher. Joanna Rakoff arbeitet 1996 als Assistentin für eine New Yorker Literaturagentur. Dabei will sie selbst Schriftstellerin werden und erhofft sich auf diese Weise den Einstieg in die Branche. Doch statt Manuskripte zu lesen, muss sie stupide Tipparbeiten für ihre exzentrische Chefin erledigen, die sich beharrlich weigert, zum Jahrtausendwechsel in „Modeerscheinungen“ wie Computer und Internet zu investieren. Das Besondere: Ihre Agentur vertritt den ebenso exzentrischen J. D. Salinger, der mit seinem „Fänger im Roggen“ Literaturgeschichte geschrieben hat. Während seine Prosa Joanna dabei hilft, den eigenen Platz im Leben zu finden, geht um sie herum eine Ära zu Ende.

Joanna Rakoff hat einen autobiografischen Roman über ihr „Salinger-Jahr“ geschrieben. Täglich versucht sie, die Aufmerksamkeit ihrer kapriziösen, Kette rauchenden Chefin zu erwerben, wird jedoch wie ein Möbelstück behandelt. Weiterlesen

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