Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Schonungslos brutal und mitreißend: Arriagas Roman „Das Feuer retten“ erhitzt in der Tat die Gemüter. Seine Protagonisten spielen nicht nur mit dem Feuer, sie stürzen sich mitten hinein. Ganz nach dem Sprichwort: Wenn unser Haus schon in Flammen steht, können wir uns auch darin wärmen. Der mexikanische Autor berichtet von einem Land, das extrem gespalten ist, ächzend unter Korruption, Rassismus und Gewalt. Auf der Sonnenseite des Lebens ist hingegen Marina verortet. Verheiratet mit einem erfolgreichen Banker, lebt sie mit ihren drei Kindern in einem abgeschotteten Nobelviertel und leitet ihre eigene Tanzcompagnie. Ihre Choreografien sind gut, aber nicht überragend. Ihr fehlt die Leidenschaft, das Kraftvolle, das Überschreiten von Grenzen. Eine solche überschreitet sie, als sie mit Ihrer Compagnie das Angebot eines reichen Freundes annimmt, der sich für die kulturelle Bildung von Häftlingen einsetzt. Gemeinsam mit Ihrer Tanzgruppe führt Marina ihr Stück in einem Gefängnis auf und lernt dort José Cuauhtémoc kennen. Ein Mann, der weder optisch noch intellektuell dem Klischee eines Häftlings entspricht. Da Marina auch an einer Schreibwerkstatt für Häftlinge teilnimmt, kommt sie immer mehr mit seinen Texten in Berührung und ist fasziniert von diesem Mann. So fasziniert, dass sie sich bald in einem Strudel von Ereignissen befindet, die sie Lust, Leid und Leidenschaft auf jede erdenkliche Form erfahren lässt. Marina bricht radikal mit ihrem bisherigen Leben. Ist es Selbstbefreiung oder Selbstzerstörung? Was ist man bereit, für das eigene Glück zu opfern? Die Leserschaft wird dazu anregt, über existenzielle Fragen nachzudenken. Weiterlesen

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Madame Nielsen: Lamento

Ein Abgesang auf die Liebe, wie es ihn in dieser schonungslosen, literarischen Radikalität kaum gibt. Aus Verliebtheit wird Liebe, aus Liebe wird Hass. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, zeichnet die Stationen ihre Beziehung nach, richtet das Geschriebene vage an ihre Leser sowie an ihre inzwischen erwachsene Tochter. Von Anfang an lässt die Autorin keinen Zweifel: Diese Liebesgeschichte wird nicht gut ausgehen. Nicht genug, dass sie an ihrer eigenen Leidenschaft verbrennt. Sie muss auch noch weitere Brandleichen am Wegesrand zurücklassen, in diesem Roman sogar sprichwörtlich. Das Klagelied, das Lamento, wirkt auf mehreren Ebenen.

„Die Verliebtheit kann so heftig sein, fiebrig, verzehrend, dass die Liebe, die aus ihr entstehen soll, eine Enttäuschung wird, die Welt kehrt zurück, die Zeit fängt an zu vergehen, und es fühlt sich an wie Verlassensein und Verrat, auf einmal ist man einander entrissen und keine inzestuös verwachsenen Zwillinge mehr, sondern jeder ist seine eigene Welt und muss dem anderen in die Augen sehen.“ (S. 156).

In diesem Plot ist kein Platz für lauwarme Gefühle, es gibt nur Höhepunkte und Höllen, ein „zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt.“ Jung ist sie, die Schriftstellerin, als sie den ebenso jungen Dramaturgen nach einem Theaterstück kennenlernt. Berauscht von Liebe ziehen sich die beiden in ihr Nest zurück, trinken Wein aus dem Mund des anderen, lesen einander Geschichten vor, fahren mit dem Fahrrad durch kalte, skandinavische Nächte. Doch kaum hat sie seinen Antrag angenommen, der ihr rückblickend wie eine Inszenierung vorkommt, beginnt das Glück sich aufzulösen. Weiterlesen

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Monica Ali: Brick Lane

Erstmals 2003 erschienen, ist Monica Alis Roman – jetzt in der Taschenbuchversion erhältlich – heute aktueller denn je. Die Probleme, mit denen sich Migranten in der neuen Heimat auseinandersetzen, werden in diesem Roman ebenso beleuchtet, wie die damit verbundene Selbstfindung. Erstaunlich: Monica Ali gelingt dieses eigentlich ernste Thema mit erstaunlich viel Situationskomik und Wortwitz! Welche Regeln sollen und können in der neuen Heimat übernommen werden? Was tun mit „verwestlichten Kindern“, die hier geboren sind und die elterliche Kultur ablehnen? Was, wenn der soziale Aufstieg misslingt? Wie soll der Ehemann reagieren, wenn die Frau ihre Rolle in der Gesellschaft plötzlich neu definiert – und FREIWILLIG arbeiten gehen will (in der Heimat ein Zeichen, dass der Familienvater wirtschaftlich versagt hat)? Aber auch die Vorbehalte, Ressentiments und unsichtbaren Barrieren, die zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Jugend und Alter, zwischen Mann und Frau gezogen werden, beschreibt Ali meisterhaft in dem kleinen Mikrokosmos des bengalischen Viertels rund um die Brick Lane in London. Die Vielschichtigkeit der Charaktere verleiht dem Plot trotz der Beengtheit des Settings seine Würze. Eine gläubige Muslima und Mutter, die mit einem wesentlich jüngeren Revoluzzer fremdgeht? Weiterlesen

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N. K. Jemisin: Die Wächterinnen von New York

Ein junger Mann sprayt Münder auf Wände und Häuser, damit die Stadt atmen kann. Ein Neuankömmling vergisst mitten in der U-Bahn seinen Namen und sieht plötzlich geheimnisvolle Tentakel, die Menschen und Gebäuden umschlingen, aber allen anderen verborgen bleiben. Es geht etwas vor sich in New York… die Stadt „erwacht“. Wenn dies der Fall ist, bestimmt die Stadt einen Avatar, der sie verkörpern soll. New York erhält derer gleich fünf, untergliedert in die Stadtteile Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staaten Island. Doch Mächte aus dem Untergrund versuchen, dieses Erwachen zu verhindern. Den Auserwählten bleibt nichts anderes übrig, als sich trotz aller Unterschiede zusammenzuschließen, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei müssen sie sich mit Visionen und übernatürlichen Fähigkeiten auseinandersetzen. Schnell folgt die Erkenntnis, niemandem mehr trauen zu können, denn die feindlichen Mächte können von allem Besitz ergreifen.

In Jemisins „Schöpfungsgeschichte“ sind alle Universen aus einem gemeinsamen Keim entstanden. „Diese erste Welt, dieses erste Leben, war eine wundersame Sache. Doch durch jede Entscheidung, die diese Lebewesen getroffen haben, hat sich eine neue Welt abgespalten… (…) Wie übertrifft man ein Wunder? Kann man nicht; man erschafft einfach ein anderes Universum, das dann seine eigenen Wunder hervorbringt. Und so breitete sich das Leben aus – über tausend Millionen Universen, von denen jedes merkwürdiger war als das vorherige.“ (S. 207). Erwachende Städte sind die einzigen, die dieses Schichtsystem von Universen durchstoßen können. Weiterlesen

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Doris Dörrie: Die Heldin reist

Von Odysseus zu Spider Man, es gibt jede Menge Geschichten über männliche Heldenreisen. Die Frau ist diejenige, die zuhause wartet oder errettet werden muss. Ein Mann, unabhängig unterwegs, ist ein Entdecker und Wegbereiter. Eine Frau, allein reisend, ist einsam, in ständiger Gefahr und ohne echtes Ziel. Schluss mit diesem Schubladendenken! Deutschlands Starregisseurin und Autorin Doris Dörrie leitet mit diesem Buch einen Perspektivenwechsel ein. Sie lässt uns Leser ganz unmittelbar an ihren eigenen Eindrücken vom Reisen teilhaben. Herausgekommen ist ein kluges, sehr persönliches Buch, in dem uns Dörrie nach San Francisco, Japan und Marrakesch entführt. Auf kluge, unterhaltsame Art, macht dieses Buch (nicht nur Frauen) Lust, den Koffer zu packen und einfach losziehen. Denn auf Reisen gibt es immer etwas zu lernen. Vor allem über sich selbst.

Frauen auf Reisen erzählen anders. Weg vom Ego, hin zu den Besonderheiten ringsum. Aber können diese Geschichten auch erfolgreich sein? „Momentaufnahmen der puren Aufmerksamkeit von Augenblick zu Augenblick: Darin könnte eine ganz andere Art verborgen liegen, die Welt wahrzunehmen und über sie zu berichten. Eine fragmentarischere, aber unter Umständen wahrhaftigere und sogar poetischere Erzählung als das ewige Narrativ von Aufbruch, Kampf und Rettung.“ (S .33) Weiterlesen

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Torsten Schulz: Öl und Bienen

Zerplatzte Träume, zerschlagene Ideologien, zerflossene Liebschaften: Der in Ostberlin geborene Erfolgsautor Torsten Schulz lässt seine Protagonisten bereits vor der Wende durch diverse Katastrophen taumeln. Manchmal sprichwörtlich: Lothar Ihm spricht außerordentlich dem Alkohol zu. Seit er vom Baugeländer gestürzt und berufsunfähig geworden ist, sitzt er mit Mitte Dreißig den lieben langen Tag zuhause bei Mutter herum und säuft sich vom Bier zum Wurzelpeter hoch. Gesellschaft leisten ihm seine Kumpels „Blutblase“ und „Krücke“. Beide ebenfalls nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens verortet. Höhepunkt ihres frauen- und freudlosen Daseins ist das Anhören von Rockmusik-Alben, illegal über den Westen eingeschmuggelt. Dabei hatten die Vorfahren des „Ihmsche“ durchaus hehre Ziele: Sie suchten nach Erdöl, wollten dem Führer Bodenschätze liefern und noch schnell einen wackeren Soldaten zeugen. Zu diesem hat sich Ihmsche nicht entwickelt. Witzig, doppelbödig und hintergründig schlägt Torsten Schulz in seinem neuesten Roman die Brücke von Makrokosmos der Politik zum Mikrokosmos des Dorfes Beutenberge und seinen Bewohnern. Ein Symbol taucht dabei immer wieder auf: die Bienen! Weiterlesen

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Joachim B. Schmidt: Tell

Wer kennt ihn nicht, den Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell, der aus Notwehr beziehungsweise auf Befehl des Landvogts Gessler mit seiner Armbrust den Apfel vom Kopf seines Sohnes schießt? Und so ihrer beiden Leben rettet. Friedrich Schiller verhalf in seinem Werk „Wilhelm Tell“ dem Schützen zu literarischem Ruhm. Das geschah im Jahr 1804. Höchste Zeit für eine Neuauflage! Helden sehen heute anders aus. Und das tun sie in Schmidts Roman. Dabei verlässt der Autor weitgehend die politische Bühne, spart Figuren und Handlungsstränge aus, die nicht unmittelbar mit Tell zu tun haben. Hier werden keine Allianzen unter Aufständischen geschmiedet, keine Reden geschwungen. Schmidt konzentriert sich auf die menschlich-psychologische Ebene, auf Tells unmittelbares Umfeld. Die Menschen, die ihn kennen und mit denen sich sein Schicksal kreuzt. Als stilistischen Spannungs-Booster wechselt Schmidt dabei ständig die Perspektive. Wir erleben die Geschehnisse durch die Augen von rund 20 verschiedenen Personen, die in kurzen, jeweils ein bis vier Seiten langen Passagen die einzelnen Vorkommnisse schildern. Daraus entwickelt sich ein sehr mitreißendes Erzähltempo! Weiterlesen

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Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Sie heißen Lonesome George, Incas, Martha. Sie sind Endlinge. Ein Begriff, der die ganze Dramatik auf den Punkt bringt. Diese Tiere sind die letzten ihrer Art gewesen. Ausgestorben, hauptsächlich durch menschliches Zutun. Ob Dodo, Quagga, Koalalemur, Rosenkopfente, Waldrapp, Mondnagelkänguru, Bodensee-Kilch, Uraniafalter oder Pinta-Riesenschildkröte: In 50 Steckbriefen – untermalt mit herrlichen Illustrationen berühmter Naturmaler des 19. Jahrhunderts, zur Verfügung gestellt von der Staatsbibliothek Berlin – gibt der studierte Biologe Kegel dem Artensterben Gesichter. Plus dramatische Hintergrundgeschichten. Diese rufen insbesondere bei Tierfreunden Fassungslosigkeit, Trauer oder Wut hervor. Er untermauert die Schicksale mit allgemeinen Informationen zur Defaunation, Overkill-Hypothese, Koextinktion, biologischen Sonderwege auf Inseln und die Bemühungen der Forscher, ausgestorbene Arten wieder zum Leben zu erwecken. Zum Beispiel durch genetische Experimente. Doch Erfolg hat bisher keine der Methoden erbracht. Damit hat das Zitat von Artur Schopenhauer leider nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Weiterlesen

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Adeline Dieudonné: Bonobo Moussaka

Kurz, knackig, treffsicher. Auf gerade einmal 87 Seiten schlägt die belgische Autorin Adeline Dieudonné gekonnt den Brückenschlag zwischen einer familiären Weihnachtsfeier und den Problemen der Gegenwart: von Sparpolitik, Migration, Klimakrise bis zur Ungleichverteilung der Ressourcen. Diese in Monologform geschriebene Erzählung, von der Autorin als One-Woman-Show auf der Theaterbühne aufgeführt, legt ein ungeheures Tempo vor. Dieudonné beschönigt nichts. Doch im Gegensatz zu ihrem brutalen Erstling „Das wirkliche Leben“ wählt sie hier knochentrockenen Humor als stilistische Waffe. Mit spitzer Feder skizziert sie die Konflikte, die unter der perfekt durchchoreografierten Weihnachtsfeier lauern. Mag der Edeltropfen aus den feinen Baccarat-Champagnergläsern noch so vorzüglich munden – in Wirklichkeit liegt alles in Scherben. Während wir nur einen Wimpernschlag von unseren affenartigen Verwandten, den Bonobos, entfernt sind.

Die Ich-Erzählerin ist 36 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die Erkenntnis, in was für eine schreckliche Welt sie ihren Nachwuchs gesetzt hat, überfällt sie mit ungeheurer Wucht. Die Weihnachtsfeier im Haus ihres Cousins macht die Sache nicht besser. Weiterlesen

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Christiane Tramnitz: Das Dorf und der Tod

Eine True-Crime-Story aus Oberbayern, deren unheilvolle Wurzeln bis ins Jahr 1921 zurückreichen. Nicht erst seit Romanen wie „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann wissen wir, dass es im abgeschiedenen Mikrokosmos der Bergwelten um die Frauenrechte meist nicht zum Besten stand. Mein Körper gehört mir? Fehlanzeige. Diese bittere Erfahrung muss auch die achtzehnjährige Dorfschönheit Vroni machen, die von „Hallodri“ und Revolutionär Lorenz kurz nach dem Ersten Weltkrieg schwanger wird. Um einen Skandal zu vermeiden, greifen ihre Eltern zu drastischen Maßnahmen. Die böse Saat des Verderbens ist gesät. Doch sie reift erst Generationen später zu den Früchten des Zorns heran und entlädt sich im Jahr 1995 in einer ungeheuerlichen Tat. Autorin Christiane Tramnitz ist selbst in diesem bayerischen Dorf aufgewachsen und rollt den Fall aus verschiedenen Perspektiven auf, wobei ihr ihre Erfahrungen als promovierte Verhaltensforscherin zugutekommen. Das Resultat ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Sondern eine spannende Universalgeschichte, die der Gesellschaft zwischen zwei Weltkriegen den Spiegel vorhält. Denn auch außerhalb von Vronis persönlichem Unglück wimmelt es von Tragödien. Die Verlierer des ersten Weltkrieges – arme, von den „Judenbanken“ ausgeblutete Bauern – werden zu radikalen Vorreitern der NSDAP. Helfer, Mitläufer, Geflüchtete, Widerständler, Opfer und Täter kristallisieren sich immer mehr im Verlauf des Plots heraus. Von klein an zu Gehorsam erzogen, von Eltern und Kirche der eigenen Stimme beraubt, wächst eine Generation heran, die nicht gelernt hat, für eigene oder die Rechte anderer einzutreten. Weiterlesen

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