Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ihre Mutter liegt im Bett und weigert sich aufzustehen – tagelang, wochenlang, monatelang. Für Gifty ist dies ein vertrauter Anblick seit sie elf Jahre alt ist. Die einstmals stolze Frau aus Ghana, die mutig nach Amerika aufgebrochen ist, scheint gebrochen. Zuerst hat ihr Mann sie verlassen. Dann ist ihr Sohn, früher ein gefeierter Basketballstar, an einer Überdosis Drogen gestorben. Seit seinem Tod wird sie von Depressionen geplagt. Ihre Tochter muss schnell erwachsen werden und eigene Antworten auf die Fragen des Lebens finden. Gifty sucht diese in der Wissenschaft, ihre Mutter im religiösen Glauben. Dies entfremdet die beiden Frauen immer mehr.

Erzählt wird die bewegende Geschichte aus der Sicht von Gifty. In Rückblenden schildert sie sowohl ihre eigene Kindheit, als auch die Vorgeschichte ihrer Eltern. Sprachlich völlig ungekünstelt, bedient sich die Autorin anderer stilistischer Mittel, um starke Bilder heraufzubeschwören. So stellt sie zum Beispiel Giftys kindliche Tagebucheinträge ihrer Arbeit als erwachsene Neurowissenschaftlerin im Labor gegenüber. In ersteren bittet die brave Zehnjährige den lieben Gott darum, ihren Bruder von seiner Drogensucht zu erlösen. Bei letzterem begleiten wir Gifty dabei, wie sie Labormäusen Drogen injiziert, um Hirnforschung zu betreiben und das Rätsel zu lösen: Warum machen Menschen Dinge, die ihnen schaden? Weiterlesen

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Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer

Der Meister des Plot-Twists sorgt auch in seinem zweiten Buch für einige Überraschungen. Stuart Turton versteht es, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, in der die Geschehnisse schnell eskalieren können. Steckte der Protagonist in seinem Erstlingswerk „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ in einer Zeitschleife fest, so sorgt diesmal die beengte Atmosphäre eines Handelsschiffes im Jahr 1634 für Hochspannung. Das Schiff der Ostindienkompanie macht sich von der Kolonie Batavia (Indonesien) auf nach Amsterdam. Handelsgüter wie wertvolle Gewürze und geheimnisvolle Schätze sollen den Reichtum der Edelleute mehren. Doch Gefahren lauern hinter jedem Schiffsmast: Seuchen wie Lepra, meuternde Matrosen, gierige Soldaten, gefährliche Stürme und meterhohe Wellen – es gibt kein Entrinnen für die Passagiere! Die größte Gefahr von allen geht jedoch vom Aberglauben der damaligen Zeit aus. Schon vor dem Ablegen weisen unheilvolle Vorzeichen darauf hin, dass ein Dämon, bekannt als „Alter Tom“ auf dem Schiff sein Unwesen treiben soll. Erste Leichen und unerklärliche Botschaften erzeugen bald eine Massenhysterie an Bord, welche in einer Spirale sinnloser Entscheidungen und eskalierender Gewalt endet. Nur wenige verstehen es, einen klaren Kopf zu behalten. Sie versuchen eine Katastrophe abzuwenden. Weiterlesen

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Italien-Special

Italien ist nicht nur eines der Lieblingsreiseländer der Deutschen und der Inbegriff des Dolce Vita. Das Land des Stiefels hat seit der Antike große Schriftsteller hervorgebracht. Wie abwechslungsreich es hier literarisch zugeht, soll unser Italien-Literaturspecial zeigen. Ob gefallene Engel in Venedig, schwüle Erotik auf Sizilien, Retro-Charme in Neapel, verlorene Täler in Südtirol, alte Fehden auf Capri, elegante Hochstapler in Verona, bekannte italienische Künstler oder historische Heldinnen beim Giro d’Italia – darunter Klassiker, Neuentdeckungen und Literaturgrößen wie Andrea Camilleri.

Unsere RezensentInnen haben ihre Lieblingsbücher für den Reisekoffer oder den heimischen Liegestuhl zusammengestellt. Buon divertimento – viel Spaß!

 

Unsere Rezensentin Diana Wieser empfiehlt:

Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda entwirft in „Schilf im Gras“ betörend schöne Landschaftsbeschreibungen der noch unberührten Insel Sardinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Natur ist reich, die Lebensumstände arm. Knecht Efix agiert für die drei unverheirateten Töchter seines Gutsherrn als Vermittler, Kuppler, Seelentröster – auch, um eine alte Schuld zu begleichen.
Grazia Deledda:  Schilf im Wind

Luca Ventura lässt ein ungleiches Ermittler-Duo auf der Sehnsuchtsinsel Capri rund um die Blaue Grotte nach Verbrechern fahnden. Gekonnt spielt der Autor mit landestypischen Marotten wie der alten Feindschaft zwischen Nord- und Süditalienern. Seine Krimiplots haben brandaktuelle, meist ökologisch fokussierte Hintergrundthemen wie Meeresverschmutzung und Crowd-Farming. Weiterlesen

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Spencer Wise: Im Reich der Schuhe

Spencer Wise lässt es krachen. Wenn turbokapitalistische, jüdische Schuhfabrikanten und sozialistische, chinesische ArbeiterInnen aufeinandertreffen, kommt es zu allerlei witzigen und todernsten Eskalationen. Erstaunlich, wie wunderbar leicht und teils urkomisch der jüdisch-amerikanische Autor Spencer Wise, welcher selbst in einer Schuhfabrik in Südchina gearbeitet hat, diesen dramatischen Hintergrund behandelt, ohne ihn auf die leichte Schulter zu nehmen. Eigentlich ein unmöglicher Spagat. Dem Autor gelingt er dennoch. Einen wesentlichen Teil mag die sympathische Hauptfigur beitragen. Firmenerbe Alex verliebt sich in eine revolutionär gesinnte Näherin in der Schuhfabrik seines Vaters. Plötzlich steht er zwischen Generationen, Kulturen, Systemen. Wie er sich dabei vom „Schmock“ zum Helden wider Willen wandelt, ist großartig.

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, wie federleicht der Autor zwischen den Welten changiert. Firmenerbe Alex Cohen hat die Großmutter von Ivy, der chinesischen Näherin seines Herzens, auf einem Hausboot besucht. Der Rückweg zum Land folgt über ein wackeliges Floß. Unter den Augen der grinsenden Einheimischen fällt Alex in den Fluss, in jene Chemiebrühe, die von den Abwässern seiner Schuhfabrik verunreinigt wurde. Befleckt und stinkend eilt er in den Meetingraum eines Luxushotels, um die offizielle Firmenübergabe zu unterschreiben. Dort trifft er auf seinen Vater, der sich täglich prophylaktisch eine Antibiotikasalbe in die Nasenlöcher schmiert, „[…] weil China das letzte Land ist, in dem du abkacken willst:“ (S. 12) Dies alles beschreibt der Autor so bildlich und ironisch, dass wir Leser sofort für die Materie eingenommen werden. Und für seinen (Anti-) Helden. Weiterlesen

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Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

Ein Buch, das sich ins literarische Gedächtnis prägt: Vom Ende eines Sommers ist einerseits geschrieben wie ein wunderschöner Sommertagtraum, geht andererseits an Herz und Nieren. Dies liegt an der ungewöhnlichen Erzählperspektive. Wir Leser erleben die Handlung aus Sicht der 14-jährigen Edith June Mather, genannt Edie. Sie wächst auf einer Farm im ländlichen Suffolk auf. In jenem schwülen, schillernden Sommer 1934 erlebt sie gleich mehrere Wendepunkte. Sie wandelt sich vom Mädchen zur Frau, während der Fortschritt sowie erste faschistische Strömungen das Hinterland erreichen. Diese nahen nicht etwa in Uniformen, sondern in Form der charismatischen Journalistin Constanze FitzAllen aus London. Vieles davon erfahren wir beim Lesen zwischen den Zeilen, da der kindliche, fantasievolle Blick von Edie das Erlebte häufig nicht richtig einordnen kann. Es ist nicht nur das Ende eines Sommers. Es ist das Ende der Kindheit, der Unschuld.

In den 30er Jahren ist die bäuerliche Bevölkerung Englands noch immer von den großen Krisen gezeichnet. Es fehlen tatkräftige Männer, die im ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Die Weltwirtschaft schwächelt, der Weizenpreis ist am Boden. Dennoch wächst Edie relativ behütet auf. Sie flüchtet sich in die Natur und in ihre Bücher. Mit 14 Jahren beendet sie die Schule, um künftig auf der Farm mitzuarbeiten, ebenso wie ihr drei Jahre älterer Bruder Frank. Ihre Schwester Mary ist bereits verheiratet, hat ein Baby bekommen und ist weggezogen. Sie wird von Edie schmerzlich vermisst. Weiterlesen

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Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter (1921)

„Wenn man ihm glauben wollte, waren die Leute ständig damit beschäftigt, das Allerschlimmste entweder zu tun oder tun zu wollen oder zu wünschen und zu träumen, sie hätten es getan.“ (S. 247) Sigmund Freuds Lehren sind gerade in Mode, als die 63-jährige Mrs Hilary erstmals einen Psychiater aufsucht. Offiziell wegen Schlafstörungen, inoffiziell wegen Depressionen. Genauer: Weil sie mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen weiß, außer sie totzuschlagen. Von ihrem Therapeuten erfährt sie, dass ihre jüngste Tochter mit Affinität zu fragwürdigen Affären, nicht etwa in Sünde lebt, sondern „dem natürlichen Selbst gehorcht“.

Unfassbar amüsant, geistreich, sarkastisch: „Ein unerhörtes Alter“ ist ein Roman, der sich gleich auf mehreren Ebenen positiv hervorhebt. Sein großer Trumpf liegt in den Hauptdarstellerinnen. Selbst die Tratschmäuler, Aufbrausenden und Exzentrischen unter ihnen (also praktisch alle!) erobern sofort das Herz der hingerissenen Leserschaft. Das Erstaunlichste: Obwohl Macaulays Werk vor genau 100 Jahren publiziert wurde, ließe es sich problemlos in die Jetztzeit transferieren. Frauen stürzen in Midlife- und Selbstfindungskrisen, müssen sich zwischen verschiedenen Lebensmodellen entscheiden und äugen doch stets auf das der anderen. Dabei zeichnet die Autorin äußerst emanzipierte Charaktere. Während in anderen Romanen die Mehrheit der weiblichen Handlungsträger 1920 gerade erst das Korsett ablegt, schwimmen ihre Protagonistinnen durch Wellenbrecher, streben nach akademischen Titeln, verdienen ihr eigenes Geld, pflegen amouröse Bekanntschaften, tingeln durch Europa – und geben sich nicht mit dem zufrieden, was sie haben. Weiterlesen

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James Baldwin: Ein anderes Land (1962)

Eine literarische „tour de force“ der großen Emotionen mit gesellschaftspolitischem Sprengstoff: James Baldwin versteht es meisterhaft, seine LeserInnen zu fesseln, sie in den Sog aufreibender Beziehungen zu ziehen. Mal ist es die Hautfarbe, mal die sexuelle Orientierung, mal die sich über die Jahre verändernden Machtverhältnisse, an denen sich die Liebenden abarbeiten. Kein Wunder, dass dieses Buch bei seiner Erstveröffentlichung 1962 einschlug wie eine Bombe. Baldwin schreibt intensiv und lebensklug über Tabuthemen von Rassismus bis Homosexualität. Obwohl in seinem gesamten Plot kein einziger erklärter Rassist vorkommt, zeigt er, wie die unbewusste Ausgrenzung alle Lebensbereiche durchzieht. Selbst liberale Intellektuelle sind davor nicht gefeit. Heute wird dies als „weiße Fragilität“ und „Farbenblindheit“ bezeichnet. Ein und dieselbe Erfahrung kann nicht ohne den jeweiligen Hintergrundkontext bewertet werden. Schmerzlich nah führt uns der Autor an seine Figuren heran. Alles hat bei Baldwin eine tiefgreifende Bedeutung. Sogar die sehr sinnlichen und offenherzigen Sexszenen zeugen von einer emotionalen Wucht, die ganz andere Themen offenlegt. Weiterlesen

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Ingo Schulze: Tasso im Irrenhaus

Ein literarisches Schmankerl für Kunstliebhaber und Freunde feiner, intellektueller Spitzen! In diesen drei Erzählungen von Ingo Schulze spielt die Kunst eine wesentliche Rolle. Was sagt sie uns wirklich? Auch das intellektuelle Umfeld nimmt Raum ein, welches er in herrlich entlarvenden Dialogen zeichnet. Man debattiert über Hochgeistiges, offenbart dabei Tiefemotionales. Komik und Tragik halten sich in Schulzes Prosa gekonnt die Waage. Am Ende stellt sich die Frage: Sind die Verrückten im Irrenhaus – oder tummeln sie sich draußen herum?

Die drei im Band versammelten Erzählungen wurden von Schulze bereits in Literaturzeitschriften veröffentlicht, entfalten ihre ganze Kraft aber in gebündelter Form. Der Autor selbst bezeichnet sie als Reflexionen eines Künstlers über drei Kunstwerke. In der ersten Erzählung „Das Deutschlandgerät“ handelt es sich um eine Installation von Reinhold Mucha, die 1990 für den Deutschland-Pavillon auf der Biennale in Venedig aufgebaut und später in Düsseldorf reinstalliert wurde. Der Schriftsteller B.C. erkennt sich in dem Kunstwerk wieder. Auch für ihn bedarf es einer Re-Installierung, da seine Worte plötzlich „falsch im Raum stehen“. Als Dissident war er einst aus der DDR in den Westen gekommen. Er hat erfahren, dass man als Person oder Schriftsteller nicht einfach so versetzt werden kann, ohne in einen anderen Kontext gerückt zu werden. Für Worte, für die er einst gefeiert wurde, wird er heute verurteilt. Hier wie dort fühlt sich B.C. nicht zugehörig. Weiterlesen

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Bernhard Kegel: Die Natur der Zukunft

Spannender als jeder Krimi: Bernhard Kegels Sachbücher sind nicht nur höchst informativ, sondern auch mitreißend, spannend und sogar (hoch-) emotional! In diesem Buch führt der mehrfach preisgekrönte Autor seinen Lesern vor Augen, wie sich die Natur mit ihren Bewohnern unter dem Druck von Klimawandel, Umweltverschmutzung und extensiver Landwirtschaft bereits verändert hat und noch weiter verändern könnte. Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um Prognosen, sondern um valide Zahlen.

Wir verfolgen das Schicksal von Tieren und Pflanzen, überall auf dem Globus. Es gibt Episoden, die uns zum Lachen bringen, zum Weinen, zum Staunen. Solche, die uns die Zornesröte ins Gesicht treiben und solche, die uns das Blut in den Adern gefrieren lassen. Kurz: Diese Fakten lassen keinen kalt. Noch dazu, wo Kegel erschreckend aktuelle Zusammenhänge zwischen Pandemien und Umweltzerstörung anführt. Besonders hervorzuheben ist Kegels differenzierte Betrachtung. Die Natur wird es immer geben, aber sie wird nicht mehr so aussehen, wie wir es gewohnt sind. Es gibt Gewinner und Verlierer, Veränderungen, die wir zulassen müssen. Manche Arten sind unwiederbringlich verloren, andere haben erstaunlich intelligente Überlebensstrategien entwickelt. Kegel relativiert nichts, entwirft aber auch keine Weltuntergangsszenarien. Immer wieder zeigt er Exit-Strategien auf, alternative Ansätze, Hoffnungsschimmer. Wo (noch) Leben ist, ist Lösung möglich! Nicht nur deshalb sollte Kegels Buch zum Standardwerk in Schulen werden. Auf Bundestagssitzungen sowieso… Weiterlesen

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Grazia Deledda: Schilf im Wind (1913)

Betörend schön: Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda ergießt sich in prächtigen Landschaftsbeschreibungen ihrer Heimatinsel Sardinien. Sie haucht dem Eiland Seele ein.  Die Landschaft korreliert mit den harten Lebensbedingungen auf der Insel zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die mit dem heutigen Hot Spot der Stars und Sternchen wenig gemein hat. Die allgegenwärtige Malaria zehrt die Menschen körperlich aus, die Lebensumstände sind bescheiden, Aberglaube und religiöse Traditionen dafür umso mächtiger.  Im Hintergrund tobt der Krieg mit Libyen, Menschen wandern nach Amerika aus oder versuchen ihr Glück auf dem Festland.

Die meisten Einwohner sind jedoch in ihren Umständen gefangen. Sie ertragen ihr Schicksal mit Demut, ja sogar mit Stolz. Der Knecht Efix ist ein solches Exemplar. Sein ganzes Leben hat er bereits der Adelsfamilie der Pintors gedient. Nach dem Tod des Patrons und der zunehmenden Verarmung der Familie nimmt er nicht nur die Rolle des Gutsverwalters in die Hände. Er ist zudem Vermittler, Kuppler, Seelentröster. Denn ohne Mann im Haus droht den drei verbliebenen und unverheirateten Töchtern Donna Ruth, Donna Esther und Donna Noemi allerlei Ungemach. Weiterlesen

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