Henry James: Was Maisie wusste (1897)

Kriegsschauplatz Kind: In unbarmherziger literarischer Härte schildert Henry James, wie eine Scheidungsschlacht auf dem Rücken der kleinen Maisie ausgetragen wird. Eitelkeit, Gier, Schwächen und Sehnsüchte aus der Erwachsenenwelt brechen über das Mädchen herein. Die Szenen spielen sich direkt vor dem Kind ab – doch können wir Leser nie sicher sein, was Maisie wirklich davon versteht. Diese ungewöhnliche Erzählperspektive birgt einen ganz eigenen Reiz. Wird Maisie an der berechnenden, illoyalen Welt der Erwachsenen zerbrechen? Oder wird sie daran reifen und gar ihre eigene, außergewöhnliche Position ausnutzen?

Maisie fungiert als ein „jederzeit verfügbares Gefäß für Gehässigkeiten“. Die Elternteile beanspruchen das Kind jeweils für sich, aber nicht um des Kindeswohls willen, sondern um dem anderen mit Maisies unfreiwilliger Hilfe „gegenseitig Verletzungen zuzufügen“. Zu Beginn versuchen sie das Kind an sich zu binden, um den Partner als unfähig dastehen zu lassen. Später, als sie beide in neuen Beziehungen stecken, versuchen sie das Kind dem anderen aufzuhalsen, da es nun im Weg steht. Zwischendurch wird versucht, Maisie zu beeinflussen oder auszufragen, was diese jedoch bald durchschaut und sich eine Schweigetaktik zu eigen macht, um nicht in die Rachespielchen ihrer Eltern hineingezogen zu werden. Weiterlesen

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Balli Kaur Jaswal: Geheime Geschichten für Frauen, die Saris tragen

So scharf wie ein gutes Curry! Balli Kaur Jaswal ist ein verwegener Mix aus Emanzipations-Story, Komödie, Krimi, Kulturpanorama und einem „Kamasutra meets Sextoys“ gelungen. Ja, Sie haben richtig gelesen! Doch der sexuelle Befreiungsschlag geht nicht etwa von der 22-jährigen Engländerin Nikki aus, die zwar indische Wurzeln hat, aber ansonsten mit den Gebräuchen ihrer Eltern nichts mehr anfangen kann. Es sind alte Witwen in traditionellen Saris, die in Nikkis Schreibworkshop ihre erotischen Fantasien zum Besten geben! Dieser Roman ist ein unkonventionelles Bravourstück, das – im wahrsten Sinne des Wortes – Lust auf mehr macht…

Nikki hat ihr Jura-Studium geschmissen, jobbt als Kellnerin in einem Pub und lebt relativ planlos in den Tag hinein. Sie hat Spaß mit ihrer besten Freundin Olive, trinkt gerne Wein, ist Zigaretten und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt. Weiter nicht verwunderlich, wäre da nicht ein kleines Detail wie Nikkis Nachname: Grewal. Denn Nikki ist die Tochter von Sikhs. Während ihre ältere Schwester sich gerade an einer arrangierten Ehe versucht, lehnt Nikki die alten Traditionen ab. Sie ist aus ihrem Elternhaus in Southall, dem indischen Stadtteil Londons, ausgezogen, sehr zum Missfallen ihrer Mutter.

Aus Geldnot bewirbt sie sich um einen Job als Schreibwerkstättenleiterin im Gemeindezentrum eines Sikh-Tempels. Allerdings hat die zuständige Leiterin Kulwinder das Ganze als Alphabetisierungskurs ausgeschrieben. Weiterlesen

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Richard Yates: Eine letzte Liebschaft

Unerfüllte Sehnsucht umweht all seine Figuren. Wohl kaum einer vermag die Hassliebe einer Alltagsehe, die geplatzten Träume einer Mittelstandsexistenz und die Wunden der Nachkriegsjahre besser auf den Punkt zu bringen als Richard Yates. Er schaut hin, wo es wehtut: hinter die Fassaden der Vorzeigefamilien, in die Schlafsäle der Veteranenkrankenhäuser. Neun Erzählungen zeigen die literarische Größe eines der besten amerikanischen Schriftsteller seiner Zeit auf. Denn Yates komponiert Szenen, die sich einprägen. Symbole, die aufrütteln. Wie die Osterglocken, deren Bedeutung durch den Krieg ins Gegenteil verzerrt, plötzlich wie Vorboten des Todes anmuten.

Die Geschichten dieser Sammlung sind in den 40er und 50er Jahren angesiedelt. Die Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges hängen wie ein dunkler Schatten über den Stories. Der Krieg lässt seine Protagonisten nicht los, selbst Jahre später. Ein Gast prahlt auf einer Cocktailparty mit seinen Verdiensten in einer Schlacht und stellt dadurch einen Kollegen bloß. Auf der Tuberkulosestation eines Veteranenkrankenhauses nehmen amouröse Verwicklungen ein ungutes Ende. Die Frau eines GIs vereinsamt in Frankreich, wo ihr die Einheimischen ablehnend begegnen. Weiterlesen

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Evelyn Waugh: Expeditionen eines englischen Gentleman (1931)

Andere Länder – andere Sitten! Evelyn Waugh, einer der genialsten und bissigsten aller englischen Autoren, schreibt in diesem Roman über die Erlebnisse auf seiner Reise nach Abessinien / Äthiopien im Jahr 1930. Als Zeitungskorrespondent soll er über die Krönung von Ras Tafari in Addis Abeba berichten. Doch bald werden er und die vergnügungssüchtigen Delegierten aus Europa mit neuen Umgebungsbedingungen konfrontiert: Hitze, beschwerliche Anreise, Unpünktlichkeit und Desorganisation. Es ist normal, dass Einladungen zu offiziellen Empfängen erst Stunden nach der Veranstaltung eintreffen. Züge kommen zu spät, dafür legen Schiffe zu früh ab. Ob Schwarze oder Weiße, Pagen, Hotelbetreiber, Sultane oder die High Society: Bei Waugh bekommt jeder sein Fett ab. Das liest sich urkomisch und politisch absolut unkorrekt!

Wie reagiert ein Vegetarier, wenn ihm zu Ehren eine Ziege geschlachtet werden soll? Was tun, wenn sich ein englischer Herzog in seinem Quartier Flöhe einfängt? Wie überleben Kirchgänger die stundenlagen (un)orthodoxen Messezeremonien? Weiterlesen

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Ali Smith: Die ganze Geschichte und andere Geschichten

„Ich habe mich in einen Baum verliebt. Gegenwehr war zwecklos. Er stand in voller Blüte.“

Ladies and Gentleman: Willkommen in der Welt von Ali Smith! Ihre Prosa erinnert an „Alice im Wunderland“ für Erwachsene und ist so mehrdeutig wie mysteriös. Die ganze Geschichte setzt sich aus einer Summe von Puzzleteilchen zusammen, welche die Autorin zusammenfügt. Oder offenlässt. Sie wechselt zwischen Personen, Zeiten und Realitäten. Gekrönt mit viel Humor und einem Faible für das Absurde wird schnell ersichtlich: In diesen Stories ist alles möglich. Mann oder Frau, real oder surreal, Ende oder Anfang – Ali Smith löst Grenzen auf. Die Geschichten fordern ihre Leser. Falsche Fährten, Erinnerungen, Traumbilder und abrupte Perspektivwechsel lassen das Geschriebene plötzlich in einem ganz neuen Kontext erscheinen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt.

Das Besondere: Ali Smiths zwölf Geschichten sind wie ein Kalender aufgebaut und begleiten uns Leser durch ein Jahr. Bereits die erste Geschichte, die selbstredend nicht wie erwartet im Januar, sondern im Februar einsetzt, zeigt, wohin die Reise geht. In „Allzweckgeschichte“ landen wir nach mehreren Anläufen in einem Antiquariat, nehmen nacheinander die Perspektive einer Angestellten, einer Fliege und eines Buches ein, um schließlich bei einer exzentrischen Künstlerin zu enden. Lange werden wir Leser darüber im Unklaren gelassen, um was es hier geht. Am Ende schließt sich der Kreis wieder rückwirkend. Was übrigens auch für den Anfang und das Ende des Buches gilt. Weiterlesen

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Hala Alyan: Häuser aus Sand

Heimat – was ist das? Der Ort, in dem du geboren wurdest, wo du aufgewachsen bist oder den du dir selbst ausgesucht hast? Oder ist es ein Ort, an dem du nie warst, in dem aber die Familiengeschichte tief verwurzelt ist? Der in Liedern, Gebräuchen und der eigenen Trauer weitergetragen wird? Denn es gibt Menschen und Orte, die hinterlassen generationenübergreifend hinweg ihre Spuren. Hala Alyans Buch erzählt auf berührende Weisen von einer entwurzelten Familie aus Palästina, die gezwungen durch zahlreiche Nahostkonflikte versucht, in Kuweit, Beirut, Amman, London, Boston und New York eine Art von Heimat zu erschaffen.

Nablus, Palästina 1963: Vor der Hochzeit ihrer jüngsten Tochter Alia liest Salma aus deren Kaffeesatz. Sie weiß, dass sie ihr nicht die ganze Wahrheit sagen darf. Ein unstetes Leben steht ihrer Tochter bevor. Was sich nur bald bewahrheiten soll. Vier Jahre später, nach dem Sechstagekrieg mit Israel, ist alles verloren. Die israelische Armee zerstört Olivenhaine und Häuser, tötet junge Männer, darunter auch Alias Bruder Mustafa. Die Familie Yacoub ist heimatlos. Hala Alyan begleitet ihre Nachfahren bis zum heutigen Tag. Kriegerische Konflikte holen die Yacoubs in Kuweit und Beirut ein. Im Westen kämpfen ihre Nachfahren gegen sich selbst, gefangen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Weiterlesen

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Joaquim Maria Machado de Assis: Das babylonische Wörterbuch (1882 – 1906)

Was wäre, wenn …? Rund 150 Jahre vor Trumps alternativen Fakten hat der Meister der „alternativen Storylines“ das literarische Parkett betreten. Er liebt das Absurde, das Abgründige, die Varianten im scheinbar Bekannten. Er sprengt den Rahmen antiker Fabeln, entmystifiziert Mythen, macht nicht mal vor der Bibel halt. Joaquim Maria Machado de Assis dreht die Medaille herum und beleuchtet ihre Kehrseite. Was wäre, wenn der Teufel die Welt erschaffen hätte? War Noahs Arche dem Untergang geweiht? Hat die Seele ein Geschlecht?

Dreizehn ausgewählte Geschichten liefern Einblick in die schriftstellerische Bandbreite des Autors und sein herausragendes literarisches Wissen. Dazu gehören pseudohistorische Anekdoten, orientalische Märchen, Bibeltexte, Reiseberichte, politische Reden sowie Kurzgeschichten aus seiner Heimat Brasilien. Allein gemeinsam ist, dass Joaquim Maria Machado de Assis mit den Erwartungen der Leser spielt und uns eine zweite Ebene vor Augen führt, einen alternativen Verlauf der Handlung. Dabei steigt er sprachlich so gekonnt in das jeweilige Geschehen ein, dass die Grenzen zwischen Original und origineller Variation verschwimmen. Ein Vergnügen ist es allemal zu lesen. De Assis hat keinerlei Berührungsängste an historischen oder heiligen Schriften Hand anzulegen. Ein intertextueller, mutiger Quantensprung vom kritischen zum modernen Realismus. Heute gilt de Assis als Wegbereiter von Autoren wie Gabriel Garcia Marquez oder Jorge Luis Borges. Weiterlesen

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Evelyn Waugh: Ausflug ins wirkliche Leben

Oft kopiert, nie erreicht: Englische Exzentrik – wer liebt sie nicht? Autor Evelyn Waugh ist der ungekrönte Meister dieser Königsdisziplin. Kein anderer versteht es, fiese Ränke, große Allüren und kuriose Paarungen der englischen Upperclass in derart treffsichere Pointen zu packen. Waugh ist ein brillanter Beobachter. Denn der Teufel steckt im Detail. Jede Szene verkörpert hier großes Kino, ob sie nun in prächtigen Landhäusern, Londoner Stadtwohnungen oder in den Kolonien des Empire spielt. Diese Sammlung hat das Prädikat „Meistererzählungen“ wahrhaftig verdient.

Zwischen Tanztee und Tennisturnier ist die Welt nicht in Ordnung. Die britische Upperclass hat in den 20er bis 50er Jahren mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. In den Eliteinternaten erproben sich Gleichaltrige in Machtspielchen, auf einer ostafrikanischen Kolonialinsel buhlen sieben Junggesellen um die Tochter eines Ölmagnaten, der einzig unverheirateten Weißen weit und breit. Ein gehörnter Ehemann sucht das große Abenteuer im Amazonasgebiet, auf einer Luxuskreuzfahrt wird sich eifrig ver- und entlobt. Einen großen Gefallen findet Waugh an Irren aller Art, sei es in der Heilanstalt oder im Filmbusiness, seien es kriegstraumatisierte Ex-Soldaten oder größenwahnsinnige Schoßhündchen. Dabei haben viele Geschichten einen ernsten Hintergrund, zum Beispiel durch die Thematik der beiden Weltkriege. Diese präsentiert Waugh umhüllt von einer „Clotted Creme“ aus Ironie, Scharfsinn und Sprachgeschick. Hinter der Humorgewalt brodeln subtile Botschaften. Nicht selten bleibt der Schluss offen oder mehrdeutig. Der Anfang ist ausnahmslos genial geraten. Weiterlesen

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John Bude: Mord in Cornwall (1935)

Deduktion statt DNA-Analyse: Auch dieses erstmals ins Deutsche übersetzte Fundstück von 1935, reiht sich nahtlos in die herrlich nostalgische Krimireihe des Klett-Cotta Verlages ein. Hier werden Spuren anhand von Fußabdrücken und Kieselsteinchen verfolgt, hier fährt der Inspektor den möglichen Fluchtweg selbst mit dem Auto ab, um die Zeit zu stoppen. Der Spannung tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil. Weil hier keine traumatisierten oder hochbegabten Ermittler am Werke sind, sondern sympathisch-schrullige Charaktere, wähnen wir uns als Leser ganz dicht am Geschehen. Als wandelten wir selbst die Küstenpfade Cornwalls entlang – zu einer Zeit, als diese vor Rosamunde-Pilcher-Verklärung und Massentourismus einen ganz eigenen Charme versprühte.

Boscawen, eine idyllische 400-Seelen-Gemeinde in den 30er Jahren: Die Welt ist in Ordnung, die Dinge gehen ihren geregelten Gang. Wer nach dem großen Abenteuer sucht, weicht auf die Literatur aus. Wie Reverend Dodd und Dr. Pendrill, eingefleischte Junggesellen und älteste Freunde. Jeden Montag treffen sie sich bei Dodd vor dem Kaminfeuer, gehen den Inhalt ihrer neu bestückten Bücherkiste durch und tauschen sich über Krimis aus. Bis an einem gewitterigen Montagabend ein Anruf eingeht: Der alte Julius Tregarthan liegt in seinem Wohnzimmer – Tod durch Kopfschuss! Weiterlesen

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Genki Kawamura: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Ein Roman wie ein Haiku – verdichtet und klar in der Sprache, gehaltvoll-poetisch im Nachklang. Diese Glanzleistung vollbringen japanische Wortkünstler wie sonst keiner! Genki Kawamura macht da keine Ausnahme. Es ist erstaunlich, was der Autor in nur 188 Seiten packt: eine todernste Thematik mit viel Humor, Gesellschaftskritik mit mystischen Anklängen, menschliche Grundthemen, die einmal anders herum aufgerollt werden. Die Frage, worauf es im Leben ankommt, wird nicht dadurch beantwortet, indem der Protagonist angesichts seines nahenden Todes etwas tut. Sondern indem er etwas weglässt.

Der 30jährige namenlose Ich-Erzähler lebt ohne große Ambitionen in den Tag hinein. Er hat einen Kater als Mitbewohner, arbeitet als Postbote, vertreibt sich die Zeit mit Smartphone, Kino, Manga-Comics und Anime-Trickfilmen. Bis bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert wird. In seiner Verzweiflung erscheint ihm der Teufel mit einem zweifelhaften Angebot. Der junge Mann wird morgen sterben. Es sei denn, etwas anderes verschwindet an seiner Stelle von der Welt. Mit diesem Pakt kann er sein Leben Tag für Tag verlängern. Klingt zunächst ganz simpel. Der Erzähler willigt ein. Weiterlesen

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