Christopher Clark: Gefangene der Zeit: Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump

„Geschichte wiederholt sich immer zweimal: Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“, soll Karl Marx einmal gesagt haben. Lernt die Menschheit aus ihrer Vergangenheit? Oder geht es stets nur um Macht, in welcher Form auch immer? Können wir das Große und Ganze jemals überblicken oder bleiben wir im eingeschränkten Blickwinkel unserer eigenen Epoche gefangen? Dem Historiker Christopher Clark ist es gelungen, diese Fragen auf äußerst informative und unterhaltsame Weise aufzuarbeiten. In den gesammelten Essays dieses Buches begleiten wir einen biblischen Herrscher in seinen Traum, die Juden bis „ans Ende aller Tage“ und Heinrich Himmler bei abstrusen Esoterikforschungen. Christopher Clark zeigt, was der Brexit mit Bismarck zu tun hat und warum sich Macht nicht durch Unterdrückung, sondern durch stillschweigende Duldung der Massen entfalten kann. Bereits nach wenigen Sätzen erliegen wir Leser der Faszination der Geschichte. Clark verdeutlicht uns historische Analogien, die uns bislang verborgen geblieben sind. Der wohl größte Verdienst dieses Buches: Geschichte ist lebendig, die Vergangenheit niemals abgeschlossen. Sie bedarf eines ständigen Dialoges, der sicher Geglaubtes hinterfragen sowie andere Ansätze zulassen soll. Kurz: Clarkes Werk ist ein wichtiger Beitrag zu einer intelligenten Diskussionskultur, deren Mangel in jüngster Zeit offensichtlich ist.

Wussten Sie, dass im Ersten Weltkrieg mehr Menschen durch Seuchen, als durch Kriegseinsätze gestorben sind? Oder dass wir bis heute die Geschichte in falsche Epochen unterteilen?  Diese und weitere, überraschende „Tatsächlich?!“-Momente hält dieses Buch bereit. Weiterlesen

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Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)

Philosophie hautnah erleben: Wolfram Eilenberger ist es gelungen, die Philosophie in einen persönlichen Kontext zu stellen. Dafür hat er vier wichtige Philosophinnen ausgewählt, die während der Schicksalsjahre des Nazi-Regimes zu wahrer Größe finden. Die der Gleichschaltung eine Gedankenfülle entgegensetzen, die uns bis heute prägt. Wir begleiten die Damen in Pariser Cafés, Internierungslager, Hospitäler, schäbige Souterrain-Wohnungen, sogar bis nach Hollywood. Dort werden wir Zeugen ihrer Höhen und Tiefen, ihrer Hoffnungen und Zweifel. Wir verstehen um die Hintergründe ihrer Gedanken. Wir sehen, wie die Geschichte sie ausbremst, verändert, antreibt. Das liest sich ungeheuer spannend! Philosophie plus Zeitgeschichte plus Biografie: Mit dieser Mischung hat Eilenberger einen Zugang zur Materie geschaffen, der nicht nur gedanklich, sondern auch emotional berührt.

In „Zeit der Zauberer“ hat Eilenberger seine Leser an der Seite von vier männlichen Philosophen durch die Epoche der Weimarer Republik begleitet. Nun führt er chronologisch durch den Werdegang der vier außergewöhnlichen Frauen. Sie haben dieselbe Berufung, könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Ayn Rand befasst sich mit Kapitalismus, Simone de Beauvoir mit Existenzialismus, Hannah Arendt mit Zionismus und Simone Weil mit christlichem Mystizismus. Auch wenn ihre Lösungen voneinander abweichen, ähneln sich die Grundfragen, die sie innerlich umtreiben. So stehen die Themen „Das Individuum und das Kollektiv“ und „Was ist Freiheit?“ im Mittelpunkt zahlreicher Überlegungen. Mit dem Ausbruch des Krieges rücken Fragen wie „Ist Gewalt unter bestimmten Gesichtspunkten legitim?“ oder „Wie funktioniert Populismus?“ ins Bewusstsein.

Daneben hat jede Philosophin ihre eigenen Steckenpferde. Bei Beauvoir ist es unter anderem die Auseinandersetzung mit dem „reinen Bewusstsein“. Wie sollte man analysieren, ohne zu bewerten? Weiterlesen

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Barbara Pym: In feiner Gesellschaft (1961)

Eskapismus der schönsten britischen Art: Pyms Roman ist nicht nur bestens dafür geeignet, dem Corona- und Winterblues zu entfliehen. Auch Pyms Protagonisten verstehen es vortrefflich, sich von ihren Problemen auf ebenso elegante wie amüsante Art abzulenken. Die einen engagieren sich in der Gemeinde, die anderen flüchten ans Meer, die dritten stecken ihre Nase in Dinge, die sie nichts angehen. Zu letzteren gehört Protagonistin Dulcie Mainwaring. Als unverheiratete Frau Anfang Dreißig im London der 1950er Jahre scheint ihr ein Schicksal als „alte Jungfer“ so gut wie sicher. Daher beschäftigt sie sich lieber mit den Fehltritten und Familienskandalen ihrer Bekannten. Merke: Die Liebesprobleme anderer Leute sind das beste Mittel, um sich nicht mit den eigenen auseinanderzusetzen zu müssen!

Die herzensgute, stets auf Harmonie bedachte Dulcie Mainwaring liebt Kostüme in gedeckten Braun- und Grautönen und ist eher unauffälliger Natur. Sie lebt alleine im viel zu großen Haus ihrer verstorbenen Eltern in einem ländlichen Vorort Londons. Ihr Auskommen verdient sie mit der Recherche für Register sowie dem Redigieren wissenschaftlicher Fachliteratur. Von ihrem Verlobten Maurice wurde sie verlassen. Was also tun mit der vielen freien Zeit, um nicht in Grübeleien zu verfallen? Lösung: Man besuche einen Fachkongress der Verlagsbranche! Eine ideale Gelegenheit, um interessante Menschen kennen zu lernen. Dulcie hat Glück: Sie lernt gleich zwei davon kennen. Zum einen ihre Zimmernachbarin Viola, eine exzentrische, chaotische Person. Zum anderen den Redner Aylwin Forbes, ebenso attraktiv wie intelligent. Dulcie ist augenblicklich von ihm fasziniert. Noch dazu stellt sich heraus, dass Viola mit Aylwin zusammengearbeitet und dabei die Grenzen der Geschäftsbeziehung überschritten hat, obwohl Aylwin verheiratet ist. Nun ist es um Dulcie geschehen: Sie beginnt Nachforschungen über den Verleger anzustellen, die nahezu unter den Bereich „Stalking“ fallen. Zumal sein Umfeld ihr ebenso interessant erscheint: Da sind seine viel zu junge Ehefrau Marjorie sowie Aylwins ebenso ansehnlicher Bruder Neville, ein Priester, der vor einem verliebten Gemeindemitglied auf der Flucht ist. Weiterlesen

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Patricia Highsmith: Ladies: Frühe Stories

Es sind nicht nur Ladies, die hier das Zepter beziehungsweise Chloroform in der Hand halten. Auch mündet nicht jede Story im Ableben einer Hauptfigur. Jedoch tragen alle Geschichten die unverwechselbare Handschrift der Meisterin psychologischer, spannender Romane: Patricia Highsmith. Hier geht es weniger um das „Whodunit?“, sondern um das „“Whydunit?“. Um die Motive, Sehnsüchte, Ängste und Psychosen, welche ihre Figuren antrieben. Mit Eleganz, Humor und einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit führen uns Highsmiths Figuren um die Ecke, in Katastrophen, in die wir mühelos schlittern können. Es genügen Kleinigkeiten, um das fragile Konstrukt der Existenz aus der Bahn zu werfen. Ein Brief aus Nachbars Briefkasten. Eine intime Beobachtung auf einem Spielplatz. Hobbies, die ein Eigenleben entwickeln. Der falsche Bahnhof, die falsche Bar – es braucht nicht viel, um auf Abwege zu geraten.

So behandeln die 16 Geschichten dieses Erzählbandes nicht nur Verbrechen im eigentlichen Sinne, sondern Alltagssituationen, bei denen verborgene Emotionen wie Neid, Arroganz, Vorurteile, Einsamkeit oder Zwangsneurosen ans Tageslicht gelangen. Sie verleihen dem Geschehen einen unerwarteten Subtext. Menschen geraten nicht ohne Grund aus dem Lot. Wer die richtigen Knöpfe drückt, kann hinter jeder (New Yorker) Straßenecke in eine plötzliche Ausnahmesituation gelangen. Die Autorin führt uns mitten hinein in die Gedanken ihrer Figuren, lässt als allwissende Erzählerin zudem herrlich schwarzhumorige, trockene Beobachtungen einfließen. Ob Postzustellungen, Schulaufführungen oder das Paarungsverhalten von Schnecken – Sie werden danach die Welt mit anderen Augen sehen… Weiterlesen

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Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben

Außergewöhnliche Perspektive: Raffaella Ramagnolo hat ein amüsantes, wunderbares, fast schon philosophisch anmutendes Werk aus Sicht der 16-jährigen Erzählerin geschrieben. Die

Autorin und ehemalige Gymnasiallehrerin schafft dabei mühelos den Spagat, die mangelnde Lebenserfahrung samt jugendlicher Komplexe der Figur Paola dem frühreifen, tiefgründigen Geist ihrer Protagonistin gleichwertig gegenüberzustellen. Das Ganze würzt sie mit einer guten Portion Humor. Paola weiß vieles noch nicht, aber sie stellt die richtigen Fragen. In einem Punkt ist sie ihren erwachsenen Mitspielern weit voraus: Sie ist offen für die Wahrheit. Auch jenseits der Instagram-Oberfläche.

La Storia: In einer Stadt im Norden Italiens wächst die 16-jährige Paola in privilegierten Verhältnissen auf. Sie lebt im Villenviertel, während ihre Familie mit dem Betreiben von Steinbrüchen und dem Bau billiger Sozialbauwohnungen zu Reichtum gelangte. Glücklich ist die Famiile De Giorgi dennoch nicht. Weiterlesen

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Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Bewegend, hochspannend, mit einer starken Heldin: Autor Pierre Lemaitre widmet sich in diesem Roman einer der finstersten Epochen seines Landes. 1940 kann die französische Armee den Angriffen der deutschen Wehrmacht nicht mehr standhalten, die Nationalsozialisten fallen in Frankreich ein und erobern Paris. Dies löst unendliches Leid aus, sowohl an der Front entlang der Maginot-Linie als auch bei der Zivilbevölkerung, die in endlosen Flüchtlingsströmen gen Süden aufbricht. Hungernd, entkräftet, ohne Perspektive außer dem täglichen Überlebenskampf, schafft es nicht jeder bis ans Ziel. Verwundete werden zurückgelassen, Eltern von ihren Kindern getrennt. Inmitten des Durcheinanders zeigen Menschen ihr wahres Gesicht. Und so blitzt aller Tragik zum Trotz immer wieder Mitgefühl und Menschlichkeit auf.

In diesen Kriegswirren kreuzen sich die Wege der Protagonisten, jeder für sich von diversen Traumata gezeichnet. Da ist die attraktive Louise Belmont, die weder ihre Kindheit im Schatten der depressiven Mutter, noch ihre eigene Unfruchtbarkeit überwunden hat. Noch dazu ist sie einem finsteren Familiengeheimnis auf der Spur. Da ist Monsieur Jules, Besitzer eines Cafés, in dem die Lehrerin Louise an Samstagen arbeitet. Er hat seine große Liebe nie bekommen können. Da ist der Soldat Gabriel, einst friedliebender Mathematiklehrer, der von den harten Umständen an der Front überfordert ist. Auch von seinem Kameraden Raoul Landrade, der in illegale Schmuggelgeschäfte verstrickt ist, ihn erpresst und drangsaliert. Da ist der Mobilgardist Fernand, der zwischen Pflicht und Gefühl wählen muss. Er erhält den Befehl einen Gefangenentransport zu eskortieren, muss aber gleichzeitig seine kranke Frau Alice in Sicherheit bringen. Weiterlesen

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Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein

In Island wurde er als bester Roman des Jahres ausgezeichnet. Kein Wunder: Hallgrímur Helgason hat ein aberwitziges, fantasievoll überbordendes Stück Literatur geschrieben, einen Grenzgänger zwischen Prosa, Saga und Lyrik. Er begleitet seine Landsleute auf dem Weg in die Moderne, zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Während der Rest der Welt schon volle Dampfkraft voraus im motorisierten Zeitalter angekommen ist, leben die ausgemergelten Bewohner in den abgelegenen Fjorden Islands noch im Steinzeitalter. So etwas prägt die Menschen. Diese kennenzulernen mit ihren Macken, Hoffnungen und Lastern bereitet Leselust vom Feinsten!

Eine Kirche, die von einem Wintersturm über den Fjord gefegt wird, gleicht einem „Jesus läuft übers Wasser“-Wunder. Frauen, deren Röcke beim Pipimachen vom Sturm erfasst und die bis auf den kilometerweit entfernten Nachbarhof geweht werden, gehören schon eher zum isländischen Alltag. Familien binden sich nachts mit Seilen im Schlaf aneinander, um im Falle einer Schneelawine schneller gefunden zu werden. Leichen, die im Dauerfrostboden nicht tief genug eingegraben wurden, schwimmen im frühjährlichen Tauwetter wieder munter durchs Meer. Dafür endet der Gang eines dauerbetrunkenen Pfarrers in einem offenen Grab. Weiterlesen

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Zaia Alexander: Erdbebenwetter

Literaturkritiker Denis Scheck hat das Buch bereits als „modernen Hexenroman“ bejubelt. Dem positiven Tenor kann man nur zustimmen. Aber Obacht! Der Begriff Hexenroman könnte in manchen Lesern falsche Erwartungen wecken. In Zaia Alexanders Werk gibt es keine übernatürlichen Kräfte, Zaubersprüche und Hexentränke, erst recht keine Frauen, die auf Besen durch die Nacht fliegen. Ihr Hexenroman ist viel subtiler. Es geht um Themen wie Selbstfindung, Abhängigkeiten und Potentialentfaltung. Darum, den richtigen Weg einzuschlagen, dabei die Zeichen und Menschen zu erkennen, die einen auf diesen Weg führen.

Auf einen wichtigen Hexenbegleiter wollte die Autorin in ihrer modernen Version allerdings nicht verzichten: Katzen! Diese nehmen in dem Roman eine wesentliche Rolle ein, sie erfüllen die Funktion eines zweibeinigen Handlungsträgers, agieren gleichwertig mit den menschlichen Figuren. Eine ungewöhnliche Perspektive, die nicht nur Katzenliebhaber begeistern dürfte. Auch die zweiten Wegbegleiter sind ungewöhnlicher Natur: Kinder. Die Autorin tauscht gekonnt die Blinkwinkel und lässt jene Schutzbefohlenen, die eigentlich von einem Erwachsenen erzogen oder domestiziert werden, zu den eigentlichen Lehrmeistern der Protagonistin werden. Auch sonst ist nichts so, wie Leser es bei einem konventionellen Hexenroman erwarten würden. Weiterlesen

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Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null

Blutverschmierte Kleidung, ein Gürtel mit Spermaspuren, merkwürdige Überbleibsel im Müll des Hotels – die 47-jährige Susanne Melforsch ist nach einer Wanderung durch die Alpes-de-Haute-Provence spurlos verschwunden. Alles deutet auf ein Verbrechen hin. Ihre Urlaubsbegleitung Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, gerät ins Visier der Ermittlungen. Der ehrgeizige junge Staatsanwalt will Gödeler überführen, doch als Person ist der Verdächtige kaum zu fassen. Er gibt sich äußerst auskunftsfreudig, doch wirft seine Geschichte immer weitere Fragen auf.

Einst ein gefeierter Gelehrter auf der Überholspur, gerät Gödeler in einer Abwärtsspirale. Das Thema seiner Habilitationsschrift entgleitet ihm zusehends, für eine Affäre mit unglücklichem Ausgang opfert er sein Familienleben. Als Nachhilfelehrer endet er schließlich in einer trostlosen Souterrain-Wohnung in Stuttgart, ein Schatten seiner selbst. Seine Ambitionen hat er ebenso aufgegeben wie die tägliche Körperpflege. Doch plötzlich entdeckt er unter den Jugendlichen ein Mathematikgenie. Jurek, ein schüchterner Junge mit Sprachfehler, scheint über außergewöhnliche Begabungen zu verfügen, ebenso wie seine Freunde Zacharias, ein afghanischer Flüchtling und Juno, die aus einem sozialen Brennpunkt stammt. Gödelers Lebensgeister sind wieder geweckt. Doch die Jugendlichen verfolgen eigene Pläne. Als Susanne Melforsch in Stuttgart vor seiner Türe steht, mit der er vor Jahren einmal im Bett gelandet war, überschlagen sich die Ereignisse. Im Hintergrund laufen Fäden zusammen, die Gödeler erst nach und nach durchschaut. Weiterlesen

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Sorj Chalandon: Wilde Freude

Eine arrogante Prinzessin aus Saudi-Arabien geht mit ihrer unscheinbaren Assistentin bei einem Pariser Nobeljuwelier einkaufen. Draußen vor der Tür lauert eine Frau mit einer wilden Afroperücke in den Nationalfarben Serbiens und einer Hacke. Ihre Kollegin ist mit einer Spielzeugpistole bewaffnet. Die vier Frauen planen einen völlig verrückten Überfall, wollen seltene Schmuckstücke stehlen. Eine Kamikaze-Aktion. Doch die Freundinnen haben nichts mehr zu verlieren. Drei von ihnen haben Krebs, sie alle wurden von ihren Liebsten im Stich gelassen, ihnen bleibt nichts mehr außer ihrem fragilen Leben. „Wir machen gerade eine Dummheit?“, fragt die eine. Eventuell ja. Eventuell aber einen genialen Coup.

Wie es dazu kommen konnte, erzählt die Ich-Erzählerin Jeanne in folgendem Plot: Die schüchterne Buchhändlerin erhält die Diagnose Brustkrebs. Ihr Ehemann kommt mit der Situation nicht zurecht und verlässt sie. Bei der Chemotherapie lernt sie die selbstbewusste, lebensfrohe Brigitte kennen, die sich ihrer annimmt und Jeanne in ihre WG einlädt. Dort trifft sie auf die ebenfalls krebskranke, junge Mélody und Brigittes Partnerin Assia, die einzig Gesunde des Quartetts. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginnt sich Jeanne zu öffnen und zieht sogar bei ihren Leidensgenossinnen ein. Sie unterstützen sich gegenseitig, feiern das ihnen verbliebene Leben. Dabei erzählen sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten.

Der Plot darauf hin, dass der Krebs die Symptome vergangener Tragödien aufzeigt. Ob verlorene Kinder, ein Gefängnisaufenthalt oder ein Verbrechen, dass sogar mehrere Generationen zurückliegt. Die These, dass sich unbewältigte Traumata körperlich manifestieren und Krebs zur Folge haben können, ist schon länger Bestandteil des medizinischen Diskurses. Der Autor greift dies subtil auf. Fest steht jedoch wie bei jedem Katastrophenplot – die Krise bringt zum Vorschein, was unter der Oberfläche brodelt. Weiterlesen

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