Cynthia Swanson: Im Wald der Lügen

Subtiles Psychogramm ohne blutiges Gemetzel: Im Wald der Lügen kommt langsam und bedächtig daher – wie sich wiegende Äste im Wind. Doch spürt man die Bedrohung im Unterholz lauern, ohne sie konkret benennen zu können. Zur Story:  Die junge Angie führt mit ihrem gutaussehenden Mann Paul, einem Künstler sowie ihrem kleinen Sohn ein sorgloses Leben. Bis ein Anruf alles durcheinander bringt. Pauls Bruder Henry wurde tot im Wald aufgefunden, seine Ehefrau Silja ist spurlos verschwunden. Daraufhin reist die Familie zu Pauls 17-jähriger Nichte Ruby, um ihr beizustehen. Bald nach der Ankunft mehren sich die Ungereimtheiten. Ruby nimmt das Geschehen teilnahmslos hin. Ist dies der Schock? Steckt etwas anderes dahinter? Weiß Ruby mehr, als sie zugibt? Paul wird immer reizbarer, herrischer und verschlossener. Und der dunkle Wald, der das Haus umgibt, scheint ebenfalls ein düsteres Geheimnis zu hüten… Was ist hier geschehen?

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat sich Autorin Cynthia Swanson einer ungewöhnlichen Methode bedient. Sie erzählt den Plot abwechselnd aus Sicht von drei Frauen. Die Gegenwart im Jahr 1960 wird aus Sicht von Angie in der ICH-Perspektive und aus Sicht von Ruby in der dritten Person geschrieben. Die Vorgeschichte wird aus Sicht von Silja erzählt und beginnt zur Zeit des zweiten Weltkrieges, als sich Silja in den charismatischen Soldaten Henry verliebt. Weiterlesen

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André Aciman: Fünf Lieben lang

Poetisch, klug, unglaublich sinnlich: André Aciman kitzelt die prickelnden Momente des Alltags heraus. All die kleinen Details und Sehnsüchte, die im Zeitalter von Tinder übersehen werden. Zu Recht gilt André Aciman als der momentan größte Romancier im Genre der „sensuellen“ Literatur. Man denke nur an die legendäre „Pfirsich-Szene“ aus seinem Roman „Call me by your Name“. Aciman haucht dem Genre wieder Geist und Seele ein, dafür braucht er keine Fesselspielchen à la „Shades of Grey“. Er entfesselt die Sinnlichkeit mit verbaler Wucht und präziser Hingabe. Ob die künstlerische Arbeit in einer Tischlerwerkstatt, die Körperpflegerituale im Duschraum eines Tennisclubs oder die Betrachtung eines flirtenden Paares bei einer Tischgesellschaft… er verleiht diesen Situationen neue Düfte, mehr Haptik und ungesagte Mehrdeutigkeiten.

In „Fünf Lieben lang“ begleiten wir Paul ab seinem 13. Lebensjahr durch sein (Liebes-) Leben. Auch in diesem Roman lässt Aciman seine Hauptfigur Menschen beiderlei Geschlechts begehren. Pauls erste große Liebe begegnet ihm auf einer italienischen Ferieninsel, wo er mit seiner Familie jährlich den Sommerurlaub verbringt. Der wesentlich ältere Tischler soll ein paar alte Möbel des Ferienhauses restaurieren, bald sucht Paul ihn in seiner Werkstatt auf, um ihm dabei zur Hand zu gehen. So wie der Altersunterschied zwischen den beiden steht, wird schon bald die Arbeit mit Holz zum sinnbildlichen Ersatzschauplatz von Pauls aufkeimender Erotik. Weiterlesen

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Richard Yates: Easter Parade (1976)

Der amerikanischer Meister vielschichtiger Charaktere hat es wieder geschafft: Er packt uns mit Haut und Haar, lässt uns tief ins Gefühlsleben seiner Protagonisten eintauschen. Hier sind wir nicht Zaungäste, hier sind wir Mitwisser, Mitdenker, Mitfühler. In diesem ausgefeilten Roman zeichnet er das Schicksal zweier ungleicher Schwestern im Amerika der 30er bis 70er Jahre nach. Gezeichnet durch die Scheidung ihrer Eltern, getrieben durch die ständigen Umzüge ihrer Kindheit, geprägt durch ganz unterschiedliche Vorzüge, versuchen sie ihr Leben auf unterschiedliche Weise in die Hand zu nehmen. Die schöne Sarah, Liebling des Vaters und der Männer, heiratet früh und bekommt drei Söhne. Die magere Emily tut sich durch intellektuelle Stärke hervor, studiert und schlägt eine journalistische Laufbahn ein. Glücklich werden beide nicht. Denn wie heißt es doch so schön: Wohin du auch gehst, du nimmst dich selbst immer mit.

Ihre Mutter will ein Leben voller Flair und schafft es nur bis zur nächsten Cocktailstunde. Emily und Sarah wachsen nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihrer Mutter Pookie auf, einer erfolglosen Immobilienmaklerin. Der Vater arbeitet in der Redaktion einer New Yorker Zeitung, er ist allerdings kein Reporter, sondern redigiert lediglich. Außerdem schreibt er Überschriften, laut seiner ältesten Tochter die wichtigste Aufgabe von allen. Die schöne Sarah fällt durch ihre weibliche Figur schon früh dem anderen Geschlecht ins Auge, heiratet einen Ingenieur, bekommt drei Söhne und lebt auf Long Island. Weiterlesen

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Joseph Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (1936)

Ein Politiker, ein Cricket-Spieler, ein Maler, ein Klatschreporter, ein Wurstfabrikant, eine Krimiautorin, eine Schauspielerin und eine faszinierende Witwe namens Nadine Leveridge – diese und andere illustre Gäste hat Lord Aveling zu einem Wochenende auf seinem Landhaus Bragley Court eingeladen. Der verschuldete Adlige will nach außen hin die Fassade wahren, nützliche Kontakte pflegen und nebenbei seine Tochter mit einem aufstrebenden Politiker verkuppeln. Doch es soll anders kommen…

Unfreiwillig platzt John Foss in diese bunt zusammengewürfelte Gesellschaft hinein. Als er am Bahnhof stürzt, nimmt ihn die schöne Nadine kurzerhand mit in das Landhaus. Dort soll sich John auskurieren. Als unerwarteter dreizehnter Gast lässt das Unglück nicht lange auf sich warten. Aufgrund seines verletzten Fußes ist John in einem Vorzimmer im Eingangsbereich untergebracht, wo er unfreiwillig Zeuge merkwürdiger nächtlicher Szenarien wird. Nach dem Motto „Der Beobachter sieht vom Spiel am meisten“ gewinnt John ungeahnte Einblicke in die Geheimnisse der Geladenen. Dieses Wissen ist für Kriminalinspektor Kendall bald Gold wert: Denn nach einem zerstörten Gemälde geht es diversen Vier- und Zweibeinern auf Bragley Court an den Kragen. Weiterlesen

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Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

Mütter und Töchter – eine lebenslang schwierige Beziehung. Autorin Vivian Gornick schildert eine dieser „Sie lieben und sie hassen sich“- Geschichten, die ihrer eigenen Biografie entsprungen ist. Während der gemeinsamen Spaziergänge durch New York lässt sie in herrlich bösartigen Dialogen die Lebensentwürfe von sich und ihrer Mutter aufeinanderprallen. Ein Minenfeld voller spitzzüngiger Gemeinheiten. Gornicks Mutter muss in den 30er Jahren ihren Beruf für ihre beiden Kinder aufgeben – der Ehemann wollte es so – und hasst fortan ihre eintönige Existenz als Hausfrau. Den Frauen in ihrem Häuserblock intellektuell überlegen, findet sie in Klatsch und Besserwisserei bald ihre neue Bestimmung. Tochter Vivian hingegen lebt ein völlig anders Leben als Journalistin und Schriftstellerin, finanziell unabhängig, ohne Mann und Kinder. Zwischen Neid und Bewunderung für das Leben der jeweils anderen schwankend, können die beiden nicht mit- und nicht ohne einander leben. Am Ende müssen beide erkennen, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen.

In wundervollen, fast schon poetischen Szenen, schildert die Autorin ihre Kindheit im New Yorker Stadtteil Bronx in den 40er Jahren. Die Vierteil sind in jüdische, italienische und irische Einwanderer gegliedert, die Familien teilen nicht nur das Badezimmer am Ende des Flurs, sondern auch das Leben der anderen miteinander. Hier charakterisiert die Autorin verschiedene Frauenbilder, darunter auch Nachbarin Nettie, die einzige Nichtjüdin im Block, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Sexualität frei auslebt. Weiterlesen

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Karsten Dusse: Achtsam morden

Zum Totlachen! Achtsamkeitsübungen integriert in einem schwarzhumorigen Krimiplot – Karsten Dusse hat mit diesem Roman eine literarische Lücke geschlossen. Erkenntnis: Unliebsame Geschäftspartner lassen sich ganz tiefenentspannt aus dem Weg räumen, ohne schlechtes Gewissen! Beißt der Boss durch unterlassene Hilfeleistung ins Gras, liegt dies nicht an böser Absicht. Weit gefehlt! Es liegt lediglich daran, dass man in diesem Moment einfach fokussiertes Singletasking betrieben und sich auf die eigene Zeitinsel zurückgezogen hat. Wer unkooperativen Geschäftspartnern die Nase bricht, tut dies selbstverständlich nur, weil er deren innerste Bedürfnisse erkannt hat. Das Gegenüber hatte das Bedürfnis nach Krawall. Den hat er bekommen. Wenn einem ein Haufen Krimineller nach dem Leben trachtet, ist es hilfreich, sich den Begriffen Sicherheit und Unsicherheit völlig wertfrei zu nähern… schon sieht das Leben wieder rosig aus. Und mit der richtigen Atmung bringt einen auch ein explodierter Firmenwagen nicht aus der inneren Mitte.

Zur Story: Björn Diemel hat Probleme. Er ist völlig überarbeitet, bekommt seine Tochter kaum noch zu Gesicht, seine Ehe liegt in Scherben. Als Anwalt sind ihm alle Aufstiegschancen in der Kanzlei verwehrt. Leider ist er zuständig für den „Bäh“-Kunden Dragan, dem Chef eines Verbrechersyndikats. Weiterlesen

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John Lanchester: Die Mauer

Eine beängstigende Dystopie, die im wahrsten Sinne des Wortes Gänsehaut bereitet. Schon der erste Satz „Es ist kalt auf der Mauer“, bringt es treffend auf den Punkt. Erbarmungslos klar schildert der Autor die alles durchdringende Kälte auf dem Schutzwall. Die frostigen Temperaturen sind ein Spiegelbild der Kälte, die in der neuen Gesellschaft „nach dem Wandel“ vorherrscht.

John Lanchester führt aktuelle Begebenheiten des Weltgeschehens fort – wie Klimawandel, Flüchtlingsströme oder den Brexit – und verortet sie in einer düsteren Welt, die nur ein bis zwei Generationen nach uns folgen könnte. Schauplatz ist England, das seine komplette Küstenlinie mit einer Mauer vom Rest der Welt abgeriegelt hat. Grund: Die Insel gehört zu den Staaten, die nach dem „Wandel“ mit einem blauen Auge davongekommen sind. Während die meisten Länder durch den gestiegenen Meeresspiegel untergehen oder durch den Klimawandel verdorren, kann sich England noch einigermaßen autark versorgen. Damit dies so bleibt, werden Flüchtlinge, genannt „Die Anderen“, auf Abstand gehalten. Junge Briten beiderlei Geschlechts müssen zwei Jahre Dienst auf der Mauer leisten, um ihr Land vor Eindringlingen zu verteidigen. Keine leichte Aufgabe: Sollte es einem der Anderen gelingen, die Mauer zu stürmen und ins Landesinnere vorzudringen, wird dafür ein Wächter aufs Meer verbannt. Die Einzigen, die dem Dienst an der Mauer entkommen können, sind die „Fortpflanzler.“ Doch in einer gnadenlosen Welt wollen die meisten keine Kinder mehr bekommen. Weiterlesen

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Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber

Radikal, mystisch, mehrdeutig: Carmen Maria Machados Debüt polarisiert, schockiert und regt zur Diskussion an. Essenz des vielfach ausgezeichneten Erzählbandes: Frauen gehört ihr Körper nicht! Alle möglichen Parteien verschaffen sich Zugang, um an den Vorteilen zu partizipieren. Vorneweg die Männer, teils durch patriarchalische Strukturen, teils gewaltsam durch Vergewaltigung und Mord. Mal sind es die Kinder, die nach Schwangerschaft und Geburt ein „Schlachtfeld“ hinterlassen, um in den folgenden Jahren alle Energie aus ihren Müttern zu saugen. Mal ist es die Gesellschaft, die den weiblichen Körper in Normen zwängt, durch Moralvorstellungen, Jugend- und Schönheitskult. Mal sind es andere Frauen, die sich im Wettstreit um den schlanksten Körper ihren Geschlechtsgenossinnen überlegen fühlen. Mal sind es sogar die eigenen Gedanken, die in Widerstand zum Stofflichen treten. Wahnsinn oder Wahrheit – das ist hier die Frage.

Diese Themen handelt die Autorin in ihren Erzählungen durch eine einzigartige Mischung aus Prosa, Märchen, Mystik, Tiefenpsychologie, Erotik, Sciencefiction und dunklem Humor ab. Weiterlesen

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Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Wer es in New York bis Dreißig nicht geschafft hat, wird es gar nicht mehr schaffen. Diese erbarmungslose Regel gilt im Dunstkreis der Reichen und Schönen. Louise ist 29 Jahre alt und wollte in New York Schriftstellerin werden. Dumm nur, dass sie nichts zu Papier bringt und sich mit drei schlechtbezahlten Nebenjobs notdürftig über Wasser hält. Da tritt die reiche Lavinia in ihr Leben. Jung, schön, blond, reich, exzentrisch. Sie nimmt Louise unter ihre Fittiche, staffiert sie aus, schleppt sie mit auf dekadente Partys, führt sie ein in eine Welt, die sich Louise immer erträumt hat, in die sie aber nicht zu passen scheint. Zumindest nicht, bevor sie radikale Entscheidungen trifft. Was folgt, ist eine Freundschaft zwischen Abhängigkeit, Dominanz und Unterwerfung. Tara Isabella Burton zeichnet das Bild einer Gesellschaft des Scheins, in der Likes und Follower mehr zählen, als echte Beziehungen. In der jeder nach immer neuen Extremen sucht, um sich interessant zu machen. In der Verbrechen ungestraft bleiben, da alle verlernt haben, hinzusehen und mitzufühlen.

Lavinia trägt Vintage-Kleidung, bricht in Parks ein, ist mit Künstlern sowie mit „nicht richtigen“ Prostituierten befreundet und geht auf Partys, in denen Zwerge mit Dildos performen. Sie ist ein klassisches It-Girl, obwohl sie eigentlich nichts leistet. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um während eines Sabbaticals einen Roman zu schreiben, der sich grottenschlecht liest. Weiterlesen

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Barbara Pym: Vortreffliche Frauen (1952)

London nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mildred Lathbury ist eine Pfarrerstochter über Dreißig. Anders ausgedrückt: eine alte Jungfer! Zudem ist sie eine „vortreffliche“ Frau – fleißig, bescheiden, anspruchslos, stets um das Wohlergehen anderer bemüht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, arbeitet halbtags für eine Organisation, die sich um verarmte Witwen kümmert und bringt sich in ihrer Freizeit in der Kirchengemeinde ein. Einen Mann vermisst sie nicht, dafür hat sie gute Freunde wie den Gemeindepfarrer Julian Malory und seine Schwester Winifred.

Mit dem beschaulichen Leben ist es vorbei, als das Ehepaar Napier in Mildreds Haus einzieht. Die Anthropologin und der ehemalige Marine-Offizier führen ein exotisches Leben. Sie trinken bevorzugt Wein statt Tee und debattieren doppelzüngig über allerlei anrüchige Themen, angefangen beim Klopapier bis hin zu italienischen Mätressen. Hinzu kommen ständige Streitereien. Von dieser Welt ist Mildred ebenso fasziniert, wie überfordert. Denn schneller als ihr lieb ist, wird sie in ein Ehe-Drama hineingezogen. Zum einen harmonieren die chaotische Helena und der ordnungsliebende Rockingham im Alltag nicht besonders. Zum anderen scheint sich Helena zu ihrem Kollegen, dem Anthropologen Everand Bone, hingezogen zu fühlen. Rockingham ist hingegen ein Charmeur und Frauenheld erster Güte. Auch Mildred ist gegen diesen Charme nicht immun. Wohl wissend, dass sich dies bei einem verheirateten Mann nicht gehört. Weiterlesen

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