René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist

„Alle wahrhaft großen Gedanken kommen einem beim Gehen“, wusste schon Friedrich Nietzsche. Darauf zielt auch die Grundidee dieses Buches ab. Auf einer Art Pilgerfahrt zur letzten Ruhestätte ihres Vaters, lernt Nora nicht nur neue Seiten an sich selbst, sondern auch verborgene Familiengeheimnisse kennen. Der Roman bildet ein Konglomerat aus Komödie, Road- und Selbstfindungstrip, Drama plus philosophisches Gedankengut zum Thema Tod. Diese ambitionierte Mischung gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Die 38-jährige Nora lebt als Journalistin in Paris und hat das Gefühl, im Leben festzustecken. Ihren Job bei einer großen Frauenzeitschrift hat sie verloren, sie lebt in einer winzigen Wohnung mit Kater und ein brauchbarer Mann ist auch nicht in Sicht. Dazu kommt der überraschende Tod ihres Vaters und eine noch überraschendere Testamentsverkündung. Ihr Erbe ist an eine Bedingung geknüpft: Nora soll sich unter notarieller Aufsicht mit der Asche ihres Vaters nach Österreich zu einer Wanderfahrt aufmachen. Weiterlesen

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C. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel

„Alle hatten sich geirrt und durch die Fenster, in die sie zu spähen versuchten und die sich am Ende alle als Spiegel herausstellten, nur immer sich selbst und ihre eigenen Obsessionen gesehen.“ C. O. Chirovici ist mit diesem Roman in der Tat ein Spiegelkabinett der meisterlichen Täuschung gelungen. Es geht hier um Wahrnehmung, um Erinnerungen, um (Selbst-)Betrug. Der Fall eines ermordeten Professors wird von drei verschiedenen Protagonisten verfolgt – einem vermeintlichen Augenzeugen, einem Journalisten und einem Polizisten. Jede dieser Personen hat eigene Filter, eigene Wahrheiten. Noch deutlicher wird dies, als die Verdächtigen, Zeugen und Nebenfiguren nach fast 30 Jahren nochmals befragt werden. Was geschah wirklich? Was hat die Erinnerung verzerrt?

Dem Literaturagenten Peter Katz wird ein Auszug aus einem Manuskript zugespielt. Es geht um den Mord an einem renommierten Professor von Princeton, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Psychologie. Professor Wieder wurde 1987 ermordet, die Tat nie aufgeklärt. Das Geschriebene stammt ausgerechnet von Richard Flynn, einem der Hauptverdächtigen, der damals für den Professor gearbeitet hat. Seine Freundin Lisa soll eine Affäre mit Wieder gehabt haben. Ist sein Roman ein Geständnis? Wird endlich das große Geheimnis gelüftet? Peter Katz wittert einen Knüller, einen „Real-Crime“-Bestseller und fordert das gesamte Manuskript an. Doch Flynn verstirbt, das vollständige Manuskript bleibt verschollen. Weiterlesen

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Felicitas Gruber: Gschlamperte Verhältnisse

Regionalkrimis sind hip, Gerichtsmediziner sind hip, fesche Derndl (= junge Frau, Geliebte, nicht zu verwechseln mit dem Dirndl!) sowieso: Warum also nicht alles kombinieren? Mit „Gschlamperte Verhältnisse“ – auf hochdeutsch: unordentliche oder gar anstößige Verhältnisse – legt das sich hinter dem Pseudonym Felicitas Gruber befindliche Schriftstellerinnenduo Brigitte Riebe und Gesine Hirsch bereits den fünften Band ihrer Reihe rund um die Münchener Rechtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth vor. Unter dem Motto „In Giesing dahoam, am Seziertisch zuhause“ folgt diese Krimireihe ihrem ganz eigenen Tempo. Denn bei aller Leichenschau kommen die bayerische Gemütlichkeit, die Männerprobleme einer drallen Single-Münchnerin sowie der alte Konflikt zwischen Nord- und Süddeutschen nicht zu kurz. Statt auf Suspense wird hier in erster Linie der Humor bedient. Was nicht heißen soll, dass es die Fälle der Münchener nicht in sich haben.

Im katholischen Bayern werden Reliquien gestohlen. Darunter befinden sich drei auf heilig getrimmte Schädel, die in Wirklichkeit drei ermordeten Frauen gehören. Dies bildet den Ausgangspunkt des neuesten Falles von Sofie. Gemeinsam mit ihrem Ex-Mann, dem Hauptkommissar Joe Lederer, muss sie herausfinden, wer diese Frauen waren und ob hier ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Weiterlesen

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Anthony McCarten: Licht

Es ist eine spannende Zeit: Ende des 19. Jahrhunderts legt der technische Fortschritt mit Glühbirne, Elektrizität, Phonograf, Telefon, Kühlschrank und Kautschuk-Kondom ein rasantes Tempo vor. Erfindergenie Thomas Alva Edison, „der ein Orchester in eine Kiste packte“ (so wurde der erste Schallplattenspieler tituliert) nimmt hierbei eine wichtige Schlüsselrolle ein. Der Roman widmet sich den wichtigsten Stationen seines Lebens, von 1878 bis zum Jahr 1929. Der greise Erfinder blickt auf sein Leben zurück und auf eine Kooperation, die seine Arbeit verändern sollte. Die mit dem Finanzmagnaten J. P. Morgan. Neben dem technischen Fortschritt prägt noch eine wesentliche Veränderung den gesellschaftlichen Wandel: das Aufkommen der internationalen, monopolisierten Geldwirtschaft. Mit Multi-Milliardär Morgan, dessen Vermächtnis heute als Symbol der Finanzkrise von 2008 assoziiert wird, steht ein Geldhai an der Spitze, der neue Regeln aufstellt. Eine Idee allein ist nichts wert. Die Wirtschaftlichkeit allein bestimmt, ob eine Erfindung der Welt zugänglich gemacht wird oder nicht. Weiterlesen

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Simona Morani: Der Waschsalon des kleinen Glücks

Eine etwas andere Art von „Toy-Boy“-Story: Die 62-jährigen Witwe Rina betreibt einen kleinen Waschsalon in Modena, auf den sie sehr stolz ist. Für sie bedeutet er ein relativ selbst bestimmtes Leben und finanzielle Unabhängigkeit von ihrem Mann Osvaldo, der vor zwei Jahren gestorben ist. Sie bekocht ihren planlosen Sohn, dem kein Studium oder Job zu liegen scheint, schlendert über den Markt, trifft sich mit ihrer Schwester Ada und schaut gerne Fernsehserien an. Rina stellt keine großen Ansprüche mehr an das Leben – oder gar an die Liebe. Dies ändert sich schlagartig, als der attraktive Mittdreißiger Donato in ihren Waschsalon spaziert…!

Donato, Manager bei Maserati, benötigt dringend eine Hemdenreinigung. Eingefangen von seinem weltgewandten Charme, verschiebt Rina ihm zuliebe einen Auftrag. Bald erscheint Donato zwei Mal pro Woche in Rinas Waschsalon, sie trinken Espresso und unterhalten sich. Rina ist fasziniert von seinen Geschichten, schätzt aber auch, dass er Anteil an ihrem Leben nimmt. Seit langer Zeit fühlt sich Rina wieder als Frau wahrgenommen. Bald stellt sie fest, dass durchaus mehr Gefühle im Spiel sein könnten… Weiterlesen

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Andrew Kaufman: Wie meine Frau einundfünfzig Prozent ihrer Seele rettete

Kurz und crazy: Auf rund 100 Seiten erzählt Andrew Kaufman eine skurrile Geschichte voller überbordender, phantastischer Elemente über einen seltsamen Raubüberfall. Hier geht es nicht um Geld oder Schmuck. Die Geplünderten einer Bankfiliale müssen einen Gegenstand mit dem für sie größten emotionalen Wert an den Räuber aushändigen. Der nimmt anschließend 51 Prozent ihrer Seele mit. Was dann passiert, lässt sich schwerlich in Worte fassen. Ist es ein Märchen oder ein Gleichnis? Eine Fantasy-Story oder ein durchgeknallter Literatur-Trip? Vielleicht ein wenig von allem. Sicher ist: In Kaufmans Welt ist nichts unmöglich. Wahnsinnig komisch!

Stacey und David sind seit sieben Jahren verheiratet. Sie haben einen kleinen Sohn namens Jasper, ein Haus und leben in vermeintlicher Vorstadtidylle. Doch die Ehe ist längst nicht so intakt wie vermutet – Stress, Vernachlässigungen und Ernüchterungserscheinungen inbegriffen. Die rational veranlagte Stacey händigt dem Seelenfänger ihren wichtigsten Gegenstand aus: Ein Taschenrechner, den sie seit ihrem Studium besitzt, mit dem sie Hausraten und den idealen Zeugungszeitpunkt berechnet hat. Wenige Tage nach dem Überfall folgt der Schock: Sie schrumpft in rasantem Tempo! Mathematisch sehr begabt, erkennt Stacey ein Muster dahinter, doch den Vorgang aufhalten kann sie dadurch nicht. Weiterlesen

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Hannah Dübgen: Über Land

Ein kurzer Augenblick, der alles verändert: Clara fährt mit ihrem Fahrrad eine junge, verstört wirkende Frau an, die sofort wegrennt, obwohl sie augenscheinlich verletzt ist. Die merkwürdige Gangart der Frau, ihre bunt zusammengewürfelten Kleider, ihr etwas südländischer Teint und die dunklen Locken – Clara lässt das Schicksal der jungen Frau nicht mehr los. Ihr kommt der Gedanke, dass es sich um eine Geflüchtete handeln muss. Aus Angst eine Teilschuld am Unfallhergang zu erhalten, was sich negativ auf ihren Asylbescheid auswirken könnte, muss sie das Weite gesucht haben. Doch Clara forscht im Flüchtlingszentrum nach und trifft dort tatsächlich auf Amal.

Drei Menschen aus drei verschiedenen Kulturkreisen bilden den Kern dieser Geschichte. Die deutsche Ärztin Clara, ihr Freund Tarun, der aus Indien stammt und als Architekt in Deutschland arbeitet sowie die Irakerin Amal, die in der Flüchtlingsunterkunft auf ihren Asylbescheid wartet. Amal hat im Irak Archäologie studiert und zeichnet gerne Comics. Ihr Vater ist vor einigen Jahren verschwunden, die Großmutter wurde öffentlich hingerichtet, ihre Mutter erhielt nach kritischen Worten an Saddam Hussein berufliche Repressalien. Amal vermisst ihre Familie fürchterlich, Weiterlesen

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Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis

Ein Mordsspaß mitten in Paris: Anne Capestan ist eine talentierte Polizistin, die leider einen Haken hat: Sie ist äußerst hitzköpfig! Leicht erregbar, gerechtigkeitsfanatisch und schießwütig, hat sie sich bei ihrem letzten Einsatz ein paar Kugeln zu viel erlaubt. Folglich wird sie zur Leitung einer neuen Brigade abkommandiert, welche sich als ein Sammelsurium von Polizeikollegen herausstellt, mit denen keiner zusammenarbeiten will. Da ist zum Beispiel José Torrez, dessen vier letzte Partner bei Einsätzen entweder schwer verletzt oder getötet wurden. Seitdem umweht ihn die Aura des Todesengels, der nur Unglück bringt. Da sind der homosexuelle Lebreton, der Säufer Merlot (Name verpflichtet!) und der etwas debile Hacker Dax, der sich bei Boxkämpfen ein paar graue Zellen gequetscht hat. Die mondäne Eva Rosière hat nicht nur Allüren, sondern durch ihre Tätigkeit als Drehbuchautorin einer Krimiserie etliche Kollegen vor einem Millionenpublikum bloßgestellt. Die schüchterne Polizistin Evrard ist der Glücksspielsucht erlegen, während der PS-verrückte Lewitz in drei Monaten drei Dienstwagen zu Schrott gefahren hat. Zusätzlich wird die Brigade von Rosières Schoßhündchen Pilote abgerundet. Weiterlesen

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Henry James: Was Maisie wusste (1897)

Kriegsschauplatz Kind: In unbarmherziger literarischer Härte schildert Henry James, wie eine Scheidungsschlacht auf dem Rücken der kleinen Maisie ausgetragen wird. Eitelkeit, Gier, Schwächen und Sehnsüchte aus der Erwachsenenwelt brechen über das Mädchen herein. Die Szenen spielen sich direkt vor dem Kind ab – doch können wir Leser nie sicher sein, was Maisie wirklich davon versteht. Diese ungewöhnliche Erzählperspektive birgt einen ganz eigenen Reiz. Wird Maisie an der berechnenden, illoyalen Welt der Erwachsenen zerbrechen? Oder wird sie daran reifen und gar ihre eigene, außergewöhnliche Position ausnutzen?

Maisie fungiert als ein „jederzeit verfügbares Gefäß für Gehässigkeiten“. Die Elternteile beanspruchen das Kind jeweils für sich, aber nicht um des Kindeswohls willen, sondern um dem anderen mit Maisies unfreiwilliger Hilfe „gegenseitig Verletzungen zuzufügen“. Zu Beginn versuchen sie das Kind an sich zu binden, um den Partner als unfähig dastehen zu lassen. Später, als sie beide in neuen Beziehungen stecken, versuchen sie das Kind dem anderen aufzuhalsen, da es nun im Weg steht. Zwischendurch wird versucht, Maisie zu beeinflussen oder auszufragen, was diese jedoch bald durchschaut und sich eine Schweigetaktik zu eigen macht, um nicht in die Rachespielchen ihrer Eltern hineingezogen zu werden. Weiterlesen

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Balli Kaur Jaswal: Geheime Geschichten für Frauen, die Saris tragen

So scharf wie ein gutes Curry! Balli Kaur Jaswal ist ein verwegener Mix aus Emanzipations-Story, Komödie, Krimi, Kulturpanorama und einem „Kamasutra meets Sextoys“ gelungen. Ja, Sie haben richtig gelesen! Doch der sexuelle Befreiungsschlag geht nicht etwa von der 22-jährigen Engländerin Nikki aus, die zwar indische Wurzeln hat, aber ansonsten mit den Gebräuchen ihrer Eltern nichts mehr anfangen kann. Es sind alte Witwen in traditionellen Saris, die in Nikkis Schreibworkshop ihre erotischen Fantasien zum Besten geben! Dieser Roman ist ein unkonventionelles Bravourstück, das – im wahrsten Sinne des Wortes – Lust auf mehr macht…

Nikki hat ihr Jura-Studium geschmissen, jobbt als Kellnerin in einem Pub und lebt relativ planlos in den Tag hinein. Sie hat Spaß mit ihrer besten Freundin Olive, trinkt gerne Wein, ist Zigaretten und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt. Weiter nicht verwunderlich, wäre da nicht ein kleines Detail wie Nikkis Nachname: Grewal. Denn Nikki ist die Tochter von Sikhs. Während ihre ältere Schwester sich gerade an einer arrangierten Ehe versucht, lehnt Nikki die alten Traditionen ab. Sie ist aus ihrem Elternhaus in Southall, dem indischen Stadtteil Londons, ausgezogen, sehr zum Missfallen ihrer Mutter.

Aus Geldnot bewirbt sie sich um einen Job als Schreibwerkstättenleiterin im Gemeindezentrum eines Sikh-Tempels. Allerdings hat die zuständige Leiterin Kulwinder das Ganze als Alphabetisierungskurs ausgeschrieben. Weiterlesen

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