Barbara Pym: Vortreffliche Frauen (1952)

London nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mildred Lathbury ist eine Pfarrerstochter über Dreißig. Anders ausgedrückt: eine alte Jungfer! Zudem ist sie eine „vortreffliche“ Frau – fleißig, bescheiden, anspruchslos, stets um das Wohlergehen anderer bemüht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, arbeitet halbtags für eine Organisation, die sich um verarmte Witwen kümmert und bringt sich in ihrer Freizeit in der Kirchengemeinde ein. Einen Mann vermisst sie nicht, dafür hat sie gute Freunde wie den Gemeindepfarrer Julian Malory und seine Schwester Winifred.

Mit dem beschaulichen Leben ist es vorbei, als das Ehepaar Napier in Mildreds Haus einzieht. Die Anthropologin und der ehemalige Marine-Offizier führen ein exotisches Leben. Sie trinken bevorzugt Wein statt Tee und debattieren doppelzüngig über allerlei anrüchige Themen, angefangen beim Klopapier bis hin zu italienischen Mätressen. Hinzu kommen ständige Streitereien. Von dieser Welt ist Mildred ebenso fasziniert, wie überfordert. Denn schneller als ihr lieb ist, wird sie in ein Ehe-Drama hineingezogen. Zum einen harmonieren die chaotische Helena und der ordnungsliebende Rockingham im Alltag nicht besonders. Zum anderen scheint sich Helena zu ihrem Kollegen, dem Anthropologen Everand Bone, hingezogen zu fühlen. Rockingham ist hingegen ein Charmeur und Frauenheld erster Güte. Auch Mildred ist gegen diesen Charme nicht immun. Wohl wissend, dass sich dies bei einem verheirateten Mann nicht gehört. Weiterlesen

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Hans Fallada: Malheurgeschichten (1930)

Galgenhumor vom Feinsten: Die Kurzgeschichten und Episoden dieses Buches handeln von Menschen, die scheitern, aber trotzdem weitermachen. Irgendwie. Hans Fallada, Autor von „Kleiner Mann, was nun“, macht weder vor Gutsherren, Beamten, Nazis, Bauern, Dieben, herrenlosen Weibern oder Sturköpfen aller Art Halt. Nach dem Motto: „Wenn neunundneunzig Dinge misslungen sind, kann das hunderste doch gelingen.“ Kann… muss aber nicht!

Ein gerissener Schneidergesell versucht, in einer spiegelverkehrten „Hans im Glück“-Geschichte ein paar Bauern hereinzulegen. Junge Wandersleute ziehen einen faulen Wirt über den Tisch, ein Bettler einen abergläubischen Verkäufer. Ehelicher Zwist kann durch Kleinigkeiten wie eine offene Tür hervorgerufen werden. Eine strenggläubige Gutsherrin will die sündige Magd zur Reinheit bekehren – ein Schuss, der böse nach hinten losgeht. Fallada hat ein untrügliches Gespür für die absurden Untertöne des Alltags. Besonders deutlich kommt dies in der Geschichte „Das Groß-Stankmal“ zum Tragen. Weiterlesen

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Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!

Der provokante Buchtitel lässt bereits auf den Inhalt schließen. Dafür sorgen auch Statements wie: „Menschenrechte enthalten nicht das Recht, dem Elend zu entkommen!“ Eine aus Indien stammende Dolmetscherin für die Asylbehörde schlägt in der Metro einem Migranten eine Weinflasche über den Kopf. Im Polizeirevier will der Beamte wissen, wie es dazu kommen konnte. Gemeinsam begleiten wir die Ich-Erzählerin zu ihrem auslaugenden Arbeitsalltag. In einer nicht enden wollenden Flut werden ihre ehemaligen Landsleute wie „Quallen“ in die Besprechungszimmer der Behörde gespült. Die Schleuser verkaufen den Männern nicht nur die Überfahrt und gefälschten Papiere, sondern auch die immer gleichen Geschichten, die sie vor den Beamtinnen vorbringen sollen. Bei näherer Befragung können diese jedoch schnell als Lügenkonstrukt entlarvt werden. Es gibt Männer, die behaupten, als Christen verfolgt worden zu sein. Doch sie wissen nicht, was an Weihnachten gefeiert wird oder wer die Heiligen Drei Könige sind. Es gibt Männer, die behaupten, von einer gegnerischen Partei bedroht zu werden, denen aber jegliche politische Grundbildung fehlt.

Mal reagieren die Antragsteller unterwürfig-devot, mal aggressiv-fordernd. Sie stammen aus einem Land, in dem arrangierte Ehe legitim sind und Frauen wenig zu sagen haben. Hier nun entscheiden zwei Frauen über ihre Zukunft! Weiterlesen

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Katrine Engberg: Blutmond

Die Kopenhagener Fashion Week im Januar, wenige Tage vor dem astrologischen Ereignis des Blutmondes: Modezar Alpha Batholdy bricht nach einem Event tot zusammen. Seine inneren Organe sind verätzt worden, offenbar durch eine stark basische Substanz wie Abflussreiniger, die während der Eröffnungsfeier in seinen Drink gelandet ist. Wenig später ereilt Sängerin Cara dasselbe Schicksal. Die Kopenhagener Polizei rund um Jeppe Korner und seine Kollegin Anette Werner versucht anhand von Zeugenaussagen und Social Media Selfies die Beziehungen der Akteure untereinander zu entschlüsseln. Das Problem: Jeppes bester Freund, der Schauspieler Johannes Ledmark, war mit beiden Opfern bekannt, hatte sie an den Abenden getroffen und sogar einen schweren Streit mit Alpha gehabt. Jeppe gerät in ein schweres Dilemma.  Soll er Johannes schützen? Wie gut kennt er seinen besten Freund wirklich?

In atemlosen Tempo und in bester skandinavischer Manier, präsentiert uns die Autorin routiniert ein sich immer schneller drehendes Roulette, das sich um die Frage „Who did it?“ dreht. Sie präsentiert uns eine ganze Reihe von Verdächtigen mit verschiedensten, starken Mordmotiven. Weiterlesen

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Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Dieser meisterhaft erzählte und psychologisch ausgefeilte Roman erzählt von fünf Frauen, die ihre Liebe im Ernstfall verloren haben. Die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehungen sind so unterschiedlich wie die Charaktere der Frauen. Mal scheinen ihnen die Umstände übel mitzuspielen, meist aber müssen sie erkennen, den falschen Lebenswurf gewählt zu haben. Denn egal, was die eine hat und um das die andere sie beneidet – seien es Kinder oder Karriere, Stabilität oder Unabhängigkeit – sie alle sind unglücklich mit ihrer Situation.

Paulas Beziehung zerbricht durch den Tod des Kindes. Ihr Mann gibt ihr die Schuld an dem Unglück. Doch bei genauerer Betrachtung scheint schon Jahre zuvor ein Riss durch die vermeintliche Vorzeigefamilie gegangen zu sein. Während Paula um ihr Kind trauert, wird ihre beste Freundin Judith ungewollt schwanger. Die erfolgreiche Ärztin führt seit jeher Beziehungen zu reifen, verheirateten Männern und hält diese auf Distanz. Ihre wahre Liebe gilt den Pferden sowie ihrem Beruf. Auf Online-Plattformen sammelt sie Affäuren. Dies ändert sich erst, als sie Gregor kennenlernt. Zum ersten Mal scheint eine Langzeitbeziehung denkbar. Doch als sie das gemeinsame Kind heimlich abtrieben lässt, ohne ihn über ihre Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, kann er ihr diesen Vertrauensbruch nicht verzeihen. Weiterlesen

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Ingrid Noll: Goldschatz

Gegenstrom: So nennt sich eine alternative Studenten-WG, die Konsum ablehnt und auf Nachhaltigkeit setzt. Protagonistin Trixie hat das verfallene Bauernhaus ihrer Großtante geerbt. Statt es abreißen zu lassen, möchte sie es renovieren, da sie überzeugt ist, dass alte Gebäude eine Seele haben. Dieses waghalsige Vorhaben ruft sowohl bei Trixies Eltern, als auch bei diversen Handwerken Kopfschütteln hervor. Gemeinsam mit ihren vier Freunden will es Trixie der Wegwerfgesellschaft zeigen! Doch der Fund von mysteriösen Goldtalern und den Gebeinen eines Toten setzt der Landhausidylle ein Ende. Und was ist von Herrn Gläser zu halten, dem unheimlichen Nachbarn, der irgendwie in die Sache verwickelt ist?

Trixies Mitbewohner sind zum einen ihr fester Freund Henry, größter Verfechter der Konsumkritik, wortreicher Ideologieführer und Halbschotte. Hinzu kommen der gutaussende Frauenschwarm und Musiker Oliver, Trixies beste Freundin Saskia sowie die fleißige Martina, eine Pfarrerstochter mit Hang zur Esoterik. Bei dieser charakterlichen Gemengelage scheinen Konflikte vorprogrammiert. Aber zunächst stürzen sich alle gemeinsam in die Renovierungsarbeiten, schmieden Pläne und versuchen den entrümpelten Trödel auf Flohmärkten zu verkaufen. Ganz ohne Geld geht es nicht. Die Fenster sind undicht, es gibt keine Zentralheizung und nur ein Badezimmer. Daneben soll ein Gemüsegarten zur autarken Selbstversorgung entstehen. Weiterlesen

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Aravind Adiga: Golden Boy

Radha und Manju sind zwei sehr unterschiedliche Brüder, die von ihrem ehrgeizigen Vater zu künftigen Cricket-Profispielern gedrillt werden. Während der ältere Radha mit seinem Filmstaraussehen das Rampenlicht genießt, ist das Spiel dem jüngeren Bruder bisweilen verhasst. Dies liegt nicht nur am strengen Vater und seinen dogmatischen Regeln. Manju entdeckt außerhalb des Cricketplatzes noch eine ganz andere Welt – die Welt der Naturwissenschaften, der Liebe, der Freiheit. Ausleben kann er nichts davon. Denn er muss den Traum seines Vaters erfüllen. Dieser sieht als armer Chutney-Verkäufer aus dem Slum, dem die Ehefrau weggelaufen ist, keine andere Möglichkeit zum sozialen Aufstieg in Mumbai, als über eine Sportlerkarriere seiner Söhne.

Nicht nur der Vater ist hinter dem Ruhm der Jungen her. Talentsucher, Sponsoren, Medien… sie alle befeuern sogar die Rivalität unter den Brüdern. Doch je älter sie werden, desto mehr begehren sie auf. Da ist die reiche Sofia, mit der Radha eine Beziehung eingeht. Da ist der ebenso wohlhabende Moslem Javed, Radhas größter Konkurrent, der sich jedoch zu Gedichten und einem freigeistigen Leben hingezogen fühlt. Zwischen Angst und Agonie, Selbstbestimmung und Familientradition, Verleugnung und Erkenntnis, versuchen die Jungen ihren Weg zu gehen. Wo der Druck zu groß ist, entlädt er sich auf unterschiedlichste Weise – zur Not mit Gewalt. Weiterlesen

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Ali Smith: Es hätte mir genauso

Die schottische Autorin Ali Smith ist Meisterin darin, aus alltäglichen Situationen das Abgründige hervorzulocken, das sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich realistisch entpuppen kann. Auch die in diesem Roman beschriebene Dinner-Situation entwickelt sich so abstrus wie (un-) möglich. Ein Mann verlässt die Tischrunde und schließt sich im Gästezimmer ein. Auf Tage, Wochen, Monate – ohne ein Wort der Begründung. Zunächst werden alte Freunde aktiviert, die ihn zum Herauskommen bewegen sollen, da Hausherrin Genevieve brachiale Polizeigewalt wie das Aufbrechen ihrer wertvollen Altbauvillatür aus dem 19. Jahrhundert ablehnt. Als jedoch Fernsehteams, Esoterik-Jünger und Friedensaktivisten die Nachbarschaft bevölkern, wittert die Gastgeberin plötzlich ganz neue Einkommensmöglichkeiten…

Wer ist dieser Miles Garth, der sich im Gästezimmer verbarrikadiert hat? Niemand scheint ihn richtig zu kennen. Um den mysteriösen Gast zu beleuchten, greift Ali Smith zu einem literarischen Kunstgriff: Sie lässt das Phantom Miles durch die Augen verschiedenster Protagonisten langsam Gestalt annehmen. Da ist eine Jugendfreundin, die ihn auf einer Reise durch Europa kennengelernt hat. Da ist eine verwirrte Frau im Altersheim, da die hochbegabte Nachbarstochter, welche ihm heimlich Zettel unter der Tür durchschiebt. Wie sich das Bild von Miles nach und nach schärft, ist faszinierend zu verfolgen. Plötzlich macht alles Sinn, die Puzzleteilchen fügen sich zusammen. Am Ende steht die Frage im Raum: Ist Miles verrückt – oder sind wir es?

Ein Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Verlauf der Dinner-Gesellschaft. Ali Smith hat diese meisterlich beschrieben. Weiterlesen

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Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

„Damit die Götter sich richtig amüsieren, muss der Sturz des Helden gewaltig sein“, wird der Maler und Schriftsteller Jean Cocteau in diesem Buch zitiert. Und tatsächlich: Pierre Lemaitre stößt seinen Helden – oder vielmehr: seine Heldin – von ganz oben aus dem Olymp nach ganz unten in den Dreck.

Damit sie sich wieder wie die Phönix aus der Asche erheben kann, um alles und jeden zu verbrennen, der sich ihr in den Weg gestellt hat…

Madeleine Péricourt, Tochter einer wohlhabenden Bankiersfamilie, lebt ein sorgenfreies Leben im Pariser Stadtpalais ihrer Familie. Bis 1927 Familienoberhaupt Marcel Péricourt stirbt. Madeleine wird Alleinerbin, hat allerdings von den Geschäften ihres Vaters wenig Ahnung. Dazu ereilt sie ein fürchterlicher Schicksalsschlag. Ihr siebenjähriger Sohn Paul stürzt am Tag der Beerdigung aus dem Fenster und ist fortan an den Rollstuhl gefesselt. War es ein Unfall? Wurde er gestoßen? Ist er sogar freiwillig gesprungen? Falls ja, welches dunkle Geheimnis könnte ihn dazu veranlasst haben? Von Schuldgefühlen geplagt, nimmt Madeleine nicht wahr, wie sich um sie herum ein Komplett zusammenbraut. Eine Frau an der Spitze eines Bankenimperiums wirft viele Neider auf den Plan! Noch dazu, wo sich einige in Péricourts Umfeld um ihren Anteil geprellt sehen. Da ist Gustave Joubert, der jahrelang als Prokurist sein Leben der Bank gewidmet hat. Da ist ihr Onkel Charles, der sich als jüngerer Bruder von Marcel stets übergangen fühlte. Weiterlesen

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Margaret Atwood: Hexensaat

Felix, in eigentlicher Bedeutung „der Glückliche“, hat nicht viel mit seinem Vornamen gemein. Der einst erfolgreiche Theaterregisseur wurde nach dem Tod von Frau und Tochter beruflich ausgebootet und um seinen Job gebracht. Nur der Sinn nach Rache hält ihm am Leben. Dafür lässt sich Felix etwas ganz Besonderes einfallen… Margaret Atwood hat einen faszinierenden „Story-in-Story“-Plot entworfen. Denn Felix‘ Rache orientiert sich an Shakespeares Theaterstück „Der Sturm“. Diesen will Felix tatsächlich inszenieren, aber nicht mit herkömmlichen Schauspielern, sondern mit den Insassen einer Strafanstalt. Diese irrwitzige Ausgangslage meistert Atwood mit viel Einfallsreichtum, einem atemberaubenden Aufbau und viel lakonischen Witz. Nicht nur für Shakespeare Liebhaber ist dieser Roman ein Muss!

Felix ist das erfolgreiche Enfant terrible des Makeshiweg-Festivals in Kanada und bekannt für seine Inszenierungen, die gerne Grenzen überschreiten. Ein Genie, das ganz in seinem Beruf aufgeht. Doch private Schicksalsschläge werfen ihn aus seiner Bahn. Zuerst stirbt seine Frau, zwei Jahre später seine Tochter Miranda an einer zu spät erkannten Meningitis. Felix wird von Schuldgefühlen zerfressen. Hätte sich ihr Tod vermeiden lassen, wenn er öfters zu Hause und aufmerksamer gewesen wäre? Weiterlesen

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