Liane Moriarty: Eine perfekte Familie

Joy hat sie und lebt sie: Die „perfekte Familie“ – und dem Leser ist klar, das kann nicht sein, das gibt es nicht, schon gar nicht in einem Roman mit diesem Titel.

Um Joy dreht sich alles in der Familie Delaney, ohne sie wäre ihr Mann nicht erfolgreich mit der gemeinsamen Tennisschule, um ihre Liebe kämpfen ihre vier erwachsenen Kinder, ihre Nähe sucht ein geheimnisvolles Mädchen, das sich bei den Delaneys einnistet – und sie ist es, die eines Tages spurlos verschwindet. Die Kinder vermissen sie zunächst nicht, ihr Leben ist mit Job, Partnern, Ex-Partnern und Krisen aufregend genug. Ihr Mann Stan bemerkt ihr Verschwinden sehr wohl, aber auch er unternimmt nichts.

Alle erhalten eine kryptische Nachricht von Joy auf ihren Handys, die eher beunruhigt als erklärt, wohin und warum Joy verschwunden ist, zumal das Handy, auf dem die Nachricht getippt wurde, unter dem Ehebett gefunden wird. Joys Fahrrad wird gefunden, Blut wird entdeckt, Stan wird verdächtigt und auch jenes mysteriöse Mädchen, das bei Joy und Stan untergekommen ist und besonders Joy ungewöhnlich nah war. Weiterlesen

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Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Heinrich Pohl treibt im indischen Ozean und weiß nicht, warum. Da hilft nur eine gute Portion Konfabulation, die Kunst, Gedächtnislücken durch frei erfundene Begebenheiten auszufüllen. Möglichst fantasievoll. Heinrich klammert sich an eine mit Styropor ausgekleideten Hartplastikbox und ernährt sich von Bier, das in Dosen an ihm vorbeischwimmt. Dass er von einem Lama, einem Clown, einem Aktenkoffer mit mörderischem Inhalt und einem bald untergehenden Klavier umgeben ist, macht es ihm zunächst nicht einfacher zu verstehen, was passiert ist.

Dies ist das wunderbare Anfangs-Szenario, das einen Titel wie „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ verdient. Beim Lesen vergisst man schnell, dass das Ende des Heinrich Pohl hier bereits melancholisch vorweggenommen wird.

Vor seinem Hinuntergleiten in die Tiefen des Meeres erinnert Heinrich sich an seine Kindheit, an seine Außenseiterstellung in der Familie und besonders an seinen Onkel Wendelin, dessen Antiquitätengeschäft in München seine wahre Heimat gewesen ist. Dort stand auch ein Klavier … was noch nicht erklärt, warum dieses nun langsam im indischen Ozean untergeht. Weiterlesen

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Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 – 1910

In Corona-Zeiten beschäftigt man sich – und das ist sicher sinnvoll – mit der Geschichte von Epidemien. Mehrere Veröffentlichungen und Wiederveröffentlichungen zur Spanischen Grippe vor gut hundert Jahren hat es hier gegeben – und wir erkennen, teilweise mit Schrecken, die Parallelen, Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur heutigen weltweiten Pandemie.

Mit „Tod in Hamburg“ – der Titel klingt fast wie ein Krimi – bringt nun der Pantheon-Verlag ein gewichtiges Paperback in die Buchläden, das sich der Geschichte von „Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren“ zwischen 1830 und 1910 widmet.

Diese umfangreiche Studie von über 900 Seiten stammt eigentlich aus dem Jahr 1987, es handelt sich um eine Wieder-Veröffentlichung; der Verfasser hat lediglich ein neues, aktuelles Vorwort beigesteuert. Richard J. Evans ist unter den Historikern eine feste Größe. Geboren 1947, waren vor allem die Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aus der Feder des Cambridge-Professors bahnbrechend. Sein Werk „Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914“ ist Meilenstein und Standardwerk in einem.

Im Gegensatz zu der damals sehr teuren Ausgabe ist Evans‘ große Hamburg-Studie nun in einem preiswerten und doch wertigen Paperback erschwinglich. 928 Seiten, dazu Karten, Diagramme, Statistiken und zahlreiche Fotografien lassen die Zeit wiederaufleben. An jeder Stelle spürt der Leser, dass Evans seinen Stoff vollkommen überblickt und mit souveräner Quellensicherheit zu Werke geht. Weiterlesen

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Nik Aaron Willim & Asadullah Haqmal: Grüne Tiger

Die jungen Autoren Nik Aaron Willim (geb. 1996) und Asadullah Haqmal (geb. 1995) haben mit „Grüne Tiger“ ein politisches Jugendbuch vorgelegt. Das Thema ist der Kampf der Jugend gegen den Klimawandel, denn „was, wenn Du erkennen würdest, dass wir die Welt tatsächlich vernichten?“

Genau diese Erkenntnis trifft die Oberstufenschüler Leyla, Hektor, Piet und Ean. Die Freunde besuchen eine Demonstration der Act-Now-Bewegung, eine Jugendbewegung, die ähnlich wie „Fridays for Future“ mit friedlichen Kundgebungen und Demonstrationen versucht, die Welt auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und zum Handeln zu bewegen. Dort erleben sie den Auftritt der Aktivistin Maisy Young (angelehnt an Greta Thunberg). Diese Begegnung und die anschließenden Diskussionen bewirken eine Art Initiation.  Zunächst sprechen die Freunde uns allen bekannte Wahrheiten und Widersprüche im Alltag aus: Menschen, die versuchen, sich ökologisch korrekt zu verhalten, buchen trotzdem für ein Wochenende Flüge nach Mallorca, essen Fleisch oder werfen ihre Zigaretten auf die Straße. Weiterlesen

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E.S. Schmidt: Welt der Schwerter II

Band II der „Welt der Schwerter“ fügt sich übergangslos an Band I an, beide Bücher sollten also nacheinander (und nicht unabhängig voneinander) gelesen werden. Esther S. Schmidt hat vor ein paar Tagen die potentiellen Leserinnen und Leser gewarnt, dass ich bei meiner Besprechung von Band I ein wenig gespoilert hätte. Daher halte ich mich in dieser Hinsicht hier zurück.

Natürlich: Die begonnenen Schlachten werden fortgeführt, beeindruckend erzählt wird die Taktik, die Siluren anwendet. Die Autorin hat hier von Sun Tsu und seinem Buch „Die Kunst des Krieges“ gelernt und sich mit historischen Schlachten und Schilderungen des Soldatenlebens befasst. Normalerweise überlese ich diesen Aspekt in Romanen gern, hier kann ich sagen: Diese Szenen sind absolut fesselnd geschrieben.

Für diese Fortsetzung der Geschichte der Brüder Siluren und Coridan habe ich mir gewünscht, dass zwei Fantasy-Elemente mehr zur Geltung kommen: Zum einen die Welt der Träume, in denen sich Menschen begegnen und einander Schaden zufügen können. Hier wäre es sicher spannend gewesen, die Figuren mehr in diese Traum-Welt zu verstricken. Zum anderen gibt es die mythische Welt der Erdmutter, die der erwählten Akh`Eldash (Lynn) ihre Macht verleiht. Weiterlesen

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E.S. Schmidt: Welt der Schwerter I

Ester S. Schmidt erschafft in ihrem Fantasy-Roman eine Welt, die teilweise angelehnt ist an „Mittelalter-Fantasy“, es gibt Könige, Prinzen, Schlachten, Diener, Burgen und adlige Damen, die auserwählt und verheiratet werden sollen, nachdem sie in einer Art Kloster erzogen wurden. Gleichzeitig führt die Autorin mit gewohnt sicherer Hand in eine Welt, in der sich alles nach den Regeln der „großen Mutter“ richtet.  Lynn, eine Kanonissin im Kloster, vollzieht das Ritual der Reinigung und steigt in eine Höhle hinab in das Allerheiligste, wo sie mit den anderen jungen Frauen betet und sich der Göttin hingibt. Der Grund für dieses Ritual ist, dass der König für seinen Sohn und Thronfolger namens Siluren die richtige Frau sucht. Diese wird wiederum in diesem Ritual auserwählt. Lynn ist zu alt und zu ungehorsam, um auserwählt zu werden, außerdem stört sie unerlaubt das Ritual, als sie Thaja rettet, die in der Grotte einen Anfall bekommt und nicht allein hinausgelangen kann. Trotz dieses Regelbruchs wählt die große Göttin sie aus, kennzeichnet sie mit dem Stirnmal No`Ridahl und macht sie zur Akh`Eldash. Lynn fügt sich dem Willen der Erdmutter und es ist klar, dass sie den Prinzen Siluren, genannt den Zauderer, heiraten und als Akh`Eldash die Befehle des Ordens befolgen wird. Weiterlesen

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Uwe Hermann: Nanopark

Zunächst erinnert „Nanopark“ an „Westworld“ mit seinen Fortsetzungen und Adaptionen, denn Schauplatz des Thrillers ist Deutschlands modernster Freizeitpark, der titelgebende Nanopark.

Hier verschmelzen für die Besucher virtuelle Welten und Wirklichkeit, denn mit Eintritt in den Park atmen die Besucher winzige Roboter ein, die von nun an steuern, was die Gäste sehen und erleben. Die Beschreibung der Attraktionen und der technischen Voraussetzungen für das Spektakel macht den Reiz des Buches aus, wie auch ein Nebenpfad der Handlung: Ein junger Mann „bucht“ illegal ein Feature zum Parkbesuch dazu und die Begegnung mit seiner virtuellen Traumfrau überrascht (ihn und die Leser).

Die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, und viele Entwicklungen, wie das autonome Fahren, sind zum Alltag geworden. Weiterlesen

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Octavia E. Butler: Wilde Saat (1980)

Das wunderbare Titelbild des Buches zeigt die junge, schöne, stolze schwarze Anyanwu, im Hintergrund die Sonne, wobei das goldene Strahlen sowohl von Anyanwu als auch von der Sonne ausgeht. Ich brauche bei so einem tollen Titelbild weder eine Empfehlung, noch einen Klappentext, um Lust aufs Lesen zu bekommen.

Die Autorin Octavia Butler, so schreibt es der Verlag, hat 1976 mit „Patternmaster“ eine Reihe zu schreiben begonnen. Deren vierter Teil ist „Wilde Saat“, inhaltlich stellt der Band den Beginn der Saga dar.

Worum geht es? Die Gestaltwandlerin Anyanwu besitzt die Gabe, zu heilen. Das betrifft auch ihren eigenen Körper, sie kann ihre Wunden und Krankheiten aus eigener Kraft heraus heilen und kann ihren Körper so umwandeln, dass sie Mann- , Frau- und Tiergestalt annehmen kann. Zu Beginn des Romans wird sie von dem unsterblichen Wesen Doro aufgespürt, das die Jahrhunderte überlebt, indem es sich die Körper von Menschen aneignet und in ihnen weiterlebt, bis sie sozusagen abgelebt sind.

Zur Zeit der ersten Sklavenhändler, die Schwarze nach Amerika bringen, ist auch er in Afrika und besieht sich die Versklavten, um einige von ihnen zu kaufen. Er ist dabei auf der Suche nach Menschen, die bestimmte übernatürliche Begabungen haben, sie werden auch Hexen genannt. Mit ihnen betreibt er in der neunen Welt, in Amerika, eine Menschenzucht. Er „paart“ gezielt Menschen miteinander; wenn das Ergebnis ihm nicht gefällt, tötet er sie. Dabei zeugt er selbst unendlich viele Nachkommen. Weiterlesen

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Calin Noell: Fools in Space

Die deutsche Autorin Calin Noell legt mit „Fools in Space“ einen neuen Roman vor: Eine Space Opera mit origineller Ausgangssituation.

Zwei Raumschiffe umkreisen die Erde, Fool 1 und Fool 2. Die Besatzung besteht aus sogenannten „besonderen Menschen“, die ihre Raumschiffe in geheimer Mission in den Tiefen des Weltraums wähnen und ihre Aufgaben als Besatzungsmitglieder sehr ernst nehmen.

In Wirklichkeit wird die Fool 2 – das Raumschiff mit den „minderschweren Fällen“ – von einer KI gesteuert, die eine Raumfahrt simuliert und ihre Besatzung mit Medikamenten ruhigstellt. Dieser Umgang mit „geistig Kranken“ in einer fernen Zukunft wird im Buch mehrmals thematisiert, so sagt die Ingenieurin Lawen Door, die von außerhalb auf das Schiff gerät: „Sie waren alle nicht gesund, das musste ich mir immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Die Frage, die sich mir aufgrund dessen unentwegt stellte, galt der Inobhutnahme dieser Menschen, wie die Regierung es nannte. Ich hätte es eher entmündigt und weggesperrt genannt.“

Dieser Konflikt im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen ist natürlich kein Problem der Zukunft, seit jeher ist der Grat schmal zwischen Hilfestellung und Ruhigstellung. Weiterlesen

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Meike Eggers: Cybionic: Der unabwendbare Anfang

Das Titelbild mit blauer Erde und Computer-Chip-Ästhetik, der Titel „Cybiotic“, der eine Mensch-Technik-Beziehung andeutet und der erste Satz des Klappentextes, „Wirklichkeit ist nur eine Möglichkeit“, hat mich dazu verführt, Meike Eggers Science Fiction – Thriller zu lesen.

Das Buch beginnt sehr bodenständig im heutigen Berlin mit den Geschwistern Sala und Ksen, deren Vater sie verlassen hat und deren Mutter Alkoholikerin ist. Die beiden studieren und sind auf sich selbst gestellt und entsprechend eng scheint ihr Verhältnis zueinander zu sein. Die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland wird kurz gestreift und es geht sofort los mit dem Verschwinden von Ksen, die Sala vielleicht doch nicht so gut kennt, wie er glaubt. Gemeinsam mit Antonia sucht Sala seine Schwester, sie folgen geheimnisvollen Botschaften und Spuren in Berlin und bald auch in den USA.

Bedeutsam ist der Hinweis auf eine Frau, die in den 30er Jahren aus genau dem Haus verschwunden ist, in dem Ksen seit kurzem wohnt – und das nicht zufällig. Offenbar ist sie in das Haus gezogen, um mehr über die damals verschwundene Ella herauszufinden. Sehr geheimnisvoll wird angedeutet, dass sich das Foto von Ella im Laufe der Zeit verändert, sie wirkt wie eine weitere reale Figur im Roman. Weiterlesen

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