Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

Nach „Schwimmerbecken“ legt Ulrike Anna Bleier mit „Bushaltestelle“ ihren zweiten Roman vor. Darin führt Elke ein imaginäres Gespräch mit ihrer Mutter Theresa, die sie mit „Du“ anspricht.

Im Laufe dieser Selbst-Gespräche und Reflexionen taucht der Leser so tief in die Familiengeschichte Elkes ein, folgt den episodenhaften Sprüngen über Zeit und Orte hinweg und in sie hinein, dass eine Vertrautheit mit den einzelnen Familienmitgliedern entsteht, über die man am Ende des Buches fast ein bisschen mehr weiß, als sie selbst.

Elke ist ein Kind, das von ihrer Mutter nicht wahrgenommen wird, was es ihr leicht macht, immer wieder zu verschwinden. Mal wird sie von der Mutter unter einer Schneeschicht an einer Bushaltestelle wiedergefunden, mal entwischt sie aus ihrem Körper und findet mit viel Übung im gewünschten Moment zurück. Irgendwann verschwindet sie endgültig: Hinter den Eisernen Vorhang. Sie wechselt ihre Identität und schließt sich Madla an.

Madla gehört zur Familie und irgendwie auch nicht. Sie ist die Adoptivschwester von Theresa, Elkes Mutter, und sie ist in Kriegszeiten selbst verschwunden. Weiterlesen

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Maruan Paschen: Weihnachten

„Weihnachten ist jeden Tag“ – das ist das Motto von Maruan Paschens Weihnachts-Roman.

Weihnachten im Kreis der Familie, auf den Raum um den Baum konzentriert, ist ein literarischer und realer Dauerbrenner im Leben der meisten Menschen. Das Bürgertum definiert sich unter anderem über dieses Fest, das nicht christlich ausgerichtet sein muss, aber die Familie in den Mittelpunkt rückt und bei dem Ort und Zeit verschiedenste Familienmitglieder zusammenbringen unter dem Stern.

Das kann lustig sein, barbarisch, mörderisch. Bei Paschen ist es der – typische – Fonduetopf, um den sich die Familie versammelt, und die Leser-Erwartung wird erfüllt: Alles geht schief.

Maruan berichtet als Ich-Erzähler von der Weihnachtsfeier der Paschens, mit Maruan selbst, der Mutter und diversen Onkeln. Weiterlesen

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L. Wilford & R. Stevenson: Wes Andersons Isle of Dogs – Ataris Reise: Das Making of

Im Februar 2018 war der Animationsfilm „Isle of Dogs“ der Eröffnungsfilm der Internationalen Filmfestspiele in Berlin und kam kurz darauf in die deutschen Kinos. Der Film, der in der nahen Zukunft spielt, erzählt von der Freundschaft zwischen dem Jungen Atari und seinem Hund Spots.

In einem faschistischen Überwachungsstaat sucht der 12-jährige Atari Kobayashi seinen Hund Spots, der in der Exilkolonie auf Trash Island haust. Alle Hunde aus Megasaki City wurden nach Ausbruch des Schnauzenfiebers auf die Hundeinsel verbannt, so auch Ataris geliebter Spots, der mit einer Seilbahn, in einem Käfig gefangen, zur Insel gebracht wurde.

Die Hunde Chief, King, Rex, Boss und Duke haben in der Vergangenheit als Streuner, Maskottchen, geliebter Familienhund oder Versuchstier völlig unterschiedliche Erfahrungen mit Menschen gemacht und leben nun im Rudel im Müll, als Atari auftaucht.

Mit einem Turbo Prop gelangt Atari auf die Hundeinsel und zeigt dem Hunderudel ein Foto von Spots, gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach ihm.

Gleichzeitig wird jenseits der Insel ein Heilmittel für die Hunde gesucht, die Mitarbeiter einer Schülerzeitung erforschen die wahre Geschichte des Schnauzenfiebers und Tracy, eine amerikanische Austauschschülerin, versucht eine Verschwörung aufzudecken. Weiterlesen

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Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen: Zehn Geschichten

Nach seinem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ legt Benedict Wells aktuell den Erzählband „Die Wahrheit über das Lügen“ vor.

Zunächst begegnen wir Henry M., einem mächtigen Mann, der in seiner freien Zeit (zur Unzeit) eine Bergtour unternimmt. Als er zurückkehrt, muss er begreifen, dass die Zeit, die für ihn während dieser nachmittäglichen Tour vergangen ist, im Tal andere Dimensionen angenommen hat. So ist sein Sohn tot, seine Frau gealtert.

Die wichtigste und titelgebende, für mich magischste Erzählung des Buches, „Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen“, beschreibt die Folgen einer Zeitreise. Hierin erklärt der Filmproduzent Adrian Brooks einem Journalisten, dass er n i c h t der Erfinder von „Star Wars“ sei. Stattdessen sei ein gewisser George Lucas (inzwischen vergessen) der wahrer Vater des Epos. Weiterlesen

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Frank Vorpahl: Der Welterkunder

Auch wenn angesichts seiner Leistung und Bedeutung der deutsche Weltreisende, Ethnologe und Aufklärer Georg Forster heute immer noch zu wenig bekannt ist, gibt es doch bereits einige hochinteressante Bücher und Biografien über ihn, so dass man durchaus kritisch die Darstellung Frank Vorpahls erwarten durfte, zumal ihre Veröffentlichung mehrmals verschoben worden war.

Vorpahl, Jahrgang 1963, Redakteur von „aspekte“ beim ZDF, darf hierbei durchaus als Forster-Kenner gelten. Nicht nur dass er bereits mehrere Filmbeiträge über den großen Vergessenen drehte, er sorgte u.a. auch für eine großartige neue Ausgabe der „Reise um die Welt“ (Folioband der Anderen Bibliothek), jenes weltberühmten Reiseberichts, mit denen sich Forster unsterblich gemacht hatte. 1772 durften sein Vater und er (im Alter von 17 Jahren) den großen Captain Cook auf dessen zweiter Südsee-Expedition begleiten. Seine Zeichnungen sind bis heute von wissenschaftlicher Bedeutung, sein Reisebericht Weltliteratur.

Frank Vorpahl macht sich nun also auf die Suche, reist Forster nach, entdeckt nicht nur Neues in Archiven und treibt verloren geglaubte Fundstücke auf. Er spürt Forster nach, um diesen immer besser kennenzulernen. Weiterlesen

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Dirk Pope: Abgefahren

Viorel ist nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter abgefahren – mit ihrer Leiche im Kofferraum, weg aus Essen-Vogelheim, hin in den Wilden Osten Europas. Der dicke, phlegmatische Junge entwickelt plötzlich Energie und Tatendrang, um den letzten Wunsch der Mutter, nämlich in der Heimat begraben zu werden, zu erfüllen. Schon zu Beginn des Romans stellt der Autor eine Verbindung her zwischen Bram Stokers „Dracula“ und dem Land, in das Viorel reist: Rumänien.

Gleich vorweg: Es erhöht die Spannung und Lesefreude, wenn man die klassische Dracula-Geschichte kennt.

Viorel hat das Ruhrgebiet nie verlassen, bei Kilometer 279 beginnt die Reiseerzählung, wobei Roadmovie die Stimmung des Textes besser trifft.

Die Reise gestaltet sich schwierig, das Auto ist alt, der Sprit knapp, ebenso das Geld, und der Leichnam ein Risiko. Außerdem besitzt Viorel keinen Führerschein. Dass seine Mutter nicht monatelang, durch Schläuche versorgt, im Krankenhaus dahingesiecht ist, ist ihm ein Trost. Trotzdem ist seine Trauer riesig und er bekämpft das Gefühl – wie alle Gefühle – mit viel Zucker, Kohlehydraten und Fett. Das Thema Essen begleitet Viorel die ganze Reise über, Essen aus Lust, zum Glücklichsein, auf Kommando. Weiterlesen

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Joey Comeau: Überqualifiziert

Joey hat genug davon, an den immergleichen Bewerbungsschreiben zu sitzen, seine eigenen Fehler zu kaschieren und Lügen aufzutischen, die er nicht einmal selbst glauben möchte.

In der aalglatten Person, die ihm aus seinen Bewerbungsschreiben entgegenstrahlt, erkennt er sich nicht wieder und als sein Bruder von einem Auto erfasst wird und um sein Leben kämpft, hat Joey es endgültig satt. Und schnell ist klar, dass es längst nicht mehr nur um einen Job geht. Seine Bewerbungen an verschiedenste Arbeitgeber gestalten sich grotesk und erlauben einen Einblick in Joeys Leben: Bei Absolut Vodka bewirbt er sich um eine Stelle im Marketing, da er über Erfahrung mit Alkohol verfügt („Lieber Absolut Vodka …“). Und da er Levi Strauss & Co gegenüber betont, ein eigenes Leben zu haben, ist er durchaus bereit, für schlecht gelaunte Kunden die richtigen Hosengrößen herauszusuchen, um eben dieses Leben führen zu können.

Als Santa Claus zu arbeiten – ohne Erfahrung mit Kindern zu haben, aber angeklagt wegen Belästigung und mit dem Eingeständnis, Kinder zu hassen – wird ihm kaum gelingen.

„Weißt du noch, wie es war, das Beste im Mann zu sein?“, fragt er Gilette (besser, den „lieben Gilette“) und Paramount Pictures vertraut er an: „Ich möchte Horrorfilme schreiben“. Weiterlesen

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Laline Paull: Das Eis

Die Eisdecke in der Arktis schmilzt unaufhörlich und auch im Sommer gibt es kein Eis mehr im Nordpolarmeer. Raffgierige Unternehmen wittern ihre Chance und wetteifern um einen Platz im einstmals „ewigen Eis“.  In diese Szenerie gerät ein Kreuzfahrtschiff mit gut zahlenden, anspruchsvollen Gästen, die ihre Reise auf dem luxuriösen Schiff unter dem Motto „Im Reich des Eiskönigs“ gebucht haben. Diesen Eiskönig, einen echten Eisbären, wollen sie nun sehen. Unzufrieden mit schmutzigen Gletscherzungen, gelangweilt von der Aussicht auf die sterbende Arktis, drohen sie bereits mit einer Klage. Der Kapitän des Schiffs lenkt ein und nimmt Kurs auf einen gesperrten Fjord.

Hier erleben die Gäste das Kalben eines Gletschers, der Eisberg bricht und treibt ins Meer. Dieses Naturschauspiel fördert spektakulär eine männliche Leiche zutage Weiterlesen

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Pippa Goldschmidt: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen

Die surreale  Endzeitstory „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ beginnt damit, dass weltweit die GPS-Systeme versagen. Dann krachen „die Satelliten wie himmlische Autoscooter ineinander, und die Astronomen waren in ihren Raumstationen gefangen und warteten auf die Unendlichkeit.“

Diese Geschichte versteckt sich auf kurzen zwei Seiten in der Mitte des Buches und zeigt die ganze Eindringlichkeit und Lakonie der Sprache, mit der Pippa Goldschmidt unterschiedlichste Geschichten erzählt, von Frauen in der Wissenschaft, die nicht durch Teleskope sehen dürfen, aber klassifizierte Sterne in Listen eintragen; von den privaten Tragödien des Albert Einstein und Alan Turings; von Robert Oppenheimers Zeit als unsicherer Doktorand in Camebridge und Bertold Brecht im Exil. Weiterlesen

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Enrico Brissa: Auf dem Parkett: Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens

Das ist schon etwas Besonderes, wenn der ehemalige Protokollchef beim Deutschen Bundestag und Protokollchef der Bundespräsidenten Wulff und Gauck ein Handbuch über gutes Benehmen und angebrachte Manieren vorlegt.

Enrico Brissa hat dies nun getan. Mit seinem Handbuch geht er aber teilweise ganz andere Wege als die herkömmlichen Benimmratgeber und Verhaltens-Knigges, mit denen der Buchmarkt aus gutem Grund übersättigt ist. In einem Vorwort erinnert sich Brissa kurz seiner eigenen Erziehung und verweist darauf, dass Manieren und gute Sitten z. B. Bei Tisch nicht nur ein Selbstzweck sind, sondern demjenigen, der sie beherrscht, Halt geben.

Darüber hinaus seien sie auch ein Zeichen von Achtsamkeit und Respekt. Das sehe im Privaten nicht anders aus als auf dem öffentlichen Parkett. In diesem Zusammenhang erinnert er an anderer Stelle an den berühmt berüchtigten Fototermin der Staats- und Regierungschefs auf dem Nato-Treffen in Brüssel 2017, als US-Präsident Donald Trump dadurch unangenehm auffiel, dass er den Premierminister von Montenegro, Markovic, rüde beiseiteschob und sich vordrängelte. Weiterlesen

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