T.E.D. Klein: The Ceremonies

Ich habe vor langer Zeit T.E.D. Kleins Kurzgeschichtensammlung „Dunkle Götter“ (1985) gelesen, und besonders hat mich die Story „Nadelmans Gott“ fasziniert. Dass der Piper Verlag nun „The Ceremonies“, Kleins Horror-Roman von 1984, neu aufgelegt hat, freut mich daher sehr!

Der Hintergrund der Story mit viel Lovecraft`scher Mystik sind Aberglaube und religiöser Fanatismus. Die Handlung ist in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angesiedelt, das heißt die Handlung wird nicht von Handys, SMS und E-Mails voran gepusht. Das Erzähltempo ist langsam und zieht gerade dadurch in den Bann.

Worum geht es? Seit ewigen Zeiten schlummert eine uralte Macht in den Wäldern, unweit von New York, nahe dem Ort Gilead, der von einer religiösen Gemeinschaft errichtet und bewohnt wird. Ein Diener dieser alten Macht ist Aloysius Rosebottom, verniedlichend „Rosie“ gerufen. Angeblich ist er ein harmloser alter Mann mit Interesse an alten Riten und Volkstänzen, in Wirklichkeit plant er seit sehr, sehr langer Zeit die Auferstehung seines Gottes. Weiterlesen

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Kirstin Breitenfellner: Maria malt

Die Autorin beginnt die fiktive Biografie über Maria Lassnig mit einem wunderschön erzählten ersten Kapitel über deren frühe Kindheit. Maria „Riedi“ ist arm und oft hungrig, sie lebt als „lediges Kind“ bei der Großmutter. Manchmal muss sie zur Strafe auf einem Holzscheit knien, manchmal bekommt sie den Zutzel, damit sie still ist, einen zerknäulten Lappen, gefüllt mit Zucker und Alkohol. Sie weiß, manche Kinder, die zuviel zutzeln, werden davon dumm. Auch Riedi ist anders, sie mag nicht sprechen. Dafür kann sie zeichnen und malt das Haus ihrer Großmutter. Ihre Mutter ist schön, stark und klug, und nachdem sie einen Bäckermeister geheiratet hat, holt sie Riedi zu sich.

Diese Geschichte ist sehr berührend und ich habe beim Lesen erst einmal innegehalten, bevor ich weiter auf die Reise gegangen bin: Maria besucht die Wiener Akademie: „Die Tochter und Enkelin einer langen Reihe von unverheirateten und unterprivilegierten und überarbeiteten Frauen“ erhält ihr Hochschuldiplom, wird in Kärnten zum Provinzstar und verliebt sich in den „Widerspenstigen Wilden“ Arnulf Rainer. Die Künstlerpersönlichkeiten inspirieren sich gegenseitig in der Nachkriegszeit, werden dann zu Konkurrenten, die sich unterschiedlich gut im Kunst-„Betrieb“ durchsetzen können. Kurz: Arnulf verkauft, Maria malt. Weiterlesen

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Wolfgang Rauh: Leichdorf

„Im beschaulichen Leichdorf, einem kleinen, abgeschiedenen Ort inmitten von Wäldern und Bergen, lebt ein Serienmörder, der seinen Opfern gerne die Haut abzieht, um unter die Oberfläche zu schauen.“

Dieser Klappentext macht absolut neugierig, und zwar Thriller-Fans genauso wie Fans von Horrorgeschichten. Gleichzeitig deutet sich bereits an, dass hier eine blutige Geschichte auch humorvoll erzählt wird. Dass der Golkonda-Verlag sehr guten Horror verlegt, ist bekannt. Dass auch deutsche Horror-Autoren vertreten sind, ist großartig, und in der kleinen Szene der Verlage, die das Genre ernst nehmen, nicht selbstverständlich.

Wie geht es los? Roland und Sandra begegnen Dwiggi wieder, der nach langer Abwesenheit nach Leichdorf zurückkehrt. Sie helfen ihm, das verlassene Haus seiner Eltern zu entrümpeln und er lernt Barbara kennen und verliebt sich in sie. Und von nun an dreht sich in Rauhs Horror-Thriller alles um dieses unheimliche Leichdorf, um die Morde, um die Frage, wer der Mörder ist. Weiterlesen

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Stephan Becher: China Brain Project

Immer wieder, nicht zuletzt durch den Konflikt mit Taiwan, ist China, bzw. seine Expansion in der globalisierten Welt, ein Thema in unseren Nachrichten. Politologen sind sich darin einig, dass China in allernächster Zukunft die Weltpolitik bestimmen wird. Wenn wir heute an China denken, fallen uns nicht allein die zahlreichen billigen Produkte in den Geschäften auf, sondern wir denken auch an die problematische Situation von Chinas Umgang mit den Menschenrechten.

Der Elektroingenieur und Volkswirt Stephan Becher legt nun mit „China Brain Project“ einen sachlich fundierten Roman vor, der dieses Szenario weiterentwickelt: China beherrscht die Technologie der Quantencomputer und benötigt ausländisches Know-how, um die Simulation eines menschlichen Gehirns zu verwirklichen.

Torsten, Craig, Pascal und Valentina, Experten auf verschiedensten Bereichen der Wissenschaft, folgen einem finanziell verlockenden Angebot, in China zu arbeiten. Sie erhoffen sich unbegrenzte Mittel für ihre Forschung. So beginnt der Thriller, in dem es um technisch-medizinischen Fortschritt, Spionage und ein restriktives Gesellschaftssystem geht. Weiterlesen

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Garielle Lutz: Geschichten der übelsten Sorte

Der Autor Clemens J. Setz („Indigo“) bezeichnet Garielle Lutz als „eine der großen Prosamagierinnen“. In der Tat ist die Sprache, mit der die Autorin uns Leser angeht, ungewöhnlich intensiv. Manche Sätze stehen so sehr für sich, dass ein Weiterlesen zunächst einmal schwierig erscheint, und oft reihen sich genau diese Sätze sogar aneinander.

Der Übersetzer Christophe Fricker hat für das als unübersetzbar geltende Buch Worte gefunden wie: „Sie schneidersetzte sich auf den Wohzimmerboden“. Es folgen surreale Sätze wie „Der Baum vor dem Fenster macht viel Lärm“. Aber auch abstoßende und nervende Beschreibungen über Kot, Urin und Selbstbefriedigung: „Ich hole mir noch zweimal heilsam einen runter“. Es folgt die Episode, in der der Protagonist von Geschäft zu Geschäft läuft, um in der Umkleidekabine auf die eigene und die zu verkaufende Kleidung „die Pisse […] loslaufen“ lässt. Lässt die eine Frau „ihre Arme so langsam in meine Richtung ausrollen, so sehr im Verborgenen“, ist eine andere „Frau ein vielbenutzter, unbewohnbarer Rotschopf gewesen“. Weiterlesen

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Erik D. Schulz: Weltmacht ohne Menschen

Erik D. Schulz‘ KI-Thriller ist in der nahen Zukunft angesiedelt, im Jahr 2075. Das Nipah-Virus ist mutiert, es gibt das Moon- und das Mars-Village, Korea ist wiedervereinigt und es gibt ein Abkommen zur Abschaffung von Atomwaffen. Das Grundeinkommen ist eingeführt, Androcops sorgen für Ordnung auf den Straßen und das Gesundheitssystem in Deutschland macht KIs zu Kollegen des Menschen.

Schulz schafft hier ein atmosphärisches Near Future-Szenario, in dem der Arzt Philip Rogge -scheinbar zufällig- von Friedrich Cannavale aufgesucht wird, der am Ende des Romans eine Revolution ausgelöst haben wird, „die das Leben auf der Erde tiefgreifend verändert hat“. Diese Vorausschau baut Spannung auf, und der Arzt und Autor Schulz hält diese bis zum Schluss aufrecht.

Allerdings fragt man sich an dieser Stelle, warum Cannavale sich Rogge überhaupt anvertraut. Dies wird erst zum Ende des Romans aufgelöst und die scheinbare Ungereimtheit lässt den Leser nicht ganz los: „‚Sagen Sie, warum erzählen Sie mir das alles?‘, fragt Rogge zu Beginn der Ereignisse, und Cannavale antwortet nur: ‚Ich habe Vertrauen zu Ihnen.‘“ Weiterlesen

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Liane Moriarty: Eine perfekte Familie

Joy hat sie und lebt sie: Die „perfekte Familie“ – und dem Leser ist klar, das kann nicht sein, das gibt es nicht, schon gar nicht in einem Roman mit diesem Titel.

Um Joy dreht sich alles in der Familie Delaney, ohne sie wäre ihr Mann nicht erfolgreich mit der gemeinsamen Tennisschule, um ihre Liebe kämpfen ihre vier erwachsenen Kinder, ihre Nähe sucht ein geheimnisvolles Mädchen, das sich bei den Delaneys einnistet – und sie ist es, die eines Tages spurlos verschwindet. Die Kinder vermissen sie zunächst nicht, ihr Leben ist mit Job, Partnern, Ex-Partnern und Krisen aufregend genug. Ihr Mann Stan bemerkt ihr Verschwinden sehr wohl, aber auch er unternimmt nichts.

Alle erhalten eine kryptische Nachricht von Joy auf ihren Handys, die eher beunruhigt als erklärt, wohin und warum Joy verschwunden ist, zumal das Handy, auf dem die Nachricht getippt wurde, unter dem Ehebett gefunden wird. Joys Fahrrad wird gefunden, Blut wird entdeckt, Stan wird verdächtigt und auch jenes mysteriöse Mädchen, das bei Joy und Stan untergekommen ist und besonders Joy ungewöhnlich nah war. Weiterlesen

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Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Heinrich Pohl treibt im indischen Ozean und weiß nicht, warum. Da hilft nur eine gute Portion Konfabulation, die Kunst, Gedächtnislücken durch frei erfundene Begebenheiten auszufüllen. Möglichst fantasievoll. Heinrich klammert sich an eine mit Styropor ausgekleideten Hartplastikbox und ernährt sich von Bier, das in Dosen an ihm vorbeischwimmt. Dass er von einem Lama, einem Clown, einem Aktenkoffer mit mörderischem Inhalt und einem bald untergehenden Klavier umgeben ist, macht es ihm zunächst nicht einfacher zu verstehen, was passiert ist.

Dies ist das wunderbare Anfangs-Szenario, das einen Titel wie „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ verdient. Beim Lesen vergisst man schnell, dass das Ende des Heinrich Pohl hier bereits melancholisch vorweggenommen wird.

Vor seinem Hinuntergleiten in die Tiefen des Meeres erinnert Heinrich sich an seine Kindheit, an seine Außenseiterstellung in der Familie und besonders an seinen Onkel Wendelin, dessen Antiquitätengeschäft in München seine wahre Heimat gewesen ist. Dort stand auch ein Klavier … was noch nicht erklärt, warum dieses nun langsam im indischen Ozean untergeht. Weiterlesen

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Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 – 1910

In Corona-Zeiten beschäftigt man sich – und das ist sicher sinnvoll – mit der Geschichte von Epidemien. Mehrere Veröffentlichungen und Wiederveröffentlichungen zur Spanischen Grippe vor gut hundert Jahren hat es hier gegeben – und wir erkennen, teilweise mit Schrecken, die Parallelen, Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur heutigen weltweiten Pandemie.

Mit „Tod in Hamburg“ – der Titel klingt fast wie ein Krimi – bringt nun der Pantheon-Verlag ein gewichtiges Paperback in die Buchläden, das sich der Geschichte von „Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren“ zwischen 1830 und 1910 widmet.

Diese umfangreiche Studie von über 900 Seiten stammt eigentlich aus dem Jahr 1987, es handelt sich um eine Wieder-Veröffentlichung; der Verfasser hat lediglich ein neues, aktuelles Vorwort beigesteuert. Richard J. Evans ist unter den Historikern eine feste Größe. Geboren 1947, waren vor allem die Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aus der Feder des Cambridge-Professors bahnbrechend. Sein Werk „Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914“ ist Meilenstein und Standardwerk in einem.

Im Gegensatz zu der damals sehr teuren Ausgabe ist Evans‘ große Hamburg-Studie nun in einem preiswerten und doch wertigen Paperback erschwinglich. 928 Seiten, dazu Karten, Diagramme, Statistiken und zahlreiche Fotografien lassen die Zeit wiederaufleben. An jeder Stelle spürt der Leser, dass Evans seinen Stoff vollkommen überblickt und mit souveräner Quellensicherheit zu Werke geht. Weiterlesen

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Nik Aaron Willim & Asadullah Haqmal: Grüne Tiger

Die jungen Autoren Nik Aaron Willim (geb. 1996) und Asadullah Haqmal (geb. 1995) haben mit „Grüne Tiger“ ein politisches Jugendbuch vorgelegt. Das Thema ist der Kampf der Jugend gegen den Klimawandel, denn „was, wenn Du erkennen würdest, dass wir die Welt tatsächlich vernichten?“

Genau diese Erkenntnis trifft die Oberstufenschüler Leyla, Hektor, Piet und Ean. Die Freunde besuchen eine Demonstration der Act-Now-Bewegung, eine Jugendbewegung, die ähnlich wie „Fridays for Future“ mit friedlichen Kundgebungen und Demonstrationen versucht, die Welt auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und zum Handeln zu bewegen. Dort erleben sie den Auftritt der Aktivistin Maisy Young (angelehnt an Greta Thunberg). Diese Begegnung und die anschließenden Diskussionen bewirken eine Art Initiation.  Zunächst sprechen die Freunde uns allen bekannte Wahrheiten und Widersprüche im Alltag aus: Menschen, die versuchen, sich ökologisch korrekt zu verhalten, buchen trotzdem für ein Wochenende Flüge nach Mallorca, essen Fleisch oder werfen ihre Zigaretten auf die Straße. Weiterlesen

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