Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste. Ein Karl-May-Roman.

Was haben Instagram und Karl May miteinander gemein? „Karl May war ein wahnsinnger Narzisst“, erklärte Philipp Schwenke einmal in einem Interview. Genau wie heute bei Instagram ging es bei May immer wieder um Selbstinszenierung, geboren aus dem Bedürfnis, geliebt zu werden. Alles klar? Nicht? Dann einmal von Anfang an!

In den Jahren 1899/ 1900 unternahm Karl May, mittlerweile nicht mehr ganz jung und bekannter Autor zahlreicher „Reiseberichte“, die ihn nicht nur berühmt, sondern auch sehr wohlhabend gemacht hatten, eine Reise in und durch den Orient. Zweck dieser Reise war vor allem die Erbringung von Beweisen, dass May diese Gegenden tatsächlich in der Vergangenheit bereist hatte und dies in Abständen immer wieder zu tun pflegte. Die Wahrheit indes war eine andere. Mays „Reiseberichte“ waren Fiktionen mit überaus gut recherchierten Details, erfundene Abenteuer – und May selbst hatte für sich sein Erzähler-Ich erfunden: im Wilden Westen Nordamerikas Old Shatterhand, in seinen Orientromanen und -erzählungen Kara Ben Nemsi. Dieses Erzähler-Ich war ein hochpotenzierter Superheld, der alles konnte – von Kenntnissen der Medizin, der Beherrschung großartiger Kampf- und Schießkünste bis hin zu beeindruckenden Sprachkenntnissen: locker über 1200 Sprachen, daneben noch diverse Dialekte und so weiter, und so weiter. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ian Kershaw: Achterbahn. Europa 1950 bis heute

Wenn große Historiker am Ende eines erfolgreichen Forscherlebens an der Universität emeritiert werden, dann haben nicht wenige von ihnen etwas, das sie verbindet: Sie legen – quasi als Vermächtnis – mindestens eine große Überblicksdarstellung vor und ziehen damit auch Bilanz ihres Forscherlebens. Ian Kershaw, der große britische Historiker und Hitler-Biograf, 2002 von der Königin zum Ritter geschlagen, Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Karlsmedaille der europäischen Medien und Empfänger zahlreicher weiterer Ehrungen, hat dies nun mit seinem zweiten, abschließenden Band zur europäischen Zeitgeschichte getan: „Achterbahn. Europa 1950 bis heute.“

1989 wurde ich zum ersten Mal auf diesen Autor aufmerksam. Mit „Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick“ war ein Jahr zuvor ein stattliches Paperback erschienen (im englischen Original bereits 1985), in dem Kershaw sachlich und doch klar pointiert einen Forschungsbericht vorlegte, der für Studenten der Geschichtswissenschaften Pflichtlektüre war, aber auch für den Laien verstehend konsumierbar erschien. Schon hier zeigte sich eine stilistische Souveränität, die man bei britischen Historikern immer wieder, bei deutschen dagegen eher selten vorfindet.

Kershaw hatte es zu einiger Bekanntheit gebracht durch eine Monografie, die – anders als die meisten Werke, die sich mit historischen Personen befassen – durch einen interessanten Perspektivwechsel auffiel. In „Der Hitler-Mythos“ (1980) legte er eben nicht die x-te Biografie über den Diktator vor, sondern er stellte eine viel spannendere Frage, nämlich die, weshalb so viele Menschen ihm vom Anfang bis zum Ende die Treue hielten. Anhand bislang weitgehend unbeachteter Quellen warf er einen Blick auf die deutsche Bevölkerung und untersuchte das, was den „Führer“ mythisch so auflud. Kershaw verfasst seine Texte zwar in Englisch, beherrscht aber die deutsche Sprache souverän, so dass er auf keine Probleme bei der Quellenarbeit stieß. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andreas Eschbach: Perry Rhodan – Das größte Abenteuer

Was ließe sich nicht alles sagen zu „Perry Rhodan“, der größten Science-Fiction-Weltraumserie der Welt? Allein das Auflisten der Informationen aus Wikipedia würde mehrere Seiten in Anspruch nehmen. Ungezählte Websites widmen sich dem Phänomen, eine rührige Fan-Szene dominiert hier das Internet.

„Perry Rhodan“ – das ist jene Serie, die seit November 1961 (!) jede Woche auf’s Neue mit einem Abenteuer in Heftchenform aufwartet, von der es ungezählte Bucheditionen, Hörspiele, Hörbücher, E-Books und so weiter und so weiter gibt. Die Heftchen gibt es sogar in silbernen, dicken Büchern gesammelt, mittlerweile fast 150 Bände. Ja, selbst einen Kinofilm gab es einmal (der übrigens heute unfreiwillig komisch wirkt). Das Besondere: Es ist eine deutsche Produktion, auch wenn Titelheld Perry – natürlich – Amerikaner ist (was einige deutsche Journalisten, die über das Phänomen berichten, immer noch nicht zu wissen scheinen). Und was wurde der Serie alles unterstellt: Sie sei kriegslüstern („Krieg der Sterne“…), ja faschistoid. Dem Phänomen tat das alles keinen Abbruch. Mangelnden Tiefgang einer trivialen Heftchen-Serie zu unterstellen wirkt auch irgendwie … deplaziert.

Vor fast 40 Jahren hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit der Serie, als Heft Nr. 1000 in den Läden lag – „Der Terraner“ mit einem glänzenden und beeindruckenden Cover. Die Welt befand sich gerade im Science-Fiction-Fieber, zur Zeit der ersten „Star Wars“-Filme. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

A. Adamowitsch & D. Granin: Blockadebuch: Leningrad 1941 – 1944

Unter den zahllosen Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte findet sich allgemein viel Redundantes. Viele Themen wurden schon tausendfach beackert, und so finden sich oftmals nur kleine Ergänzungen, Mosaiksteinchen, die zwar interessant sind, den Blick auf die Vergangenheit jedoch kaum erweitern oder gar verändern. Im Falle des „Blockadebuchs Leningrad“ ist das anders.

Für die Deutschen ragt unter den großen und entscheidenden Schlachten des Zweiten Weltkriegs ohne Frage die um Stalingrad heraus, markiert sie doch die entscheidende Wende des Krieges, steht gleichsam für den Wahnsinn des Krieges und die deutsche Niederlage. Schon kurz nach der Schlacht wurden die Stalingradkämpfer mythologisch aufgeladen – die eingeschlossene 6. Armee, die schließlich in Gefangenschaft ging und von der so wenige zurück in die Heimat kehrten.

In der russischen Geschichte haben jedoch die Ereignisse rund um die Stadt Leningrad, früher und heute wieder St. Petersburg, eine wesentlich höhere Bedeutung.  872 Tage – das sollte man jetzt nicht zu schnell lesen – war die Stadt von deutschen Truppen eingeschlossen und sollte im wahrsten Wortsinne ausgehungert werden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Nicholas Thomas (Hrsg.): Um die Welt mit James Cook

Was für ein wunderschönes, gewichtiges Buch – das waren die ersten Gedanken, die der Rezensentin durch den Kopf gingen. Einen großen und schweren Bildband haben die Wissenschaftliche Buchgesellschaft und der Theiss-Verlag da vorgelegt!

James Cook, der wohl größte Seefahrer und Nautiker aller Zeiten, ist eine Figur voller Mythen. Und doch war er in allererster Hinsicht ein pedantischer Perfektionist, der seine Aufträge und damit Expeditionen bis zuletzt korrekt erfüllen wollte. Und er war – anders als viele seiner britischen Zeitgenossen – durchaus nicht ein Mann des britischen Kolonialdenkens, sondern interessiert an den Kulturen, die er entdeckte.

Drei große Reisen hat dieser größte der Entdecker unternommen, alle drei füllen dieses wunderbare, große Buch:

Die erste Reise mit der fettbauchigen „Endeavour“, einem Kohlentransporter (1768-1771) mit einem Doppelauftrag – dem Vermessen des Durchgangs der Venus vor der Sonnenscheibe und dem Suchen nach dem geheimnisumwitterten Südkontinent „Terra Australis icognita“. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

Nach „Schwimmerbecken“ legt Ulrike Anna Bleier mit „Bushaltestelle“ ihren zweiten Roman vor. Darin führt Elke ein imaginäres Gespräch mit ihrer Mutter Theresa, die sie mit „Du“ anspricht.

Im Laufe dieser Selbst-Gespräche und Reflexionen taucht der Leser so tief in die Familiengeschichte Elkes ein, folgt den episodenhaften Sprüngen über Zeit und Orte hinweg und in sie hinein, dass eine Vertrautheit mit den einzelnen Familienmitgliedern entsteht, über die man am Ende des Buches fast ein bisschen mehr weiß, als sie selbst.

Elke ist ein Kind, das von ihrer Mutter nicht wahrgenommen wird, was es ihr leicht macht, immer wieder zu verschwinden. Mal wird sie von der Mutter unter einer Schneeschicht an einer Bushaltestelle wiedergefunden, mal entwischt sie aus ihrem Körper und findet mit viel Übung im gewünschten Moment zurück. Irgendwann verschwindet sie endgültig: Hinter den Eisernen Vorhang. Sie wechselt ihre Identität und schließt sich Madla an.

Madla gehört zur Familie und irgendwie auch nicht. Sie ist die Adoptivschwester von Theresa, Elkes Mutter, und sie ist in Kriegszeiten selbst verschwunden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Maruan Paschen: Weihnachten

„Weihnachten ist jeden Tag“ – das ist das Motto von Maruan Paschens Weihnachts-Roman.

Weihnachten im Kreis der Familie, auf den Raum um den Baum konzentriert, ist ein literarischer und realer Dauerbrenner im Leben der meisten Menschen. Das Bürgertum definiert sich unter anderem über dieses Fest, das nicht christlich ausgerichtet sein muss, aber die Familie in den Mittelpunkt rückt und bei dem Ort und Zeit verschiedenste Familienmitglieder zusammenbringen unter dem Stern.

Das kann lustig sein, barbarisch, mörderisch. Bei Paschen ist es der – typische – Fonduetopf, um den sich die Familie versammelt, und die Leser-Erwartung wird erfüllt: Alles geht schief.

Maruan berichtet als Ich-Erzähler von der Weihnachtsfeier der Paschens, mit Maruan selbst, der Mutter und diversen Onkeln. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

L. Wilford & R. Stevenson: Wes Andersons Isle of Dogs – Ataris Reise: Das Making of

Im Februar 2018 war der Animationsfilm „Isle of Dogs“ der Eröffnungsfilm der Internationalen Filmfestspiele in Berlin und kam kurz darauf in die deutschen Kinos. Der Film, der in der nahen Zukunft spielt, erzählt von der Freundschaft zwischen dem Jungen Atari und seinem Hund Spots.

In einem faschistischen Überwachungsstaat sucht der 12-jährige Atari Kobayashi seinen Hund Spots, der in der Exilkolonie auf Trash Island haust. Alle Hunde aus Megasaki City wurden nach Ausbruch des Schnauzenfiebers auf die Hundeinsel verbannt, so auch Ataris geliebter Spots, der mit einer Seilbahn, in einem Käfig gefangen, zur Insel gebracht wurde.

Die Hunde Chief, King, Rex, Boss und Duke haben in der Vergangenheit als Streuner, Maskottchen, geliebter Familienhund oder Versuchstier völlig unterschiedliche Erfahrungen mit Menschen gemacht und leben nun im Rudel im Müll, als Atari auftaucht.

Mit einem Turbo Prop gelangt Atari auf die Hundeinsel und zeigt dem Hunderudel ein Foto von Spots, gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach ihm.

Gleichzeitig wird jenseits der Insel ein Heilmittel für die Hunde gesucht, die Mitarbeiter einer Schülerzeitung erforschen die wahre Geschichte des Schnauzenfiebers und Tracy, eine amerikanische Austauschschülerin, versucht eine Verschwörung aufzudecken. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen: Zehn Geschichten

Nach seinem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ legt Benedict Wells aktuell den Erzählband „Die Wahrheit über das Lügen“ vor.

Zunächst begegnen wir Henry M., einem mächtigen Mann, der in seiner freien Zeit (zur Unzeit) eine Bergtour unternimmt. Als er zurückkehrt, muss er begreifen, dass die Zeit, die für ihn während dieser nachmittäglichen Tour vergangen ist, im Tal andere Dimensionen angenommen hat. So ist sein Sohn tot, seine Frau gealtert.

Die wichtigste und titelgebende, für mich magischste Erzählung des Buches, „Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen“, beschreibt die Folgen einer Zeitreise. Hierin erklärt der Filmproduzent Adrian Brooks einem Journalisten, dass er n i c h t der Erfinder von „Star Wars“ sei. Stattdessen sei ein gewisser George Lucas (inzwischen vergessen) der wahrer Vater des Epos. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Frank Vorpahl: Der Welterkunder

Auch wenn angesichts seiner Leistung und Bedeutung der deutsche Weltreisende, Ethnologe und Aufklärer Georg Forster heute immer noch zu wenig bekannt ist, gibt es doch bereits einige hochinteressante Bücher und Biografien über ihn, so dass man durchaus kritisch die Darstellung Frank Vorpahls erwarten durfte, zumal ihre Veröffentlichung mehrmals verschoben worden war.

Vorpahl, Jahrgang 1963, Redakteur von „aspekte“ beim ZDF, darf hierbei durchaus als Forster-Kenner gelten. Nicht nur dass er bereits mehrere Filmbeiträge über den großen Vergessenen drehte, er sorgte u.a. auch für eine großartige neue Ausgabe der „Reise um die Welt“ (Folioband der Anderen Bibliothek), jenes weltberühmten Reiseberichts, mit denen sich Forster unsterblich gemacht hatte. 1772 durften sein Vater und er (im Alter von 17 Jahren) den großen Captain Cook auf dessen zweiter Südsee-Expedition begleiten. Seine Zeichnungen sind bis heute von wissenschaftlicher Bedeutung, sein Reisebericht Weltliteratur.

Frank Vorpahl macht sich nun also auf die Suche, reist Forster nach, entdeckt nicht nur Neues in Archiven und treibt verloren geglaubte Fundstücke auf. Er spürt Forster nach, um diesen immer besser kennenzulernen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: