Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Es ist eine Art Kontaktaufnahme mit der eigenen Kindheit, die Edgar Selge in diesem Buch beschreibt. Dabei beweist er, dass er nicht nur ein brillanter Schauspieler ist (man denke nur an Houellebecqs „Unterwerfung“), sondern auch ein lesenswerter Schriftsteller.

In vielen Episoden erzählt er in diesem Buch von den Gepflogenheiten im Elternhaus in den Sechzigerjahren.

Edgar ist zwölf und lebt mit seinen Brüdern und den Eltern in direkter Nachbarschaft zum Gefängnis, dessen Direktor sein Vater ist.

Musik spielt eine bedeutende Rolle im Haus der Selges. Den regelmäßigen Hauskonzerten, bei dem sich der Vater am Flügel durch einen Violinenspieler begleiten lässt, dürfen auch Strafgefangene im Wohnzimmer der Selges beiwohnen.

Den Gefangenen gegenüber und ihren Motiven, die zur Straftat geführt haben, begegnet der Vater mit erstaunlicher Güte und Empathie. Die eigenen Kinder dagegen bestraft er mit unerbittlicher Härte. Für seine Verfehlungen (Edgar bestiehlt den großen Bruder und veruntreut die Klassenkasse) bezieht Edgar regelmäßige Prügel mit dem Rohrstock. Weiterlesen

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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst

Wer den Soziologen Harald Welzer kennt, kennt seine Thesen.

In diesem Buch mischt er viel Persönliches mit politischen, wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungen, was es umso lesenswerter macht.

Gleich zu Anfang des Textes bezeichnet Welzer alle vom Menschen erzeugten Produkte (Häuser, Autos, Plastik, Asphalt etc.) als „tote Masse“, die sich seit ca. 1900 alle zwanzig Jahre verdoppelt. Hingegen ist die natürliche „Biomasse“ aller Wildtiere in den letzten fünfzig Jahren laut Welser um mehr als vier Fünftel geschrumpft (S. 11).

Die Absurdität unseres unstillbaren Hungers nach immer weiterem Wachstum zeigt sich sich längst in vielfältigen ökologischen Problemen, im Artensterben und Klimawandel, weshalb Welzer unsere Gesellschaft als realitätsverweigernd  bezeichnet. Die Endlichkeit der Welt wird von uns systematisch negiert.

Wie können wir damit aufhören, unser Leben mit immer mehr Ressourcenverbrauch immer weiter optimieren zu wollen? – Immerhin sühlt sich unsere Gesellschaft geradezu im Wachstumskapitalismus, in dem uneingeschränkter Konsum und das Anhäufen vieler oft nutzloser Produkte als erstrebenswert gilt. Weiterlesen

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Catherine Raven: Fuchs & ich – Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft

In diesem Buch geht es um eine introvertierte Biologin, die ihr Leben einzig und allein der Natur verschrieben hat und um die außergewöhnliche Verbindung, die sie zu einem Fuchs aufbaut.

Bevor Catherine Raven in Biologie promovierte, hatte sie als Park Rangerin im Mount-Rainier-Nationalpark/Washington gearbeitet. Danach baut sie sich, abgeschottet von der restlichen Welt, in der Wildnis von Montana inmitten von Wüstenbeifuß, Kakteen und Gräsern eine kleine Hütte. Hier in der Einsamkeit heilt sie ihre Ängste und ihre Langeweile, indem sie sich gänzlich der Natur widmet. Pflanzen bestimmen, mit Wühlmäusen und Spinnen leben und wilde Tiere beobachten ist ihr Lebensinhalt. Wenn sie die Jalousien hochzieht, kommt es vor, dass sie direkt in die Augen eines Maultierhirschs blickt. Sie beginnt den Bewuchs um das kleine Cottage herum zu roden. Zwischendurch hält sie Wildbiologiekurse oder führt Exkursionen mit Studenten durch. Doch eigentlich reicht der menschenscheuen Wissenschaftlerin der Kontakt mit einer Schnecke aus. Weiterlesen

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Kent Haruf: Ein Sohn der Stadt

Die beschauliche, fiktive Stadt Holt im Mittleren Westen der USA ist den Lesern von Kent Harufs Büchern längst bestens bekannt. Und wie könnte es anders sein – auch sein neuer Roman spielt in dieser typischen amerikanischen Provinzstadt, die möglicherweise unter einer anderen Ortsbezeichnung tatsächlich existent ist.

Jack Burdette war acht Jahre aus Holt verschwunden und taucht plötzlich wieder auf. Er parkt seinen roten Cadillac mitten in der Stadt und bleibt einfach darin sitzen. Niemand aus Holt hatte je damit gerechnet, dass er irgendwann freiwillig zurückkommen würde, nach all den Ungeheuerlichkeiten, die er angerichtet hat. Der Griff in die Kasse seines Arbeitgebers, die Schulden bei den Ladeninhabern der Geschäfte, in denen er sich vor seinem Verschwinden neu eingekleidet hat und obendrein ist da noch seine Familie, die er ohne jegliche Andeutungen verlassen hat. Bis nach Kalifornien hatte man seine Spur damals ergebnislos verfolgt. Es gibt in Holt niemanden mehr, der ihn in seinem Haus aufnehmen würde. Auch nicht seine Mutter und schon gar nicht seine Frau Jessie, die sich mit zwei Kindern durchschlagen musste und obendrein noch monatelang von den Bewohnern aus Holt traktiert worden war. Burdette, mittlerweile dick und schmuddelig geworden, braucht nicht lange in seinem protzigen Auto zu warten, bis der Sheriff ihm Handschellen anlegt und ihn abführt. Er leistet keinen Widerstand, offenbar weiß er, dass ihm nichts passieren wird, weil seine Straftaten verjährt sind. Weiterlesen

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Elke Heidenreich: Hier geht’s lang – Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Elke Heidenreich und Bücher – diese Verbindung gehört einfach zusammen. In ihrem Buch „Hier gehts lang zeigt sie auf, wie Bücher ihr Leben von klein auf geprägt haben. Das Lesen hat schon früh entscheidenden Einfluss auf ihr Denken und Werden genommen: Hineingeboren in das Kriegsjahr 1943 durchlebte Elke Heidenreich eine entbehrungsreiche Zeit. Vor allem das schwierige Verhältnis zur Mutter, das von wenig Empathie geprägt war, bewirkte, dass die junge Elke sich gern und oft aus dunklen Momenten heraus in ihre Bücherwelten flüchtete. Immer gaben Bücher ihr einen Halt und Kraft.

Als ihr erstes wirkliches Literaturerlebnis führt sie „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen von Selma Lagerlöf an. Dieses Buch zog sie schon als Zwölfjährige in Bann und vermittelte ihr eine ganz andere Leseebene als die typischen Mädchenbücher wie „Nesthäkchen oder „Trotzkopf.

Später, während ihrer Studenzenzeit, wurde ihr klar, dass Frauen in der Literaturwelt einen schweren Stand in der von Männern dominierten Szene hatten. Dabei war und ist sie von weiblichen Literaten immer viel mehr angetan. Weiterlesen

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Naja Marie Aidt: Carls Buch – Hat der Tod dir etwas genommen, dann gib es zurück

Ein herzzerreißendes Meisterwerk über einen unvorstellbaren Verlust wird Linn Ullmann auf dem Buchcover zitiert – was nicht besser ausgedrückt werden könnte.

„Carls Buch“ ist ein sehr persönliches und gleichzeitig unendlich trauriges, seitenweise fast albtraumhaftes Buch.

Die dänische Schriftstellerin und Dichterin Naja Marie Aidt, die zu den wichtigsten Stimmen Skandinaviens zählt, hat darin das Schlimmste, was einer Mutter, bzw. Eltern widerfahren kann, verarbeitet: Den Tod des eigenen Kindes:

Im Alter von nur 25 Jahren kommt Naja Marie Aidts Sohn Carl im Jahr 2015 ums Leben. Er stürzt sich nach der Einnahme von halluzinogenen Pilzen aus dem Fenster. Nicht nur sein eigenes Leben ist von einem auf den anderen Tag beendet, auch seine Familie wird in ihrer Verzweiflung aus der Bahn geworfen. Wie es nach einem langen Prozess des Begreifens und des Verarbeitens der Trauer überhaupt einigermaßen wieder möglich wird, dem eigenen Leben eine gewisse Struktur zu verleihen, daran lässt die Autorin uns teilhaben. Weiterlesen

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Dr. Meredith L. Rowe & Monika Forsberg: Die kleine Wortschmiede: Jeden Tag ein neues Wort entdecken

In diesem Kinderbuch werden unterschiedlichste Wörter, die im allgemeinen Sprachgebrauch nicht so häufig zu hören sind, erklärt.

Die Darstellung von kunterbunten Tierfiguren machen das jeweilige Wort durch Gestik und Mimik schnell begreifbar.

So sieht man zum Beispiel in Verbindung mit dem Wort „Training“, das sprachlich mit „Sport machen, um fit und gesund zu bleiben“ erläutert ist, ein lustig anmutendes Pferd, das Seil hüpft.

Das Wort „beengt“ zeigt einen kleinen Bären, der versucht, rückwärts in ein viel zu kleines Zelt zu kriechen. Sprachlich wird „beengt“ erklärt mit „wenn zu wenig Platz ist“.

Eine kleine, staunende Maus, die von einer zaubernden Krake angetan ist, wird mit „naiv“ betitelt. Die unten stehende Erklärung für „naiv“ lautet: „Anderen sehr leicht Glauben schenkend“. Weiterlesen

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Louise Brown: Was bleibt, wenn wir sterben: Erfahrungen einer Trauerrednerin

Niemand beschäftigt sich wohl gerne mit dem Tod und dem Sterben. Die Journalistin Louise Brown hat sich weitreichende Gedanken über die Endlichkeit des Lebens gemacht. Der Tod ihrer Eltern war ausschlaggebend dafür. Mittlerweile ist sie Trauerrednerin und fortan ständig mit trauernden Menschen, dem Leben und dem Sterben konfrontiert. Durch viele Gespräche mit Angehörigen, die ihre Trauer bewältigen müssen und ihr vom Leben der Verstorbenen erzählen, formt Louise Brown ihre ganz eigenen Betrachtungsweisen darüber, was einen Menschen ausgemacht hat. Daran lässt sie die Leser teilhaben. Der Tod ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Wenn man in seine Stille hineinhört, kann man etwas über die Verstorbenen und sich selbst erfahren (eBook S.14).

Der erste Teil des Buchs handelt von der Konfrontation mit dem Tod. Hier geht es unter anderem um die Momente, die bleiben, um Durchhaltevermögen, um Trauergespräche in leeren Räumen oder um das Ausräumen des Elternhauses. Im zweiten Teil lesen wir zum Beispiel von widersprüchlichen Gefühlen, von Verletzlichkeit, Versöhnlichkeit, von Gedanken um den Grabstein oder darum, die eigene Abschiedsfeier zu planen. Weiterlesen

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Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume

Längst hat sich der TV-bekannte Peter Wohlleben einen Namen als renommierter Buchautor gemacht. Das 2016 von ihm erschienene Buch „Das Seelenleben der Tiere“ findet sich ebenfalls in der Liste unserer Rezensionen.

Wohlleben, der Förster mit einer selbst gegründeten  Waldakademie aus der Eifel, setzt sich für ein Comeback der Urwälder ein und ist davon überzeugt, dass eine nachhaltige Waldwirtschaft dem Klimawandel entgegenwirkt. In „Der lange Atem der Bäume hat Peter Wohlleben diese aktuell brisante Thematik aufgegriffen.

Anhand vieler Beispiele erläutert er, wie komplexe Vorgänge in der Natur funktionieren. Seine Erklärungen sind einfach, verständlich und einleuchtend. Er kritisiert Waldlobby, Politik, Holzindustrie und die moderne Forstwirtschaft, die mit Kahlschlägen und Plantagenbepflanzugen dazu beiträgt, dass unsere Wälder sterben.

Dazu kommt die Problematik der klimatischen Veränderungen mit zu trockenen Sommern in der Vergangenheit, die den Gesundheitszustand und die Standsicherheit der Bäume stark beeinträchtigt haben. Weiterlesen

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Matthew Farina & Doug Salati: Es ist Herbst, kleiner Fuchs

Der kleine Fuchs Linus steht im Mittelpunkt dieser schön bebilderten Vorlesegeschichte. Linus hat ein Problem: Alle Tierkinder sollen am nächsten Tag etwas, das sie sammeln, in die Schule mitbringen. Doch Linus hat sammelt nichts und hat auch keine Idee. Zum Glück weiß Papa Fuchs Rat. Er geht mit Linus in den Herbstwald und ist sich sicher, dass sie dort zusammen etwas finden werden.

Linus durchlebt im Wald ein großes Abenteuer, als er bei einem Herbststurm von Papa Fuchs getrennt wird. Aber das Allerbeste dabei ist, dass er schließlich im Wald auf die vielen bunten Blätter aufmerksam wird, die von den großen Bäumen herabsegeln. Dabei bemerkt er die Farbenprächtigkeit und die Andersartigkeit eines jeden Blattes. Die Faszination hierüber überdecken Ängstlichkeit und Unsicherheit über die kurze Phase des Getrenntseins von Papa Fuchs. Weiterlesen

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