Raymond Federman: Der Pelz meiner Tante Rachel

Diese erstmals illustriert erscheinende Romanausgabe soll an das 10. Todesjahr des 2009 verstorbenen jüdischen Autors Raymond Federman erinnern, der wie kaum ein anderer den amerikanischen Roman durch vielfache Experimente bereichert hat.

Das gesamte Buch ist eine fiktive Unterhaltung des Erzählers mit seinem Freund Samuel Becket in Pariser Cafés, wobei nur die Stimme des Erzählers zu hören, bzw. zu lesen ist. So monologisiert dieser sich mit seinen häufigen Eingangsworten: Ah, du willst wissen oder Okay, also ich mache weiter immer aufs Neue durch die Zeilen.

Nach zehn Jahren ist der Protagonist aus den USA wieder in seine Heimat nach Frankreich zurückgekommen. Er hat einen Roman geschrieben, der sein eigenes Leben in Amerika thematisiert.

In diesem Roman gibt es einen Erzähler mit seinem Helden und eine Person, die das alles festhält.

Seine Zeit und das Leben in Amerika vergleicht er mit einem Zeichentrickfilm für Erwachsene, die er mit der Mentalität Vierjähriger gleichsetzt.

Die jüdische Herkunft des Erzählers und die Geschichte seiner Familie, die den Holocaust nicht überlebt, sind sein eigentliches erzählerisches Anliegen. Weiterlesen

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Steve Sem-Sandberg: Der Sturm

Nachdem sein Ziehvater Johannes Ende 1990 verstorben ist, kehrt der junge Protagonist Andreas auf die norwegische Insel, auf der er seine Kindheit verlebt hat, zurück. Eigentlich hätte er nicht mehr hierher an diesen Ort zurückkommen sollen, weiß er, denn es sind nicht unbedingt gute Erinnerungen, die er mit der Insel in Verbindung bringt. Die Menschen auf der Insel waren stets abweisend, untereinander aber ein verschworener Haufen, alle und alles schien miteinander verwoben.

Johannes hat ihn, Andreas und seine Schwester Minna einst in seinem Haus aufgenommen, nachdem die Eltern der Kinder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Zu jener Zeiten hatten  seine Eltern mit den Geschwistern in der Nato-Villa gewohnt. Nun, als er in den Unterlagen von Johannes‘ Nachlass stöbert, kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. Jetzt, nach so vielen Jahren endlich versteht er langsam die Zusammenhänge und die eigentliche Wahrheit. Andreas findet Zeitungsausschnitte, Notizhefte, Quittungen, Belege, Fotos, die alles belegen.

Immer wieder arbeitet der Autor mit Rückblenden in die Kindheit. Szenen mit Andreas und seiner aufwieglerischen Schwester Minna, der er hörig war und die ihn für sich manipulierte, treiben den Plot voran. Weiterlesen

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Benoîte Groult: Vom Fischen und von der Liebe – Mein irisches Tagebuch (1977-2003)

Benoîte Groult, die französische Journalistin, Schriftstellerin und Feministin ist seit 2016 tot. Ihr Roman Salz auf unserer Haut, das die leidenschaftliche Liebe einer Pariser Intellektuellen mit einem bretonischen Fischer beschreibt, wurde ein internationaler Bestseller. Als ihr letztes Werk wollte Benoîte Groult ihr irisches Tagebuch veröffentlichen, das sie jedoch wegen ihrer Alzheimerkrankheit nicht mehr ausführen konnte. Blandine de Caunes, die Tochter von Benoîte Groult, hat sich dem Projekt ihrer Mutter angenommen und ihre jahrelangen Aufzeichnungen aus ihrem regulären wie ihrem intimen Tagebuch gesichtet. Zusammen mit den Logbüchern der passionierten Fischerin Benoîte Groult, in denen diese akribisch notierte, welche und wie viele Fische sie zusammen mit ihrem Mann wo und wann gefangen hat, ist es ihr gelungen, ein atmosphärisch dichtes Lebensbild ihrer Mutter aufzuzeichnen.

Auch der bretonische Fischer ihres Bestsellers, der in Wirklichkeit ein amerikanischer Pilot war, ist natürlich eine der Figuren in diesem Buch. Schade, dass Kurt in intellektueller Hinsicht so viel zu Wünschen übrig lässt. Er spricht nicht mal Französisch… (eBook S. 88) Die Aufzeichnungen über Kurt lesen sich wie in Salz auf unserer Haut leidenschaftlich impulsiv. 

Über ihre Wahlheimat Irland notiert Groult einmal: Irland ist ein Seelenzustand, eine Lebensweise und mir gefällt diese Lebensweise. Ich atme die Luft ein, wie man quellreines Wasser trinkt. (eBook S.92) Weiterlesen

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Axel Hacke: Wozu wir da sind: Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

Was sich anhört wie ein Ratgeberbuch, ist ein nachdenklicher und gleichsam verblüffender Roman mit vielen Gedanken über das Leben und wie unser Leben gelingen kann:

Der Protagonist Walter Wemut schreibt jeden Samstag für eine Zeitung einen Nachruf auf berühmte oder gänzlich unbekannte Menschen. Wem er seine Nachrufe widmet, bleibt ihm selbst überlassen. Abgesehen davon hat Walter Wemut die Erfahrung gemacht, dass es über jeden Menschen etwas Interessantes zu erzählen gibt und bezeichnet sich selbst als den publizistischen Totengräber der Zeitung.

Als er für eine achtzigjährige Freundin eine Rede über das gelungene Leben schreiben soll, macht er sich weitreichende Gedanken hierüber. Dieses Nachsinnen führt zu einem Monolog, der sich durch das gesamte Buch zieht. Walter Wemut lässt sich einesteils inspirieren von der Literatur, gleichsam erinnert er sich an Freunde, an gescheiterte Freundschaften und gescheiterte Menschen. Er macht sich Gedanken über Glück und Unglück, das diesen Menschen widerfahren ist oder über (scheinbar) ganz profane Dinge. Anregungen findet Wemut unter anderem bei seinem Zeitungshändler, der in seinen „Tagebüchern des Weltgeschehens“ die kuriosesten Geschichten gesammelt hat. Weiterlesen

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Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch

Zum konzentrierten Schreiben zieht der Erfolgsschriftsteller Steen de Friis sich auf eine kleine Insel in Dänemark zurück, wo er ein geerbtes Haus besitzt. Frauke, seine Frau, kommt meist nur an den Wochenenden. An einem dieser Wochenenden erwarten die beiden Gäste, die in einer teuren Yacht anreisen: Ute, Steens langjährige Literaturagentin und deren Partner Gero. Das Zusammentreffen der beiden Paare knistert von Anfang an vor Anspannung. Da sind zum einen Steens Vorahnungen, zum anderen Fraukes Forderung nach einer offenen Partnerschaft, was sie und Steen sich vor vielen Jahren einmal gegenseitig zugestanden haben. Fraukes Andeutungen und ihr Gebaren Gero gegenüber sind eindeutig. Dazuhin übt auf Frauke auf Gero offensichtlich dieselbe Anziehung aus, wie er auf sie. Auch Ute spielt mit ihren Reizen Steen gegenüber. Und Steen, der medienerprobte Erfolgsautor, der ansonsten um keinen öffentlich bekundenden Rat in puncto „Anstand“ verlegen ist, weiß mit dieser Situation überhaupt nicht umzugehen.

Gero ist zum Rivalen für ihn geworden und Steens Welt- und Wertebild bröckelt. In seinen Büchern und in den Medien, in denen er partnerschaftliche Werte hoch ansetzt, weiß er für alle Problemlagen Rat. Weiterlesen

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Tristan Garcia: Das Siebte

Wer, wenn nicht ein Philosoph, der gleichzeitig Literat ist, könnte besser einen Roman über die Verquickungen im Leben, über Chancen, Zufall, Ewigkeit bzw. der Endlichkeit des Seins oder dem gezielten Versuch einer Optimierung des Daseins schreiben?

Tristan Garcia hat seinem Ich-Erzähler die Unsterblichkeit in die Wiege gelegt und gibt ihm sieben Existenzen um dem nachzuspüren:

Genau im selben Moment wenn er stirbt, wird der Protagonist wiedergeboren. Alles Vertraute verschwindet mit ihm und seinem Tod und erscheint sogleich in einem sich wiederholenden Kreislauf sieben Mal wieder. Die Ausgangsbasis seines Lebens bleibt dabei immer dieselbe. So hat der Erzähler immer dieselben Eltern und denselben Geburtsort Mornay in Frankreich. Auch sein Freund, der Arzt Fran, taucht jedes Mal wieder auf und verabreicht ihm wie zuvor die lebensrettende Ingredienz für seine unstillbaren Blutungen. Seine große Liebe, die schöne Hardy, begegnet ihm in jedem Leben wieder, und immer wieder aufs Neue verfällt er ihr. Weiterlesen

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Anne Griffin: Ein Leben und eine Nacht

Der vierundachtzigjährige Maurice Hannigan sitzt in einer  Hotelbar in Irland und lässt die Ereignisse seines langen, bewegten Lebens an sich vorbeiziehen. In dieser Nacht springt er über seinen Schatten und lässt seine Gefühle zu, die er sonst immer negiert hat.

Im ersten Kapitel hält er Zwiesprache mit seinem Sohn Kevin, einem bekannten Journalisten, der mit seiner Familie in den USA lebt. Kevin wird in fünf weiteren Kapiteln alles erfahren, was das Leben und Werden seines Vaters ausgemacht hat. Fünf Menschen samt den   wichtigen Erlebnissen und den Erfahrungen, die den Vater mit diesen Menschen verbinden, füllen die nächsten Kapitel aus. Zu diesen Menschen gehören Kevin selbst, seine Mutter Sadie, deren  behinderte Schwester Noreen, ein Baby das nicht Leben durfte und Tony, der Bruder seines Vaters.

Kevin, der wohlbehütet in seinem gut situierten Elternhaus aufgewachsen ist, wird nun mit allen Höhen und Tiefen aus dem Leben seines Vaters konfrontiert und mit dem, was das Leben seiner Eltern ausgemacht hat. Weiterlesen

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Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht

In den Jahren 1994/1995 stand Jostein Gaarders Roman Sofies Welt, in der das Mädchen Sofie über sich selbst und das Leben nachdenkt,  auf der Spiegel-Bestenliste. Zwischenzeitlich ist das Buch zum Longseller geworden. Wer Sofies Welt kennt, ahnt vielleicht, dass Jostein Gaarder, der unter anderem Philosophie studiert hat, auch in diesem Buch die Handlung wieder philosophisch verwebt:

Der Protagonist Albert zieht sich zurück an den einsamen Waldsee Glitretjern, wo er und seine Familie eine kleine Hütte besitzen. Hier will er darüber nachdenken, wie es mit seinem Leben weitergehen soll. Er muss eine beängstigende Diagnose, von der er vor wenigen Stunden erfahren hat, erst einmal verarbeiten um dann eine Entscheidung zu treffen. Nur durch das Schreiben gelingt es ihm, klare Gedanken zu fassen. So erzählt er schreibend von seiner kleinen Familie, geht zurück bis zum Kennenlernen seiner Frau Eirin, beschreibt glückliche Tage wie auch Krisen. Weiterlesen

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Wioletta Greg: Die Untermieterin

Mit ihrem neuen Buch erreicht mich Wioletta Greg – im Gegensatz zu ihrem vorangegangenen Roman „Unreife Früchte“ nicht.

Die ominöse Geschichte um Herrn Kamil, einen zehn Jahre älteren Ethnologen, in den die Ich-Erzählerin Wiolka sich verliebt hat, mutet in weiten Teilen zu konstruiert an. Ab und an taucht Herr Kamil in Wiolkas Gedanken zwar auf, und ab der zweiten Hälfte des Buches ist er tatsächlich präsent, dennoch wirkt seine Figur an manchen Stellen wie hinterher an den roten Faden geheftet.

Wiolkas Zimmersuche in ihrem Studienort, dem polnischen Tschenstochau, ihr Aufenthalt dort in einem dubiosen Arbeiterhotel und danach in einer Ordensgemeinschaft, wo eine psychisch gestörte Oberin sie mit ihrer toten Tochter verwechselt und Wiolka mit ihren Kräutertees vergiften will, wirken eher erzwungen lustig. Weiterlesen

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Tim Winton: Die Hütte des Schäfers

Was für ein spannungsreiches Buch! Und was für ein Autor der so großartig zu schreiben vermag! – Tim Winton, diesen Namen sollte man sich merken! Kein Wunder, dass er zu den erfolgreichsten Schriftstellern Australiens gehört. Zweimal kam er auf die Shortlist des Man Booker Prize, und viermal erhielt er den Miles Franklin Award, den wichtigsten Literaturpreis Australiens. Seine Werke sind in zwölf Sprachen übersetzt, fast alles wurde für Bühne, Radio oder Film adaptiert.

In Die Hütte des Schäfers steigert sich das Abenteuer, in das der jugendliche Protagonist Jaxie Clackton sich selbst hineinmanövriert, Seite für Seite:

In Jaxies Zuhause herrschen raue Sitten. Seit seine Mutter tot ist, hält ihn dort eigentlich nichts mehr. Jaxie hasst seinen  ständig alkoholisierten Vater, von dem er nur Schläge und Schmach erntet. Und weil das jeder in dem kleinen australischen Kaff in dem er wohnt weiß, ergreift Jaxie Hals über Kopf die Flucht, nachdem etwas Unvorhergesehenes passiert ist. Niemand würde ihm, dem jungen Raufbold, glauben, dass er nichts mit dem Unglück das seinen Vater ereilt hat, zu tun hat. Ohne sich weitreichende Gedanken über die Gefahren im Niemandsland und der Ausweglosigkeit seines Fliehens zu machen, bricht er nur mit einem Gewehr, zwei Schachteln Patronen und einer Wasserflasche auf. Weiterlesen

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