Carys Davies: WEST

Dieser kurze Roman beginnt im Jahr 1815 im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania.

Der verwitwete John Cyrus Bellman hat dort seine eigene Maultierzucht. Er verfügt über eine der Zeit angemessene mäßige Bildung und ist gerade des Schreibens und Lesens mächtig. Als er aus einer Zeitung von Knochenfunden riesiger Tiere erfährt, fasziniert ihn die Vorstellung auf solch eine Spezies treffen zu können so sehr, dass er sich gen Westen aufmacht um die Riesentiere ausfindig zu machen. Seine etwas burschikose Schwester Julie soll sich bis zu seiner Heimkehr, mit der er in ungefähr zwei Jahren rechnet, um seine zehnjährige Tochter Bess kümmern.

Zusammen mit einem jungen Indianer, der den seltsamen Namen „Alte Frau aus der Ferne“ trägt, kämpft Bellman sich auf der beschwerlichen Reise immer weiter westwärts. Aber schon bald  gestaltet sich alles anders, als Bellman es sich vorgestellt hatte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Leïla Slimani: All das zu verlieren

Wieder geht es, wie im ersten Roman von Leïla Slimani Dann schlaf auch du (für den sie den renommierten Prix Goncourt erhielt) um eine Frau, die ihr wahres Ich verheimlicht. Wieder spielt die Geschichte in Paris und wieder ist die Protagonistin Nordafrikanerin wie die Autorin selbst. Doch der Plot ist diesmal ein gänzlich anderer:

Adèle lebt mit ihrem Mann Richard, einem Arzt und dem kleinen Sohn Lucien im 18. Arrondissement in Paris. Sie selbst arbeitet als Journalistin bei einer Zeitung. Finanziell und gesellschaftlich betrachtet mangelt es ihr an nichts. Doch dieses Leben, von dem andere Frauen träumen, genügt Adèle nicht. Sie empfindet kein Glück, keine Erfüllung. Alles kommt ihr zu klein, zu spießig und inhaltlich leer vor. Geheiratet hat sie letztlich nur, um wie andere Frauen zu sein. Aber sie kann nicht wie andere Frauen sein. Auch den kleinen Lucien empfindet sie eher als eine Last. Während Richard im Krankenhaus oft noch Überstunden ableistet, gibt Adèle ihrer Obsession nach. Ständig sucht sie andere, manchmal ganz fremde Männer auf und sucht ihr Glück in zügellosem Sex. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Maarten `t Hart: So viele Hähne, so nah beim Haus

In diesem Erzählband sind achtzehn Geschichten abgedruckt, in denen der Autor in der Ich-Form über ganz unterschiedliche Begebenheiten, die in seiner Heimat, den Niederlanden angesiedelt sind, schreibt.

Maarten `t Hart ist ein Erzähler der alten Garde. Beim Lesen seiner Geschichten ist es ähnlich als wenn man Menschen mit einer reichen Lebenserfahrung lauscht, die frühere Zeiten wieder aufleben lassen. Einerseits kann man kann nicht genug bekommen von diesen so realistischen Beschreibungen, andererseits erscheint `t Harts Ausdrucksweise schonmal leicht antiquiert, wobei stets alles stimmig ist. Dieser teils etwas altmodisch anmutende, oft spitzbübische, aber durchaus angenehm passende Touch mag vielleicht daher kommen, dass `t Hart immer wieder Anekdoten aus Jugendzeiten beschreibt und er sich nun immerhin in seinem vierundsiebzigsten Lebensjahr befindet.

Möglicherweise hat `t Hart den Plot in einigen seiner Geschichten erfunden und der schriftstellerischen Kreativität freien Lauf gewährt, denn Manches erscheint beim Lesen auch mal ein wenig abwegig (obwohl erzähltechnisch plausibel) – So zum Beispiel die Erzählung „Im Kasino“, in der eine alte, über achtzigjährige Dame, die ihre freie Zeit im Spielkasino verbringt, dem Ich-Erzähler, der ihr dort Glück bringt, eindeutige Offerten macht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Charles Lewinsky: Der Stotterer

Charles Lewinsky scheint ein Gespür für außergewöhnlich perfide und dennoch sympathische Charaktere zu haben, die er mit einem interessanten Plot kombiniert. So hat er beispielsweise in seinem 2016 erschienenen Roman Andersen ebenso eine Figur mit faszinierenden und gleichsam befremdlichen Eigenschaften erschaffen wie in Der Stotterer.

Der Name des Protagonisten Johannes Hosea Stärckle klingt schon mal ebenso ungewöhnlich wie seine Geschichte: Hineingeboren in eine fromme Familie, wird ihm sein großes Handicap, das Stottern, zum Verhängnis. Züchtigungen des Vaters und des Sektenpfarrers können dem Jungen den Sprachfehler nicht austreiben.

Johannes Hosea Stärckle liebt das Lesen und noch mehr das Schreiben, denn beim Schreiben stottert er nicht. Vor allem kristallisiert sich eine herausragende Eloquenz des Stotterers in allem was er zu Papier bringt, heraus. Diese Macht weiß Johannes Hosea für sich auszunutzen. Gleichzeitig bringt ihm diese Fähigkeit mehr Fluch als Segen.  Stärckle schlägt eine kriminelle Laufbahn ein, er entwickelt sich zum Betrüger par excellence. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

Dieses Buch besteht nur aus Briefen, in denen zwölf Mitglieder einer Familie miteinander kommunizieren. Der Briefkontakt erstreckt sich über drei Generationen. Um hier den Überblick nicht zu verlieren, ist der Stammbaum am Romanende hilfreich.

Ein weiterer Briefschreiber ist der Psychiater Yuri, der diesen ungewöhnlichen Austausch überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Yuri hat seinem Patienten Boris, um dessen Befindlichkeit sich alles dreht, nahegelegt, endlich wieder mit seinen Eltern in Kontakt zu treten.

Sieben lange Jahre hatte Boris die Verbindung zu seinen Eltern, Geschwistern und der restlichen Verwandtschaft abgebrochen. Boris war damals verzweifelt gewesen. Es gab Interessenkonflikte und  verletzte Eitelkeiten, stets fühlte er sich ungerecht behandelt. Nun, als er vor einem erneuten innerfamiliären Trümmerhaufen steht – diesmal geht es um Konflikte mit seiner Frau und seinen Kindern, steht es nicht gut um seine Gemütsverfassung. Um seinen depressiven Gedanken entgegenzuwirken, hat Yuri, zu dem Boris sich in Behandlung begeben hat, die Kontaktaufnahme in Briefform vorgeschlagen und Boris folgt dem Rat seines Psychiaters. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Siri Hustvedt: Damals

Siri Hustvedt begibt sich in Damals auf die Spuren der Vergangenheit ihrer Protagonistin, einer etwas über sechzigjährigen Schriftstellerin – womit sie eine von vielen  Parallelen zu ihrer eigenen Person knüpft. Dieser sicher stark autobiografisch geprägte Roman spiegelt die reale Gegenwart mit fiktiven Gedankeneinschüben und öffnet Fenster in das Gewesene mit Seiten aus Tagebuchaufzeichnungen einer Schriftstellerin als junges Mädchen.

Die Protagonistin, eine junge Frau aus Minnesota mit den Initialen S. H. zieht nach New York um. Ein Jahr Zeit hat sie sich gesetzt, um währenddessen einen Roman in Form einer Detektivgeschichte zu Ende zu bringen. Anschließend will sie Literatur studieren. Dass Sherlock Holmes in ihrer Detektivgeschichte dieselben Initialen wie sie selbst aufweist, ist dabei wohl kein Zufall. Denn wie Sherlock Holmes begibt S. H. sich auf Spurensuche, feilt ihr Wissen aus und entwickelt sich weiter. S. H. verbringt viel Zeit in Bibliotheken. Während ihrer Erkundungstrips durch die Stadt saugt sie Bilder, Geräusche und Gerüche wie ein Schwamm in sich auf. Sie hat sich in ein winziges Appartement eingemietet und als ihr Geld knapp wird, durchsucht sie Abfalleimer nach Essbarem. Sie lauscht durch die Wand den verstörenden Gesprächen ihrer Zimmernachbarin, Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

André de Richaud: Der Schmerz (1931)

Allein schon weil Albert Camus sich nach eigenen Angaben im Jahr 1951 durch André de Richauds Lektüre Der Schmerz inspiriert fühlte, selbst Schriftsteller werden zu wollen, macht dieses Buch neugierig.

Die Geschichte trägt sich im Kriegsjahr 1914 in einem kleinen Dorf in der Provence zu. Dabei geht es aber keineswegs um das Geschehen an der Front oder Kriegsgeschichten der Männer. André de Richaud schildert sehr subtil, wie die Frauen und Kinder zu Hause mit den veränderten Lebenssituationen klarkommen müssen.

Eine dieser Frauen ist Thérèse Delombre, die mit ihrem jungen Sohn Georget in einer Villa am Dorfrand lebt. Nachdem sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält, hält die Tristesse nicht allzu lange an. Jedoch wird sie das Gefühl der Einsamkeit nicht los, die    gleichsam ihrer sexuellen Begierden immer stärker wird. Thérèse versucht zu kompensieren und konzentriert sich nur noch und viel zu sehr auf Georget, den sie mit ihrer Liebe überschüttet. Um die Zweisamkeit mit ihrem Sohn zu durchbrechen nimmt sie ein Flüchtlingsmädchen auf. Später verstößt sie das Kind wieder aus einer eifersüchtigen Laune heraus mit einer perfiden Lüge. Georget durchschaut die Mutter. Die Vertrautheit zwischen Sohn und Mutter wird weniger. Immer häufiger zieht sich der Junge auf den Dachboden zurück. Dort kann er seinen Phantasien und stillen Spielen freien Lauf lassen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Hansjörg Schertenleib: Die Fliegengöttin

Schon lange ist nichts mehr wie es war. Die Krankheit kam schleichend. Jeder Tag bringt eine andere Herausforderung für Willem de Witt mit sich, der seine an Alzheimer erkrankte Frau pflegt. Immer wieder aufs Neue muss er sich auf ihre Wesensveränderungen, Wortfindungsstörungen, ihren Gedächtnisverlust und die physischen Defizite einstellen.

Niemals in einem Pflegeheim enden – dieses gegenseitige Versprechen haben sich der Holländer Willem und seine irische Frau Eilis einst gegeben. Aber nun, seit Eilis keine Erinnerungen mehr hat und Willem oft nicht weiß, ob sie ihn überhaupt erkennt, hat dieses Versprechen eine ganz andere Gewichtung bekommen. Doch Willem hält sich daran. Die letztendliche Konsequenz die im Raum steht, schiebt er dennoch von sich, denn zwischen Zuständen von Verwirrung und Apathie hat Eilis auch lichte Momente. Dann sind die Rückblicke seiner Frau oft solche, die Willem verloren gegangen sind. Auch er verspürt mit seinen dreiundachtzig Jahren körperliche und geistige Defizite. Erinnerungen aus über fünfzig Ehejahren die sie gemeinsam in ihrem Haus in Irland verlebt haben, gibt es genügend. Immerhin haben die de Witts auch drei Kinder mit allen Höhen und Tiefen großgezogen sowie einige schöne Urlaube zusammen verbracht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stefan Moster: Alleingang

Freddy ist einundfünfzig Jahre alt, als er zum dritten Mal aus dem Gefängnis entlassen wird. Am Tag seiner Entlassung nimmt er die LeserInnen mit hinaus in die Freiheit und in seine Erinnerungen an sein Leben davor.

Hineingeboren in eine asoziale Familie wächst der junge Freddy mit elf älteren Geschwistern bei der Großmutter in einem heruntergekommenen Haus auf. Unter den Geschwistern gilt das Recht des Stärkeren. Lieblosigkeit, Gewalt und billiges Vokabular sind an der Tagesordnung und nicht eben förderlich für Freddys Entwicklung. Wäre da nicht sein Kinder- und Jugendfreund Tom aus der Nachbarschaft, der wohlbehütet als Einzelkind in geordneten Verhältnissen lebt, würde Freddy vielleicht gar nicht realisieren, dass er und seine restliche Familie ein Außenseiterdasein führen.

Mit Tom verlebt er Kindheitsabenteuer. Später führt Tom ihn in seine Clique ein, mit der er nach Griechenland reist. Während die anderen nach der langen Fahrt apathisch auf die Landschaft reagieren, ist Freddy jemand, der sich unverhohlen freuen kann. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Yishai Sarid: Monster

Yishai Sarid hat einen Protagonisten erschaffen, der im Holocaust eine ganz andere Opferrolle einnimmt. Mit ihm zeigt er einen neuen Blick auf den Umgang mit der Erinnerung auf: In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef versucht ein junger Familienvater einen Eklat, den er ausgelöst hat, zu erklären.

Für seine Doktorarbeit beschäftigte der junge Israeli sich mit den Vernichtungsmethoden in den verschiedenen Konzentrationslagern. Später fährt er nach Polen, um die Gedenkstätten, über die er tausende von Seiten gelesen hat, zu besuchen. Durch seine umfassenden Kenntnisse ist ihm dort bereits alles so vertraut, dass er sich nach eigenen Angaben gar wie zu Hause fühlt. Hier kann er die Schreckensszenarien in allen Einzelheiten noch einmal aufleben lassen. Nachdem er immer häufiger als Guide für Gruppenführungen in den Vernichtungslagern angefragt wird, bleibt er monatelang in Polen. Mit dem dort verdienten Geld kann er sich selbst und seine Familie in Israel ernähren. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: