Margarete Stokowski: Untenrum frei

Ja, dies ist ein feministisches Buch.

Nein, es geht darin keineswegs um einen Rachefeldzug gegen die Männerwelt.

Und ja: Macht und Autonomie sind ein großes Thema, wobei die Autorin den Begriff „Feminismus“ genau wie Rassismus und Klassenunterschiede als redundant betrachtet und am liebsten aus der Gesellschaft ausradieren möchte.

Für Stokowski bedeutet Feminismus …dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen… (S. 13)

Natürlich geht es um persönliche Freiheit, um sexuelle Freiheit, um Selbstbestimmung, Gewohnheiten, Rollenbilder, Klischees,  Hierarchien… Dabei greift die Autorin in erfrischend nonchalantem, niemals dogmatischem Tonfall unsere Denkmuster und Gewohnheiten genauso auf wie unsere Ängste und Fähigkeiten. Weiterlesen

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Karl Geary: Montpelier Parade

Dublin in den achtziger Jahren mit einem Heranwachsenden aus dem Proletariat, einer reichen, unglücklichen Frau mittleren Alters und einer leidenschaftlichen Liebe. – Wer nun eine Herz-Schmerz-Happy End-Story vermutet, der irrt gewaltig: Über der Geschichte liegt eine tiefe Melancholie. Beide Figuren sind Gefangene ihrer Hoffnungslosigkeit. Der junge Sonny kann seinem Milieu und der dort vorherrschenden Chancenlosigkeit nicht entkommen, die schöne Vera ist ihrer ureigenen Schwermut ausgeliefert. Doch für eine kurze Zeit tragen und bereichern die beiden ihre Leben mit ihrer ungewöhnlichen Liebe gegenseitig.

Seine Herkunft scheint dem sechzehnjährigen Sonny wie ein unsichtbarer Stempel auf die Stirn gedrückt. Das kleine Haus, in dem er mit seiner Familie lebt, steht in einem armseligen Viertel. Immer fehlt es an Geld, nicht selten auch an ausreichender Nahrung in der Küche. In seiner freien Zeit verdient Sonny sich ein bescheidenes Taschengeld in einer Metzgerei. Dort ist er hinterm Verkaufsraum zwischen blutigen Fleischstücken den obszönen Äußerungen über Frauen und Sex seinem Kollegen Mick ausgeliefert, der so versucht, ihn aus der Reserve zu locken und zu kompromittieren. Weiterlesen

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Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar. Weiterlesen

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Flannery O’Connor: Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys (1948-1955)

Flannery O’Connor ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihre Storys zählen heute noch zur Schul- und Universitätslektüre. Der wichtigste Kurzgeschichtenpreis der USA ist mit ihrem Namen, dem  „Flannery O’Connor Award for Short Fiction betitelt.

Die Erzählungen in diesem Band entstanden in den Jahren zwischen 1948 bis 1955 und sind den Sammlungen „A Good Man is Hard to Find und „Everything That Rises Must Converge“ entnommen.

Was ist das Schlimmste, Unmöglichste, das Romanfiguren widerfahren könnte? – Flannery O’Connor scheint genau diese Überlegung angestellt zu haben und lässt in ihren literarischen Fiktionen aus den Fünfziger Jahren ungewöhnlich perfide Widrigkeiten eintreten.

Dabei hat der Arche-Verlag gut daran getan, O’Connors Sprache unzensiert wiederzugeben, was die Authentizität um so mehr unterstreicht. Weiterlesen

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Helen Simpson: Nächste Station

„Nächste Station“ ist ein Buch mit neun Erzählungen, die das mittlere Alter und das Älterwerden thematisieren.

In der ersten Geschichte fahren die langjährigen Freundinnen Julie und Philippa einer neuen, in der U-Bahn vergessenen Gleitsichtbrille hinterher. Bis zur Endstation Cockfosters dreht sich ihre Unterhaltung außer um diese neue Brille um die Loslösung von den Kindern, einstige Mitschülerinnen, Kindheitserinnerungen, alte Eltern die in Zukunft Hilfe brauchen würden…

Die nächste Erzählung „Torremolinos“ beschreibt zwei Patienten auf einer Krankenstation. Der eine hat einen Dreifachbypass und soll nun dem anderen, der direkt aus der Vollzugsanstalt kommt, beschreiben, wie sich ein Herzinfarkt anfühlt. Der Inhaftierte will sich die Symptome zu eigen machen, um länger auf der Krankenstation verweilen zu können… Weiterlesen

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Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen

In einer nordfinnischen Stadt lässt die todkranke Lahja ihr Leben, das mit einem belastenden Geheimnis behaftet ist, Revue passieren. Nur ihre Schwiegertochter Kaarina weiß von diesem Geheimnis, nachdem sie auf dem Dachboden einen Brief findet, der eine  Tragödie preisgibt. Obwohl Kaarina sich nie gut mit ihrer eigenwilligen Schwiegermutter verstanden hat, bewahrt sie Stillschweigen und vernichtet den Brief.

Der Rückblick beginnt mit dem Jahr 1895 und Maria, der  alleinstehenden Mutter von Lahja. Maria war Hebamme gewesen. Sie legte Wert darauf, ihr Geld selbst zu verdienen und gesellschaftlich respektiert zu werden. Die Menschen holten Maria nur bei langen und schweren Geburten zu Hilfe, was aber fast jeden Tag vorkam. Hier lesen sich so schonungslose Geschichten wie die, als Maria einer Gebärenden ihr totes Kind mit dem Messer aus dem Leib schneidet, damit die Mutter überleben kann. Am Fluss kocht sie die blutigen Schürzen aus. Weiterlesen

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Julia Jessen: Die Architektur des Knotens

Eigentlich könnte Yvonne glücklich sein. Sie hat doch alles: Einen sympathischen, gut verdienenden Mann, zwei liebenswerte kleine Jungen, ein schönes Heim, einen guten Beruf als Grundschullehrerin, einen netten Freundeskreis…

Wieder ist es der Selbstfindungsprozess einer Frau, den Julia Jessen wie schon in ihrem ersten Roman „Alles wird hell“ beschreibt. Wieder ist eine unheilvoll gärende Story, die die  Entfremdung vom Partner thematisiert.

Yvonne schleudert viel zu früh in eine Partnerschaftskrise hinein, aus der sie keinen Ausweg findet. Ihre beiden Kinder sind in einem Alter, wo sie dringend beide Elternteile brauchen. Ihr dementer Vater, der ihr sowieso keinen Halt geben kann, bezeichnet sie in seiner Verwirrung gar als läufige Hündin, was ihrem Verhalten unterschwellig schon wieder eine gewisse Legitimität gibt. Einerseits ist sie sich darüber bewusst, dass ihr intaktes Familienleben etwas Kostbares ist, das es zu bewahren gilt. Andererseits ist da eine ermüdende Abgestumpftheit in ihr. Sie fühlt sich wie eine Gefangene in einem Netz aus Erwartungshaltungen, das ihre Sehnsüchte und Träume gefangen hält. Weiterlesen

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Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer Recht

Das Wetter hat Landschaft und Menschen vom Geirmundarfjördur,  einem scheinbar am Ende der Welt liegenden Fjord in Island, geprägt. Täglich sind die Fischer den Naturgewalten, die bestimmen, wann sie zum Fischen hinausfahren können, ausgesetzt. An Tagen, in denen die Wetterhölle um sie herum so stark tobt, dass sie zu Hause bleiben müssen, fällt zudem häufig noch der Strom aus. Touristen allerdings, die an schönen Tagen dort kurz verweilen um gleich darauf wieder weiterzufahren, bezeichnen den Ort als Paradies.

Aus den Tagebucheinträgen des jungen Fischers Halldór, die von einem weiteren Erzähler ergänzt sind, erschließt sich den LeserInnen die Welt der Menschen am Fjord. Halldórs Aufzeichnungen lesen sich fesselnd wirklichkeitsnah und ziehen mitten hinein ins Geschehen. Jeder Eintrag beginnt mit dem vorherrschenden morgendlichen Wetter und Angaben darüber, wieviel Fisch von welcher Sorte den Tag über gefangen wurde. Weiterlesen

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Wioletta Greg: Unreife Früchte

Polen in den 1970er und 1980er Jahren. – Das ist weder geografisch sehr weit weg von uns, noch zeitlich allzu lange vorbei. Dennoch fühlt man sich beim Lesen gute achtzig Jahre zurückversetzt. Obwohl seit 1981 unter General Jaruzelski das Kriegsrecht in Polen herrscht, spürt man hiervon wenig im ländlich geprägten Hektary. Hier wächst die junge Wiolka inmitten ihrer Großfamilie auf.

Die Autorin beschreibt autobiografische Episoden ihrer Kindheit und ihres Heranwachsens in diesem kleinen schlesischen Dorf. Diese Vergangenheitsschilderungen ohne Hektik, Handys, rastlose Aktivitäten und ohne jeglichen Überfluss erscheinen in ihrer Einfachheit fast schon wieder idyllisch.

Wiolkas Mutter hat die Taufdecke ihres kleinen Mädchens am Fenster des Hauses angebracht, bis der lange inhaftiert gewesene Vater wieder bei der Familie ist. Weiterlesen

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Johan Bargum: Nachsommer

Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?, beginnt der erste Satz in dem schmalen, nur 144 Seiten starken Roman des finnischen Autors Johan Bargum. Am Ende wird klar, was den Ich-Erzähler Olof zu dieser Frage bewogen hat.

Die Handlung ist in eine idyllische Schärenlandschaft eingebettet, in der die ruhig fließende Geschichte immer wieder von aufgeladenen Spannungen durchbrochen wird. Dazwischen liest man schöne Sätze wie: Zwischen ihren Brüsten nehme ich einen Duft wahr, den es vielleicht in einer Wiege gibt, in etwas das nicht einmal eine Erinnerung ist… (S.32)

Als die Mutter von Olof und seinem jüngeren Bruder Carl im Sterben liegt, kommt Carl mit seiner Frau Klara und zwei Söhnen widerwillig aus den USA zurück in das Haus in den Schären. Die Brüder hatten über all die Jahre, seit Carl in Amerika lebte, keinerlei Verbindung. Auch zu Klara, die Olof für eine kurze Zeit einmal viel bedeutet hatte, gab es keine Kontakte. Weiterlesen

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