Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht

In den Jahren 1994/1995 stand Jostein Gaarders Roman Sofies Welt, in der das Mädchen Sofie über sich selbst und das Leben nachdenkt,  auf der Spiegel-Bestenliste. Zwischenzeitlich ist das Buch zum Longseller geworden. Wer Sofies Welt kennt, ahnt vielleicht, dass Jostein Gaarder, der unter anderem Philosophie studiert hat, auch in diesem Buch die Handlung wieder philosophisch verwebt:

Der Protagonist Albert zieht sich zurück an den einsamen Waldsee Glitretjern, wo er und seine Familie eine kleine Hütte besitzen. Hier will er darüber nachdenken, wie es mit seinem Leben weitergehen soll. Er muss eine beängstigende Diagnose, von der er vor wenigen Stunden erfahren hat, erst einmal verarbeiten um dann eine Entscheidung zu treffen. Nur durch das Schreiben gelingt es ihm, klare Gedanken zu fassen. So erzählt er schreibend von seiner kleinen Familie, geht zurück bis zum Kennenlernen seiner Frau Eirin, beschreibt glückliche Tage wie auch Krisen. Weiterlesen

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Wioletta Greg: Die Untermieterin

Mit ihrem neuen Buch erreicht mich Wioletta Greg – im Gegensatz zu ihrem vorangegangenen Roman „Unreife Früchte“ nicht.

Die ominöse Geschichte um Herrn Kamil, einen zehn Jahre älteren Ethnologen, in den die Ich-Erzählerin Wiolka sich verliebt hat, mutet in weiten Teilen zu konstruiert an. Ab und an taucht Herr Kamil in Wiolkas Gedanken zwar auf, und ab der zweiten Hälfte des Buches ist er tatsächlich präsent, dennoch wirkt seine Figur an manchen Stellen wie hinterher an den roten Faden geheftet.

Wiolkas Zimmersuche in ihrem Studienort, dem polnischen Tschenstochau, ihr Aufenthalt dort in einem dubiosen Arbeiterhotel und danach in einer Ordensgemeinschaft, wo eine psychisch gestörte Oberin sie mit ihrer toten Tochter verwechselt und Wiolka mit ihren Kräutertees vergiften will, wirken eher erzwungen lustig. Weiterlesen

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Tim Winton: Die Hütte des Schäfers

Was für ein spannungsreiches Buch! Und was für ein Autor der so großartig zu schreiben vermag! – Tim Winton, diesen Namen sollte man sich merken! Kein Wunder, dass er zu den erfolgreichsten Schriftstellern Australiens gehört. Zweimal kam er auf die Shortlist des Man Booker Prize, und viermal erhielt er den Miles Franklin Award, den wichtigsten Literaturpreis Australiens. Seine Werke sind in zwölf Sprachen übersetzt, fast alles wurde für Bühne, Radio oder Film adaptiert.

In Die Hütte des Schäfers steigert sich das Abenteuer, in das der jugendliche Protagonist Jaxie Clackton sich selbst hineinmanövriert, Seite für Seite:

In Jaxies Zuhause herrschen raue Sitten. Seit seine Mutter tot ist, hält ihn dort eigentlich nichts mehr. Jaxie hasst seinen  ständig alkoholisierten Vater, von dem er nur Schläge und Schmach erntet. Und weil das jeder in dem kleinen australischen Kaff in dem er wohnt weiß, ergreift Jaxie Hals über Kopf die Flucht, nachdem etwas Unvorhergesehenes passiert ist. Niemand würde ihm, dem jungen Raufbold, glauben, dass er nichts mit dem Unglück das seinen Vater ereilt hat, zu tun hat. Ohne sich weitreichende Gedanken über die Gefahren im Niemandsland und der Ausweglosigkeit seines Fliehens zu machen, bricht er nur mit einem Gewehr, zwei Schachteln Patronen und einer Wasserflasche auf. Weiterlesen

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Herman Koch: Einfach leben

Tom ist erfolgreicher Schriftsteller. Sein Sachbuch „Einfach leben“ ist zum internationalen Bestseller avanciert. In diesem Ratgeber finden sich mehr oder weniger banale Weisheiten, die sich auf alle und alles übertragen lassen à la „Versuche, Probleme nicht immer zu lösen, indem du an sie denkst; oft lösen sie sich von allein“ oder „Versuche nicht, jemanden zu ändern, auch dich selbst nicht“…

So schlicht wie die Ratschläge in seinem Buch sind, ist auch Toms eigene Lebenseinstellung. – Nur ist er sich dessen keineswegs bewusst. Er, dem Glück und Reichtum durch den Bucherfolg so einfach in den Schoß gelegt wurden, ist unfähig, eigene Probleme in der Familie richtig zu deuten und entsprechend zu agieren.

Als die ungeliebte Schwiegertochter mit einem von Schlägen gekennzeichneten Gesicht vor der Tür steht, versucht Tom das Problem allein und auf seine Weise zu lösen. Bis zum bitteren Ende merkt er dabei nicht, auf welche Abwege er sich dabei begibt. Letztlich ist er dann derjenige, der eigentlich Hilfe benötigt um endlich zu einer klaren Sicht zu kommen, doch wie immer steht der Rat gebende Autor auch dann noch über der Sache… Weiterlesen

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Carys Davies: WEST

Dieser kurze Roman beginnt im Jahr 1815 im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania.

Der verwitwete John Cyrus Bellman hat dort seine eigene Maultierzucht. Er verfügt über eine der Zeit angemessene mäßige Bildung und ist gerade des Schreibens und Lesens mächtig. Als er aus einer Zeitung von Knochenfunden riesiger Tiere erfährt, fasziniert ihn die Vorstellung auf solch eine Spezies treffen zu können so sehr, dass er sich gen Westen aufmacht um die Riesentiere ausfindig zu machen. Seine etwas burschikose Schwester Julie soll sich bis zu seiner Heimkehr, mit der er in ungefähr zwei Jahren rechnet, um seine zehnjährige Tochter Bess kümmern.

Zusammen mit einem jungen Indianer, der den seltsamen Namen „Alte Frau aus der Ferne“ trägt, kämpft Bellman sich auf der beschwerlichen Reise immer weiter westwärts. Aber schon bald  gestaltet sich alles anders, als Bellman es sich vorgestellt hatte. Weiterlesen

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Leïla Slimani: All das zu verlieren

Wieder geht es, wie im ersten Roman von Leïla Slimani Dann schlaf auch du (für den sie den renommierten Prix Goncourt erhielt) um eine Frau, die ihr wahres Ich verheimlicht. Wieder spielt die Geschichte in Paris und wieder ist die Protagonistin Nordafrikanerin wie die Autorin selbst. Doch der Plot ist diesmal ein gänzlich anderer:

Adèle lebt mit ihrem Mann Richard, einem Arzt und dem kleinen Sohn Lucien im 18. Arrondissement in Paris. Sie selbst arbeitet als Journalistin bei einer Zeitung. Finanziell und gesellschaftlich betrachtet mangelt es ihr an nichts. Doch dieses Leben, von dem andere Frauen träumen, genügt Adèle nicht. Sie empfindet kein Glück, keine Erfüllung. Alles kommt ihr zu klein, zu spießig und inhaltlich leer vor. Geheiratet hat sie letztlich nur, um wie andere Frauen zu sein. Aber sie kann nicht wie andere Frauen sein. Auch den kleinen Lucien empfindet sie eher als eine Last. Während Richard im Krankenhaus oft noch Überstunden ableistet, gibt Adèle ihrer Obsession nach. Ständig sucht sie andere, manchmal ganz fremde Männer auf und sucht ihr Glück in zügellosem Sex. Weiterlesen

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Maarten `t Hart: So viele Hähne, so nah beim Haus

In diesem Erzählband sind achtzehn Geschichten abgedruckt, in denen der Autor in der Ich-Form über ganz unterschiedliche Begebenheiten, die in seiner Heimat, den Niederlanden angesiedelt sind, schreibt.

Maarten `t Hart ist ein Erzähler der alten Garde. Beim Lesen seiner Geschichten ist es ähnlich als wenn man Menschen mit einer reichen Lebenserfahrung lauscht, die frühere Zeiten wieder aufleben lassen. Einerseits kann man kann nicht genug bekommen von diesen so realistischen Beschreibungen, andererseits erscheint `t Harts Ausdrucksweise schonmal leicht antiquiert, wobei stets alles stimmig ist. Dieser teils etwas altmodisch anmutende, oft spitzbübische, aber durchaus angenehm passende Touch mag vielleicht daher kommen, dass `t Hart immer wieder Anekdoten aus Jugendzeiten beschreibt und er sich nun immerhin in seinem vierundsiebzigsten Lebensjahr befindet.

Möglicherweise hat `t Hart den Plot in einigen seiner Geschichten erfunden und der schriftstellerischen Kreativität freien Lauf gewährt, denn Manches erscheint beim Lesen auch mal ein wenig abwegig (obwohl erzähltechnisch plausibel) – So zum Beispiel die Erzählung „Im Kasino“, in der eine alte, über achtzigjährige Dame, die ihre freie Zeit im Spielkasino verbringt, dem Ich-Erzähler, der ihr dort Glück bringt, eindeutige Offerten macht. Weiterlesen

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Charles Lewinsky: Der Stotterer

Charles Lewinsky scheint ein Gespür für außergewöhnlich perfide und dennoch sympathische Charaktere zu haben, die er mit einem interessanten Plot kombiniert. So hat er beispielsweise in seinem 2016 erschienenen Roman Andersen ebenso eine Figur mit faszinierenden und gleichsam befremdlichen Eigenschaften erschaffen wie in Der Stotterer.

Der Name des Protagonisten Johannes Hosea Stärckle klingt schon mal ebenso ungewöhnlich wie seine Geschichte: Hineingeboren in eine fromme Familie, wird ihm sein großes Handicap, das Stottern, zum Verhängnis. Züchtigungen des Vaters und des Sektenpfarrers können dem Jungen den Sprachfehler nicht austreiben.

Johannes Hosea Stärckle liebt das Lesen und noch mehr das Schreiben, denn beim Schreiben stottert er nicht. Vor allem kristallisiert sich eine herausragende Eloquenz des Stotterers in allem was er zu Papier bringt, heraus. Diese Macht weiß Johannes Hosea für sich auszunutzen. Gleichzeitig bringt ihm diese Fähigkeit mehr Fluch als Segen.  Stärckle schlägt eine kriminelle Laufbahn ein, er entwickelt sich zum Betrüger par excellence. Weiterlesen

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Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

Dieses Buch besteht nur aus Briefen, in denen zwölf Mitglieder einer Familie miteinander kommunizieren. Der Briefkontakt erstreckt sich über drei Generationen. Um hier den Überblick nicht zu verlieren, ist der Stammbaum am Romanende hilfreich.

Ein weiterer Briefschreiber ist der Psychiater Yuri, der diesen ungewöhnlichen Austausch überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Yuri hat seinem Patienten Boris, um dessen Befindlichkeit sich alles dreht, nahegelegt, endlich wieder mit seinen Eltern in Kontakt zu treten.

Sieben lange Jahre hatte Boris die Verbindung zu seinen Eltern, Geschwistern und der restlichen Verwandtschaft abgebrochen. Boris war damals verzweifelt gewesen. Es gab Interessenkonflikte und  verletzte Eitelkeiten, stets fühlte er sich ungerecht behandelt. Nun, als er vor einem erneuten innerfamiliären Trümmerhaufen steht – diesmal geht es um Konflikte mit seiner Frau und seinen Kindern, steht es nicht gut um seine Gemütsverfassung. Um seinen depressiven Gedanken entgegenzuwirken, hat Yuri, zu dem Boris sich in Behandlung begeben hat, die Kontaktaufnahme in Briefform vorgeschlagen und Boris folgt dem Rat seines Psychiaters. Weiterlesen

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Siri Hustvedt: Damals

Siri Hustvedt begibt sich in Damals auf die Spuren der Vergangenheit ihrer Protagonistin, einer etwas über sechzigjährigen Schriftstellerin – womit sie eine von vielen  Parallelen zu ihrer eigenen Person knüpft. Dieser sicher stark autobiografisch geprägte Roman spiegelt die reale Gegenwart mit fiktiven Gedankeneinschüben und öffnet Fenster in das Gewesene mit Seiten aus Tagebuchaufzeichnungen einer Schriftstellerin als junges Mädchen.

Die Protagonistin, eine junge Frau aus Minnesota mit den Initialen S. H. zieht nach New York um. Ein Jahr Zeit hat sie sich gesetzt, um währenddessen einen Roman in Form einer Detektivgeschichte zu Ende zu bringen. Anschließend will sie Literatur studieren. Dass Sherlock Holmes in ihrer Detektivgeschichte dieselben Initialen wie sie selbst aufweist, ist dabei wohl kein Zufall. Denn wie Sherlock Holmes begibt S. H. sich auf Spurensuche, feilt ihr Wissen aus und entwickelt sich weiter. S. H. verbringt viel Zeit in Bibliotheken. Während ihrer Erkundungstrips durch die Stadt saugt sie Bilder, Geräusche und Gerüche wie ein Schwamm in sich auf. Sie hat sich in ein winziges Appartement eingemietet und als ihr Geld knapp wird, durchsucht sie Abfalleimer nach Essbarem. Sie lauscht durch die Wand den verstörenden Gesprächen ihrer Zimmernachbarin, Weiterlesen

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