Klaus Modick: Fahrtwind

Wie sähe Joseph von Eichendorffs spätromantische Taugenichts-Erzählung von 1826 aus, wenn man sie heute schreiben würde? Dieses literarische Experiment wagt Klaus Modick in seinem Roman „Fahrtwind“. Herausgekommen ist ein ausgesprochen vergnüglicher Text, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Es geht um die Liebe, die Musik, den Rausch und das süße Nichtstun. Ironie und ein gewisses Augenzwinkern sind ständige Begleiter bei der Lektüre.

Ein junger Mann hat keine Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der das Firmenschild seines Sanitär-Großhandels-Unternehmens gerne mit dem Zusatz „& Sohn“ versehen würde. Stattdessen packt dieser Sohn seine Siebensachen inklusive Gitarre und macht sich ohne viel Geld und ohne ein rechtes Ziel auf den Weg hinaus in die weite Welt. Wie bei Eichendorff wird er von zwei Damen aufgegabelt, nur dass die nicht in einer Kutsche unterwegs sind, sondern in einem Mercedes-107-Cabrio, wie es in den 70er-Jahren, in denen der Roman spielt, modern war. Und natürlich verliebt sich unser Ich-Erzähler in die jüngere der beiden Frauen.

Gespickt ist dieser Roman mit allerlei Gedichten und Naturbeschreibungen – wie das unvergleichliche Licht in Italien – und ihre Wirkung auf den jungen Mann. Weiterlesen

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Frank Goosen: Sweet Dreams

Man kann dem Bochumer Autor Frank Goosen sicherlich vorhalten, mehr oder weniger immer dasselbe zu schreiben. Seine Bücher sind nostalgische Erinnerungen an das Leben im Ruhrpott – speziell in Bochum – in den 70er und 80er Jahren. In gefühlt jedem seiner Texte kommen die berühmten C-90-Kassetten vor – in seinem neuesten Werk „Sweet Dreams“ sogar auf dem Cover (in einem Walkman).

Und doch: Wer selbst im Pott aufgewachsen und ungefähr im selben Alter wie Goosen ist, wird an diesem Buch seine Freude haben. Das steigert sich, wenn man einen Bezug zu Bochum hat: Die Ruhr-Uni kommt genauso vor wie der VfL Bochum in der Bundesliga und die „Zeche“ mit ihren vielen tollen Konzerten.

Besonders zu Anfang liest sich „Sweet Dreams“, das offenbar nah an einer Autobiografie ist, unterhaltsam. Man begleitet den Ich-Erzähler und seine Freunde Brocki, Spüli, Förster und einige andere gerne durch ihr Leben als Jugendliche, das sich um die typischen Themen dreht, die für die meisten Jungs im Alter von 17, 18 oder 19 eben das Wichtigste sind: Mädchen und Alkohol. Weiterlesen

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Johann Scheerer: Unheimlich nah

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan-Philipp Reemtsma, dem Erben der Reemtsma Cigarettenfabriken, der 1996 entführt und gegen Zahlung eines Lösegeldes freigelassen wurde. Fortan konnten die Familienmitglieder keinen Schritt mehr gehen, ohne von Sicherheitsleuten bewacht zu werden.

In seinem autobiografischen Coming-of-Age-Roman „Unheimlich nah“ beschreibt Scheerer, wie sich diese Situation besonders für einen Heranwachsenden anfühlt. Wie wirkt es auf Schulfreunde, wenn nach Schulschluss immer die dunklen BWWs an der nächsten Straßenecke warten? Und wie, wenn es zum ersten Mal zu Zärtlichkeiten mit einem Mädchen kommt? Was macht es ganz generell mit einem Kind oder Jugendlichen, wenn er in einer martialischen Macho-Welt aus Waffen und zwar freundlichen, aber stets gewaltbereiten Männern mit Muskeln und Pistolen-Holster unter dem Jackett aufwächst? All diesen Fragen geht Johann Scheerer in seinem Roman nach. Weiterlesen

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Barney Norris: Die Jahre ohne uns

„Die Jahre ohne uns“ des britischen Autors Barney Norris handelt von zwei älteren Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken, das für sie nicht optimal verlaufen ist. Der Roman teilt sich im Wesentlichen in zwei Hälften, die zunächst rein gar nichts miteinander zu tun haben – es folgt noch ein kurzer dritter Teil. Der erste Part besteht aus Selbstreflexionen der Frau. Sie ist einsam und findet nur in der Gartenarbeit etwas Freude. Besonders betrauert sie den Verlust ihres Vaters, der offenbar – genau wird es nicht erläutert – wegen einer psychischen Erkrankung die Familie verlassen hat, als unsere Ich-Erzählerin sieben Jahre alt war. Auch ihren Mann hat sie später schon kurz nach der Heirat verloren.

Diese rund 100 Seiten kommen arg freudlos und wehleidig daher, und man muss ich etwas hindurchquälen. Das wird in Teil zwei leider nicht besser. Weiterlesen

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Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

Einen warmherzigen, humorvollen und atmosphärisch dichten Roman legt der deutsche Journalist Alexander Gorkow (54) vor: „Die Kinder hören Pink Floyd“.

Der gebürtige Düsseldorfer, der für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, beschreibt darin auf liebevolle Art seine eigene Kindheit in den 70er Jahren im Rheinland.

Der Vater, der etwas rechthaberisch über die Familie herrscht, hütet die Stereoanlage im Wohnzimmer, während sich die Mutter unterordnet und die 16-jährige Schwester mit Herzfehler den Part der Aufmüpfigen übernimmt. Der zehnjährige Ich-Erzähler hat mit dem eigenen Stottern und mit diversen anderen altersgemäßen Problemen zu kämpfen.

Die ZDF-Hitparade und Rainer Barzel kommen genauso vor wie The Sweet, ein prügelnder Pfarrer oder die berühmte hydraulische Federung beim Citroen DS. Weiterlesen

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Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam

Einen ausgesprochen witzigen Schelmenroman legt der deutsche Autor Simon Urban vor. In seinem 544-Seiten-Wälzer mit dem langen Titel „Wie alles begann und wer dabei umkam“ geht es um die Juristerei und die Frage, wie gerecht unsere Gesetze eigentlich sind.

Der Held entwickelt schon als Kind Interesse an diesem Thema. In Abwesenheit verurteilt er seine Großmutter, den tyrannischen Familiendrachen, zum Tode.

Kein Wunder also, dass er später Jura studiert – und zwar in Freiburg. Dort eckt er mit einer neuen Professorin an, die sich für eine Gesetzgebung einsetzt, die weniger auf Strafe ausgerichtet ist. Unser Held sieht‘s anders. Im Wesentlichen kommt er nicht damit klar, dass ein Täter nicht für ein und dieselbe Tat zweimal verurteilt werden kann – auch dann nicht, wenn neue Beweise auftauchen. Der Ich-Erzähler mutiert mehr und mehr zum düsteren Racheengel, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Weiterlesen

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Thomas Reverdy: Ein englischer Winter

Mit dem Winter vor Margaret Thatchers Wahl zur britischen Premierministerin 78/79 befasst sich ein Roman von Thomas Reverdy. Die Fahrradkurierin und Hobbyschauspielerin Candice fährt im winterlichen London durch Müllberge, die wegen des Generalstreiks nicht abgeholt werden. In einem improvisierten Nachtclub verliebt sie sich.

Der Roman des 1974 geborenen britischen Autors zerfällt ein wenig in verschiedene Einzelteile, die nur lose miteinander verbunden sind. Einen Schwerpunkt bilden die politischen Verhältnisse im „Winter des Missvergnügens“ – so hat ihn ein englischer Journalist einmal genannt -, als Streiks das Land lahmlegten. Man sollte sich für dieses lange zurückliegende Thema interessieren, wenn man den Kauf dieses Buches in Erwägung zieht. Weiterlesen

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John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

Der irische Autor John Boyne nimmt in seinem neuen Roman „Die Geschichte eines Lügners“ sein eigenes Metier aufs Korn: die Schriftstellerei.

Maurice Swift ist ein gutaussehender junger Mann, der unbedingt ein berühmter Schriftsteller werden will. Kleines Problem: Ihm fehlt es an Talent. Vor allem tut er sich schwer damit, einen interessanten Plot – also eine Handlung – zu erfinden. Um sein Ziel trotzdem zu erreichen, geht er im weiteren Verlauf dieser Geschichte nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Sein erstes Opfer ist Erich Ackermann, der als 17-Jähriger in der Nazi-Zeit aus Liebe eine große Dummheit begangen hat, indem er den Nazis zwei Juden ausgeliefert hat. Swift schlachtet diese Geschichte zu einem Roman aus, der ihn zwar berühmt macht, aber gleichzeitig Erich Ackermann zugrunde richtet.

Weitere Opfer folgen, darunter sogar Mitglieder aus seiner eigenen Familie. Doch es gibt auch Menschen, die dem Betrüger gewachsen sind: der Schriftsteller Gore Vidal zum Beispiel, also eine nicht fiktive Figur, den unser Anti-Held einmal in seinem Haus an der Amalfiküste besucht. Weiterlesen

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Lionel Shriver: Die perfekte Freundin

Eine verzwickte Dreiecksgeschichte mit all ihren kleinsten Stimmungs-Verästelungen und -Verwirrungen beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver (geboren 1957) in ihrem dünnen Roman „Die perfekte Freundin“. Weston und Jillian waren früher mal ein Paar. Jetzt treffen sie sich noch dreimal pro Woche zum Tennis spielen. Das gefällt Westons neuer Freundin Paige überhaupt nicht. Sie will nur in Westons Heiratspläne einwilligen, wenn er Jillian für immer verlässt und verspricht, sie nie wiederzusehen.

Das stürzt den etwas entscheidungsfaulen Weston in tiefe innere Konflikte. Jillian, eine als etwas schrill und exaltiert beschriebene Hobbykünstlerin, scheint davon nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Kurz vor der Hochzeit macht sie dem Brautpaar ein geradezu bombastisches Geschenk, was die Gesamtsituation nicht eben erleichtert. Weiterlesen

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Philippe Sands: Die Rattenlinie

Ein Sachbuch, das so spannend ist wie ein Thriller, ist dem britisch-französischen Juristen und Schriftsteller Philippe Sands gelungen. In „Die Rattenlinie“ zeichnet er das Leben des Nazis Otto Wächter und seiner Frau Charlotte nach. Wächter war während des Zweiten Weltkriegs Gouverneur im besetzten Polen sowie in Galizien (heute Ukraine) und dort auch für Ermordung und Verschleppung von hunderttausenden Juden verantwortlich.

Nach dem Krieg setzte er sich nach Rom ab, um mit Hilfe eines katholischen Bischofs nach Argentinien zu fliehen. Dazu kam es nicht, weil Wächter 1949 nur 48-jährig überraschend starb.

​Es ist unglaublich, mit welcher Akribie und Detailgenauigkeit der 1960 geborene Autor diese Geschichte in acht Jahren recherchiert hat. Weiterlesen

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