Peter Stamm: Wenn es dunkel wird: Erzählungen

Unheimliche Geschichten seien in dem Erzählband „Wenn es dunkel wird“ von Peter Stamm versammelt, heißt es im Klappentext. Das Element des Unheimlichen kommt hier jedoch eher auf leisen Sohlen – oft fast unbemerkt – daher. Geister, Zombies und Vampire sucht man vergebens.

Am stärksten ist es vermutlich in der Geschichte „Supermond“ vertreten, als ein Mann, der kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand steht, mehr und mehr verschwindet. Seine Kollegen und auch seine Frau nehmen ihn immer weniger wahr – eine Art von Horror, mit der in milderer Form sicherlich auch im richtigen Leben so mancher Arbeitnehmer in einer vergleichbaren Situation zu kämpfen hat.

Besser ließe vielleicht von etwas „Untergründigem“ sprechen, das sich in auf den ersten Blick ganz normale Begebenheiten schleicht.

Wir treffen zum Beispiel eine junge Frau, die für eine Skulptur Modell steht und später eine fast schon krankhafte Hingezogenheit zu ihrem kunstvollen Ebenbild entwickelt, oder eine andere Frau, die sich beim Landgang einer Schiffsreise plötzlich in der Wohnung eines geheimnisvollen Wahrsagers wiederfindet. In einer weiteren Geschichte gibt sich ein Ehemann für den Liebhaber seiner Frau aus und tauscht mit ihr zweideutige E-Mails. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Meg Wolitzer: Das ist dein Leben

Die amerikanische Erfolgs-Autorin Meg Wolitzer beschreibt in ihrem Roman „Das ist dein Leben“ den Werdegang dreier Frauen im Amerika der 70er-Jahre. Da ist zunächst die stark übergewichtige Dottie Engels, ein Comedian-Star, der auf der Bühne Witze über das Dicksein reißt. Und da sind ihre beiden Töchter Erica und Opal, die mehr von Babysittern erzogen werden als von der eigenen Mutter, die sie häufiger im Fernsehen sehen als zu Hause.

Besonders Erica, die ebenfalls zum Übergewicht neigt, leidet als Teenager unter der Situation.

Später ändert sich vieles. Dotties Stern verblasst mehr und mehr, sie erhält nur noch Engagements für Werbespots. Erica und Opal gehen eigene Wege, die nicht immer gradlinig und positiv verlaufen. Sie verlieben und entlieben sich – bis ein einschneidendes Ereignis die kleine Familie wieder zusammenrücken lässt.

​Meg Wolitzer schreibt – auch in ihren anderen Romanen – ausgesprochen geschmeidig ohne Ecken und Kanten. Störende Rückblenden, allzu verschachtelte Handlungskonstruktionen oder eine unübersichtliche Vielzahl von Figuren findet man bei ihr nicht. Man genießt ihre Bücher wie einen süffigen Wein, blättert Seite um Seite um und verfolgt mit großem Lesegenuss das Schicksal ihrer drei Hauptfiguren.  Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Fürst Lahovary/Georges Manolescu: Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler (1905)

Anfang des vorigen Jahrhunderts war ein Mann sehr bekannt, der als Urbild des Hochstaplers gilt: Georges Manolescu, der sich zeitweise auch „Fürst Lahovary“ nannte. Sogar der große Thomas Mann hat aus diesem Fall Inspiration für seinen berühmten „Felix Krull“ gezogen.

Der Manesse-Verlag, der sich auf Klassiker spezialisiert hat, hat nun erneut die Memoiren Manolescus herausgebracht, die bereits 1905 entstanden sind. In abgehobener, manierierter Weise, wie es sich für einen Hochstapler gehört, beschreibt Manolescu frei von jeder Moral, wie er Hotelzimmer ausraubt, auf der Suche nach Frauen ist, die über genügend Geld verfügen, und generell auf großem Fuße lebt, um seine Umwelt zu beeindrucken. Unglücklicherweise (aus seiner Sicht) bezahlt er diesen Lebensstil mit längeren Aufenthalten in Gefängnissen und sogar in der Irrenanstalt. Doch auch dort verliert er nicht die Fasson. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau

Über Auschwitz sind schon viele Bücher geschrieben worden. Aber erst jetzt ist im Schöffling-Verlag eines erstmals auf Deutsch erschienen, das die polnische Autorin Seweryna Szmaglewska bereits 1945 verfasst hat – also unmittelbar nachdem sie dem berüchtigten Todesmarsch kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Russen entkommen konnte.

Man merkt dem Buch die zeitliche Nähe zu den grausigen Geschehnissen und die unmittelbare Betroffenheit der Autorin an – sie überlebte von 1942 bis 1945 das Frauenlager in Auschwitz-Birkenau: Alle Beschreibungen wirken direkt und unmittelbar. Man wird als Leser tief in die Atmosphäre aus Hunger, Tod, Kälte, grausamen und menschenverachtenden SS-Aufsehern, der Selektion auf Leben und Tod an der Rampe und dem Geruch der Krematorien gestoßen. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sich die Autorin einer relativ nüchternen Sprache bedient, die das Buch zu einer Mischung aus Roman und Sachbuch macht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Etgar Keret: Tu’s nicht: Storys

In seiner neuen Kurzgeschichten-Sammlung gelingt dem israelischen Autor Etgar Keret das Kunststück, ernste und oft tieftraurige Inhalte mit sehr viel – natürlich oft schwarzem – Humor zu verknüpfen. Gutes Beispiel ist dafür bereits die erste Geschichte, die so heißt wie das gesamte Buch: „Tu‘s nicht“.

Ein Selbstmörder droht, sich vom Dach eines Hochhauses zu stürzen. Die Geschichte beschreibt, welche Schwierigkeiten der Ich-Erzähler hat, mit einem quengelnden Sohn auf dem Arm die Stufen des Hauses zu erklimmen, um den Mann von seinem Tun abzuhalten. Am Ende geht‘s nach dramatischen Minuten nur um die Süße des Eises, das die Beteiligten verspeisen, und ob der Sohn vom Schokomilchshake einer unbekannten Frau kosten darf. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Hettche: Herzfaden

Eine gemeinsame Kindheitserinnerung ganzer Generationen von Deutschen geht so: Man liegt an einem vertrödelten Sonntagnachmittag auf dem Sofa und verfolgt auf der Mattscheibe gebannt, wie Urmel aus dem Eis, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, die haarsträubendsten Abenteuer erleben.

Aus den Anfängen der Augsburger Puppenkiste, die längst zum deutschen Kulturgut gehört und auch Erwachsene fasziniert, hat der 1964 geborene Schriftsteller Thomas Hettche einen Roman gemacht, der reale Geschichte mit Fiktion verknüpft.

Es waren der Schauspieler und Theaterdirektor Walter Oehmichen und seine Familie, die mitten im Zweiten Weltkrieg die ersten Gehversuche mit einem Puppentheater unternahmen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Page McBee: Amateur: Mein neues Leben als Mann

In seinem autobiografischen Roman „Amateur“ beschreibt der Transmann Thomas Page McBee seinen Weg zu einem Charity-Boxkampf im New Yorker Madison Square Garden, den er 2016 gegen einen Boxer namens Eric Cohen bestritten hat. Man kann sich den Kampf bei YouTube immer noch ansehen.

Gerade zu Beginn trifft die Bezeichnung „Roman“ auf diesen Text nur halb zu. Die durchaus interessanten Passagen über das Box-Training werden immer wieder durch Reflexionen des Autors über das Wesen von Männlichkeit unterbrochen. Stellenweise geht es dabei arg wissenschaftlich zu, und man wähnt sich in einem etwas drögen und fremdwortdurchsetzten Sachbuch. Das bremst den Lesefluss. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff, der schreibende Schauspieler, hat einen weiteren Band seiner autobiografischen Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ vorgelegt. Diesmal geht‘s in ein Krankenhaus in der Wiener Peripherie.

Während Meyerhoff mit seiner Tochter Schulstoff bespricht, bemerkt er plötzlich, dass er sich halbseitig nicht mehr bewegen kann – er hat einen Schlaganfall erlitten, und die Odyssee aus Fahrt im Krankenwagen, Einlieferung auf die Intensivstation sowie Kontakten mit Ärzten, Schwestern und Mitpatienten beginnt.

Obwohl ein Krankenhausaufenthalt eigentlich kein Spaß ist, behandelt der Autor ihn mit dermaßen viel Witz, dass man stellenweise aus dem Lachen nicht mehr herauskommt – zum Beispiel wenn er beschreibt, wie sich sein unbeweglicher Fuß unter einem Rollstuhl verheddert oder er immer wieder versuchen muss, sich mit der kranken Hand an die Nase zu fassen. Meist vergeblich. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück

Die 1971 in Köln geborene Autorin Annette Mingels hat mit „Dieses entsetzliche Glück“ einen Episodenroman im Stile Elizabeth Strouts oder Kent Harufs vorgelegt: Die einzelnen Kapitel spielen zwar alle in derselben fiktiven Stadt – Hollyhock in Virginia/USA -, aber dennoch sind sie in sich abgeschlossen: ein Mittelding aus Roman und Geschichten-Sammlung.

Der Autorin geht es dabei stets um das menschliche Miteinander und die schiere Unmöglichkeit, dauerhaft gemeinsam glücklich zu werden. Da ist der junge Mann, der sich ganz klassisch nicht traut, seine Traumfrau anzusprechen, oder das Paar, das vereinbart, jeder dürfe auch mit anderen schlafen. Zunächst nutzt das nur die Frau, aber als sich später für den Mann eine Gelegenheit ergibt, ist sie in Tränen aufgelöst.

Es geht also immer um die großen Gefühle des Menschseins, denen die Autorin feinsinnig nachspürt und gut nachvollziehbar in Text umwandelt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes

Ins düstere Edinburgh zur Mitte des 19. Jahrhunderts entführt uns der historische Krimi eines Autorenduos, das unter dem Pseudonym Ambrose Parry schreibt.

Der junge Will Raven kommt als Gehilfe zu einem angesehenen Frauenarzt, der mit verschiedenen Möglichkeiten der Betäubung experimentiert. Zugleich kommen in der Stadt immer wieder schwangere Frauen unter rätselhaften Umständen ums Leben. Raven und das gewitzte Dienstmädchen Sarah machen sich gemeinsam an die Aufklärung der Todesfälle.

Ambrose Parry – dahinter verbirgt sich der Autor Christopher Brookmyre und seine Frau, die Anästhesistin Marisa Haetzman – ist ein spannender, atmosphärisch dichter und vielschichtiger Krimi gelungen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: