Taylor Jenkins Reid: Daisy Jones and The Six

Rockfans müssen „Daisy Jones and The Six“ lesen. Dieser Roman, den Autorin Taylor Jenkins Reid aus (fiktiven) Interview-Schnipseln zusammengesetzt hat, ist das derart authentisch wirkende Porträt einer Rockband aus den 70er-Jahren, dass man ständig versucht ist, bei Google nachzuschauen, ob es die Gruppe nicht doch gegeben hat. Nein, hat es nicht. Aber nach der Lektüre dieses Buches wünscht man sich, es hätte sie gegeben und man könnte sich ihre alten Songs irgendwo anhören. Bekannt ist allerdings, dass die Autorin viel über Fleetwood Mac recherchiert hat.

Als die wilde und eigensinnige Daisy Jones mit der rauchigen Stimme zu „The Six“ stößt, sind die eine aufstrebende Band mit ersten Erfolgen. Aber erst die Zusammenarbeit katapultiert die Musiker in ungeahnte Höhen.

Doch es gibt Probleme im zwischenmenschlichen Bereich: Daisy und Bandleader Billy fühlen sich zueinander hingezogen, Billy jedoch will keinesfalls seine Ehe aufs Spiel setzen. Eine Zerreißprobe beginnt. Schwierigkeiten bereitet den beiden auch ihr Drogen- und Alkohol-Konsum. Weiterlesen

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Richard Russo: Jenseits der Erwartungen

Drei ältere Herren treffen sich für ein Wochenende an genau dem Ort wieder, an dem sie auch schon vor über 40 Jahren zusammen waren: in einem Häuschen in Chilmark auf Martha‘s Vineyard. Mit einem entscheidenden Unterschied: Damals war auch die freche und lebenslustige Jacy mit von der Partie, in die alle drei Jungs verliebt waren.

Doch seit diesem Wochenende fehlt jede Spur von Jacy. Was ist aus ihr geworden? Ist sie womöglich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Hat der unsympathische Nachbar oder gar einer der Jungs etwas damit zu tun? Könnte es sein, dass sie auf dem Anwesen in Chilmark begraben ist?

​Doch ein Krimi, nach dem sich das anhören mag, ist Richard Russos Roman „Jenseits der Erwartungen“, der aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, nur zu einem kleinen Teil. Weiterlesen

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Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Den Roman „Die Wahrheit ist“ von Eshkol Nevo haben gleich zwei unserer Rezensenten gelesen. Lesen Sie hier beide Beiträge von Sabine Sürder und Andreas Schröter.

Sabine Sürder meint: Der israelische Schriftsteller und ehemalige Werbetexter Eshkol Nevo (Jahrgang 1971) landete 2007 mit seinem zweiten Roman „Wir haben noch das ganze Leben“ in Deutschland einen Bestseller. 2018 veröffentlichte dtv seinen Roman „Über uns“. Nun erschien ebenda am 24. April 2020 Nevos neuestes Werk unter dem Titel „Die Wahrheit ist“ in einer Übersetzung von Markus Lemke.

Darin beantwortet ein Autor mit dem Namen Eshkol Nevo Leserfragen, die ihm ein Online-Redakteur übermittelt. Und es beginnt ein Spiel mit Wahrheit und Lüge. Der Autor lässt seine Lesenden im Unklaren darüber, wie viel in seinen Antworten wahr ist und wie viel er erfunden hat. Das hat anfänglich viel Reiz, da ich mich als Lesende immer wieder neu frage: stimmt es oder stimmt es nicht? Aber mit zunehmender Seitenzahl und Lesedauer ermüdet mich dieses Frage- und Antwortspiel. Und zwar vor allem deswegen, weil der Autor penetrant darauf besteht, ein notorischer Lügner und Geschichtenerfinder zu sein. Der alles und jede/n zu einer Geschichte macht. Wie unnötig, mich fortwährend mit der Nase darauf zu stoßen. Genauso unnötig wie das fortlaufende Gejammer über Dysthemie („einer auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmung“), unbefriedigende Lesereisen und mangelndes Talent.  Weiterlesen

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Dave Eggers: Die Parade

Von Dave Eggers erscheinen in diesem Frühling gleich zwei Romane. Neben „Der größte Kapitän aller Zeiten“, einer Trump-Parodie, die wir hier ebenfalls besprochen haben, legt der Amerikaner ein Werk namens „Die Parade“ vor.

Es spielt in einem nicht näher benannten Land, in dem es kurz zuvor einen Bürgerkrieg gegeben hat. Zwei Männer, die im Buch bloß „Vier“ und „Neun“ heißen, haben die Aufgabe, eine große Straße zu asphaltieren, die die Provinzen enger mit der Hauptstadt verbindet.

Das hat unbestreitbare Vorteile für die unterentwickelte Landbevölkerung. Sie kann künftig besser Handel treiben und auch die Zentren der medizinischen Versorgung leichter erreichen. Doch es gibt ein dickes „Aber“: Diktatoren werden es leichter haben, diese Bevölkerungsteile zu unterjochen. Tun „Vier“ und „Neun“ also wirklich etwas Gutes für das geschundene Land?

„Die Parade“ ist ein sehr gradlinig und auch minimalistisch erzählter Roman. „Vier“ sitzt in einer hochmodernen Maschine, die zuverlässig und makellos den Asphalt verlegt. Kontakte zu Einheimischen versucht er streng zu vermeiden – ganz so, wie es die Firma, für die er arbeitet, es ihm vorschreibt. Weiterlesen

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Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten

Dave Eggers ist mit seinem Roman „Der größte Kapitän aller Zeiten“ eine wunderbare Satire auf das heutige Amerika unter Donald Trump gelungen. Auf einem riesigen Schiff namens „Glory“ wird ausgerechnet der allerunfähigste Mann an Bord zum Kapitän gewählt. Als eine der ersten Amtshandlungen schmeißt er die Bücher weg, die darüber Auskunft geben, wie man ein solches Schiff überhaupt navigiert. Dann entlässt er die Offiziere und wirft missliebige Personen, von denen es aus Sicht des Kapitäns eine ganz Menge gibt, einfach über Bord. Das Schwarze Brett nutzt er vor allem dazu, täglich die Größe und Funktionsfähigkeit seines Penis‘ herauszustreichen.

Man liest dieses Buch und kommt im Grunde aus dem Kichern gar nicht mehr heraus – wobei es natürlich ein Kichern ist, das eine erschreckte Grundnote hat, weil Eggers‘ Gags so zielsicher ins Schwarze der derzeitigen US-amerikanischen Realität zielen.

Natürlich gibt es einige wenige Menschen an Bord, die sich gegen die Schreckensherrschaft des rundum unfähigen Kapitäns stellen. Aber sie haben gegen seine Unterstützer, ein Trupp, der sich „Die Eitlen Gockel“ nennt und im Hahnenkostüm auftritt, keine Chance. Weiterlesen

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Nora Gantenbrink: Dad

Stern-Reporterin Nora Gantenbrink hat unter dem Titel „Dad“ einen Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung geschrieben. Und in einigen Interviews hat sie bereits verraten, dass vieles davon autobiografisch ist.

Wie die Romanfigur war auch Gantenbrinks Vater das, was man früher einen „Hippie“ nannte. Beide sind später an Aids gestorben.

Zentraler Handlungsstrang sind mehrere Reisen, die die Tochter – Marlene heißt sie im Roman – zu den Sehnsuchtsorten des Vaters unternimmt: Marrakesch in Marokko, Goa in Indien und Koh Samui in Thailand. Nicht überall stellt sich für sie die Faszination ein, die der Vater erlebt haben muss. Weiterlesen

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Elizabeth Strout: Die langen Abende

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus dem fiktiven Städtchen Crosby in Maine erleben die Leser in Elizabeth Strouts neuem Roman „Die langen Abende“. Da ist zum Beispiel Olive Kitteridge, die etwas widerborstige ehemalige Mathelehrerin, die trotz aller Härte, die sie nach außen hin ausstrahlt, einige schwer verdauliche Kröten schlucken muss. Die Ablehnung durch die Familie ihres Sohnes zum Beispiel oder gegen Ende des Romans auch die Anfeindungen des Alterns.

Olive Kitteridge war bereits Hauptfigur in Strouts Roman „Mit Bilck aufs Meer“ (2012), wovon zwei Jahre später auch eine vierteilige Mini-Fernsehserie gedreht wurde.

Weil im neuen Roman viele Kapitel von anderen Figuren handeln, die jedoch alle in Crosby leben, mutetet dieser Text – wie in Strout-Büchern häufig – bisweilen wie eine Sammlung von Erzählungen an. Weiterlesen

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T.C. Boyle: Sind wir nicht Menschen: Stories

Wie schon in „Good Home“, das vor zwei Jahren erschienen ist, legt der amerikanische Erfolgsautor T.C. Boyle wieder einen Band mit ganz unterschiedlichen Erzählungen vor. „Sind wir nicht Menschen“ heißt er.

Bei aller Vielseitigkeit gemein ist den Storys, dass sich ihre Figuren zumeist nach kurzer Zeit in skurrilen und aberwitzigen Situationen wiederfinden – so wie der Rentner, der auf den bekannten Internet-Abzocketrick nach dem Motto hereinfällt: „Wir möchten Ihnen gerne 30 Millionen Dollar auf Ihr Konto überweisen“. Aber bevor das Geld angewiesen werden kann, muss der glückliche Neu-Multimillionär zunächst seinerseits 20.000 Dollar auf das Konto des edlen Spenders einzahlen.

Eine andere Figur hat in der Zukunft mit genmanipulierten Teenagern und Tieren wie einem kirschroten Pitbull zu tun. Und dann gibt es einen Mann, der mit Hilfe einer Maschine alle beliebigen Momente seiner Vergangenheit wiedererleben kann, was er ausgiebigst nutzt. Darüber vergisst er aber sein Leben in der Gegenwart. Weiterlesen

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Daniela Krien: Muldental

In ihrem Band „Muldental“ sammelt die 1975 in der DDR geborene Autorin Daniela Krien zehn Erzählungen, die sich allesamt um die deutsche Wende drehen. Diese Anthologie ist erstmals 2014 erschienen, nun hat sich ihr der Schweizer Diogenes-Verlag erneut angenommen. In der ersten Geschichte geht es um eine Frau, die zu DDR-Zeiten mit einer Erpressung dazu gezwungen wurde, für die Stasi zu arbeiten. Mit dieser Schuld – wenn es in diesem speziellen Fall denn überhaupt eine Schuld war – muss die Frau nach der Wende leben. Ihr Mann verzeiht ihr nicht.

Wir lernen eine Zahnarzthelferin kennen, die von einer Patientin abgelehnt wird, weil die Angst hat, sich bei ihr Krankheiten einzufangen. Schließlich kommt sie ja aus dem Osten – oder zwei Frauen, die sich entscheiden, auf den Strich zu gehen, um finanziell über die Runden zu kommen – oder einen Mann, der nach der Wende Alkoholprobleme hat und nun seinen neuen Job im Sägewerk kaum noch ausüben kann.

Daniela Kriens Storys sind weder laut oder spannend, noch sensationsheischend oder mit unnötigen stilistischen Kaskaden aufpoliert. Und gerade das macht sie sympathisch. Es sind leise Geschichten mit wenigen Worten, in denen vieles zwischen den Zeilen erzählt wird, das dafür aber umso tiefer auf die Gefühle – und meist sind es eher Gefühls-Missstände – der Protagonisten hinweist. Weiterlesen

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Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe

Jacques Koskas stammt aus einer jüdischen Familie, die in Frankreich lebt und in der die religiösen Traditionen hochgehalten werden. Dass er selbst damit jedoch weniger am Hut hat, wird schon in der ersten Szene von Olivier Guez‘ Debütroman deutlich: Kurz bevor am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur aus der Thora gelesen werden soll, ist Jacques weggedämmert und hat einen erotischen Traum.

Im Folgenden versucht er, sich zum Leidwesen seines strengen Vaters den Gebräuchen zu entziehen. So sitzt er während des Gottesdienstes rauchend in einem Park.

„Koskas und die Wirren der Liebe“, so heißt dieser von Nicola Denis übersetzte französische Roman, lebt vor allem von dem subtilen Humor, den der Autor stilistisch hervorragend in fast jede Zeile streut. So werden Jacques moralisch strenge Verwandte liebevoll durch den Kakao gezogen. Der eine betreibt Völlerei, der andere ist ein Geizkragen und Hypochonder mit Hang zum Analphabetismus.

Jacques entflieht diesem Milieu, zieht nach Berlin und arbeitet dort als Reporter, der sich jedoch eher in diverse Affären stürzt statt in seine Arbeit. Dann lernt er die Liebe seines Lebens kennen, Barbara, und alles ändert sich …

Neben dem Humor ist es auch der Kontrast zwischen der Leichtlebigkeit des Titelhelden einerseits und der strengen Gläubigkeit seiner Familie andererseits, der diesen Roman lesenswert macht. Weiterlesen

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