Geir Gulliksen: Geschichten einer Ehe

Der norwegische Autor Geir Gulliksen erzählt in seinem Roman „Geschichten einer Ehe“ vom langsamen Ende einer Beziehung. Jon und Timmy, die zwei gemeinsame Söhne haben, wollen eine moderne Ehe führen, die anders ist als andere. Sie soll frei von Eifersucht sein, jeder soll sich frei entfalten können. Dazu gehören auch Abenteuer mit anderen Geschlechtspartnern und der gegenseitige Austausch darüber.

Und tatsächlich lernt Timmy beim Joggen einen anderen Mann kennen. Aus Zuneigung wird Liebe, und die Treffen der beiden werden immer häufiger und ausgedehnter. Es kommt, wie es kommen muss: Jon kommt damit immer schlechter zurecht, und schließlich erfolgt die Trennung.

Dass das am Ende passiert, ist bereits am Anfang des Romans klar, sodass hier nichts vorweggenommen wird. Der ganze Text ist eine Art Rückblick und der Versuch zu verstehen, warum diese Ehe in die Brüche gegangen ist.

Problem ist, dass keine der beiden Hauptfiguren wirklich sympathisch ist. Die seltsam haltlose Timmy tut nichts, um ihre Ehe zu retten, sie lässt sich allzu bereitwillig auf den neuen Mann ein, und Jon wirkt insgesamt eher schwach. Man kann sich kaum vorstellen, dass er für eine Frau interessant sein könnte. Weiterlesen

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Joey Goebel: Irgendwann wird es gut

„Irgendwann wird es gut“ heißt die neue, sehr lesenswerte Geschichten-Sammlung des 1980 geborenen US-amerikanischen Autors Joey Goebel. Doch viele Figuren in diesem Buch, die alle in der fiktiven Kleinstadt Moberby leben, sind weit davon entfernt, ein Happy End zu erleben – wie Anthony in der allerersten Geschichte. Er ist verliebt in die Nachrichtensprecherin Olivia und hat jeden Abend Punkt 18 Uhr ein Rendezvous mit ihr, das er zelebriert: wenn sie auf der Mattscheibe erscheint und er auf dem heimischen Sofa sitzt.

Oder Paul, dessen Mutter derart dominant und besitzergreifend ist, dass sie dem Sohn das einzige Date mit einer Frau versaut, das er seit vielen Jahren hat.

Joey Goebel widmet sich in diesen Geschichten den Losern, den Underdogs der Gesellschaft: neben den hoffnungslos Verliebten und Muttersöhnen unter anderem einem zwölfjährigen Mädchen, das unter Gleichgesinnten keinen Anschluss findet, oder einem Messie, der seit Jahren seine Wohnung nicht verlassen hat. Weiterlesen

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Anita Shreve: Wenn die Nacht in Flammen steht

Den vielleicht etwas kitschigen Titel „Wenn die Nacht in Flammen steht“ trägt ein Buch aus Amerika, das gar nicht kitschig ist, sondern spannend und einfühlsam. Autorin Anita Shreve (1946 – 2018) schreibt über die junge Frau Grace, die 1947 in Hunts Beach/Maine mit Ehemann Gene und zwei kleinen Kindern in einem Häuschen am Meer lebt.

Gene ist zwar nicht besonders liebevoll, aber die kleine Familie kommt insgesamt über die Runden. Das ändert sich, als fast das gesamte Städtchen von einem gewaltigen Feuer zerstört wird. Grace und die beiden Kinder überleben nur knapp, Gene bleibt vermisst.

Grace braucht lange, um sich eine Art neuen Alltag im Haus ihrer zuvor gestorbenen Schwiegermutter aufzubauen. Sie lernt den feinfühligen Pianisten Aidan kennen, der sich ebenfalls in das Haus geflüchtet hat, und verliebt sich in ihn. Doch ist der vermisste Gene wirklich tot? Weiterlesen

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Kent Haruf: Abendrot

Im Schweizer Diogenes-Verlag ist dankenswerterweise ein Buch erschienen, das im amerikanischen Original „Eventide“ bereits seit 2004 existiert: „Abendrot“ von Kent Haruf.

Wir reisen in den fiktiven Ort Holt, Colorado, einem Kaff in den Great Plains, und lernen die Menschen kennen, die dort leben: den unglaublich gütigen, großmütigen und sanften Rancher Raymond, der einen schweren Schicksalsschlag verkraften muss und dann doch wieder Freude am Leben empfindet, einen elfjährigen Jungen, der sich rührend um seinen alten Großvater kümmert, oder Betty und Luther, zwei Menschen am Existenzminimum, die nicht in der Lage sind, ihre beiden Kinder vor dem Schläger Hoyt, ihrem Onkel, zu schützen.

Es ist ein bisschen so, wie es in einem Zitat von Bernhard Schlink auf der Buchrückseite heißt: „Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

Tatsächlich gelingt es Kent Haruf (1943-2014), seine Figuren sehr plastisch werden zu lassen und sie auf diese Weise seinen Lesern sehr nahe zu bringen. Weiterlesen

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T.C. Boyle: Das Licht

Für sein neuestes Werk „Das Licht“ bedient sich der US-amerikanische Kultautor T.C. Boyle einer Methode, die er bereits bei früheren Büchern angewandt hat: Er schreibt einen Roman rund um Geschehnisse, die sich wirklich ereignet haben.

In diesem Fall geht es um die Hippie-Kommune um Professor Timothy Leary, der zu Beginn der 60er-Jahre mit der bewusstseinserweiternden Droge LSD experimentiert hat. Die beiden fiktiven Figuren Fitz und seine Frau Joanie, aus deren Sicht der Roman geschrieben ist, geraten in den Inneren Zirkel rund um Leary. Sie nehmen die Droge, haben gute und schlechte Trips – teils mit rauschhaftem Sex und Kaskaden von bunten Farben, teils mit schlimmen Angstzuständen und Albträumen – und werden immer mehr zum Teil der Gruppe. Sie ziehen mit ihr nach Mexiko und schließlich nach Millbrook im US-Bundesstaat New York. Dort bekommen sie unter anderem Besuch von den legendären Merry Pranksters in ihrem bunten Schulbus „Further“ des Autors Ken Kesey („Einer flog übers Kuckucksnest“) – ein Besuch, den es ebenfalls tatsächlich gegeben hat. Weiterlesen

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Andrew Michael Hurley: Teufels Tag

Atmosphärisch äußerst dicht präsentiert sich der Roman „Teufels Tag“ des britischen Autors Andrew Michael Hurley. Der Engländer entführt uns in die fast schon archaisch anmutende Welt einer Handvoll Bauern-Familien, die irgendwo in einer gottverlassenen Gegend am Rande einer Moorlandschaft ihr karges Dasein fristen.

Weil sein Großvater gestorben ist, besucht der Lehrer John zur Beerdigung mit seiner Frau Kat diese Gegend, in der nach wie vor der Rest der Familie lebt. Immer mehr reift in ihm der Wunsch heran, sein künftiges Leben dort zu verbringen, um die Traditionen seiner Ahnen fortzuführen.

Die Bewohner in den „Endlands“ – so heißt die Gegend passenderweise im Buch – können kaum lesen oder schreiben, sie leben in baufälligen Häusern und müssen tagein-tagaus schwere körperliche Arbeit verrichten, um sich so gerade eben über Wasser zu halten. Weiterlesen

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Hervé Le Tellier: All die glücklichen Familien

Der 1957 geborene französische Autor Hervé Le Tellier widmet sich in seinem neuen Buch „All die glücklichen Familien“ seiner Verwandtschaft. Auf dem Cover steht zwar „Roman“, aber eigentlich handelt es sich um eine Autobiographie, die sich kritisch vor allem mit seiner Mutter Marceline, seinem Stiefvater Guy und seinem leiblichen Vater Serge auseinandersetzt. Schon ein Buchzitat auf der Rückseite des Covers weist auf diese Stoßrichtung hin: „Mir war schon immer klar, dass meine Mutter verrückt ist.“

Besagte Mutter wird dabei als durchgeknallt, bösartig und lieblos beschrieben, der Stiefvater als geizig und blass, der Vater als Fremdgeher. Viele andere Figuren wie eine Halbschwester, die Großeltern, Onkel und Tanten kommen vor (und kriegen ebenfalls ihr Fett weg), so dass man als Leser ein wenig aufpassen muss, um den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum am Anfang erweist sich als hilfreich. Weiterlesen

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Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle bildet die amerikanische Autorin Elizabeth Strout in ihrem neuesten Werk „Alles ist möglich“ ab: Hass, Liebe, Neid, Wut, Einsamkeit, Verbitterung und vieles mehr. Dabei ist der Text weniger ein Roman als vielmehr eine Geschichten-Sammlung, wobei die Menschen, die in den jeweiligen Abschnitten im Mittelpunkt stehen, sich mehr oder weniger kennen oder miteinander verwandt sind. Sie alle leben in oder um die (fiktive) amerikanische Kleinstadt Amgash in Illinois (USA), „einem Kaff zwischen Mais- und Sojabohnenfeldern“, wie es im Klappentext heißt.

Wir lernen zum Beispiel Dottie kennen, die allein eine Frühstückspension betreibt und an den Türen ihrer Gäste lauscht. Einmal hört sie dabei Dinge über sich selbst, die wenig schmeichelhaft sind – oder Patty, die wegen ihrer Leibesfülle in ihrem Umfeld nur „Fatty Patty“ genannt wird. Eine ihrer Schülerinen beleidigt sie aufs Übelste und bezichtigt sie der Frigidität – und trifft damit in gewisser Weise ins Schwarze.

Eifrige Strout-Leser treffen sogar eine Figur wieder, die bereits in einem früheren Roman der 1956 gebornen Autorin vorkommt: die Schriftstellerin Lucy Barton. Weiterlesen

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Dave Eggers: Der Mönch von Mokka

Dave Eggers‘ neuestes Buch ist kein Roman. Es ist vielmehr die äußerst spannende (bisherige) Lebensgeschichte von Mokhtar Alkhanshali. Der heute 30-jährige Amerikaner mit jemenitischen Wurzeln hat sich im Jahre 2013 in den Kopf gesetzt, Kaffee aus dem Jemen in die USA zu importieren.

Das war damals (und ist es heute wohl immer noch) ein fast unmögliches Unterfangen. Alkanshali hatte kein Geld, der Jemen galt wegen des Krieges und der instabilen politischen Verhältnisse als extrem gefährlich, und die Kaffeefarmen dort liegen erstens abgelegen und waren zweitens teilweise auf einem niedrigen Standard – verglichen zum Beispiel mit denen in Äthiopien auf der anderen Seite des Roten Meeres.

Im Grunde ist die Geschichte in diesem Buch die typische amerikanischer Erfolgsgeschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Weiterlesen

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Sarah Perry: Nach mir die Flut

Ein Mann namens John muss an seinem Auto Kühlwasser nachfüllen und schellt mit der Bitte um Hilfe an einem einsamen Haus. Dort wird er freudig begrüßt. Die Bewohner kennen nicht nur seinen Namen, sondern scheinen ihn erwartet zu haben.

Klingt nach einem schon fast klassischen Anfang für einen Horrorroman, ist aber etwas anderes: ein durchgehend düsterer, vielleicht ein wenig an Kafka erinnernder Roman um ein Haus und seine seltsamen Bewohner.

John gelingt es seltsamerweise nicht, einfach nur Wasser zu holen und dann wieder zu verschwinden – stattdessen bleibt er und wird nach und nach Teil dieser Lebensgemeinschaft.

Wenn man es positiv ausdrücken will: Der 1979 geborenen britischen Autorin Sarah Perry gelingt es in ihrem Debütroman hervorragend, eine leicht transzendente, schwer fassbare Atmosphäre durchzuhalten, Weiterlesen

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