Lara Prescott: Alles, was wir sind

In ihrem Debütroman widmet sich die US-amerikanische Autorin Lara Prescott, geboren 1981, einer literarischen Legende: dem Roman „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak (1956). Legende einerseits, weil das Buch in der damaligen Sowjetunion lange verboten war – und es andererseits die USA als Propagandamittel im Kalten Krieg einsetzte.

Folgerichtig gibt auch Lara Prescott ihrem Roman zwei Erzählstränge: „Osten“ und „Westen“. In beiden stehen Frauen im Mittelpunkt. Im Osten ist es Olga Iwinskaja, die als Muse des späteren Literaturnobelpreisträgers gilt und der er angeblich die Figur der Lara in seinem weltberühmten Roman nachempfunden hat. Im Westen sind es zwei Geheimagentinnen, die maßgeblich daran beteiligt sind, das Buch in die Sowjetunion zu schmuggeln.

Die Ost-Kapitel sind stärker, weil sie dramatischer sind: Olga muss als Komplizin des – in den Augen der Sowjetmacht – staatsfeindlichen Autors zweimal in alptraumhafte Straflager. Deutlich wird in diesen Textpassagen auch, wie egoistisch Pasternak handelt, als er der Veröffentlichung seines Romans zunächst in Italien zustimmt, obwohl er wissen muss, dass er Olga damit weiter schadet. Zudem trennt er sich nie von seiner Frau Sinaida, um ganz mit Olga zusammenzuleben. Weiterlesen

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Edoardo Albinati: Ein Ehebruch

Erri und Clementina verbringen ein gemeinsames Wochenende auf einer Insel irgendwo im Mittelmeer. Sie sind verheiratet, aber nicht miteinander. Ihren Ehepartnern haben sie irgendwelche Lügengeschichten aufgetischt.

Der 1956 geborene italienische Schriftsteller Edoardo Albinati hat dem Ehebruch einen schmalen Roman gewidmet, den Verena von Koskull übersetzt hat.

Die Lust der beiden Protagonisten aufeinander ist so groß, dass sie schon übereinander herfallen, als ihr Hotelzimmer noch nicht fertig ist – im Wasser, während sie sich an einem gemieteten Motorboot festklammern. Und so geht es dann die nächsten 128 Seiten mehr oder weniger weiter. Man hat Sex miteinander. Viel Sex.

Gleichzeitig sorgen sich die beiden Liebenden, die sich erst seit drei Wochen kennen. Wie wird es nach dem Wochenende weitergehen? Sollen sie ihre Ehepartner verlassen? Weiterlesen

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Ian McEwan: Die Kakerlake

Bereits sechs Monate nach seinem vorigen Roman „Maschinen wie ich“ legt der renommierte britische Schriftsteller Ian McEwan schon sein nächstes, allerdings mit rund 130 Seiten recht kurzes Werk vor: „Die Kakerlake“.

In einer umgekehrten kafkaesken Verwandlung sieht sich eine Kakerlake eines Morgens „nach unruhigem Schlaf“ in einen Menschen verwandelt, bei dem es sich – zufällig oder nicht – um den englischen Premierminister handelt.

Sams gewöhnt sich schnell an sein neues Dasein und setzt künftig all seine Kraft in die Durchsetzung von etwas, das er „Reversalismus“ nennt, den umgekehrten Geldfluss: Wer arbeitet, muss dafür bezahlen, wer einkaufen geht, bekommt Geld.

So satirisch-bissig kommentiert Ian McEwan das derzeitige Brexit-Chaos um den britischen Premierminister Boris Johnson. Weiterlesen

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Dorota Masłowska: Andere Leute

Wie der wahnwitzige und rasante 160 Seiten lange Text eines gigantischen Rap-Songs wirkt Dorota Masłowskas Roman „Andere Leute“. Das Ganze hat Rhythmus und Drive, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus über soviel Sprachvirtuosität.

Der Warschauer Plattenbau-Loser und Kleinkriminelle Kamil sieht sich als Künstler und will unbedingt eine Rap-CD aufnehmen. Vorerst jedoch muss er sich mit seiner trinkfreudigen Mutter und der streitsüchtigen Schwester herumschlagen, mit denen er notgedrungen zusammenlebt.

Unerwartetes Geld: Als sich ihm bei einem Gelegenheitsjob als Klempner-Gehilfe die vom Ehemann gehörnte und gelangweilte Iwona an den Hals wirft, scheint zumindest Kamils momentaner Geld-Engpass behoben zu sein, denn Iwona hat nichts dagegen, Kamil für seine Liebes-Dienste zu entlohnen. Weiterlesen

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Stewart O’Nan: Henry persönlich

„Henry persönlich“ von Stewart O‘Nan ist quasi die Fortsetzung des 2011 erschienenen Romans „Emily, allein“ des 1961 geborenen US-amerikanischen Schriftstellers. Damals ging es um eine ältere Dame, die allein lebt, seit ihr Mann Henry vor sieben Jahren gestorben ist.

Der neue Roman widmet sich nun ganz eben jenem Henry. Das Paar, das in seinen 70ern ist, lebt ein beschauliches Leben in Pittsburgh. Henry, der etwas unter dem Pantoffel seiner Frau steht, geht mit dem Hund Rufus raus, fährt zum Baumarkt, repariert alles Mögliche am Haus und sieht sich abends Sport-Reportagen im Fernsehen an. Ab und zu kommt die Verwandtschaft zu Besuch, die nicht immer ganz unkompliziert ist. Und im Sommer geht’s ins Ferienhaus nach Chautauqua. Das ist aber auch schon das Aufregendste im Leben des älteren Paares.

Wie schon in „Emily, allein“ bewährt sich Stewart O‘Nan in der hohen Kunst, einen Roman zu schreiben, in dem eigentlich gar nichts passiert, der aber trotzdem auf keiner seiner vielen Seiten auch nur einen Hauch langweilig ist.

Das liegt vermutlich an dem hohen Identifikations-Potenzial, das der gemütliche, etwas verschrobene, aber insgesamt rundum sympathische Henry verströmt. Weiterlesen

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Daniel Kehlmann: Vier Stücke: Geister in Princeton / Der Mentor / Heilig Abend / Die Reise der Verlorenen

Daniel Kehlmann, der besonders mit seinem 2005 erschienenen Werk „Die Vermessung der Welt“ für Furore gesorgt hat, schreibt nicht nur erfolgreich Romane, sondern auch Theaterstücke. Vier davon sind nun in Buchform erschienen und heißen schlicht „Vier Stücke“.

Ein Theaterstück lesend zu konsumieren und nicht als Bühnenfassung, ist per se nicht ganz einfach, weil vieles eben fehlt, was ein Theaterstück ausmacht: die Einfälle des Regisseurs, die schauspielerischen Leistungen mit Gestik, Dramatik, Emotionen und so weiter.

Insofern ist diese Lektüre vielleicht als etwas mühsam zu bezeichnen, obwohl es andererseits falsch wäre, „Geister in Princeton“, „Der Mentor“, „Heilig Abend“ und „Die Reise der Verlorenen“ misslungen zu nennen. Vielleicht lässt sich sagen, dass sie manchmal etwas verschwurbelt sind – zum Beispiel wenn der Protagonist in „Geister in Princeton“ mit seinem jüngeren Ich spricht oder die Akteure sich in „Die Reise der Verlorenen“ aus ihren Rollen lösen und direkt ans Publikum wenden. All das kann mit einem guten Regisseur gelingen, aber gelesen wirkt es gelegentlich etwas überdreht. Weiterlesen

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Eugen Ruge: Metropol

Eugen Ruge wurde 2011 für seinen Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Damals ging es um das Schicksal seiner Familie in der untergehenden DDR.

Nach einigen weniger erfolgreichen Romanen hat sich der 1954 geborene Autor nun erneut seiner Familie zugewandt. „Metropol“ springt gegenüber dem Erstling einige Jahre zurück und zeichnet das Leben Ruges Großmutter ab 1936 in der Sowjetunion nach.

Auf der Flucht vor den Nazis ist die Kommunistin Charlotte mit ihrem Mann Wilhelm in die UdSSR emigriert. Dort arbeiten beide in der „Komintern“, einer Organisation, in der Kommunisten aus dem Ausland tätig sind.

Doch schon bald rückt etwas in den Mittelpunkt ihres Daseins, das heute als die „Große Säuberung“ bekannt ist. Diktator Stalin ließ damals und auch später noch zum Teil völlig grundlos Menschen verhaften und zum Tode verurteilen, die seine Macht gefährden konnten. Es begann eine Zeit der Angst und der Denunziation.

Auch Charlotte und Wilhelm sind bedroht. Sie kannten jemanden der Verhafteten. Allein das reicht schon, sie ihres Jobs bei der Komintern zu entheben und sie im Hotel „Metropol“ – darauf bezieht sich der Titel – zu parken. Eine quälende Zeit der Ungewissheit beginnt. Weiterlesen

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Darren McGarvey: Armutssafari

Darren McGarvey, geboren 1984, ist in einem Glasgower Problemviertel in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Seine psychisch kranke sowie alkohol- und drogensüchtige Mutter hat ihn schwer vernachlässigt. Der Autor beschreibt unter anderem, wie sie ihn zum Zigaretten holen in einem heftigen Sturm nach draußen schickt und sich dann gemeinsam mit ihrem Lover auf dem Balkon darüber schieflacht, wie der kleine Darren fast wegfliegt und Todesangst aussteht.

Wenn so jemand ein Buch über die Unterschicht schreibt, ist das per se glaubwürdiger, als wenn es ein Professor tut, der in gut behüteten Kreisen aufgewachsen ist.

„Armutssafari“ von Darren McGarvey, der auch als Rapper Loki bekannt ist, ist allerdings kein Roman. Es ist eine Mischung aus Autobiographie und soziologischen beziehungsweise sozialpsychologischen Überlegungen. Seine Kernbotschaft: Nicht nur die äußeren Umstände sind es, die die Menschen in die Armut und das Elend treiben, sondern auch ihre innere Einstellung, die durch jahrelanges Leben in den immergleichen Kreisen entstanden ist. McGarvey beschreibt anhand seiner eigenen Biographie, wie er sich selbst durch eine Änderung seiner Einstellungen zu einem besseren Leben verholfen hat. Weiterlesen

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Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Wenn man es positiv sehen will: Der deutsche Schriftsteller Fabian Hischmann, geboren 1983, trifft in den Stories seiner Sammlung „Alle wollen was erleben“ sicherlich das Lebensgefühl einer jüngeren Generation – mit Unsicherheiten und auch Enttäuschungen in der Partnerschaft, die auch gleichgeschlechtlich sein kann, oder Planungen für die noch unklare Zukunft. Hischmanns Figuren sind in der Regel unsicher und leiden an ihrer Gegenwart – wie Sophie, die früher ein Junge war, sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat und nun unglücklich in ihren Schulfreund Simon verliebt ist. Oder wie Lukas und Roman, die als Paar gemeinsam einen Jungen erziehen, sich der unqualifizierten Kommentare von Romans Mutter erwehren müssen und dann (seltsamerweise und etwas unpassend) in einen Nachbarschaftsstreit geraten. Oder wie ein von seiner Frau verlassener, einsamer Bäcker, der im Radio vom Tod Charles Mansons erfährt. Weiterlesen

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Drago Jancar: Wenn die Liebe ruht

Der sehr lesenswerte Roman „Wenn die Liebe ruht“ des 1948 geborenen slowenischen Autors Drago Jancar spielt in einer düsteren Zeit: der slowenischen Besatzung durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs. Sonja macht sich in Maribor an den Nazi-Kollaborateur Ludwig heran – mit dem Ziel, ihren Geliebten Valentin, der als Partisan gilt, aus der Haft zu befreien.

Obwohl das gelingt, steht allen drei Hauptfiguren keine rosige Zukunft bevor. Der Roman begleitet sie über die nächsten dunklen Jahre bis ins Jahr 1946 hinein, wenn der Nazi-Terror schon seit einem Jahr vorbei ist. Weiterlesen

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