Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau

Über Auschwitz sind schon viele Bücher geschrieben worden. Aber erst jetzt ist im Schöffling-Verlag eines erstmals auf Deutsch erschienen, das die polnische Autorin Seweryna Szmaglewska bereits 1945 verfasst hat – also unmittelbar nachdem sie dem berüchtigten Todesmarsch kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Russen entkommen konnte.

Man merkt dem Buch die zeitliche Nähe zu den grausigen Geschehnissen und die unmittelbare Betroffenheit der Autorin an – sie überlebte von 1942 bis 1945 das Frauenlager in Auschwitz-Birkenau: Alle Beschreibungen wirken direkt und unmittelbar. Man wird als Leser tief in die Atmosphäre aus Hunger, Tod, Kälte, grausamen und menschenverachtenden SS-Aufsehern, der Selektion auf Leben und Tod an der Rampe und dem Geruch der Krematorien gestoßen. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sich die Autorin einer relativ nüchternen Sprache bedient, die das Buch zu einer Mischung aus Roman und Sachbuch macht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Etgar Keret: Tu’s nicht: Storys

In seiner neuen Kurzgeschichten-Sammlung gelingt dem israelischen Autor Etgar Keret das Kunststück, ernste und oft tieftraurige Inhalte mit sehr viel – natürlich oft schwarzem – Humor zu verknüpfen. Gutes Beispiel ist dafür bereits die erste Geschichte, die so heißt wie das gesamte Buch: „Tu‘s nicht“.

Ein Selbstmörder droht, sich vom Dach eines Hochhauses zu stürzen. Die Geschichte beschreibt, welche Schwierigkeiten der Ich-Erzähler hat, mit einem quengelnden Sohn auf dem Arm die Stufen des Hauses zu erklimmen, um den Mann von seinem Tun abzuhalten. Am Ende geht‘s nach dramatischen Minuten nur um die Süße des Eises, das die Beteiligten verspeisen, und ob der Sohn vom Schokomilchshake einer unbekannten Frau kosten darf. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Hettche: Herzfaden

Eine gemeinsame Kindheitserinnerung ganzer Generationen von Deutschen geht so: Man liegt an einem vertrödelten Sonntagnachmittag auf dem Sofa und verfolgt auf der Mattscheibe gebannt, wie Urmel aus dem Eis, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, die haarsträubendsten Abenteuer erleben.

Aus den Anfängen der Augsburger Puppenkiste, die längst zum deutschen Kulturgut gehört und auch Erwachsene fasziniert, hat der 1964 geborene Schriftsteller Thomas Hettche einen Roman gemacht, der reale Geschichte mit Fiktion verknüpft.

Es waren der Schauspieler und Theaterdirektor Walter Oehmichen und seine Familie, die mitten im Zweiten Weltkrieg die ersten Gehversuche mit einem Puppentheater unternahmen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Page McBee: Amateur: Mein neues Leben als Mann

In seinem autobiografischen Roman „Amateur“ beschreibt der Transmann Thomas Page McBee seinen Weg zu einem Charity-Boxkampf im New Yorker Madison Square Garden, den er 2016 gegen einen Boxer namens Eric Cohen bestritten hat. Man kann sich den Kampf bei YouTube immer noch ansehen.

Gerade zu Beginn trifft die Bezeichnung „Roman“ auf diesen Text nur halb zu. Die durchaus interessanten Passagen über das Box-Training werden immer wieder durch Reflexionen des Autors über das Wesen von Männlichkeit unterbrochen. Stellenweise geht es dabei arg wissenschaftlich zu, und man wähnt sich in einem etwas drögen und fremdwortdurchsetzten Sachbuch. Das bremst den Lesefluss. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff, der schreibende Schauspieler, hat einen weiteren Band seiner autobiografischen Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ vorgelegt. Diesmal geht‘s in ein Krankenhaus in der Wiener Peripherie.

Während Meyerhoff mit seiner Tochter Schulstoff bespricht, bemerkt er plötzlich, dass er sich halbseitig nicht mehr bewegen kann – er hat einen Schlaganfall erlitten, und die Odyssee aus Fahrt im Krankenwagen, Einlieferung auf die Intensivstation sowie Kontakten mit Ärzten, Schwestern und Mitpatienten beginnt.

Obwohl ein Krankenhausaufenthalt eigentlich kein Spaß ist, behandelt der Autor ihn mit dermaßen viel Witz, dass man stellenweise aus dem Lachen nicht mehr herauskommt – zum Beispiel wenn er beschreibt, wie sich sein unbeweglicher Fuß unter einem Rollstuhl verheddert oder er immer wieder versuchen muss, sich mit der kranken Hand an die Nase zu fassen. Meist vergeblich. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück

Die 1971 in Köln geborene Autorin Annette Mingels hat mit „Dieses entsetzliche Glück“ einen Episodenroman im Stile Elizabeth Strouts oder Kent Harufs vorgelegt: Die einzelnen Kapitel spielen zwar alle in derselben fiktiven Stadt – Hollyhock in Virginia/USA -, aber dennoch sind sie in sich abgeschlossen: ein Mittelding aus Roman und Geschichten-Sammlung.

Der Autorin geht es dabei stets um das menschliche Miteinander und die schiere Unmöglichkeit, dauerhaft gemeinsam glücklich zu werden. Da ist der junge Mann, der sich ganz klassisch nicht traut, seine Traumfrau anzusprechen, oder das Paar, das vereinbart, jeder dürfe auch mit anderen schlafen. Zunächst nutzt das nur die Frau, aber als sich später für den Mann eine Gelegenheit ergibt, ist sie in Tränen aufgelöst.

Es geht also immer um die großen Gefühle des Menschseins, denen die Autorin feinsinnig nachspürt und gut nachvollziehbar in Text umwandelt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes

Ins düstere Edinburgh zur Mitte des 19. Jahrhunderts entführt uns der historische Krimi eines Autorenduos, das unter dem Pseudonym Ambrose Parry schreibt.

Der junge Will Raven kommt als Gehilfe zu einem angesehenen Frauenarzt, der mit verschiedenen Möglichkeiten der Betäubung experimentiert. Zugleich kommen in der Stadt immer wieder schwangere Frauen unter rätselhaften Umständen ums Leben. Raven und das gewitzte Dienstmädchen Sarah machen sich gemeinsam an die Aufklärung der Todesfälle.

Ambrose Parry – dahinter verbirgt sich der Autor Christopher Brookmyre und seine Frau, die Anästhesistin Marisa Haetzman – ist ein spannender, atmosphärisch dichter und vielschichtiger Krimi gelungen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Volker Jarck: Sieben Richtige

Der deutsche Autor Volker Jarck schreibt in seinem Debütroman „Sieben Richtige“ über die Leben mehrerer Menschen, die sich zwischen Bochum, Köln und Boston immer mal wieder begegnen. Ein solches Romankonstrukt findet sich auch in den Werken etwa von Kent Haruf oder Elizabeth Strout.

Da ist zum Beispiel die kleine Greta, die beim Fahrradfahren einen schweren Verkehrsunfall erleidet und damit auch das Leben ihrer Eltern Kathy und Roland aus der Bahn wirft. Oder Victor und Marie Faber: Er besucht seinen Sohn Nick, der in Amerika erfolgreich Baseball spielt, während sie sich scheiden lassen will und eine Krebsdiagnose erhält.

Auf der ersten Seite des Romans werden allein 21 Figuren aufgezählt, die ihn bevölkern. Und das ist viel – gelegentlich zu viel, um als Leser noch den Überblick zu behalten, zumal Jarck auch zeitlich wild durch die Jahrzehnte springt. Mal befinden wir uns in den 80er-Jahren des vorigen, mal in den 30er oder 40ern des aktuellen Jahrhunderts – mit Sprüngen immer nach wenigen Seiten. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Tom Barbash: Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens

Tom Barbash, ein US-amerikanischer Autor siedelt seinen Roman „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ Ende der 70er-Jahre in Manhattan an. Adam Winter versucht, die Karriere seines Vaters Buddy, eines Showmasters, wieder in Gang zu bringen. Der hatte eine Art Nervenzusammenbruch und hat mitten in einer Live-Sendung das Studio verlassen. Nun jedoch möchte er wieder arbeiten. Die Familie lebt im berühmten Dakota-Building, wo zahlreiche Prominente wie die Filmschauspielerin Lauren Bacall oder Beatle John Lennon mit Yoko Ono wohnen. Auch für den Horrorfilm „Rosemary’s Baby“ diente das Gebäude als Kulisse.

Man liest diesen Roman locker weg und freut sich an den zeitgeschichtlichen Einsprengseln, zum Beispiel an der Präsidentschafts-Kandidatur Ted Kennedys, für die sich Adams Mutter engagiert, an der Samstagsabends-Show mit der amerikanischen Fernseh-Legende Johnny Carson, an den vielen Prominenten wie Katherine Hepburn, die in den verschiedenen Fernseh-Shows ihre Geschichten erzählen, und natürlich an John Lennon, mit dem Adam einen gefährlichen Segeltörn unternimmt Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Philipp Winkler: Carnival

Eine Hommage an die gute alte Kirmes und die Menschen, die dort arbeiten, ist Philipp Winklers kurzer Roman „Carnival“. Er erweckt die Schwertschlucker und Messerwerfer, die Zuckerwatte und das Riesenrad, den Schießstand und das Kettenkarussell zum Leben und beschreibt das Ganze als etwas, das im Grunde zu einer untergegangenen Zeit gehört. Mit den Vergnügungen von heute in Multiplexkinos oder an der Playstation hat das nur noch wenig gemein.

Dabei werden die „Kirmser“ als eine eingeschworene Truppe dargestellt, die geradezu in einer anderen Welt leben als die Besucher – die „Marks“ und „Steifen Jonnys“ –, auf deren Geld sie so dringend angewiesen sind.

Der Star in diesem Roman ist eindeutig die Sprache. Winkler nähert sich seinem Thema auf eine fast poetische Weise, die eine große Zärtlichkeit für die oft unglücklichen Gestalten mit trauriger Vorgeschichte ausdrückt, die mit einer Kirmes durch die Lande ziehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: