Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau

Der 2017 gestorbene hochdekorierte amerikanische Schriftsteller Denis Johnson hat der literarischen Welt einen Band mit fünf Erzählungen hinterlassen: „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“. In allen Geschichten stehen Menschen im Vordergrund, die gerade eine Krise zu bewältigen haben oder am Ende ihres Lebens stehen – so wie Darcy, ein Schriftsteller, der als alter Mann allein in seinem Elend lebt und die Geister längst verstorbener Familienangehöriger sieht. Oder wie Mark, ein hochangesehener Dichter, der literarische Preise absahnt, aber gleichzeitig von dem Wahn besessen ist, Elvis Presley sei ab dem Jahr 1958 durch seinen tot geglaubten Zwillingsbruder ersetzt worden. Er gibt tausende von Dollar für angebliche Dokumente aus, die diese Verschwörungstheorie stützen.

Denis Johnson war sicherlich ein brillanter Schreiber, der tief in die Seelen seiner Figuren blicken konnte und seinen Büchern auf diese Weise einen enormen Tiefgang verlieh. Und doch wird „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ nicht jedem Leser gefallen. Weiterlesen

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Richard Russo: Immergleiche Wege

Pulitzer-Preisträger Richard Russo hat ein Buch mit vier Erzählungen geschrieben, in denen Akademiker im Mittelpunkt stehen, die bereits etwas älter sind. Sie müssen feststellen, dass sie ihr Plus an Lebenserfahrung nicht davor bewahrt, Rückschläge einzustecken. Eine Uni-Dozentin sieht sich mit einem Plagiatsfall konfrontiert, ein Immobilienmakler ist an Krebs erkrankt und ein Drehbuchautor wird von der Filmbranche böse hintergangen.

Die längste Geschichte handelt von einem Englisch-Professor, der sich in Venedig verliert. Diese Geschichte, die womöglich die stärkste im ganzen Buch ist, hat Parallelen zu der berühmten Thomas-Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“. Unser Held hat Schwierigkeiten mit seinem Handy, er verirrt sich und weiß nicht recht, wie er mit den Avancen einer Frau umgehen soll, die zu seiner Reisegruppe gehört. Weiterlesen

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David Mitchell: Slade House

Wer auf den guten alten englischen Schauerroman steht, den man am besten nachts mit Taschenlampe unter der Bettdecke liest, der sollte unbedingt „Slade House“ von David Mitchell lesen. Die sprichwörtliche Gänsehaut kriecht einem den Rücken hinunter, und man möchte den Protagonisten ständig zuschreien: „Nein, um Himmels Willen, geh nicht durch dieses schmale Törchen!“

Natürlich kümmern sich Romanfiguren in aller Regel nicht um solche Leserwarnungen, und so durchschreiten sie denn doch jedes Mal am „Tag der offenen Tür“ jenes Törchen. Es zeigt sich nur alle neun Jahre am letzten Samstagabend im Oktober und befindet sich in einer ausgesprochen düsteren, nebeligen und kalten Gasse irgendwo in England.

Wer hindurchgeht, dessen Seele ist verloren, denn die Zwillinge Norah und Jonah, am Ende des Romans 116 Jahre alt, brauchen in regelmäßigen Abständen eine frische Seele, um ihren Unsterblichkeitsakku wieder aufzuladen. Weiterlesen

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Jean Cocteau: Thomas der Schwindler (1923)

Der Manesse-Verlag, der sich auf Klassiker spezialisiert hat, hat einen Roman von 1923 neu übersetzen lassen: „Thomas der Schwindler“ von Jean Cocteau. Darin gibt sich ein 16-Jähriger als 19-jähriger Sohn eines Generals aus und verschafft sich auf diese Weise im 1. Weltkrieg Ansehen und Zutritt in Kreise, die ihm sonst verschlossen wären.

Gemeinsam mit einer Prinzessin und deren Tochter reist er in einem Wagen-Konvoi an die Front nach Reims, um Verwundeten zu helfen. Die Drei begreifen den Krieg dabei jedoch eher als spannende Theater-Kulisse, die gut dazu taugt, ihnen die Langeweile zu vertreiben, als als grausames Gemetzel.

Der kurze Roman ist in einem stakkatohaften Stil verfasst, der gelegentlich so wirkt, als habe der Autor lediglich eine Handlung skizzieren wollen, um sie später noch detaillierter auszuführen. Dazu angetan, dem Leser die Figuren näher zu bringen, ist dieser Erzählstil nicht. Weiterlesen

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John Boyne: Cyril Avery

Der irische Autor John Boyne ist in Deutschland vor allem mit seinem Holocaust-Roman „der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ (2007) bekannt geworden. Nun hat er sich im 730-Seiten-Wälzer „Cyril Avery“ auf die Suche nach seinen irischen Wurzeln begeben. Er beschreibt darin das Leben Cyrils, der schon früh seine homosexuellen Neigungen erkennt, von der Geburt bis ins Alter.

Doppelmoral, religiöser Eifer, Rückständigkeit und Homophobie sind Themen, die sich durch den gesamten Roman ziehen – aber auch Liebe und familiärer Zusammenhalt.

Alles beginnt damit, dass im ländlichen Irland im Jahr 1945 Cyrils Mutter, Catherine, im Gottesdienst vor versammelter Gemeinde an den Pranger gestellt wird, weil sie sich als 16-Jährige hat schwängern lassen. Weiterlesen

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Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder

Mögen Sie Märchen? Wenn ja, dann mögen Sie auch „Die Legenden der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs. Dieses Buch nimmt einen bereits im Vorwort für sich ein. Dort heißt es zum Beispiel: „Sollten Sie nicht nachts aufwachen und über dem Bett schweben, weil Sie vergessen haben, sich an der Matratze festzubinden, dann legen Sie dieses Buch bitte sofort wieder dorthin zurück, wo Sie es gefunden haben.“

In den folgenden Geschichten – man ahnt es fast – geht es um allerlei märchenhafte Geschehnisse, die im schnöden Alltag doch eher selten zu beobachten sind: Da gibt es einen Mann – und sein Sohn tut es ihm nach –, der sich langsam aber stetig in eine Insel verwandelt: Ihm wächst Gras aus den Füßen und ihm rieselt Sand aus den Poren. Da gibt es weiter einen Jungen, der die Fluten der Meere beherrschen kann oder eine Prinzessin, die allein deswegen Schwierigkeiten hat, einen Mann zu finden, weil sie mit einer gespaltenen Schlangenzunge geschlagen ist. Fast so, als gehe es bei der Partnersuche nicht um innere Werte. Weiterlesen

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Michael Chabon: Moonglow

Der US-amerikanische Autor Michael Chabon machte bereits Ende der 80er-Jahre mit seinem sensationellen Romanerfolg „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ von sich reden. Jetzt, über 30 Jahre später, hat er rein gar nichts von seinem Können eingebüßt: „Moonglow“, die zumindest weitgehend fiktive Biografie seines Großvaters mütterlicherseits, ist großartig.

Und dieser Großvater, hat so einiges erlebt. Er hat versucht, seinen Chef mit einem Telefonkabel zu erdrosseln und musste dafür in den Knast, hat im Krieg den Nazi Wernher von Braun gejagt und war mit einer Frau verheiratet, die sich immer mal wieder in psychiatrische Behandlung begeben musste. Über allem aber stand die Liebe dieses Mannes zu Raketen und zu dem Weltraumprogramm der NASA. Weiterlesen

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Guadalupe Nettel: Nach dem Winter

Mit „Nach dem Winter“ stellt der Blessing-Verlag dem deutschen Lesepublikum erstmals die Übersetzung eines Romans der in Mexiko bereits sehr erfolgreichen Schriftstellerin Guadalupe Nettel vor.

Die 1973 geborene Autorin erzählt ihre Geschichte abwechselnd aus der Sicht zweier sehr unterschiedlicher Protagonisten. Da ist zunächst der egoistische Machtmensch Claudio, der in New York sein Leben nach strengen Ritualen lebt. Er hat eine 15 Jahre ältere Geliebte – Ruth –, mit der er sich ausschließlich aus sexuellen Gründen trifft.

Und da ist Cecilia, eine zurückgezogene und labile Studentin in Paris. Sie verliebt sich in ihren kränklichen und ebenso zurückgezogenen Nachbarn Tom, weil sich beide für Friedhöfe interessieren. Irgendwann bei einem Abstecher Claudios nach Paris treffen sich die beiden Hauptfiguren und haben eine kurze Affäre miteinander. Weiterlesen

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Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Andrew Sean Greers neuer Roman „Mister Weniger“ spielt im (männlichen) Homosexuellen-Milieu. Der Titelheld, Arthur Weniger, geht auf eine Reise durch mehrere Länder auf der ganzen Welt, um der Hochzeit eines ehemaligen Liebhabers im heimischen San Francisco zu entgehen, die immer noch zu schmerzhaft für ihn ist.

Und auch wenn man als Leser nicht viel mit der Schwulenszene zu tun hat, macht es Spaß, diesen Roman zu lesen. Andrew Sean Greer, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, hat ihn in einem locker-amüsanten und charmanten Plauderton verfasst, der das gesamte Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen, immer auch ironisch aufs Korn nimmt.

So fühlt sich der Titelheld nur in einem taubenblauen, extravaganten und auffälligen Anzug so richtig wohl, und als der kaputtgeht, ist das für Weniger ein solches Drama, dass er sich gleich seiner gesamten Persönlichkeit beraubt sieht. Weiterlesen

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Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Die amerikanische Autorin Jacqueline Woodson, geboren 1963, blickt in ihrem dünnen Roman „Ein anderes Brooklyn“ auf die Jugend einer Mädchenclique in den 70er-Jahren im New Yorker Stadtteil Brooklyn zurück.

In eindringlicher Sprache gelingt es der Autorin dabei, sowohl die Unbeschwertheit, den jugendlichen Lebenshunger und das Glück jener Jahre rüberzubringen, als auch das ganz private Leid, das die Mädchen zu verarbeiten haben.

August, der Ich-Erzählerin, fehlt die Mutter, die sich umgebracht hat, und Sylvia muss sich mit ihren überstrengen Helikoptereltern – so würde man es heute ausdrücken – herumschlagen. Armut, Kindesmissbrauch, Alkohol und Drogen, zu frühe Schwangerschaften oder eine überzogene Religiosität sind weitere ständige Begleiter in dem vorwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel, in dem die Mädchen aufwachsen. Weiterlesen

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