Ian McEwan: Maschinen wie ich

Eine Dystopie schafft der britische Top-Autor Ian McEwan in seinem neuen Roman „Maschinen wie ich“. Er tut so, als seien die ersten künstlichen Menschen bereits in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erfunden und zum Verkauf angeboten worden.

Charlie, der sich gerade in seine Nachbarin Miranda verliebt hat, kauft sich ein solches Exemplar – Adam heißt es passenderweise – und integriert es in seinen Haushalt. Adam lernt schnell, weil er auf sämtliches Wissen zugreifen kann, das in irgendwelchen Online-Datenbanken verfügbar ist. Von einem echten Menschen ist er bald nicht mehr zu unterscheiden. Schon bald hat er seinen Besitzer intellektuell und kräftemäßig überflügelt. Zu Problemen kommt es, als sich Adam ebenfalls in Miranda verliebt.

Ian McEwan, der 1948 geboren worden ist, packt sehr viel hinein in diesen Roman. Der Falkland-Krieg kommt genauso vor wie Margaret Thatcher, der Brexit sowie allerlei philosophische und literarische Anspielungen. Weiterlesen

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Chip Cheek: Tage in Cape May

In Chip Cheeks Roman „Tage in Cape May“ verbringt ein etwas biederes Paar im Jahre 1957 seine Flitterwochen an der amerikanischen Ostküste. Es ist Spätsommer, viele Läden und Restaurants haben bereits geschlossen, und Effie und Henry langweilen sich. Als sie schon überlegen, die Reise vorzeitig abzubrechen, treffen sie auf das lebenslustige Paar Max und Clara sowie Max‘ Halbschwester Alma – und alles verändert sich: Die fünf neuen Freunde gehen gemeinsam segeln, sie feiern, spielen, betrinken sich und steigen zum Spaß in unbewohnte Nachbarhäuser ein. Doch dann beginnt Henry eine leidenschaftliche Affäre mit Alma, für die er sich jede Nacht aus dem Ehebett schleicht …

Chip Cheek, einem 1976 geborenen amerikanischen Schriftsteller, gelingt es seinem Debütroman, die unterschiedlichen Charaktere seiner fünf Hauptfiguren psychologisch glaubhaft einzufangen. Durch den gesamten Roman zieht sich eine erotische Atmosphäre, und auch die vielen Sexszenen gleiten keinesfalls ins Peinliche oder Platte ab. Weiterlesen

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Jörg Fauser: Rohstoff (1984)

Jörg Fauser war eine Art Bürgerschreck und Kultautor der 80er-Jahre. Er sah sich selbst in der Tradition bekannter amerikanischer Beatnik-Autoren wie Jack Kerouac und William S. Burroughs, die auf bürgerliche Konventionen pfiffen und ihr Leben lieber den Drogen, dem Alkohol und der Liebe widmeten. Nun hat der Schweizer Diogenes-Verlag dankenswerterweise drei Bücher mit Werken Fausers wiederaufgelegt, eines Autors, der nur 43-jährig im Jahre 1987 beim Versuch starb, eine Autobahn im Vollrausch zu überqueren.

In „Rohstoff“, erstmals erschienen 1984, wendet er sich der Zeit um 1968 zu, die zumindest in den Großstädten durch die Studentenrevolte, die Kommune I, besetzte Häuser und das Aufkommen der RAF geprägt war. Fausers Protagonist Harry Geld, ein Alter Ego des Autors, bewegt sich stets am Rande dieser Szene, ohne selbst je im Mittelpunkt zu stehen. Dabei ist die Selbstironie ein gut funktionierendes Stilmittel, dessen sich der Autor durchgängig bedient. Weiterlesen

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Raymond Queneau: Zazie in der Métro (1959)

„Zazie in der Métro“ ist ein französischer Kultroman aus dem Jahre 1959. Autor Raymond Queneau arbeitet darin mit allerlei Wortschöpfungen, Wortspielen, Gossensprache, fehlerhafter Grammatik und Orthografie. Bereits das allererste Wort macht deutlich, wie es in diesem Roman zugeht: „Waschtinkndiso“ steht hier für „Was stinkt denn die so?“ Ein solches Werk in eine andere Sprache zu übertragen, dürfte für einen Übersetzer die Höchstschwierigkeitsstufe sein. Frank Heibert, der unter anderem auch die Werke von Richard Ford oder Don DeLillo ins Deutsche übertragen hat, hat sich an eine Neuübersetzung gewagt. Das Ergebnis wirkt frisch, zeitgemäß und ungeheuer witzig.

Die Handlung ist fast nebensächlich, weil die Sprache in diesem Roman das Wichtigste ist – passenderweise wiederholt Papagei Laverdu als Running Gag immerzu einen Satz, den er gelernt hat: „Du quatscht und quatscht, sonst hast du nichts zu bieten“. Weiterlesen

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Joyce Carol Oates: Sieben Reisen in den Abgrund

Die 1938 geborene amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist nicht nur eine Vielschreiberin, sondern auch in vielen unterschiedlichen Genres unterwegs. Eines davon ist Horror – so wie in ihrer jetzt endlich auch auf Deutsch erschienenen Geschichten-Sammlung „Sieben Reisen in den Abgrund“.

Darin kommen zwar keine übersinnlichen Mächte vor, aber die Autorin führt uns in derart alptraumhafte Situationen, dass man sich mitunter kaum traut weiterzublättern, oder nur dann, wenn rings um den Lesesessel alles hell erleuchtet ist.

In der ersten Geschichte, „Die Maisjungfer“, die auch titelgebend für die bereits 2011 erschienene amerikanische Originalausgabe war („The Corn Maiden“), entführt eine irre Jugendliche ein jüngeres Mädchen. Sie will es in Anlehnung an ein alles Ritual opfern. Schnell wird ein Lehrer verdächtigt, dafür verantwortlich zu sein.

Als Leser ist man nicht nur im Kopf der wahnsinnigen Täterin, sondern erlebt auch hautnah und über viele Seiten die Qualen der Mutter und des zu Unrecht verdächtigten Lehrers. Durch die totale Nähe zum Geschehen wird das zu einem äußerst intensiven Leseerlebnis. Weiterlesen

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Susanne Hasenstab: Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus

Der 1984 geborenen deutschen Autorin Susanne Hasenstab ist mit „Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus“ ein höchst unterhaltsamer Roman gelungen. Er nimmt sowohl die abstrusen Befindlichkeiten einer lokalen Möchtegern-Literatenszene aufs Korn als auch diejenigen, die mit Häuslekauf und Familienplanung allzu vorhersehbar durchs Leben schreiten.

Katja, die als Redaktionsassistentin bei einer Gratis-Zeitung arbeitet, wird von ihrem Freund Jonas von einer Hausbesichtigung zur nächsten geschleift. Sie folgt ihm nur widerwillig, schließlich weiß sie gar nicht, ob sie ihr Leben schon so früh festzurren will. Doch auch bei einer literarischen „Soiree“ ergeht es ihr nicht besser. Dort plustern sich allerlei Nichtskönner in ihrer ganzen gockelhaften Eitelkeit auf. Doch dann taucht der Krimi-Autor Robert auf … Weiterlesen

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Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

Gary Shteyngart, ein russisch-stämmiger Jude, der in den USA lebt, legt mit „Willkommen in Lake Success“ einen großen amerikanischen Gesellschaftsroman vor. Darin seziert er das amerikanische Befinden im Jahre 2016 – einer Zeit, in der ein gewisser Donald Trump sich anschickt, der nächste US-Präsident zu werden.

Die Welt des schwerreichen New Yorker Hedgefonds-Managers Barry bricht auseinander. Sein Fonds basiert auf Lügen und die Kapitalgeber ziehen ihr Geld zurück. Außerdem liebt ihn seine Frau Seema nicht mehr. Dass das Paar einen autistischen Sohn hat, der kein Wort spricht und jede Berührung ablehnt, macht die Lage nicht besser.

Barry zieht die Reißleine, wirft Kreditkarten und Handy weg und setzt sich in den nächsten Greyhound-Bus, um seine Jugendliebe Layla in El Paso zu treffen. Weiterlesen

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Joe Mungo Reed: Wir wollen nach oben

Allen, die Radrennen mögen, sei dieses Buch bedingt empfohlen, allen anderen nicht.

Solomon, der Ich-Erzähler, ist Radrenn-Profi. In seinem Team hat er jedoch nicht die Aufgabe zu gewinnen, er ist – wie viele andere auch – dazu da, seinem Kapitän Fabrice während der Tour de France zu helfen. Er muss für ihn Wasser holen und ihm Windschatten geben.

Aber weil die Leistungen der gesamten Mannschaft nicht stimmen, verfällt Teamchef Rafael auf die Idee, es mit Doping zu versuchen.

Obwohl dieser Roman nicht unbedingt dick ist, tritt er doch lange auf der Stelle – oder in die Pedale, um beim Thema zu bleiben. Die Radrennfahrer fahren ihre Tour, was gelegentlich stupide ist, und haben abseits davon ebenfalls ein eher langweiliges Leben in verschiedenen Hotels. Diese Langeweile überträgt sich zum Teil auf die Lektüre selbst. Es geht kaum voran in diesem Buch, und es fehlt lange an Spannung. Weiterlesen

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Johanna Adorján: Männer: Einige von vielen

Die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján hatte bis Ende 2018 eine wöchentliche Kolumne mit dem schlichten Titel „Männer“ in der Süddeutschen Zeitung. Darin porträtierte sie alle möglichen Vertreter des männlichen Geschlechts: Prominente, ehemalige Liebhaber, Laute, Leise, Dumme, Witzige, Sympathische und sehr Unsympathische. Nun ist das Ganze als Buch erschienen.

Lothar Matthäus kommt zum Beispiel vor – als „absurdester Mann“, der der Autorin und einer Freundin einfiel – mit seiner, so die Autorin“ kaum zu übertreffenden „Kritik des Konjunktivs“: „Wäre, wäre Fahrradkette.“

Oder der Regisseur Volker Schöndorff. Der habe mal eine Veranstaltung mit einer Autorin über ihr neues Buch moderiert, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt zu haben, um was es darin überhaupt ging. Weiterlesen

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Geir Gulliksen: Geschichten einer Ehe

Der norwegische Autor Geir Gulliksen erzählt in seinem Roman „Geschichten einer Ehe“ vom langsamen Ende einer Beziehung. Jon und Timmy, die zwei gemeinsame Söhne haben, wollen eine moderne Ehe führen, die anders ist als andere. Sie soll frei von Eifersucht sein, jeder soll sich frei entfalten können. Dazu gehören auch Abenteuer mit anderen Geschlechtspartnern und der gegenseitige Austausch darüber.

Und tatsächlich lernt Timmy beim Joggen einen anderen Mann kennen. Aus Zuneigung wird Liebe, und die Treffen der beiden werden immer häufiger und ausgedehnter. Es kommt, wie es kommen muss: Jon kommt damit immer schlechter zurecht, und schließlich erfolgt die Trennung.

Dass das am Ende passiert, ist bereits am Anfang des Romans klar, sodass hier nichts vorweggenommen wird. Der ganze Text ist eine Art Rückblick und der Versuch zu verstehen, warum diese Ehe in die Brüche gegangen ist.

Problem ist, dass keine der beiden Hauptfiguren wirklich sympathisch ist. Die seltsam haltlose Timmy tut nichts, um ihre Ehe zu retten, sie lässt sich allzu bereitwillig auf den neuen Mann ein, und Jon wirkt insgesamt eher schwach. Man kann sich kaum vorstellen, dass er für eine Frau interessant sein könnte. Weiterlesen

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