Geoff Dyer: White Sands

Geoff Dyer, ein 1958 geborener Autor und Journalist, legt mit „White Sands“ eine Sammlung von zehn Reise-Erinnerungen vor, die er halb erfunden, halb wirklich so erlebt hat, wie er im Vorwort erklärt. Am stärksten ist dabei gleich die erste Geschichte, die von einem Peking-Aufenthalt handelt, bei dem sich der Ich-Erzähler ausgerechnet am letzten Tag in eine verkappte Reiseleiterin verliebt. Diese Geschichte ist rasant und sprüht vor Lebenslust und Überraschungen.

Danach geht‘s leider bergab. Etwas zu oft lässt der Autor seine Bildung heraushängen. Das wirkt nicht nur latent unsympathisch, sondern hemmt auch noch den Lesefluss. Es gibt Stellen, da hat man Mitleid mit den Menschen, denen Geoff Dyer/der Ich-Erzähler auf seinen Reisen begegnet Weiterlesen

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Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge

Ein spannender Abenteuerroman vor historisch ernstem Hintergrund ist Peter Keglevic unter dem Titel „Ich war Hitlers Trauzeuge“ gelungen. Harry Freudenthal, ein junger Jude aus Berchtesgaden hat 1945 nur eine Chance, dem nationalsozialistischen Rassenwahn zu entgehen: Er muss an der Veranstaltung „Laufen für den Führer“ teilnehmen, bei der die Teilnehmer in mehreren Etappen 1000 Kilometer von Berchtesgaden nach Berlin laufen: Der Sieger darf dem Führer am 20. April persönlich zum Geburtstag gratulieren. Freudenthal, der sich zu Tarnzwecken Paul Renner nennt, trifft auf gleich mehrere Persönlichkeiten, die damals eine Rolle spielten – zum Beispiel die bekannte Filmregisseurin Leni Riefenstahl, Winifred Wagner in Bayreuth, Eva Braun und natürlich ganz am Ende – Adolf Hitler selbst. Weiterlesen

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Sven Regener: Wiener Straße

Sven Regener ist ein künstlerisches Multitalent. Er ist bekanntlich nicht nur Sänger und Gitarrist der Band „Element of Crime“, sondern hat mit „Herr Lehmann“ im Jahre 2001 auch einen der wichtigsten Kultromane dieser Zeit verfasst.

Nun legt er mit „Wiener Straße“ erneut einen Roman vor, in dem Frank Lehmann und neben ihm auch andere Figuren aus Regeners Büchern vorkommen, aber nicht im Mittelpunkt stehen.

Leider jedoch fällt „Wiener Straße“ gegenüber dem sympathischen „Herr Lehmann“ und auch gegenüber Regener-Werken wie „Neue Vahr Süd“ (2004) deutlich ab. Weiterlesen

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Oskar Roehler: Selbstverfickung

Oskar Roehler gehört zu den renommiertesten deutschen Filmregisseuren („Agnes und seine Brüder“, „Elementarteilchen“, „Jud Süß – Film ohne Gewissen“). Dass er auch schreiben kann, beweist er jetzt erneut in seinem dritten Buch „Selbstverfickung“. Darin beschreibt er das Leben Gregor Samsas, eines Filmregisseurs, der viel mit dem Autor gemeinsam hat. Es dürfte somit nicht allzu weit hergeholt sein, diese Romanfigur als Alter Ego Roehlers zu betrachten.

Samsa hat eine extrem negative, menschenscheue, oft hasserfüllte und depressive Sicht auf Umwelt und Mitmenschen. Er hat permanent mit allerlei Phobien sowie Schlaflosigkeit zu kämpfen. Beides bekämpft er mit Tabletten und Alkohol. Halt geben ihm lediglich seine Tochter und die häufigen Besuche im Bordell. Weiterlesen

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Isabella Straub: Wer hier schlief

Was mit einem Mann passieren kann, der komplett den Boden unter den Füßen verliert – dieser Frage geht die österreichische Autorin Isabella Straub in ihrem Roman „Wer hier schlief“ nach.

Philipp Kuhn verlässt seine Frau, die zugleich seine Chefin in einer Firma für Sicherheitstüren ist (welche Symbolik!), um künftig mit seiner Geliebten Myriam zusammenzuleben. Problem: Als Philipp nach der Trennung besagte Myriam treffen will, ist sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Sämtliche Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, scheitern. Folglich ist Philipp von jetzt auf gleich nicht nur arbeits-, sondern auch obdachlos. Weiterlesen

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Ingrid Kaltenegger: Das Glück ist ein Vogerl

Was für ein schönes Buch: Der Österreicherin Ingrid Kaltenegger gelingt mit „Das Glück ist ein Vogerl“ ein herrlich leichter und amüsanter Roman, der niemals in Klamauk umschlägt.

Wichtige Erfolgszutat ist die Sprache, denn die Autorin bedient sich einer milden Form des österreichischen Dialekts: Ein Vogel ist eben ein Vogerl, ein Tisch ein Tischerl und ein T-Shirt ein Leiberl. Außerdem haben alle Namen einen Artikel – der Franz trifft den Egon. Für deutsche Leser entsteht dadurch eine eigenartige, verzaubernde Sprachmelodie, die fast so etwas wie Poesie erzeugt.

Inhaltlich geht‘s um den Franz, der mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hat. Weiterlesen

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Sebastian Faulks: Der große Wahn

Der englische Autor Sebastian Faulks bezieht den Titel seines Romans „Der große Wahn“, dessen Handlung weitgehend im Jahr 1980 spielt, gleich auf dreierlei: den Wahn der beiden Weltkriege, den Wahn im Sinne psychischer Krankheiten und den Wahn der Liebe. Und es bedarf schon eines gewissen Spagats, das alles unter einen Hut zu bekommen: Der Ich-Erzähler, ein Psychiater, sehnt sich zeitlebens nach seiner großen Liebe Luisa zurück, die er 1944 im Krieg kennengelernt – und wieder verloren hat. Auch hat er Fragen zu seinem Vater, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Durch die Verbindung zu einem Kriegsveteranen scheinen Antworten plötzlich möglich. Weiterlesen

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Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel

In „Nacht ohne Engel“ von Ulrich Woelk trifft der Berliner Taxifahrer Vincent nach 25 Jahren seine Jugendliebe Jule wieder. Sie sitzt plötzlich in seinem Taxi. Doch die beiden ehemals linken Demonstranten haben sich auseinanderentwickelt. Sie ist eine erfolgreiche Wirtschafts-Fachfrau geworden, während er zumindest beruflich auf der Strecke geblieben ist.

Und so sind in diesem kurzen Roman, der mit vielen Rückblenden arbeitet, auch die unterschiedlichen Lebensentwürfe Thema: einerseits angepasst und wirtschaftlich erfolgreich, andererseits der ewige Taxifahrer mit Hang zum Schreiben. Weiterlesen

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George Watsky: Wie man es vermasselt

Der 1986 geborene amerikanische Rap-Musiker George Watsy kann auch richtig gut schreiben, wie er mit seiner ersten Buchveröffentlichung „Wie man es vermasselt“ beweist. Auf enorm witzige und unterhaltsame Weise erzählt er darin in mehreren kürzeren Erzählungen aus seinem Leben. Es geht um Watskys Erfahrungen beim Baseball, mit den Frauen, als WG-Mitbewohner, beim Schmuggeln eines Narwal-Stoßzahns von Kanada in die USA oder auch um eine Band-Tour mit einem klapprigen Bus durch die Staaten.

Was dieses Buch so unglaublich sympathisch macht, ist die schonungslose Selbstironie, Offenheit und Ehrlichkeit, mit der Watsky zu Werke geht. So schreckt er auch nicht vor allerlei Peinlichkeiten zurück, die ihn keineswegs in einem guten Licht dastehen lassen. Weiterlesen

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Thomas Lehr: Schlafende Sonne

Ich lege ein Buch nur sehr selten vor dem Ende aus der Hand – besonders natürlich, wenn ich es für diese Buchseite lese, um anschließend eine Besprechung darüber zu schreiben. Im Fall von Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“ ist mir das Weiterlesen jedoch schlicht nicht möglich. Der Roman fängt so an: „Dein Stern, Jonas, nähert sich als fahles Licht, das in die Straßen fällt wie Staub aus einer anderen Welt. Dort liegt es nun mit sich verstärkendem Glanz. Bald wird etwas sichtbar werden, in der Mitte der Stadt. Das Ereignis (aber auch deine kleinen Schweinereien!). Die von obskuren Handzetteln versprochene Offenbarung. Ankündigung der Göttin der Kernfusion, die es mit atomaren Lichtblitzen an den Tag bringt.“ Weiterlesen

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