Simon Stephenson: Kurioses über euch Menschen

Jared ist ein Roboter, der im Jahre 2054 in Michigan/USA lebt und als Zahnarzt arbeitet. Als er feststellt, dass er Gefühle hat, muss eine Fehlfunktion vorliegen, denn auf so etwas ist er nicht programmiert. Eigentlich müsste er sich abschalten lassen. Doch dem entzieht er sich, indem er nach Los Angeles aufbricht, um ein Drehbuch für einen Film zu schreiben, der zeigt, dass Roboter durchaus Gefühle entwickeln können.

„Kurioses über euch Menschen“ des Drehbuchautors Simon Stephenson ist ein spannender und anrührender Unterhaltungsroman mit viel Witz, der sich vor allem aus dem Gegensatz zwischen den (zumeist) logischen Gedankengängen des Roboters und dem unlogischen menschlichen Handeln ergibt. Dabei wird „uns Menschen“ oft ein Spiegel vorgesetzt, der zu denken gibt. Ein Beispiel: Jared sagt: „Wenn ein Bot immer wieder denselben Fehler macht, gilt er als fehlerhaft. Wenn ein Mensch wiederholt denselben Fehler macht, gilt er als hartnäckig und wird als Held gefeiert.“ Weiterlesen

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Tad Williams: Brüder des Windes

Wer mal zwischendurch einen reinrassigen High-Fantasy-Roman lesen möchte, ohne gleich einen mehrere tausend Seiten langen Mehrteiler in Angriff nehmen zu müssen, aus denen die Werke dieses Genres häufig bestehen, dem sei hiermit Tad Williams‘ „Brüder des Windes“ empfohlen.

Zwar ist auch dieser Roman im Osten-Ard-Universum des kalifornischen Erfolgsautors angesiedelt, und einige der Figuren tauchen auch in anderen Werken der Reihe auf, aber er lässt sich auch leicht verstehen, wenn man zuvor noch keine Berührungspunkte mit dieser fiktiven Welt hatte, die an Tolkiens „Mittelerde“ erinnert.

​Die Zutaten sind hier eine böser Drache, einsame Bergfestungen mit eigenbrötlerischen Herrschern, zwei ungleiche Brüder, ein treuer Diener und ein endloser Schmerz, den einer der Brüder ertragen muss. Weiterlesen

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Stefan Hertmans: Der Aufgang

Der belgische Autor Stefan Hertmans kauft ein altes Haus in Gent und stellt bald fest, dass dort früher ein gefürchteter Nazi-Kollaborateur im SS-Offiziersrang mit Hitler-Büste auf dem Kaminsims gewohnt hat. Anhand von Tagebuch-Aufzeichnungen seiner Familienmitglieder und persönlichen Gesprächen rekonstruiert er den Lebensweg dieses Mannes und der Menschen in seinem Umfeld.

Herausgekommen ist ein lesenswerter Mix aus Sachbuch und Roman, der die Atmosphäre während der Nazizeit in einem von den Deutschen besetzten und durch seinen Flamenkonflikt ohnehin zerrissenen Land wie Belgien sehr gut widerspiegelt.

​Willem Verhulst – so heißt der Nazi – stellt gnadenlos Listen mit Menschen zusammen, die in die Konzentrationslager gebracht werden. Gleichzeitig hat er Angst, auf die Straße zu gehen, als der Wind sich dreht. Weiterlesen

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Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug

Vier Freunde unternehmen eine Kanutour irgendwo in der deutschen Provinz. Von Anfang an merken sie, dass ihnen die Einheimischen nicht wohlgesonnen sind. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass einer der Vier schwarz ist. Diese Ablehnung löst anfangs bei den Ausflüglern nicht mehr als eine Beklemmung aus, die man ignorieren kann, wird später aber zu einer tödlichen Gefahr.

Dirk Kurbjuweits Roman ist seltsam. Man weiß nicht recht, ob er Thriller, Drama, Sozialexperiment, Horrorroman oder Groteske ist. Für Letzteres spräche, dass die Bedrohung der Freunde ein Maß erreicht, das jeglicher Realitätsgrundlage entbehrt. Für einen Thriller ist der Roman nicht spannend genug, denn die Ereignisse auf den Flüssen und in den Schleusen der Umgebung werden immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, die nichts zum Handlungsfortgang beitragen. Weiterlesen

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Tobias Sommer: Das gekaufte Leben

Clemens Freitag ist Höchstbietender eines ungewöhnlichen Angebots im Internet. Da verkauft jemand für 250.000 Euro sein komplettes Leben – mit Haus, Auto, Boot, Job, Freunden und dem Posten als Vorsitzendem im Angelverein. Von jetzt auf gleich scheint das bis dato offenbar verkorkste Dasein Freitags eine 180-Grad-Wende zum Guten zu nehmen.

Der dtv-Verlag bewirbt dieses Buch im Klappentext so: „Ein faszinierendes Gedankenspiel – Tobias Sommer zeigt uns, wie es sein könnte, das Leben eines anderen zu leben.“ Diese Beschreibung trifft den Inhalt des Romans nicht im Mindesten, denn der entwickelt sich mit wachsender Seitenzahl immer mehr zu einem etwas verworrenen Thriller. Auf dem Grund des Waldsees, der an das von Freitag erworbene Grundstück grenzt, ruht ein dunkles Geheimnis, in das der Vorbesitzer und Leben-Verkäufer mutmaßlich verwickelt ist. Weiterlesen

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Maxim Leo: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Michael Hartung, Besitzer einer schlecht laufenden Videothek, wird durch einen Journalisten mit einem (fiktiven) Vorfall konfrontiert, an dem er in den 80er-Jahren beteiligt gewesen war. Damals soll er eine Weiche so gestellt haben, dass ein Zug mit 127 Menschen am Bahnhof Friedrichstraße unbehelligt von Ost- nach West-Berlin fuhr.

Der Journalist möchte daraus zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ein Heldenepos schreiben – allerdings hat das Ganze einen Schönheitsfehler: Hartung war damals nur rein zufällig an dem Vorfall beteiligt. Ganz sicher hat er nicht freiwillig 127 Menschen die unverhoffte Flucht in den Westen ermöglicht. Doch solche Feinheiten sind dem Journalisten, der nur seinen Ruhm vor Augen hat, herzlich egal. Das Drama bis hin zu einer Rede, die Hartung im Deutschen Bundestag halten soll, nimmt seinen Lauf. Weiterlesen

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Philipp Winkler: Creep

Philipp Winkler, ein 1986 geborener Autor hat ein Händchen für Außenseiter. In „Carnival“ (2020) galt seine Aufmerksamkeit denjenigen, die eine Kirmes am Laufen halten – dem „fahrenden Volk“ -, in seinem neuen Werk „Creep“ sind es zwei Menschen, die Probleme im Umgang mit anderen Menschen haben.

Da ist zunächst Fanni, die in einer deutschen Firma für Überwachungstechnik arbeitet. Sie hat eine Lieblingsfamilie, die Naumanns, mit denen sie per Fernüberwachung gemeinsam isst und lacht, ohne dass die Familie etwas davon weiß. Ansonsten kommt sie weder mit ihren Eltern, noch mit ehemaligen Freundinnen und Freunden klar.

​Und da ist der Japaner Junya, der nur nachts sein Zimmer verlässt, um Gewalt-Exzesse auszuüben, die er dann im Darknet in der Hoffnung streamt, möglichst viele Likes zu bekommen. Die beiden sind „creepy“ – etwas gruselig. Weiterlesen

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Andreas Bernard: Wir gingen raus und spielten Fußball

Alle, die schon immer gerne Fußball gespielt haben, dürften an diesem Buch ihre helle Freude haben.

Andreas Bernard, geboren 1969 in München, beschreibt in diesem autobiografischen Roman seine fußballerische Entwicklung abseits von Bayern München und bajuwarischer Schickeria.

Man traf sich in den 70er-Jahren irgendwo in einem Vorort täglich auf dem „Abenteuer“, einem Betonplatz mit Stahltoren und Stahlnetzen. Wer anwesend war, spielte mit, feste Teams gab es nicht. Aber kulturelle Unterschiede: So gab es türkische Ballkünstler, die im feinen Zwirn und mit Straßenslippern den anderen Jungs die Show stahlen.

Später ging‘s auf den „Gummi“, einen anderen Platz, auf dem es immerhin schon Handballtore und einen Tartanbelag gab, was die Jungs als großen Aufstieg feierten.

Dabei war für sie die Beschaffenheit der Tornetze wichtig. Sie mussten die richtige Spannung haben, damit der Ball nach erfolgreichem Torschuss zurück ins Spielfeld prallte. Weiterlesen

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Dai Sijie: Die lange Reise des Yong Cheng

Der in Frankreich lebende chinesische Autor Dai Sijie ist 2001 durch seinen später auch verfilmten Roman „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ bekannt geworden. In seinem neuesten Werk „Die lange Reise des Yong Sheng“ widmet er sich dem Leben seines Großvaters, der zum ersten christlichen Pastor der chinesischen Stadt Putian wurde.

Es gibt einige schöne Stellen in diesem Buch – zum Beispiel wenn der kleine Yong Sheng im strömenden Regen seiner Lehrerin Mary Gummistiefel hinterherträgt oder wenn er später als Pastor ein riesiges Arche-Noah-Fresko auf ein Gebäude malt.

​Aber insgesamt ist dieser Roman eine Enttäuschung. Vielleicht liegt das daran, dass der Autor zu viel in ihn hineinpackt. Er hastet durch so viele Stationen im Leben seines Helden, dass sie zwangläufig an der Oberfläche bleiben müssen. Der ganze Roman wirkt wie eine Aneinanderreihung einzelner Episoden, nicht aber wie ein geschlossenes Ganzes. Weiterlesen

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

„Der letzte Sommer in der Stadt“ von Gianfranco Calligarich ist im Original bereits 1973 erschienen und hat sich in Italien seither zu einer Art Kultroman entwickelt. Literaturzirkel diskutieren ihn, Studenten schreiben Seminararbeiten über ihn. Nun ist er endlich auch auf Deutsch erschienen.

Der Roman erinnert ein wenig an langsam erzählte und melancholische Filme von Visconti oder Fellini, in denen die Atmosphäre wichtiger ist als die Handlung – hier die in einem heißen Sommer im Süden Europas Anfang der 1970er-Jahre. Man raucht und trinkt zu viel, kann sich vor Hitze kaum bewegen und schaut den Frauen hinterher. La Dolce Vita. Auch Vergleiche mit Hemingway („Fiesta“ zum Beispiel) ließen sich ziehen.

​Zur Handlung: Leo Gazzarra, der aus Mailand stammt, lebt in Rom in den Tag hinein. Er hat kein Geld und kann sich nur schwer zu einer geregelten Arbeit aufraffen. Außerdem hat er ein Alkoholproblem. Dann lernt er bei Freunden die umwerfende Arianna kennen, und es ist um beide geschehen. Weiterlesen

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