John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

Der irische Autor John Boyne nimmt in seinem neuen Roman „Die Geschichte eines Lügners“ sein eigenes Metier aufs Korn: die Schriftstellerei.

Maurice Swift ist ein gutaussehender junger Mann, der unbedingt ein berühmter Schriftsteller werden will. Kleines Problem: Ihm fehlt es an Talent. Vor allem tut er sich schwer damit, einen interessanten Plot – also eine Handlung – zu erfinden. Um sein Ziel trotzdem zu erreichen, geht er im weiteren Verlauf dieser Geschichte nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Sein erstes Opfer ist Erich Ackermann, der als 17-Jähriger in der Nazi-Zeit aus Liebe eine große Dummheit begangen hat, indem er den Nazis zwei Juden ausgeliefert hat. Swift schlachtet diese Geschichte zu einem Roman aus, der ihn zwar berühmt macht, aber gleichzeitig Erich Ackermann zugrunde richtet.

Weitere Opfer folgen, darunter sogar Mitglieder aus seiner eigenen Familie. Doch es gibt auch Menschen, die dem Betrüger gewachsen sind: der Schriftsteller Gore Vidal zum Beispiel, also eine nicht fiktive Figur, den unser Anti-Held einmal in seinem Haus an der Amalfiküste besucht. Weiterlesen

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Lionel Shriver: Die perfekte Freundin

Eine verzwickte Dreiecksgeschichte mit all ihren kleinsten Stimmungs-Verästelungen und -Verwirrungen beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver (geboren 1957) in ihrem dünnen Roman „Die perfekte Freundin“. Weston und Jillian waren früher mal ein Paar. Jetzt treffen sie sich noch dreimal pro Woche zum Tennis spielen. Das gefällt Westons neuer Freundin Paige überhaupt nicht. Sie will nur in Westons Heiratspläne einwilligen, wenn er Jillian für immer verlässt und verspricht, sie nie wiederzusehen.

Das stürzt den etwas entscheidungsfaulen Weston in tiefe innere Konflikte. Jillian, eine als etwas schrill und exaltiert beschriebene Hobbykünstlerin, scheint davon nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Kurz vor der Hochzeit macht sie dem Brautpaar ein geradezu bombastisches Geschenk, was die Gesamtsituation nicht eben erleichtert. Weiterlesen

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Philippe Sands: Die Rattenlinie

Ein Sachbuch, das so spannend ist wie ein Thriller, ist dem britisch-französischen Juristen und Schriftsteller Philippe Sands gelungen. In „Die Rattenlinie“ zeichnet er das Leben des Nazis Otto Wächter und seiner Frau Charlotte nach. Wächter war während des Zweiten Weltkriegs Gouverneur im besetzten Polen sowie in Galizien (heute Ukraine) und dort auch für Ermordung und Verschleppung von hunderttausenden Juden verantwortlich.

Nach dem Krieg setzte er sich nach Rom ab, um mit Hilfe eines katholischen Bischofs nach Argentinien zu fliehen. Dazu kam es nicht, weil Wächter 1949 nur 48-jährig überraschend starb.

​Es ist unglaublich, mit welcher Akribie und Detailgenauigkeit der 1960 geborene Autor diese Geschichte in acht Jahren recherchiert hat. Weiterlesen

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Andrea Petkovic: Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht: Erzählungen

Tennisprofi Andrea Petkovic, die zeitweilig unter den Top 10 der Weltrangliste stand, ist unter die Buchautorinnen gegangen. In ihrem Buch „Zwischen Ruhm und Ehre beginnt die Nacht“ hat sie 18 autobiografische Erzählungen zusammengefasst, in denen der Leser nicht nur viel über die heute 33-jährige deutsche Sportlerin mit Wurzeln in Bosnien-Herzegowina erfährt, sondern auch allgemein über das Leben eines Tennisprofis.

Weil ihr Vater in Darmstadt als Tennistrainer arbeitete, wurde der Tochter das Tennisgen früh eingeimpft. Den Großteil ihrer Freizeit als Kind und Jugendliche verbrachte sie auf dem Tennisplatz. Später gehörte verbissenes Training zu ihrer Tagesroutine.

Zweifel und die Einsamkeit in irgendwelchen sterilen Hotels kommen genauso vor wie Freundschaften, Momente des Glücks oder der Angst vor dem Versagen. Weiterlesen

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Abdel Hafed Benotman: Müllmann auf Schafott

Rau, manchmal brutal, ausgestattet mit viel Galgenhumor und nie gekünstelt – das ist der im französischen Original bereits 2003 entstandene Roman „Müllmann auf Schafott“ von Abdel Hafed Benotman, der nun, übersetzt von Lena Müller, auch auf Deutsch erschienen ist.

Der junge Fafa wächst mit seiner Familie, zu der Vater, Mutter und drei Geschwister gehören, in einem Pariser Vorort auf. Seine Eltern können nicht lesen und schreiben. Die Erziehung besteht ausschließlich aus immer härteren Prügelorgien vom Vater, während die Mutter Schübe von Wahnsinn erleidet.

In der Schule muss sich Fafa, dessen Familie aus Algerien stammt, mit Rassismus auseinandersetzen. Mehr und mehr entwickelt er sich zum Kleinkriminellen, der zuerst Spielzeugautos klaut und später in Wohnungen einbricht. Weiterlesen

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Peter Stamm: Wenn es dunkel wird: Erzählungen

Unheimliche Geschichten seien in dem Erzählband „Wenn es dunkel wird“ von Peter Stamm versammelt, heißt es im Klappentext. Das Element des Unheimlichen kommt hier jedoch eher auf leisen Sohlen – oft fast unbemerkt – daher. Geister, Zombies und Vampire sucht man vergebens.

Am stärksten ist es vermutlich in der Geschichte „Supermond“ vertreten, als ein Mann, der kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand steht, mehr und mehr verschwindet. Seine Kollegen und auch seine Frau nehmen ihn immer weniger wahr – eine Art von Horror, mit der in milderer Form sicherlich auch im richtigen Leben so mancher Arbeitnehmer in einer vergleichbaren Situation zu kämpfen hat.

Besser ließe vielleicht von etwas „Untergründigem“ sprechen, das sich in auf den ersten Blick ganz normale Begebenheiten schleicht.

Wir treffen zum Beispiel eine junge Frau, die für eine Skulptur Modell steht und später eine fast schon krankhafte Hingezogenheit zu ihrem kunstvollen Ebenbild entwickelt, oder eine andere Frau, die sich beim Landgang einer Schiffsreise plötzlich in der Wohnung eines geheimnisvollen Wahrsagers wiederfindet. In einer weiteren Geschichte gibt sich ein Ehemann für den Liebhaber seiner Frau aus und tauscht mit ihr zweideutige E-Mails. Weiterlesen

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Meg Wolitzer: Das ist dein Leben

Die amerikanische Erfolgs-Autorin Meg Wolitzer beschreibt in ihrem Roman „Das ist dein Leben“ den Werdegang dreier Frauen im Amerika der 70er-Jahre. Da ist zunächst die stark übergewichtige Dottie Engels, ein Comedian-Star, der auf der Bühne Witze über das Dicksein reißt. Und da sind ihre beiden Töchter Erica und Opal, die mehr von Babysittern erzogen werden als von der eigenen Mutter, die sie häufiger im Fernsehen sehen als zu Hause.

Besonders Erica, die ebenfalls zum Übergewicht neigt, leidet als Teenager unter der Situation.

Später ändert sich vieles. Dotties Stern verblasst mehr und mehr, sie erhält nur noch Engagements für Werbespots. Erica und Opal gehen eigene Wege, die nicht immer gradlinig und positiv verlaufen. Sie verlieben und entlieben sich – bis ein einschneidendes Ereignis die kleine Familie wieder zusammenrücken lässt.

​Meg Wolitzer schreibt – auch in ihren anderen Romanen – ausgesprochen geschmeidig ohne Ecken und Kanten. Störende Rückblenden, allzu verschachtelte Handlungskonstruktionen oder eine unübersichtliche Vielzahl von Figuren findet man bei ihr nicht. Man genießt ihre Bücher wie einen süffigen Wein, blättert Seite um Seite um und verfolgt mit großem Lesegenuss das Schicksal ihrer drei Hauptfiguren.  Weiterlesen

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Fürst Lahovary/Georges Manolescu: Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler (1905)

Anfang des vorigen Jahrhunderts war ein Mann sehr bekannt, der als Urbild des Hochstaplers gilt: Georges Manolescu, der sich zeitweise auch „Fürst Lahovary“ nannte. Sogar der große Thomas Mann hat aus diesem Fall Inspiration für seinen berühmten „Felix Krull“ gezogen.

Der Manesse-Verlag, der sich auf Klassiker spezialisiert hat, hat nun erneut die Memoiren Manolescus herausgebracht, die bereits 1905 entstanden sind. In abgehobener, manierierter Weise, wie es sich für einen Hochstapler gehört, beschreibt Manolescu frei von jeder Moral, wie er Hotelzimmer ausraubt, auf der Suche nach Frauen ist, die über genügend Geld verfügen, und generell auf großem Fuße lebt, um seine Umwelt zu beeindrucken. Unglücklicherweise (aus seiner Sicht) bezahlt er diesen Lebensstil mit längeren Aufenthalten in Gefängnissen und sogar in der Irrenanstalt. Doch auch dort verliert er nicht die Fasson. Weiterlesen

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Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau

Über Auschwitz sind schon viele Bücher geschrieben worden. Aber erst jetzt ist im Schöffling-Verlag eines erstmals auf Deutsch erschienen, das die polnische Autorin Seweryna Szmaglewska bereits 1945 verfasst hat – also unmittelbar nachdem sie dem berüchtigten Todesmarsch kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Russen entkommen konnte.

Man merkt dem Buch die zeitliche Nähe zu den grausigen Geschehnissen und die unmittelbare Betroffenheit der Autorin an – sie überlebte von 1942 bis 1945 das Frauenlager in Auschwitz-Birkenau: Alle Beschreibungen wirken direkt und unmittelbar. Man wird als Leser tief in die Atmosphäre aus Hunger, Tod, Kälte, grausamen und menschenverachtenden SS-Aufsehern, der Selektion auf Leben und Tod an der Rampe und dem Geruch der Krematorien gestoßen. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sich die Autorin einer relativ nüchternen Sprache bedient, die das Buch zu einer Mischung aus Roman und Sachbuch macht. Weiterlesen

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Etgar Keret: Tu’s nicht: Storys

In seiner neuen Kurzgeschichten-Sammlung gelingt dem israelischen Autor Etgar Keret das Kunststück, ernste und oft tieftraurige Inhalte mit sehr viel – natürlich oft schwarzem – Humor zu verknüpfen. Gutes Beispiel ist dafür bereits die erste Geschichte, die so heißt wie das gesamte Buch: „Tu‘s nicht“.

Ein Selbstmörder droht, sich vom Dach eines Hochhauses zu stürzen. Die Geschichte beschreibt, welche Schwierigkeiten der Ich-Erzähler hat, mit einem quengelnden Sohn auf dem Arm die Stufen des Hauses zu erklimmen, um den Mann von seinem Tun abzuhalten. Am Ende geht‘s nach dramatischen Minuten nur um die Süße des Eises, das die Beteiligten verspeisen, und ob der Sohn vom Schokomilchshake einer unbekannten Frau kosten darf. Weiterlesen

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