Mieko Kawakami: Heaven

Die japanische Sängerin und Schriftstellerin Mieko Kawakami, geboren 1976, ist einer breiteren deutschen Leserschaft durch ihren 2020 erschienenen Roman „Brüste und Eier“ bekannt geworden, in dem sie sich gegen die Diskriminierung von Frauen wendet.

Nun ist ein weiterer ihrer Romane – von Katja Busson – ins Deutsche übersetzt worden: „Heaven“, der im japanischen Original bereits 2009 erschienen war.

Die Autorin greift darin das Schicksal von zwei 14-Jährigen auf, die in ihrer Klasse schwer gemobbt werden. Das geht bis hin zu Körperverletzung. Anlass für die Angriffe: Der namenlose Ich-Erzähler schielt, das Mädchen Kojima trägt schmutzige Kleidung und wäscht sich nicht. Schließlich kommt es zu einem Briefwechsel zwischen den beiden, und eine zarte Freundschaft bahnt sich an.

Der Autorin gelingt es überzeugend, in den Dialogen, die die beiden Jugendlichen führen, die Befindlichkeiten von Teenagern einzufangen:  Weiterlesen

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Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle

Peter Stamms neuer Roman „Das Archiv der Gefühle“ ist eine zarte Liebesgeschichte. Sie handelt von zwei Menschen, die von ihrer Jugend an einander zugetan sind, zwischen denen sich aber nie eine Beziehung ergibt. Der Ich-Erzähler hat Franziska, so heißt die Herzensdame, vor 40 Jahren seine Liebe gestanden, die sie damals jedoch zurückgewiesen hat.

Seither denkt er jeden Tag an sie, auch wenn die beiden über viele Jahre hinweg keinen Kontakt zueinander haben. Kann es sein, dass sie später ihre Meinung geändert hat? Hinweise darauf gab es durchaus. Hätte er diese Gelegenheiten nur beim Schopf packen müssen?

Er wird zum Einsiedler mit autistischen Zügen, der ein von einer Zeitung aufgegebenes Archiv privat im Keller weiterführt und den Kontakt zu anderen Menschen meidet, sie zu einer gefeierten Chanson-Sängerin. Dann treffen sich die beiden doch noch wieder. Haben sie eine Chance auf einen Neubeginn? Weiterlesen

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Ethan Hawke: Hell strahlt die Dunkelheit

Ethan Hawke ist nicht nur ein bekannter vierfach oscarnominierter Hollywood-Schauspieler („Before Midnight“, „Die glorreichen Sieben“), sondern auch ein erfolgreicher Schriftsteller. Mit „Hell strahlt die Dunkelheit“ legt er nun bereits sein viertes auch auf Deutsch erschienenes Werk vor.

Darin geht‘s um den Filmschauspieler William Harding, der am Broadway bei einer Shakespeare-Theater-Produktion mitmacht – Henry IV -, die ihm alles abverlangt. Dazu hadert er mit seinem Leben, denn seine Frau, ein gefragter Rockstar, will sich von ihm trennen, weil er sie mehrfach betrogen hat. Harding gerät in einen Strudel aus Alkohol, Drogen, schnellem Sex und den Anforderungen des Theaterstücks …

​Das alles ist dicht dran an der Biografie des 1970 geborenen Autors. Denn auch dessen Ehe mit der Filmschauspielerin Uma Thurman („Kill Bill“) scheiterte wegen Hawkes Seitensprüngen. Weiterlesen

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Richard Russo: Mittelalte Männer

Die Spezialität des 1949 geborenen amerikanischen Autors Richard Russo sind das Seelenleben und die Befindlichkeiten „mittelalter Männer“. Und genau so heißt auch ein Roman, der im Original bereits 1997 erschienen ist, aber erst jetzt auf Deutsch herauskommt.

Henry „Hank“ Devereaux Jr. ist Englischprofessor an einer kleinen Uni und hat gleiche mehrere Probleme: Seinem Fachbereich drohen Kürzungen, und die Kollegen verdächtigen ihn als Fachbereichsleiter, bereits eine Streichliste verfasst zu haben. Seine Frau scheint der Ehe überdrüssig zu sein, und er hat körperliche Malessen in den unteren Körperregionen. Viel Stress für einen einzigen Mann.

Weil Russo immer tief in die Gedankenwelt seiner Figuren eintaucht und er seine Geschichten stets mit viel Witz erzählt, macht das Lesen dieses 600-Seiten-Wälzers ganz einfach Spaß. Weiterlesen

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Jo Lendle: Eine Art Familie

Jo Lendle, Autor und zugleich Verleger des Carl Hanser Verlags, vermischt in seinem Roman „Eine Art Familie“ die Biographie seines Großonkels Ludwig Lendle mit fiktiven Elementen. Jener Ludwig Lendle (1899-1969), genannt „Lud“, war Pharmakologie-Professor, der zum Schlaf und zur Narkose forschte.

Konflikte und damit Würze in diesen Roman bringt zweierlei. Erstens: Lud ist ein Gegner der Nazis, während sein Bruder Wil ein glühender Anhänger des Regimes ist. Doch zugleich forscht Lud an der Wirkung von Giftgas. Welche Rolle er in dieser Funktion im Zweiten Weltkrieg spielt, wird nicht gänzlich klar.

Zweitens: Lud ist homosexuell, träumt immer noch von einer Begegnung mit einem Gerhard im Ersten Weltkrieg. Später jedoch lebt er mit zwei Frauen zusammen – seiner Haushälterin und seinem Patenkind Alma, das nur unwesentlich jünger ist als er selbst. Das ist die titelgebende „Art Familie“. Alma verliebt sich in Lud, hat jedoch – natürlich – keine Aussicht auf Erfolg. Dass das von vornherein klar ist, nimmt dem Roman viel von seiner Spannung. Weiterlesen

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John von Düffel: Die Wütenden und die Schuldigen

Corona ist nun auch in der Literatur angekommen. John von Düffels neuer Roman „Die Wütenden und die Schuldigen“ spielt im März 2020 – also kommen Masken und Abstandsgebote zumindest am Rande vor.

Der 1966 geborene Autor, der Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste ist und als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin arbeitet, konzentriert sich auf die Mitglieder einer Familie. Sie gehören zu drei verschiedenen Generationen und befinden sich an unterschiedlichen Orten. Da ist der sterbenskranke Richard, ein Pfarrer, den nur noch wenige Tage vom Tod trennen. Da ist seine labile Tochter Maria, die sich zu einem älteren Rabbi hingezogen fühlt, und da ist deren Sohn Jacob, der zwischen Ex-Freundin, drogendealendem Kumpel und exzentrischer Kunst-Professorin durchs Leben schlingert.

​John von Düffel erweist sich als genauer Beobachter. Alle Figuren wirken gleich glaubwürdig, obwohl sie völlig unterschiedlich sind und sich in komplett verschiedenen Lebenswelten befinden. Weiterlesen

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Alex George: An jenem Tag in Paris

Der britische Autor Alex George legt einen Roman vor, in dem eine Stadt im Mittelpunkt steht: Paris im Jahre 1927. Ein Pluspunkt dieses Buches ist sicherlich seine atmosphärische Dichte. Wer ein Faible für die französische Hauptstadt hat, dürfte Gefallen an diesem Werk finden.

George folgt dem Weg von vier Protagonisten, die allesamt einigermaßen problembeladen sind. Da ist zum Beispiel ein unglücklich verliebter Künstler, der fest davon überzeugt ist, die Tochter seiner Angebeteten sei von ihm, da ist die Haushälterin von Marcel Proust, die dem großen Schriftsteller ein Geheimnis anvertraut hat, und da ist ein Puppenspieler, der den grausamen Tod seines Bruders in Kindertagen nicht verwinden kann.

Damit geht eine gewisse Melancholie einher, die zu einem Klischee über Paris passt, wie es beispielsweise auch in den Chansons von Charles Aznavour oder Jacques Brel bedient wird. Ob das dem tatsächlichen Leben in dieser Stadt entspricht oder entsprochen hat, sei einmal dahingestellt. Weiterlesen

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Tijan Sila: Krach

Einen rotzfrechen Punkrock-Roman, der ganz einfach Spaß macht, legt der 1981 in Sarajewo geborene deutsche Autor Tijan Sila vor: „Krach“.

Der 18-jährige Gansi gründet Ende der 90er die Punkband Pur Jus. Leider verliebt er sich zugleich in das weibliche ultracoole Bandmitglied Ursel, was einige Komplikationen nach sich zieht. Und überhaupt gibt es in Gansis Leben so einiges, was sich nicht hundertprozentig mit dem Bild eines lässigen Rockers in Einklang bringen lässt. Und dabei geht‘s nicht nur um Gansis kleine Zwillingsschwestern, die ganz schön nerven.

Tijan Silas Roman hat jede Menge Drive und Tempo. Das Milieu, in dem sich unser Held bewegt – Auftritte in besetzten Häusern, ständig drohende Schlägereien mit Nazis – kommt sehr authentisch rüber, was sicherlich auch daran liegt, dass der Autor selbst ebenfalls Gitarrist in einer Punkband ist: „Korrekte Drinks“.

Tijan Sila: Krach.
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2021.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Timon Karl Kaleyta: Die Geschichte eines einfachen Mannes

Timon Karl Kaleyta dürfte Musikfans vor allem als Frontman der Elektropop-Band „Susanne Blech“ ein Begriff sein. Nun hat der gebürtige Bochumer auch seinen ersten Roman geschrieben: „Die Geschichte eines einfachen Mannes“.

Der Held in diesem Buch ist ein Glücksritter, der zuweilen Ähnlichkeit mit Thomas Manns Hochstaplerfigur Felix Krull hat. Kaleytas Held macht sich – etwas naiv – zum Verdruss seiner Eltern zum Beispiel wenig Sorgen um die Zeit nach dem Abitur und glaubt, dass sich schon alles irgendwie finden werde. Das tut es eine Zeitlang sogar: Der Mann macht Karriere an der Uni, landet im Bett von tollen Frauen und startet mit seiner Band eine vielversprechende Musikkarriere. Weiterlesen

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Danielle Mc Laughlin: Dinosaurier auf anderen Planeten

Danielle McLaughlin, eine irische Autorin, legt in ihrem Sammelband „Dinosaurier auf einem anderen Planeten“ elf recht düstere Geschichten vor. Sie handeln von Armut, Tristesse, Schwermut und dem Unvermögen der unterschiedlichen Generationen, miteinander klarzukommen.

Auf eine solch durchgehend negative Stimmung muss man sich als Leser einlassen wollen. Und das fällt schon deshalb nicht immer leicht, weil sich eine Vielzahl von Figuren in den einzelnen Geschichten tummelt. Bis man sie verinnerlicht hat, ist die Story schon wieder vorbei, und es geht mit neuem Personal von vorne los.

Auch hat die Autorin einen Hang zum offenen Ende. Die Geschichten beginnen im Nirgendwo, der Leser erfährt kaum etwas über den Hintergrund der handelnden Figuren, und einige Seiten später ist die Story wieder vorbei. Gut, man könnte argumentieren: Genau das gehört zum Wesen von Kurzgeschichten. Aber sich permanent auf die Rätseltour nach der Aussage, dem Sinn der jeweiligen Geschichte machen zu müssen und ihn beileibe nicht immer zu erfassen, ist auf Dauer dann doch ermüdend. Weiterlesen

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