T. J. Klune: Mr. Parnassus‘ Heim für magisch Begabte

Linus Baker ist vierzig. Nun trifft dies auf viele Menschen zu, auch auf Menschen, die, wie Linus Baker seit dem Ende ihrer Schulzeit bei demselben Unternehmen angestellt sind. Linus Baker ist ein Einzelgänger, ein etwas weltfremder, introvertierter Mensch, der ganz in seiner Arbeit aufgeht. Linus Baker, das müssen Sie wissen, arbeitet für die Behörde für die Betreuung Magischer Minderjähriger kurz BBMM, eine Sonderabteilung des Jugendamts, das sich administrativ um die Kontrolle der Waisenhäuser kümmert. Allerdings nicht aller Waisenhäuser, sondern eben nur die Anstalten, in denen magisch begabte Kinder untergebracht sind. Linus Baker ist ein fleißiger, kompetenter und ja auch ein einfühlsamer Kontrolleur. Wenn es dunkel wird, befindet er sich am Liebsten in seinem kleinen, sicher verschlossenem Haus, in seinem Pyjama mit Monogram, den ihm die Firma zum Jubiläum geschenkt hat. Auf seiner Victrola dreht sich eine Platte, zu der er – alleine versteht sich – in seinem Wohnzimmer tanzt. Calliope, seine etwas eigenwillige, eingebildete Katze ist sein einziger Freund.

Und doch ist, nein besser war Linus Baker zufrieden mit sich und seinem Leben. Bis, ja bis ihn die Vorgesetzten aus dem fünften Stock, dem Büro des allerhöchsten Managements, auf eine Kontrollmission entsenden, die nicht nur geheim, sondern, nun ja, auch ein klein bißchen gefährlich ist. Es geht an die Küste. Linus Baker sieht zum ersten Mal das blaue Meer, riecht die salzige Luft und bestaunt die Wellen. Die Überfahrt zur Insel von Marsyas, auf der das Heim liegt verschafft ihm das etwas zweifelhafte Vergnügen der Bekanntschaft mit dem Elementargeist der Insel, doch die wirklichen Überraschungen liegen noch vor ihm. Linus Baker ist gut in dem, was er tut. Muss er aber auch, denn die sechs Kinder und ihr Betreuer sind – nun außergewöhnlich! Gleich die ersten Akte, die er sich zu Gemüte führt, versetzt ihm, dem erfahrenen Mitarbeiter der BBMM einen Schock – ist eines der Kinder doch der Sohn des Teufels höchstselbst – der Antichrist und die anderen Heranwachsenden sind auch außergewöhnlich …

Klune hat einen seltenen Roman verfasst. Selten deswegen, weil dieser ohne große Action, ohne laute Töne auskommt. Es ist ein Text, der ein wenig pittoresk wirkt, der einfühlsam Charaktere zeichnet und etwas sentimental zum Nachdenken anregt.

Ein Buch der leisen, aber ergreifenden Töne, eine Handlung, die den Leser dazu verleitet, über sich, ihre oder seine Überzeugungen und Verhaltensweisen nachzudenken und sich zu hinterfragen. Es geht nur vordergründig und auch nur zu Beginn darum, die merkwürdigen Kinder und deren Schicksale kennenzulernen. Mr. Parnassus ist ein Leiter, der Menschen begreift, der sieht, an was es ihnen mangelt, wie man ihnen helfen kann. Mehr noch, er ist ein Mensch, der diese dringend notwenige Hilfe auch anbietet, der Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Verständnis lebt.

Und dies darf und muss unser Kontrolleur am eigenen Leib erfahren. Ihm wird aufgezeigt, was und wie wichtig Empathie, was Verständnis und Hilfe wirklich sind, aber auch, dass er selbst diese ebenso nötig hat, wie die Kinder. Und er erfährt, dass er gerade von den Kindern – aber nicht nur – viel lernen kann. Freude erleben und leben, Grenzen erkennen und akzeptieren, Entwicklungen anzustoßen und Ziele zu erreichen etwa. So ist ein Aufenthalt nicht eine Prüfung des Heimes, sondern eine Prüfung seiner inneren Überzeugungen, seiner Vorurteile aber auch seiner Lebensphilosophie. Mit diesem Protagonisten darf der Leser eine Erkundungstour ins eigene Ich unternehmen, sich überlegen wie er lebt, wie er sein Leben gestalten will, was sein für ihn richtiger Weg ist.

Wie gesagt, ein leises Buch, aber ein wichtiger, bereichernder Titel.

T. J. Klune: Mr. Paranassus‘ Heim für magisch Begabte.
Heyne, April 2021.
480 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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