Sylvia Englert: Das dunkle Wort

Einst war er der mächtigste Magier des Reiches. Als einer der Wenigen hatte er nicht nur alle sieben Stränge der Magie gemeistert, er unterstützte den Regenten und war im Volk beliebt und geehrt. Immer hatte er ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte auch des einfachen Volks. Als er seine große Liebe fand, schien die Welt perfekt. Allein, der unbändige Wissensdurst, der ihn umtrieb, schien nicht zu stillen. In längst verloren geglaubten, verbotenen Büchern fand er Hinweise auf eine einst bekannte, dunkle Magie – die Suche nach dem Wort, das diese Magie erschließt, trieb ihn in den Ruin. Zwar gelangte er ans Ziel, doch der Preis, den er dafür berappen musste, war viel zu hoch. Das Leben seiner Liebsten und ihres ungeborenen Kindes, die Verbannung und Ächtung aus dem Zirkel der Magier, sie brachen den Mann, der einst das Reich schützte.

Jetzt macht sich ein magisches Übel auf, das Land heimzusuchen. Eine unbekannte Kristall-Magie, die alles, was mit ihr in Berührung kommt in ein filigranes, zerbrechliches Gebilde verwandelt, vernichtet Flora und Fauna ebenso unerbittlich wie die Menschen. Die Gefahr scheint nicht aufgehalten werden zu können. In der höchsten Not sendet man einen Hilferuf an Terwyn – der, um seine Heimat zu retten, bereit ist, seinen Schwur nie wieder Magie zu wirken, zu brechen ….

Sylvia Englert ist wahrlich keine Unbekannte. Als Jugendbuch- und Sachbuchautorin hat sie sich Meriten verdient. Unter ihrem Pseudonym Katja Brandis hat sie schon vor längerer Zeit die Fantasy-Fans mit ihrem Daresch Zyklus verwöhnt und begeistert. Nun also legt sie, in einer neuen verlegerischen Heimat, ihren ersten Fantasy-Roman für ein erwachsenes Publikum vor.

Dabei flechtet sie aus drei zunächst parallel laufenden Handlungssträngen ein faszinierendes Erzählgarn. Zum Einen folgen wir unserem traumatisierten Magier. Er muss nicht nur mit den Ressentiments, die ihm, dem Verstoßenen und Geächteten am Hof entgegenschlagen arrangieren, auch sein alter Zirkel hat sich während seiner Abwesenheit fortentwickelt. Alte Freunde, Protegés und Verbündete haben sich verändert, sind ihrem eigenen Schicksal gefolgt. So kann er nicht einfach zurückkommen und die alte, vakante Stelle, die er einst innehielt, von Neuem besetzen. Er muss sich einen Platz im Zirkel suchen und verdienen und die Kränkungen und Enttäuschungen, die sein Verrat bei den früheren Verbündeten hinterlassen hat akzeptieren.

Dann folgen wir einer jungen Händlerin, die eine wichtige, möglicherweise entscheidende Beobachtung gemacht hat und diese an die Obrigkeit und die Magier weitergeben will. Über sie bekommen wir anschaulich die Not, Verzweiflung und Furcht, die der Zauber bei der Bevölkerung auslöst, vermittelt.

Als letzter Erzählerin folgen wir einer jungen Mutter mit einem behinderten Kind. Sie erhofft sich, nachdem Terwyn ihre Bitte um Hilfe abgelehnt hat, von der neuen Anführerin der Zauberer Hilfe – doch zunächst muss sie durch das vom Krieg heimgesuchte Land reisen – ein Unterfangen, das mannigfaltige Gefahren mit sich bringt.

Sylvia Englert ist eine Autorin, die eher die leisen Töne schätzt. Wer auf großes Schlachtengetümmel steht, wer in Blut waten möchte, der greife lieber zu anderen Titeln. Stattdessen verzaubert sie uns durch eine Magie, die von Lebenskraft gespeist wird, jeder Zauber kostet unsere Magier damit buchstäblich Lebenszeit, oder durch eine Gesellschaft, die mittels und durch Orchideen, deren Blätter gar wundersame Wirkungen zeitigen, stabil bleibt.

Dazu gesellen sich interessante, vielschichtige Charaktere, die obzwar alle ihr Päcklein zu tragen haben, den Leser für sich einnehmen. Gerade unsere drei Erzähler ziehen uns förmlich in die Handlung hinein, und machen uns die Welt begreiflich. Dazu gesellen sich dann Pegasusse oder Drachen, die ebenfalls weit von dem sonst Üblichen beschrieben werden.

Die Dramatik ist, obzwar kaum Kampfhandlungen dem Plot beigefügt sind, hoch, die Spannungskurve gespannt und das Finale ebenso überraschend wie folgerichtig. Wer also einmal einen Einzelroman abseits der gängigen Topics lesen will, der greife zu diesem Buch – es lohnt sich.

Sylvia Englert: Das dunkle Wort.
Knaur, April 2018.
400 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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