Sylvain Prudhomme: Allerorten

Sascha ist ein erfolgreicher Schriftsteller und ein Einzelgänger, der Menschen lieber auf Abstand sieht und nicht in der eigenen Wohnung.

Mit vierzig beschließt er, diesen Abstand zu vergrößern. Er zieht nach V., wo nur ein Cousin und eine Bekannte von ihm wohnen. Sascha glaubt, es sei der ideale Ort, um wie ein Einsiedler zu leben und zu arbeiten. Doch kaum ist er angekommen, erfährt er auf einer Begrüßungsparty, der Anhalter, sein alter Freund, lebe auch in V. Noch sehr genau erinnert sich Sascha daran, wie er dem Anhalter vor zwanzig Jahren die Freundschaft aufgekündigt hatte. Sie seien einfach zu verschieden, findet er. Der eine habe die Eigenschaft eines tönernen und der andere die des eisernen Topfes. Dies seien die besten Voraussetzungen für das Zerbrechen des Schwächeren.

Sein Freund, der Anhalter, lebt inzwischen mit Frau und Sohn in einem Haus. Sehr schnell finden die beiden wieder zueinander. „Wir genossen es, uns frei unterhalten zu können, […] wir redeten, hörten auf zu reden, blieben lange Minuten still […] Es war, als würde der Anhalter nach all den Tagen auf den Straßen loslassen.“ (S. 82)

Abgesehen vom Alter scheint sein Freund trotzdem der Alte geblieben zu sein. „Er liebte die braunen Schilder am Rand der Autobahn. Die illustren Namen mitten in der verlassenen Landschaft, hoch über dem Standstreifen.“ (S. 89)

Und Sascha wundert sich. Obwohl oder vielleicht sogar trotz des familiären Glücks geht sein alter Freund wie früher auf spontane Reisen. So wie sie es gemeinsam getan hatten – Daumen hoch und mal schauen, wie weit und wohin es geht. Sascha und die Familie des Anhalters werden immer vertrauter miteinander.

Sascha, der Sonderling, verändert sich.

Sylvain Prudhomme ist Schriftsteller und Übersetzer. Sowohl der Autor als auch seine Übersetzerin Claudia Kalscheuer erhielten für ihre Arbeiten Preise und Auszeichnungen. Das Ergebnis in dem Roman Allerorten kann sich sehen lassen. Mit Charme, Feingefühl und einem eigenen Sprachrhythmus baut sich ein Geheimnis auf, das auf den ersten Blick schnell als Marotte oder sogar seltsame Sucht abgetan werden könnte. Der Autor gibt Saschas Freund bewusst keinen Namen. Stellvertretend agiert sein Ich-Erzähler, der wie ein Schriftsteller seine Mitmenschen genau beobachtet, analysiert und schließlich wie ein Chronist Ereignisse festhält.

In der Erinnerung des Ich-Erzählers und bei aktuellen Begegnungen heißt der Freund stets der Anhalter, und zeigt damit gleichzeitig, wie dessen Vorliebe zur Namensgebung geführt hat. Sogar auf einer gemeinsamen Reise wahrt der Erzähler diese Tradition. Als sich beide einem Mädchen vorstellen, dessen Mutter die fremden Camper zum Essen eingeladen hat, sagte „[d]er Anhalter […] seinen Vornamen. Ich sagte meinen: Sascha.“ (S. 224)

Prudhommes feine, zeitgenössische Literatur widmet sich dem unverbrauchten Thema der zwischenmenschlichen Verbindung und zeigt, wie Fremde zu Freunden und mehr werden können. Es braucht nur den offenen Blick und die Bereitschaft für ein echtes Gespräch.

Sylvain Prudhomme: Allerorten.
Unionsverlag, September 2020.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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