Sven Koch: Dünenfluch

Mit dem Titel „Dünenfluch“ legt der Autor Sven Koch den fünften Band seiner Dünen-Krimi-Reihe vor. Wieder fordert er seine Protagonisten, das bewährte ostfriesische Ermittlerteam Femke Folkmer und Tjark Wolf stark heraus. Dabei spürt man dem Multitalent Sven Koch an, er hat sich als Musiker, Fotograf und Autor einen Namen gemacht, dass er eine persönliche Beziehung zur Nordsee und zur ostfriesischen Küste hat. Die Tiefe des Meeres, die Weite des Horizonts und die Melancholie der Landschaft hinter dem Deich beflügeln seine Fantasie, die ein fester Bestandteil der Krimiszene Ostfrieslands geworden ist.

So bekommen es Femke, Tjark und ihre Kollegen Ceylan und Fred in „Dünengrab“ mit Rache, Schuld und Fremdenfeindlichkeit zu tun. Um zu verstehen, warum Tiere und Menschen in Werlesil zu Schaden kommen, müssen sie sich mit der deutschen Zeitgeschichte der achtziger und neunziger Jahre befassen. Dabei stoßen sie in Werlesil auf eine Mauer des Schweigens. Welches Geheimnis wird von der Dorfgemeinschaft so vehement gewahrt?

Obwohl der Sonnenschein einen schönen Herbsttag an der Nordsee verspricht, ziehen dunkle Wolken über Werlesil auf. Drei Pferde liegen, bestialisch zugerichtet, in ihrem Blut auf der Weide. Darunter Femkes Pferd Justin. Die Polizistin ist fassungslos. Tjark bricht seinen Urlaub in Dänemark ab, als er von dem Blutbad hört. Er weiß, dass „Tierripper“ eigentlich Menschen meinen. Sind die Pferde nur der Anfang? Tjark ahnt Schlimmes.

Und dieses „Schlimme“ stürzt auf Werlesil herab. Die Zahl der Toten nimmt zu und verstärkt den Eindruck, dass der kleine Küstenort verflucht ist. Dieser Eindruck verstärkt sich dadurch, dass Sven Koch „dem Fluch“ eine Stimme gibt, die sich zu Wort meldet. Ein Stilmittel, das an einen Gruselkrimi erinnert. Drei Fragen wirft der vermeintliche Fluch auf: Warum mussten Tiere sterben? Warum Menschen? Gibt es einen Zusammenhang? Dabei stellt der Fluch selbst eine offene Frage dar. Das Ermittlerteam macht sich auf sie Suche nach Antworten. Eine Suche, die nicht ganz ungefährlich ist, was dem Leser Spannung bis zum Schluss verspricht.

Der Autor verschafft dem Leser einen tiefen Einblick in die ostfriesische Volksseele, die vor dem Hintergrund des aktuellen Migrationsgeschehens mehr als verunsichert ist. Geschickt schreibt Sven Koch Vergangenes und Gegenwärtiges in diese Situation hinein, die durchaus das Potenzial hat außer Kontrolle zu geraten.

Dabei wirkt die Fiktion dieser Geschichte angesichts der politischen Realität von Rechtspopulismus und zunehmender Ausländerfeindlichkeit bedrückend. Ein Effekt, der natürlich von der persönlichen Sicht des Lesers abhängt. Er muss ihn in Kauf nehmen, wenn er sich für eine Lektüre entscheidet, die „auf der Höhe der Zeit“ spielt.

Geschickt deckt der Autor die Doppelmoral der Werlesieler auf und macht sie so zum Beispiel gesellschaftlichen Denkens. Ohne jedoch selbst mit dem moralischen Zeigefinger zu winken. Hilfreich hätte ich es empfunden, wenn der Autor dem Leser, angesichts der Vielzahl der handelnden Personen, ein Figurenarsenal angeboten hätte. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit empfinde ich manchmal etwas langatmig. Aber vielleicht verleiht das gemäßigte Tempo ja gerade dem lokalen Bezug seine Authentizität.

Wer Ostfriesland und die Mentalität der Ostfriesen mag, ist in dieser Geschichte gut aufgehoben und sollte sie lesen.

Sven Koch: Dünenfluch.
Knaur, April 2017.
320 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.