Susanne Matthiessen: Ozelot und Friesennerz

Dieses Buch ist den Inselkindern gewidmet, jenen Menschen, die auf Sylt zur Welt gekommen und untrennbar mit der Insel verbunden sind. „Ich bin und bleibe Teil einer bizarren Schicksalsgemeinschaft“, schreibt Susanne Matthiessen (Zitat S. 7). Eine Loslösung scheint unmöglich. Zu tief ist sie mit Sylt verwachsen. Dass die Insel ein Sehnsuchtsort für so viele und oftmals eine Art Kulisse ist, macht es nicht einfacher. Denn Sylt ist auch die Heimat der Inselkinder, eine Heimat, die sich durch den Tourismus in den letzten Jahrzehnten vielleicht stärker verändert hat als durch die Naturgewalten.

Susanne Matthiessen wurde 1963 auf Sylt geboren. Ihre Familie führte ein renommiertes Pelzgeschäft in Westerland. Jedoch: „Der Zeitgeist hat uns weggespült. […] Pelze sind nur noch dafür da, anderen den gesunden Menschenverstand abzusprechen und sich rückwärts zu gruseln.“ (Zitat S. 28) Das hindert die Autorin nicht daran, über Pelze und deren kunstvolle Verarbeitung zu schreiben. Alle Kapitel, ebenso der Prolog und der Epilog, handeln von verschiedenen Tieren respektive Pelzen. Mit Anekdoten hierzu führt die Autorin durch ihre Kindheit. Skurrile, berührende, lustige, nachdenklich machende Szenen reiht sie aneinander, erzählt von bekannten Persönlichkeiten, die bei Pelz Matthiessen einkauften und wie alles, wirklich alles, dem Dienst an den Gästen und Kunden untergeordnet wurde. Die Kinder blieben oft sich selbst überlassen. Keiner der Erwachsenen hatte Zeit, sich mit ihnen zu befassen, vor allem in der Hauptsaison. Die Erwartungshaltung war groß: Sie mussten funktionieren.

Das Buch eröffnet einen Blick darauf, wie damals wie heute ein verborgenes Netzwerk von Einheimischen den Laden am Laufen hält. Einige haben viel Geld verdient – doch um welchen Preis?

Die Autorin verwebt den Untergang des Pelzgeschäftes mit dem der Insel, wie sie einst war. Doch ebenso wie die vielen wertvollen Pelze, die sich aus früheren Zeiten noch in den Kleiderschränken von Müttern und Großmüttern finden, ist Sylt noch da. Pelze können aufgearbeitet, neu verwendet werden. Die Insel hat eine Zukunft, wenn man sie lässt. Das Plädoyer im Epilog ist eindrücklich.

Sylt mit all seiner Schönheit, das Meer, die Weite, das Licht hätten nach meinem Empfinden gerne etwas mehr Raum in dem Werk einnehmen können.

Mit ihrem Buch hat Susanne Matthiessen offenbar einen Nerv getroffen und den Sprung in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Ich wünsche dem Buch nicht nur viele Leserinnen und Leser, sondern vor allem solche, die sich den Wahnsinn rund um diese Insel und ihre Menschen bewusst machen und über neue Wege im Umgang mit der Natur nachdenken.

Susanne Matthiessen: Ozelot und Friesennerz.
Ullstein, Juni 2020.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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