Susanna Clarke: Piranesi

Willkommen im Haus. Das Haus, das die Welt ist, in der neben dreizehn Skeletten auch zwei Menschen wohnen. Der Andere, ein älterer Gelehrter und Piranesi – so hat ihn der Ältere getauft – der nicht weiß, woher er kommt und wohin ihn sein Weg führt. Zweimal jede Woche treffen sich die beiden, jeweils für eine Stunde – länger hat der Andere keine Zeit. Dazwischen führt Piranesi ein Tagebuch, in dem er seine Entdeckungen festhält. Er erkundet die unzähligen Säle, die mit Statuen in verschiedenen Größen gefüllt sind und deren Aussehen, Größe und Darstellung er minutiös festhält. In dem unteren Stockwerk des Hauses brandet ein Ozean an die Treppen und sorgt dafür, dass Piranesi nicht verhungert – Fische und Hummer dienen als Nahrung, Tang und Fischhäute als Material zum Beispiel seine an den Bügeln kaputte Brille zu reparieren.

Fünfzehn Menschen bewohnen das Haus – dreizehn Tote und die zwei Lebenden. Doch dann gelangt ein sechzehnter Mensch – der Prophet – ins labyrinthische Haus – ein Mensch, der auf der Suche nach einem Verschollenen ist. Doch kann und soll Piranesi diesem Menschen trauen?

Was ist das für ein Buch, das uns die Autorin von „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ hier vorlegt? Definitiv keine Fantasy, und doch irgendwo phantastisch. Im Zentrum steht – nicht etwa Piranesi, oder zumindest nicht allein, sondern eher das Haus. Eine Welt für sich, ein Gebilde, das verwinkelt ist, dessen oberes Stockwerk der Himmel mit Wolken und entsprechend Regen bildet, in dessen unterem Teil ein Ozean anbrandet und in dessen mittlerem Stockwerk sich unser Erzähler aufhält. Das ist als Bühne ebenso unauffällig wie ungewöhnlich, dazu, je länger die Beschreibungen gehen, immer mysteriöser. Wo ist dieses Haus, wer hat es erbaut, wer früher darin gewohnt und wo sind eben jene Bewohner hin? Darin zunächst nur zwei Lebende. Unser Erzähler und ein älterer, ganz in seinem Forschungsdrang aufgehender Wissenschaftler.

Piranesi ruht ganz in sich. Von Hektik keine Spur geht er zufrieden, ja glücklich in seinem selbstgewählten Tagesablauf auf. Den Berichten zu folge, lebt er gerne und zufrieden hier. Ihm mangelt an nichts – vielleicht wäre ein bisschen mehr Ansprache wünschenswert, doch im Grunde ist er glücklich –  ein gar seltener Gemütszustand! Dann bekommt er immer mehr Informationen über das, was in der Vergangenheit geschehen ist und auch darüber, wer er ist und wo er sich befindet.

Die sehr ruhige, bedächtige Erzählweise, macht das Eintauchen in das Buch zu Beginn ein wenig schwierig. Wenn man sich auf den Vortrag einlässt und Piranesi auf seinen Wanderungen durch das Haus begleitet, ist der Leser verzückt ob seiner inneren Ruhe und Zufriedenheit, die er ausstrahlt. Gemeinsam begibt man sich auf die Suche nach dem Ich, nach dem Schicksal und der Wahrheit – nie etwas, das es sonderlich gut mit der Ruhe oder Zufriedenheit von Menschen meint.

So ist dies ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, nein, Zeit nehmen muss. Nichts zum einfach runterlesen, zum Abschalten vom Alltag, doch ein Werk, das in sich faszinierende Beschreibungen aufweist und einen zum Nachdenken anregt.

Susanna Clarke: Piranesi.
Blessing Verlag, Oktober 2020.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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