Steve Sem-Sandberg: Der Sturm

Nachdem sein Ziehvater Johannes Ende 1990 verstorben ist, kehrt der junge Protagonist Andreas auf die norwegische Insel, auf der er seine Kindheit verlebt hat, zurück. Eigentlich hätte er nicht mehr hierher an diesen Ort zurückkommen sollen, weiß er, denn es sind nicht unbedingt gute Erinnerungen, die er mit der Insel in Verbindung bringt. Die Menschen auf der Insel waren stets abweisend, untereinander aber ein verschworener Haufen, alle und alles schien miteinander verwoben.

Johannes hat ihn, Andreas und seine Schwester Minna einst in seinem Haus aufgenommen, nachdem die Eltern der Kinder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Zu jener Zeiten hatten  seine Eltern mit den Geschwistern in der Nato-Villa gewohnt. Nun, als er in den Unterlagen von Johannes‘ Nachlass stöbert, kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. Jetzt, nach so vielen Jahren endlich versteht er langsam die Zusammenhänge und die eigentliche Wahrheit. Andreas findet Zeitungsausschnitte, Notizhefte, Quittungen, Belege, Fotos, die alles belegen.

Immer wieder arbeitet der Autor mit Rückblenden in die Kindheit. Szenen mit Andreas und seiner aufwieglerischen Schwester Minna, der er hörig war und die ihn für sich manipulierte, treiben den Plot voran. Johannes, der ein Alkoholproblem hatte, vermochte Minnas Treiben nicht zu unterbinden. Der Gutsbesitzer Kaufmann prägte die gesamte Insel samt seinen Bewohnern. Doch niemand mochte die Kaufmanns, die über Jahrzehnte das Inselleben dirigierten und bestimmten. Dass auch Minna gegen Kaufmann rebellierte schien deshalb nicht ungewöhnlich. Dann, so viele Jahre später, als Andreas die Insel nach dem Tod von Johannes wieder besucht, kommt er einer ganz anderen Wahrheit, in die auch der noch lebende Gutsverwalter Carsten verwickelt scheint, auf die Spur.

Der geschichtliche Vorspann liest sich etwas zäh, aber diese Wahrheit ist der Nährboden, auf den die ganze Geschichte aufbaut. Dabei geht es um Kollaborateure während der Besatzung des Landes durch die Deutschen. Die häufigen Zeitsprünge erfordern konzentriertes Lesen, das sich jedoch auszahlt, denn der Plot bleibt energiegeladen mit poetischen Schilderungen.

Steve Sem-Sandberg: Der Sturm.
Klett-Cotta, August 2019.
267 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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