Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte: Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur

Viele LeserInnen dürfte der Titel irritieren. Warum sollten Pflanzen Rechte haben, wenn sie in unserem Bewusstsein zu den Dingen gehören, die man unter anderem kaufen, wegschmeißen, züchten, essen, einpflanzen, jäten, fällen, beschneiden kann. Pflanzen sind selbst bei oberflächlicher Betrachtung Lebewesen. Sie können wachsen, sich fortpflanzen und haben eine bestimmte Lebensdauer. Ihre Fähigkeiten gehen jedoch noch um ein vielfaches weiter. „… Pflanzen nehmen Licht, Temperatur, Schwerkraft, chemische Verbindungen, elektrische Felder, Berührungen, Schall und vieles andere wahr, was sie äußerst empfindsam für ihre Umgebung macht.“ (S. 119) Sie sind ein Synonym für Leben, weil ohne sie die meisten Lebensformen undenkbar wären.

In unseren Gesetzen haben wir Menschenrechte verankert. Es gibt inzwischen auch viele Fürsprecher, die den Tieren Rechte geben. Ob Artenschutz oder artgerechte Haltung, für beides gibt es verbindliche Vorschriften. Nur bei den Pflanzen nicht, obwohl ohne ihre Fotosynthese das Leben auf der Erde ganz anders aussähe.

„… nur mit ihnen zusammen können wir weiter existieren. Darüber sollten wir uns immer im Klaren sein.“ (S. 13/14)

Und weil Stefano Mancuso Pflanzen am Herzen liegen, beschloss er, ihr Fürsprecher zu werden, in dem er der kühnen Idee Raum gab, die Rechte der Pflanzen zu entwerfen. Er stellt nun seine Charta des Lebens vor. Zu jedem der acht erstellten Artikel schrieb er nachvollziehbare Begründungen, die wachrütteln und zum Nachdenken anregen.

Der Autor kombiniert sehr unterhaltsam sein Fachwissen mit einer erfrischenden Logik, die ähnlich verblüffen mag wie manche Fragen aus Kindermund und damit an falsche Schulweisheiten rütteln.  Wer sich als Teil eines komplexen Zusammenspiels von unterschiedlichen Lebensformen auf dem Planten Erde bewußt ist, dürfte nach der Lektüre die systematische Zerstörung vieler Lebensformen nicht mehr ignorieren.

In der Erläuterung zu Artikel 4 wird Rudolf Dirzo, Professor in Stanton, zitiert:  „Unsere Daten deuten darauf hin, dass die Erde eine Phase des Niedergangs und des Aussterbens durchlebt, die gravierende Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen und für das Überleben unserer Zivilisation notwendigen Faktoren haben wird. Diese ‚biologische Vernichtung macht deutlich, wie schwerwiegend das sechste Massenaussterben für die Menschheit ist.“ (S. 86)

Eine Lösung wäre die Rettung aller Waldflächen, um den Anstieg des Kohlendioxids abzubremsen. Ebenso sollten alle Staaten zur Reinhaltung von Boden, Luft und Wasser verpflichtet werden, damit jeder die Endlichkeit natürlicher Ressourcen durch entsprechendes Wirtschaften verinnerlicht.

Auch dank der wunderbaren Übersetzung von Andreas Thomsen, muss die Charta der Pflanzenrechte einfach gelesen werden! Denn die Wahrhaftigkeit und Dringlichkeit ist auf jeder Seite mit aller Wucht präsent.

Fazit: Ein extrem wichtiges Buch, das jeden angeht.

Wer Mancusos Buch „Die unglaubliche Reise der Pflanzen“ noch nicht gelesen hat, hat eindeutig etwas verpasst. Vielleicht wird ihre Reise in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten nur noch theoretisch erlebbar sein.

Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte: Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur.
Klett-Cotta, Februar 2021.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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