Stefan Zweig: Der Amokläufer (1922)

Ich wusste nicht, dass das Wort „Amok“ aus dem Malaiischen stammt. Die Malaien rufen es als Warnung, wenn ein Mensch in wahnartigen Rauschzuständen geradeaus durch den Ort läuft und wahllos jeden tötet, der nicht schnell genug weglaufen kann. In eben diesem Zustand befand sich der Protagonist dieser Novelle von Stefan Zweig. Der in Wien gebürtige Autor beschrieb mit Vorliebe menschliche Abgründe. Die vorliegende Novelle beschreibt die selbstzerstörerischen Auswirkungen einer übersteigerten Leidenschaft.

Die eigentliche Geschichte ist in eine Rahmenhandlung eingebettet. Der namenlose Erzähler trifft auf der Überfahrt von Kalkutta nach Neapel auf einen geheimnisvollen Fremden, der sich nur des Nachts an Deck des Passagierschiffes aufhält und ihm eine bewegende Geschichte erzählt. Der Mann ist ein deutscher Arzt, welcher auf einer der Distriktstationen in den holländischen Kolonien in Indonesien eingesetzt ist. Die Begegnung mit einer Frau bringt ihn dergestalt außer Takt, dass er wie im Rausch seine Existenz hinwirft, ihr nacheilt und jegliche Selbstkontrolle aufgibt.

Die für Novellen typische unerhörte Begebenheit lässt sich in doppeltem Sinne finden. Es ist zum einen ein merkwürdiger Unfall, welcher sich auf eben jenem Passagierschiff ereignete und dessen Hintergründe nicht ermittelt werden konnten. Zum anderen ist es die Geschichte des Fremden, die gleichzeitig als mögliche Erklärung für den Unfall dargestellt wird.

Die Novelle erschien 1922 zunächst in der österreichischen Tageszeitung „Neue Freie Presse“ und kurz darauf im Insel-Verlag. Die Neuauflage durch den Anaconda-Verlag erscheint somit zum 100sten Geburtstag des Textes und sie hat es verdient, erneut veröffentlicht zu werden. Die eindringliche und wortmalerische Sprache Zweigs hat mich vom ersten Satz in den Bann gezogen. Zweig lässt den Fremden seine Seelenzustände, seine Gedanken und seine Qual in bewegenden Worten schildern, lässt ihn immer wieder um Verständnis ringen. Ich erlebe, wie in Wahnzuständen gebündelte Gier gegen hinter kühler Arroganz versteckte Angst prallt und daran zerschellt. Ich schaue mich um und erkenne allgegenwärtiges Geschehen im Großen wie im Kleinen. Damit ist die Novelle trotz des historischen Settings zeitlos aktuell.

Zudem ist der Text sprachlich ein wahrer Genuss. Ich erliege immer wieder der Versuchung, einzelne Abschnitte laut vorzutragen und in der Schönheit der Sprache zu versinken. Für mich ist Stefan Zweigs Novelle „Der Amokläufer“ ein wiedergefundener Schatz, den ich gerne weiterempfehle.

Stefan Zweig: Der Amokläufer (1922).
Anaconda Verlag, Januar 2022.
96 Seiten, Gebundene Ausgabe, 3,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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