Spencer Wise: Im Reich der Schuhe

Spencer Wise lässt es krachen. Wenn turbokapitalistische, jüdische Schuhfabrikanten und sozialistische, chinesische ArbeiterInnen aufeinandertreffen, kommt es zu allerlei witzigen und todernsten Eskalationen. Erstaunlich, wie wunderbar leicht und teils urkomisch der jüdisch-amerikanische Autor Spencer Wise, welcher selbst in einer Schuhfabrik in Südchina gearbeitet hat, diesen dramatischen Hintergrund behandelt, ohne ihn auf die leichte Schulter zu nehmen. Eigentlich ein unmöglicher Spagat. Dem Autor gelingt er dennoch. Einen wesentlichen Teil mag die sympathische Hauptfigur beitragen. Firmenerbe Alex verliebt sich in eine revolutionär gesinnte Näherin in der Schuhfabrik seines Vaters. Plötzlich steht er zwischen Generationen, Kulturen, Systemen. Wie er sich dabei vom „Schmock“ zum Helden wider Willen wandelt, ist großartig.

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, wie federleicht der Autor zwischen den Welten changiert. Firmenerbe Alex Cohen hat die Großmutter von Ivy, der chinesischen Näherin seines Herzens, auf einem Hausboot besucht. Der Rückweg zum Land folgt über ein wackeliges Floß. Unter den Augen der grinsenden Einheimischen fällt Alex in den Fluss, in jene Chemiebrühe, die von den Abwässern seiner Schuhfabrik verunreinigt wurde. Befleckt und stinkend eilt er in den Meetingraum eines Luxushotels, um die offizielle Firmenübergabe zu unterschreiben. Dort trifft er auf seinen Vater, der sich täglich prophylaktisch eine Antibiotikasalbe in die Nasenlöcher schmiert, „[…] weil China das letzte Land ist, in dem du abkacken willst:“ (S. 12) Dies alles beschreibt der Autor so bildlich und ironisch, dass wir Leser sofort für die Materie eingenommen werden. Und für seinen (Anti-) Helden.

Kein Wunder, dass Alex von den Einheimischen als Gweilo (Geistermensch) bezeichnet wird. Er wurde von seinem Vater auf dessen Thron verfrachtet, fühlt sich dort aber instrumentalisiert. Nur weil er jetzt offiziell die Geschäfte leitet, steht er immer noch voll unter der Fuchtel des Patriarchen. Dieser ist neuen Ideen, ob auf geschäftlicher oder gesellschaftlicher Ebene, nicht gerade aufgeschlossen. „Business as usual“ lautet die Devise. Von Sozialleistungen, gerechten Löhnen oder Betriebsräten hält Firmengründer Fedor Cohen wenig. Der korrupte, von Ehrgeiz zerfressene Lokalpolitiker Gang noch viel weniger. Hier wird bestochen und bedroht, was die eigene Brieftasche hergibt. Doch als Alex die schöne Näherin Ivy kennenlernt, mehr über das Massaker am Tian’anmen-Platz und die erbärmlichen Arbeitsbedingungen erfährt, kann er sich immer weniger mit dem Geschäftsmodell seiner Firma identifizieren. Erst recht, als es zu einem dramatischen Vorfall auf dem Werksgelände kommt.

Alex stellt sich die großen Sinnfragen. Ist Profit auf Kosten anderer dem Preis wert? Noch dazu, wo er Jude ist und nun anderen Menschen Ähnliches antut, was seinen Vorfahren einst widerfahren ist? Könnte er anderen Firmen ein gutes Beispiel sein, um ein neueres, gerechteres System einzuführen?

Fazit: Spencer Wise, selbst Sohn eines Schuhfabrikanten aus China, hat einen großartigen Roman geschaffen, der ein topaktuelles Thema mit gebotenem Ernst und wohltuendem Humor aufarbeitet.

Absolut köstlich sind die Dialoge zwischen Vater und Sohn, Alex Straucheln ins nächste Fettnäpfchen, seine wechselnden Gemütszustände zwischen Angsthase und Retter. „Im Reich der Schuhe“ regt dazu an, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Humor öffnet Herz und Geist – Spencer Wise hat sich für einen literarisch ansprechenden Weg entschieden.

Spencer Wise: Im Reich der Schuhe.
Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz.
Diogenes, Mai 2021.
400 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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