Sorj Chalandon: Am Tag davor

Ein bisschen „Spiel mir das Lied vom Tod“ finde ich hier. Nach 40 Jahren in die Stadt des vermeintlich größten Unglücks seines Lebens – dem Tod des geliebten Bruders – zurückkommen und sich an dem Schuldigen rächen. Michels (16)  vierzehn Jahre älterer Bruder Joseph (Jojo) war Bergmann und im Hirn des jungen Michel hat sich ein Gespinst festgesetzt: am Tag des Unglücks, hervorgerufen durch eine schlampige, nur gewinnorientierte Bergwerksleitung, bei dem 42 Kumpel am 27.Dezember 1974, durch eine Schlagwetterexplosion umkamen, hatte Michel als Fahrer des Mopeds, auf dem hinten sein Bruder Joseph saß, glatteisbedingt einen Unfall.

Jojo hatte also das zweifelhafte Glück, nicht im Berg gewesen zu sein als die Explosion geschah, sondern am gleichen Morgen auf der Straße zu verunglücken und erst 22 Tage später im Krankenhaus zu sterben. Trotzdem macht sich im Kopf von Michel die Schuldfrage breit, von der er sein Leben lang nicht mehr los kommt. Die Profitgier der Werksleitung war schuld, personifiziert durch den damaligen Schichtführer, den Michel dann nach 40 Jahren gebeutelten Lebens endlich aufsucht. Was dann kommt ist Psychologie und Projektion. Von Rachsucht zum Selbstmitleid, von blinder Wut zu einem Schweigegelübde. Ein nicht leichter Roman über Schuld und Sühne, über Arbeitsethik und alle Formen der Verzweiflung. Düster wie ein Flöz, aber irgendwie doch faszinierend.  Eine Stelle wird mir immer in Erinnerung bleiben und zeigt beispielhaft  die Raffsucht der Bergbauunternehmen: als eine Witwe die Lohnabrechnung für ihren beim Unglück verstorbenen Mann bekommt, strich die Lohnbuchhaltung die letzten drei Tages des Monats Dezember und stellte sogar noch die Kleidung inklusive Stiefel und  sonstigem Material in Abzug! Beklemmende Lektüre!

Sorj Chalandon: Am Tag davor.
dtv, April 2019.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

 

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