Sophie Bienvenu: Sam ist weg

Sophie Bienvenu – was für ein schöner Name – hat einen herzberührenden und zugleich optimistischen Roman geschrieben. Es ist einer dieser Romane, die vor allem wegen der Hauptfigur in Erinnerung bleiben. Und damit eine Antwort auf die immer mal wieder gestellte Frage, wie wichtig für einen Roman die sorgfältige Ausarbeitung der Charaktere ist.

Sie erzählt uns die Geschichte von Mathieu, einem jungen Mann auf den Straßen von Montreal, der alles verloren hat im Leben außer seiner geliebten Hündin Sam. Mathieu hat etliche tiefgreifende Erlebnisse hinter sich, die ihn zu einem Leben auf der Straße zwingen. Einzig dank Sam erlebt er Wärme, Zuwendung und Liebe.

Doch eines Tages ist Sam plötzlich verschwunden. Darüber geht Mathieu fast zugrunde. Er beginnt sie zu suchen, taucht ein in Abgründe der Großstadt, lernt aber auch Hilfsbereitschaft und Unterstützung kennen. Während seiner Suche erinnert er sich an seine Kindheit und Jugend, vor allem an seine Mutter. Er begreift, was er besaß, was er verlor und er begreift, was Schicksal ist, unabwendbar, unergründbar.

Die Autorin findet Bilder und Worte, die der Leserin mehrmals die Tränen in die Augen treiben, die anrühren, ja die schmerzen. Die Kindheit Mathieus war geprägt durch die Dominanz der Mutter, der niemand sich entziehen konnte, auch der Vater nicht. Als es Mathieu gelingt, sich aus dem Einfluss seiner Mutter zu befreien, bedeutet dies für ihn nicht nur Freiheit, sondern auch Armut, Verzicht, Einsamkeit. Aber auch die ungeteilte, unerschütterliche Liebe seiner Tochter.

Auch die Beschreibung der Verhältnisse auf den Straßen der Großstadt, die Gleichgültigkeit ebenso wie die Anteilnahme, die Gefahren und Gefährdungen ebenso wie der Zusammenhalt und die Unterstützung, das darzustellen gelingt Sophie Bienvenu mit großem Geschick. Stets umschifft sie Rührseligkeit, Kitsch und Klischee. Selbst das Ende des Romans, dem ich gespannt mit der Frage entgegensah, wie sie es schaffen wird, die Lösung herbeizuführen ohne zu überdramatisieren, ist ihr wirklich gut gelungen. Dabei schafft sie Sätze wie: „Nur irgendein Kind, das dem Universum so viel Liebe entgegenbringt, dass sie in alle Richtungen spritzt, einfach, indem es lacht, nach der Hand seiner Mutter greift oder Sam über den Kopf streichelt…“ (S. 116).

Dieser kleine, feine Roman, der übersetzt wurde von Sonja Finck und Frank Weigand, wird in mir noch lange nachwirken, durch seine Sprache, durch seine Wärme, durch seine Hauptfigur.

Sophie Bienvenu: Sam ist weg.
Claassen, September 2020.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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