Siri Pettersen: Vardari – Eisenwolf

Es ist wahrlich noch nicht lange her, da schickte sich eine junge, bis dahin gänzlich unbekannte Autorin an, zunächst ihr Heimatland, dann Skandinavien und darauf folgend den deutschsprachigen Raum zu erobern. Siri Pettersen verfasst Fantasy. Nun ist es in Zeiten, da die moderne Fantasy durch Harry Potter und den Herrn der Ringe geprägt wurde, schwierig, gegen die großen Vorbilder zu bestehen. Alles und Jedes wird mit den Blockbustern verglichen, Verfasser aller Couleur und Nationen suchen sich an den großen Erfolg anzuhängen. Nicht so unsere Autorin aus dem hohen Norden. Statt Elfen und Zwerge oder ein magisches Internat hatte sie mit ihrer 2013 erstveröffentlichten Rabentrilogie (dt. bei Arctis) ein Epos vorgelegt, das sich an nordischen Epen und Mythen anlehnte und so ganz anders daherkam, als gewohnt.

Nun gibt es Neues von dieser von ihren Fans zurecht gepriesenen Autorin. Sie kehrt zwar nicht direkt in die von ihr geschaffene Welt zurück, doch auch in Náklav, dem hauptsächlichen Ort der Handlung, geht es eher düster und karg zu. Zwei Inseln umfasst die Stadt, auf denen sich zu viele Menschen tummeln.

Unsere Protagonistin, Juva genannt, entstammt einer alt eingesessenen Familie der Stadt. Ihre Vorfahren waren seit langem Blutleserinnen, haben mit ihrer Gabe, im roten Lebenssaft das Böse zu erkennen und vielleicht gar die Zukunft vorhersagen zu können Macht und Reichtum gescheffelt. Nicht umsonst ist ihre Mutter die Anführerin der Seidagilde.

Juva aber will sich, Dank eines zunächst verdrängten Vorfalls in ihrer Jugend, ihrer Gabe verschließen. Statt also den Menschen Geld abzuknöpfen, begibt sie sich auf die Jagd nach Wölfen. Als ihre Familie von den nicht alternden Vardari bedroht wird, wird sie, allem Eigensinn und ihrer Flucht vor der despotischen Mutter zum Trotz, wieder in die Jagd nach dem Erbe der Blutleserinnen verwickelt. Dass sie einst den Teufel, der der Mär nach den Frauen ihre Gabe geschenkt hat, gesehen hat, macht sie zu etwas Besonderem, verbindet sie doch etwas Persönliches mit dem Wesen, das sie Eisenwolf getauft hat …

Siri Pettersen hat uns schon immer mit starken Charakteren beeindruckt. Juva reiht sich mühelos in diese Phalanx von Menschen ein, die innerlich zwar verletzlich, aber dennoch mutig und aufopfernd um ihre Freiheit, um ihr Selbstbestimmungsrecht kämpfen. Sie hat den Umgang mit Waffen gelernt, hat als wohl einzige Frau der Stadt eine Jagdlizenz und im Kreis der Waidmänner ihren anerkannten Platz gefunden. Ganz bewusst hat sie sich dem für sie vorgesehenem Schicksal verschlossen, hat auf Reichtum und Ansehen, Luxus und Macht verzichtet. Sie steht für sich, für ihre Überzeugungen ein, lässt sich nicht korrumpieren.

Daneben stellt uns die Verfasserin weitere interessante Figuren vor. Nafarim etwa, einen Vardari, der seinen Machenschaften im Verborgenen nachgeht und über den wir ein wenig über die Ewigwährenden erfahren. Oder Rungen, ein Filou, ein Mann der Frauen, ein Dieb und Spion – ein Mann, der sich schon einmal, um sie auszuspionieren, Juva genähert hat und nun erneut auf sie angesetzt wird.

Der Handlungsort, in dem fast der ganze Roman spielt, ist ebenso interessant wie ungewöhnlich beschrieben. Eine Stadt auf zwei Inseln, zusammengepfercht leben hier die Bewohner mit-, auf- und nebeneinander. Die Enge führt zu Aggressionen, zu Angst und Neid.

Der Roman braucht ein wenig, bis der Leser sich in der beschriebenen Welt zurechtfindet, sich mit den Figuren vertraut gemacht hat. Dann aber nimmt der Plot Tempo auf, wird die Handlung atmosphärisch dicht und packend vorangetrieben. Inhaltlich eher düster, teils brutal wartet so ein Lesevergnügen der besonderen, der nordisch kalten Art auf den Rezipienten, das den Wunsch nach der möglichst baldigen Publikation des zweiten Bandes weckt.

Siri Pettersen: Vardari – Eisenwolf.
Arctis, März 2021.
544Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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