Sina Pousset: Schwimmen

Wie soll man jemals schwimmen lernen, wenn man nie die Erfahrung gemacht hat, vom Wasser getragen zu werden?

Jan konnte nicht richtig schwimmen, vor vier Jahren ist er im Meer ertrunken. Milla lebt weiter, irgendwie. Eines Morgens findet sie in der Tasche von Jans altem Mantel einen Einkaufszettel. „Sie liest Jans schiefe Worte auf dem Papier mit ein paar Rissen, bevor der Montagmorgen vor ihren Augen verschwimmt. Einen Moment steht sie still. Sie hält es fest, das unverhoffte bisschen Jan.“ (Zitat S. 13)

Milla und Kristina waren damals mit Jan im Haus am Meer. Jan und Milla sind beste Freunde seit Kindertagen, sie kennt ihn besser als irgendwer sonst. Wie sich später herausstellt, kennt sie jedoch nicht alle seine Geheimnisse. Dass er ihr mehr bedeutet als ein Freund, ist wiederum ihr Geheimnis. Beide haben hin und wieder Beziehungen, zu der Zeit ist Jan Kristina zusammen. Sie verbringen zu dritt einige Sommertage, die in der Katastrophe enden. Alles, was die Zukunft hätte bringen können, scheint unwiederbringlich verloren. Sind die beiden Frauen schuld an Jans Tod? War es ein Unfall? Oder hat er sich das Leben genommen? Nun ist Kristina in einer Klinik; die kleine Emma wächst bei Milla auf.

An diesem Montagmorgen findet Milla nicht nur Jans Einkaufszettel, sondern auch die Kraft, mehr zu tun als den Alltag mit Emma zu bewältigen. Sie fährt zu Kristina in die Klinik, um sie zurück ins Draußen zu holen, ins Leben, zu Emma.

In Kapiteln, die abwechselnd die Gegenwart und die Vergangenheit jener Sommertage erzählen, entfaltet sich die Geschichte über Freundschaft und Liebe, Erwachsenwerden, Schuld und Verlust. „Du gewöhnst dich nicht daran, dass jemand tot ist. Du gewöhnst dich nur daran, wie sehr dir jemand fehlen kann.“ (Zitat S. 42)

Und doch ist es auch eine Geschichte über das Glück. Denn trotz Trauer und Einsamkeit liebt Milla das Leben, sie liebt Emmas Duft nach Honig, den Kaffee aus den schweren blauen Tontassen im Haus am Meer und das, was vielleicht irgendwann sein wird. Das Ende des Romans lässt Raum für die Hoffnung, dass nicht nur Milla und Kristina schwimmen werden, sondern dass das Meer auch Emma trägt.

Der Plot der Geschichte ist nicht wirklich neu, aber die Art, wie sie erzählt wird, ist besonders. Jeder Satz wurde sorgfältig komponiert, jedes Wort passt genau an seinen Platz. Die Sprache wirkt gewichtig und zart zugleich. Sie berührt mich, bringt etwas in mir zum Schwingen. Ich lege das Buch aus der Hand und spüre den Figuren nach. Für mich ein Buch zum Wiederlesen.

Sina Pousset: Schwimmen.
Ullstein, September 2017.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.