Simon Beckett: Die Verlorenen

Simon Beckett gibt dem ersten Band seiner neuen Thrillerserie den Titel Die Verlorenen. Gemeint sind die Menschen, denen nicht mehr geholfen werden kann. Sie leben außerhalb der Reichweite einer Gemeinschaft und erfahren weder Schutz, noch erleben sie ein faires Rechtssystem. Ihr Alltagsleben wird ein gezinktes Pokerspiel, bei dem sie nie die richtigen Karten haben werden. Sie verlieren. So oder so. Jonah Colley arbeitet in einer bewaffneten Spezialeinheit der Londoner Polizei. Für diesen Job muss er in jeder Hinsicht fitt sein. Körperlich und seelisch. Doch seit zehn Jahren befindet er sich in einer Art Schockstarre und funktioniert nur noch. Privat hat er alles verloren. Sein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben hat ihn isoliert. Jetzt steht er für sich allein.

Völlig überraschend ruft ihn ein alter Freund an und bittet ihn um ein heimliches Treffen an einem gottverlassenen Ort. Natürlich mitten in der Nacht.

„Du bist der Einzige, dem ich vertrauen kann.“ (S. 12) sagt der Freund.

Als Jonah zum Treffpunkt kommt, findet er vier Opfer eines Serienkillers. Recht schnell lernt er auf die harte Tour, was es bedeutet, einen Mörder bei seiner Arbeit zu stören.

Wer bereits Bücher des Engländers Simon Beckett gelesen hat, weiß, dass seine Helden viel einstecken müssen. Sie kämpfen meist gegen Gegner, die stärker und absolut skrupellos sind. Sein neuer Held Jonah erfährt so viel Brutalität, dass man in der einen oder Szene glaubt, jetzt ist es mit ihm endgültig vorbei! Wenn aus einem hochtrainierten Polizisten, einer menschlichen Kampfmaschine, ein Fall für das Krankenhaus und Rehamaßnahmen wird, dann gibt es für ihn nur noch zwei Wege: Aufgeben oder kämpfen, obwohl der Körper nicht mehr kämpfen kann. Aus dieser Ausweglosigkeit heraus baut Simon Beckett eine steile Spannungskurve auf. Jonahs Hilfsbereitschaft für den ehemals besten Freund entwickelt sich zu einem Desaster, dessen Ausmaß sich folgenreich und extrem schmerzhaft entwickelt.

Der Autor hat sich dafür entschieden, vorwiegend bei Jonahs Erlebnissen zu bleiben. Dies hat den Vorteil maximale Empathie bei seinen Leser:Innen zu erreichen. Doch gleichzeitig entsteht der Wunsch, Schlüsselszenen beizuwohnen, die das Motiv des Serienmörders weiterführend unterfüttern. Was muss alles geschehen, damit aus einem scheinbar normalen Menschen eine amoralische Zeitbombe auf zwei Beinen wird?

Freunde von harten Thrillern können sich auf die kommenden Bände freuen, in denen ein gezeichneter Jonah auf Konfrontationskurs gegen das große Böse geht. Aus dem Englischen haben Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld den Thriller übersetzt.

Simon Beckett: Die Verlorenen.
Aus dem Englischen übersetzt von Karen Witthuhn & Sabine Längsfeld.
Wunderlich, Juli 2021.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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