Sigrid Undset: Viga-Ljot und Vigdis (1909)

Die Norwegerin Sigrid Undset (1882 – 1949) erhielt 1928 den Nobelpreis für Literatur. Sie wurde berühmt für ihre eigenständigen Island-Sagas, in denen in erster Linie Bauern und nicht Könige oder Adelige eine Rolle spielen. Schauplatz ist das mittelalterliche Norwegen, in dem die Christianisierung langsam vorangeht, Wikinger auf Beutezug sind und auf dem Allting Unstimmigkeiten und Verstöße gegen allgemeines Recht verhandelt werden.

In ihrem frühen Werk aus dem Jahr 1909 erzählt Sigrid Undset von der Begegnung eines Mannes und einer jungen Frau, die sich spontan mögen und ein Paar werden könnten. Viga-Ljot, der aufbrausende, ungezügelte Isländer, ist der Ziehsohn eines Handlungsreisenden. Auf ihrer Reise nach Norwegen trifft er auf die selbstbewusste Vigdis, als Viga-Ljots Ziehvater mit Vigdis reichem Vater Geschäfte machen will. Die Geschäfte gehen ihren Weg, die Gastfreundschaft könnte für die beiden jungen Leute eine gute Basis für eine gemeinsame Zukunft sein, doch Viga-Ljots ungebührliches Benehmen zerstört für immer Vigdis Gefühle. Ernüchtert und verletzt gehen beide getrennte Wege. Der eine trauert um den Verlust, die andere sinnt auf ewige Rache.

1931 erschien die erste Übersetzung von Sigrid Undsets frühem Werk, das ihren schlichten Stil und eine starke Geschichte wiedergab. „… Gabriele Haefs ist nun eine Neuübersetzung … gelungen, die ohne die gestelzten Formulierungen der alten Übersetzung auskommt. Sie hat sich auf die … Kargheit des Originals eingelassen und einen deutschen Ton gefunden.“ (S. 11; aus dem Vorwort von Kristof Magnusson). Auf diese Weise entsteht ein fesselnder, authentischer Roman, der den Leser in ein Mittelalter führt, dem jegliche Romantik fehlt. Harte Lebensbedingungen und alltägliche Gewalt erlauben nur den Starken ein Überleben. Wer stark ist und zugleich klug handelt, hat solange Erfolg, bis ein Stärkerer des Weges kommt und sein Recht fordert. Für Frauen wie die eigenständig denkende Vigdis gibt es wenig Hoffnung auf Glück. Sie bräuchte dafür einen Mann, der sie achtet und nicht benutzt. Die Sitte, die langen Haare der Frau als Fessel einzusetzen oder mit ihnen Blut wegzuwischen, sprechen für raue Zeiten. Das sogenannte zarte Geschlecht stellt die Autorin wie einen biegsamen, starken Baum in tosenden Naturgewalten dar, während Vertreter des männlichen Geschlechts wie Erfüllungsgehilfen um die Gunst ihrer auserwählten Dame buhlen oder den Baum ihrer Wahl mit einer Axt fällen.

Die starke Geschichte zweier Menschen endet natürlich nicht wie in einem Märchen. Die Lebensbedingungen erlauben nur den schweren Weg, auf dem man als Leser ungefährdet eine andere Welt erleben darf.

Sigrid Undset: Viga-Ljot und Vigdis (1909).
Hoffmann und Campe, Januar 2019.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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