Seth Fried: Der Metropolist

Kann eine künstliche Intelligenz zum besten Freund des Menschen werden? Vor allem, wenn dieser Mensch ein sozial inkompatibler Nerd ist wie Henry Thompson, der einen Ruf als größten Korinthenkacker der Verkehrsbehörde genießt? Im Amerika der Zukunft haben sich Super-Citys wie Metropolis gebildet, in denen über 30 Millionen Menschen in futuristischen Wolkenkratzern leben und modernste Algorithmen den Verkehr samt Versorgungsfluss regeln. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Ein Anschlagsserie hat den Supercomputer der Behörde außer Kraft gesetzt und die Zentrale zum Einsturz gebracht. Zudem wurde die Tochter des Bürgermeisters von Metropolis entführt. Henry muss nun beweisen, dass mehr in ihm steckt, als nur ein gesetzestreuer Bürokrat. Er begibt sich in die Höhle des Löwen mit einem außergewöhnlichen Partner an seiner Seite. Der künstlichen Intelligenz OWEN.

Die stellt sich schon bald als menschlicher, egozentrischer und genusssüchtiger heraus, als eine Person aus Fleisch und Blut. OWEN – oder vielmehr seine Projektion – entwickelt eine Vorliebe für Alkohol, sinniert stundenlang über die perfekte Gentleman-Garderobe und reagiert äußert bockig, wenn seine Vorschläge kein Gehör finden. Kein Wunder, vollzog sich OWENs Sozialisierung über den Konsum von Filmklassikern aus den 50er und 60er Jahre. Eine eindeutige Anlehnung an Regisseur Quentin Tarantino, worauf sich der Klappentext „Pulp Fiction meets Science Fiction“ auf der Rückseite des Buches bezieht. Auch an skurrilen Situationen besteht kein Mangel. OWEN hat einen Hang zu kreativen Inszenierungen, die man kaum als subtil bezeichnen könnte. Er selbst kann Projektionen hervorrufen und jede beliebige Gestalt annehmen. Warum also nicht ein paar Wachmänner als furchteinflößender „Monster-Clown“ erschrecken? Warum nicht eine Kampfszene dramaturgisch mit der Titelmusik aus „Die glorreichen Sieben“ unterlegen? OWEN kann auch Henry Projektionen überstülpen, so dass die beiden inkognito in den verrücktesten Formen unterwegs sind.

Während ihrer Mission müssen beide lernen, über sich hinauszuwachsen. Und erstaunlicherweise werden beide, der echte und der künstliche Mensch, in dieser Entwicklung sympathischer, emotionaler und lebendiger als zuvor. Geschickt baut Autor Seth Fried auch Kapitalismuskritik in Richtung USA ein. Am Aufschwung der Städte partizipieren nicht alle, die Armen werden noch mehr abgehängt. Als klar wird, dass das Entführungsopfer – die schöne und hochintelligente Laury – in Wahrheit mit den Terroristen unter einer Decke steckt, beginnt sogar Henry darüber zu sinnieren, ob er auf der richtigen Seite steht.

Auch wenn der Vergleich mit „Pulp Fiction“ etwas hoch gegriffen scheint, wartet das Buch mit irrwitzigen Dialogen und Szenen auf, die ihre Würze aus der Dynamik der beiden unterschiedlichen Hauptcharaktere bezieht. Hier folgt der Autor bewährten Erfolgszutaten wie das unterschiedliche „Ermittlerduo“, das sich erst an den Kragen geht und am Ende zu „Best Buddies“ wird. Es wurde aber selten so kreativ und witzig umgesetzt und dabei auch noch mit gesellschaftskritischen Untertönen aufgewartet. Ein guter Genre-Mix, der bestens unterhält!

Seth Fried: Der Metropolist.
Heyne, Juli 2019.
320 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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