Selin Visne: Die Überlieferung der Welt

Willkommen in den Neuen Götterlanden. Vor einem guten Jahrtausend brach die Armee der Geirrten über die Menschen herein. Für die Überlebenden schufen die Götter eine Zuflucht – einen neuen Kontinent. Hier leben sie, die Adeligen in Saus und Braus, die Verbrecher gut von ihren Opfern und die Armen von der Hand zum Mund. So mache der Menschen besitzen die Gabe der Magie, die den Menschen zusammen mit der heiligen Schrift den Weg zu Frieden und Wohlstand weisen sollte.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen sechs zumeist junge Menschen – die Diebin Laelia, der gelangweilte Adelige Hadrian, der Karriere bei dem organisierten Verbrechen gemacht hat, die Blutende Vena, der Seher Divan, Merla die Konprinzessin und der Stuiosus Bacary. Von Divan angeleitet geht es zunächst darum, die Gefährten der Queste zu suchen und zu überzeugen, dann die Queste selbst zu schultern. Verfolgt vom Königshaus aber auch von Nero, dem Verbrecherfürst begegnen ihnen auf ihrem Weg immer wieder Ungerechtigkeit, Missgunst und Betrug. Gerechtigkeit, so scheint es, ist immer eine Frage der Macht und des Geldes…

Die in Wien geborene Autorin gewann mit vorliegendem Roman, Ihrem Debut, den dtv-Schreibwettbewerb. Und dtv hat sich bei der Veröffentlichung des High-Fantasy-Werkes wahrlich nicht lumpen lassen. Das Cover kommt geprägt und in Spot-Lackierung daher, gleich zu Beginn erwartet den Leser eine Vorstellung der Begabungen sowie eine Karte, so dass man sich in der neuen Welt schnell zurechtfindet.

Jedes Kapitel wird über den Begabten der darin die Führungsrolle übernimmt betitelt, wobei das Hauptaugenmerk der Autorin klar bei Laelia und Hadrian liegt. Divan, der eigentlich für den Plot sehr wichtig ist, nimmt dagegen nur einmal im Fahrersitz platz. Über diesen Kunstgriff, immer wieder wechselnde Erzähler zu nutzen, gelingt es Visne uns ein sehr vielfältiges Bild ihrer Welt zu vermitteln. Gleichzeitig hat der Leser, hatte ich, zu Beginn des Romans durch die vielen Perspektivwechsel ein wenig Schwierigkeiten alles zuzuordnen und in die Handlung abzutauchen.

Hat man die Figuren einmal kennen gelernt und verinnerlicht, bietet sich der Text flüssig zu lesend und inhaltlich spannend an. Die meisten der Protagonisten rekrutieren sich aus einer Altersgruppe von 15 bis 20 Jahren, somit ideale Identifikationsfiguren für die angepeilte jugendliche Leserschicht. Ihnen allen hat das Schicksal übel mitgespielt, dennoch beweisen sie Mut und Zuversicht, müssen sich aber erst zusammenfinden. Diesen Prozess hat die Autorin sehr gut nachvollziehbar geschildert. Ein paar wenige Klischees sind vorhanden, stören aber nicht weiter, da wir den Figuren gerne in ihr Abenteuer folgen.

So ist dies ein Roman, der den Leser nach einem etwas zögerlichen Beginn durchaus fesselt, der spannend unterhält und der Appetit auf eine mögliche Fortsetzung weckt.

Selin Visne: Die Überlieferung der Welt.
dtv, März 2020.
448 Seiten, Taschenbuch, 10,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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