Sara Sligar: Alles, was zu ihr gehört

Der amerikanischen Autorin Sara Sligar gelingt ein faszinierendes Debüt mit diesem Roman um eine zerrissene, zerstörte Künstlerin und eine von ihr geradezu besessene Archivarin.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Buchs, dessen Handlung auf zwei Zeitebenen abläuft. Kate Aitken, eine junge Journalistin, verlässt nach demütigenden und beschämenden Vorkommnissen New York, um in Kalifornien einen neuen Job anzutreten. Es ist Sommer 2017 und Kate findet Unterschlupf bei ihrer Tante Louise und dem Onkel Frank. Und sie findet einen neuen Job als Archivarin bei Theo Brand. Hier soll sie die Hinterlassenschaft seiner Mutter, der berühmten Fotografin Miranda Brand, ordnen und katalogisieren. Diese starb im Jahr 1993, ob es wirklich Selbstmord war, blieb bis zur Gegenwart ungeklärt. Nachdem auch ihr Mann Jake, Theos Vater, nun verstorben ist, soll ihr Nachlass versteigert werden. Dafür soll Kate alles vorbereiten.

Beim Durchforsten der chaotischen Hinterlassenschaften von Miranda – Briefe, Rechnungen, Fotos, Rezepte, Presseartikel – dringt Kate immer tiefer in Mirandas Leben ein und, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen quält, schreckt sie auch vor Indiskretionen nicht zurück. Als Kate schließlich Mirandas Tagebuch findet und zu lesen beginnt, wird ihr Drang, Nachforschungen über die Ursache des Todes von Miranda anzustellen, nahezu obsessiv. War es wirklich Selbstmord? Und wenn nicht, war es Mord und wer war der Mörder? Möglicherweise Theo, der Kate immer mehr verwirrt und auch anzieht?

Parallel lesen wir Mirandas Tagebuch, in welchem sie von ihren künstlerischen Erfolgen und von ihren persönlichen Misserfolgen erzählt. Die Geburt von Theo wird für sie zur psychischen Katastrophe, von der sie sich nie mehr ganz erholt. Schonungslos und offen, erschütternd und verstörend ist, was Miranda in ihrem Tagebuch aufzeichnet. „Dann lag ich in meinem schmalen Bett, meine Gedanken hingen über mir wie ein kunstvoll gewebter Teppich, die Motive prügelten sich um meine Aufmerksamkeit, …“ (S. 155)

So wechseln immer wieder die Erzählstränge. Mal erleben wir, was Kate im Jahr 2017 widerfährt, mal leidet die Leserin mit Miranda in ihrer Ehe. Dabei sind beide Frauen gleichermaßen Opfer männlicher Übergriffe, männlicher Dominanz und beide tragen gleichermaßen tiefe, teilweise unheilbare Wunden.

Fast scheint es, als hätten zwei Autoren an diesem Buch gearbeitet, das von Ulrike Brauns übersetzt wurde. Die Stile, in denen die Geschichten der beiden Frauen erzählt werden, unterscheiden sich dramatisch, so wie sich auch die beiden Frauen letztlich unterscheiden. Die Tagebuchausschnitte Mirandas sind in einer unglaublich deutlichen, dramatischen und drastischen Sprache verfasst. Wohingegen Kates Part in recht konventionellem Stil geschrieben ist, wobei alle Stilmittel wie aus dem Lehrbuch angewendet werden. Hier merkt man vermutlich, dass Sara Sligar unter anderem Kreatives Schreiben an der University of Southern California lehrt. So ist auch (leider) ziemlich früh vorhersehbar, was sich nach und nach zwischen Kate und Theo entwickelt.

Dieser Aspekt schmälert aber weder die Spannung noch Wirkung dieses Romans. Insbesondere Mirandas Leben ist fesselnd und interessant. Dabei versteht es die Autorin sehr geschickt, anhand von diversen Fundstücken zwischen Mirandas Nachlass, quasi zwischen den Zeilen, nach und nach die Geheimnisse um deren Tod zutage treten zu lassen.

Im Original lautet der Titel übrigens „Take me apart“, ein Titel, der mir wesentlich passender und deutlich weniger pathetisch erscheint als der deutsche.

Sara Sligar: Alles, was zu ihr gehört.
hanserblau, Juli 2020.
496 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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