Samuel Selvon: Die Taugenichtse (1956)

Sie nennen sich Mokkas. Die Engländer sehen in den Einwanderern aus den Kronkolonien unerwünschte Schwarze, die den Arbeitern ab 1948 die Jobs wegnehmen. Wie es sich aus Moses Perspektive, der eines Mokkas, im kalten, nebelverhangenen London lebt, zeigt der 1923 in Trinidad geborene Samuel Selvon in seinem zeitlosen Episodenroman.

Moses und seine Freunde lavieren sich durch den Arbeitsalltag. Während der eine gewitzt als routinierter Schnorrer über die Runden kommt, sind die anderen Hilfsarbeiter. Sie brauchen für das Überleben Überstunden oder genug Vögel auf der Fensterbank der eigenen Dachstube. Die Episoden in Moses Erzählung zeigen nicht nur die unterschiedlichen Charaktere. Im Zentrum steht ihr Einfallsreichtum und die Sehnsucht nach einem besseren Leben geht.

Einzigartig dürfte die virtuose Sprache sein. In der kunstvollen Mischung aus Umgangssprache und Dialekt zeigt der Autor die Poesie anderer Sprachkulturen. Im Kapitel über die Sommernächte im Park gerät der Erzähler ins Schwärmen. Ohne Punkt und Komma beschreibt er Anbandeln und Erobern und lässt sich dabei von einem Rhythmus treiben, der an einen ungereimten Rapp erinnert.

Jeder von Moses Freunden will die Wärme und Liebe feiern, um den Alltag in den baufälligen Häusern mit Etagenklo zu vergessen. Im Sommer wollen sie Freude bunkern für die schlechten Zeiten oder die kalte Jahreszeit, wenn für die Gasheizung das Geld knapp wird. Sprachwitz und sprudelnde Lebendigkeit gehen in dem abwechslungsreichen Roman Hand in Hand. Und ab und an blitzt etwas in den Zeilen auf, das Rückschlüsse auf das Leben des Autoren erlaubt. Samuel Selvon ging 1950 nach London und schrieb unter Pseudonym Kurzgeschichten. 1956 veröffentlichte er seinen Roman Die Taugenichtse. Er starb 1994 in Trinidad.

»… Daniel hat ihm erzählt, in Frankreich schreiben alle möglichen Leute Bücher, die dann Bestseller werden. Taxifahrer, Kofferträger, Straßenfeger – egal. Heute schwitzt man in der Fabrik, und morgen ist man in der Zeitung mit Name und Foto das neue Literaturgenie.« (S. 159)

Samuel Selvon: Die Taugenichtse (1956).
dtv, Mai 2017.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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