Sam Sykes: Die Chroniken von Scar 01: Sieben schwarze Klingen

Einst gab es nur das Imperium, regiert an angeführt von einem Kaiser, der eine der von Lady Merchant verliehenen Gaben besass, geschützt durch das Militär und den Magiern mit ihren jeweiligen ganz unterschiedlichen Talenten. Dass die Magie immer ihren Preis fordert sorgte ein wenig für Ausgleich für die Macht, die die Magier ihr eigen nannten. Dann gebar die Imperatorin eine Null, einen Menschen ohne jede Gabe – und wollte ihren Sohn als Erbe und künftigen Imperator anerkennen. Gleich zwei Rebellionen erschütterten daraufhin das Reich – verräterische Magier wollten einen der ihren auf den Thron setzten, ein General rief ein Reich aus, in dem ein Jeder gleich sei. Die anschließenden Kämpfe verwüsteten einen einst paradiesischen Landstrich, die Scar, wie man das heimgesuchte Land nun nennt. Hier verdiene ich mir als Vagrant meinen Lebensunterhalt.

Gestatten, dass ich mich vorstelle; Sal Kakaphonie mein Name, ausgestattet mit einer lebendig wirkenden Waffe und mit einem unstillbaren Durst nach Rache. Für Letzteren bin ich sogar bereit meine große Liebe, eine Freimacherin sausen zu lassen. Sieben Namen stehen auf meiner Liste, sieben rebellische Magier die mich verraten, gefoltert und um etwas gebracht haben, das mir sehr wichtig war. Nein, ich meine nun nicht nur meine Gaben, ich meine mein Vertrauen, meine Liebe! Jetzt wartet das Erschießungskommando der Revolutionäre darauf, ihre Gewehre auf mich anzusetzen. Vorher aber darf ich der Befehlshaberin noch meine Geschichte erzählen – eine Geschichte voller Gewalt, voller Geheimnisse und voller Leiden …

Was ist das für ein Roman, den der Sohn von Diana Gabaldon in seiner ersten Deutschen Übersetzung vorlegt? Von der Anlage her, hat der Autor einen ganz klassischen Ansatz gewählt. Eine zum Tode durch ein Erschießungskommando wartende Deliquentin legt ihre Lebensbeichte ab. Und sie hat so einiges zu erzählen. Man könnte den Roman etwas vereinfachend als „Italo-Western goes Gritty Fantasy“ überschreiben, erwartet den Rezipienten doch eine zynische, (innerlich wie äußerlich) schmutzige, nur bedingt sympathische Hauptfigur, unendlich viel Leid und Grausamkeit.

Nach und nach erfahren wir mehr über ihre Welt, über ihre Waffe, das Kakaphon das drei Arten von Munition verschießt – Höllenfeuer, Raureif, Diskordanz, von Aschmäulern, wie die Assassinnen genannt werden, von eigenwilligen Reitvögeln und Vagranten, also abtrünnigen Magiern, die ihre von Lady Merachant verliehenen Dienste für Metall zur Verfügung stellen. Wir lernen die Scar kennen, ihre Bewohner, den Konflikt der Imperialisten gegen die Revolution und endlich auch den Grund für diesen andauernden Krieg und den Hass, den unsere Protagonistin heimsucht. Dabei ist sie eigentlich ein guter Mensch – wenn sie sich dies doch nur selbst eingestehen und leben würde. Doch ihr Hass, ihre Vereinbarung mit ihrer Waffe gehen ihr über alles persönliches Glück.

Das Gebotene ist keine einfache Lektüre. Als Leser muss man sich auf den Plot einlassen, ist man immer neugierig, was wohl hinter dem nächsten Hügel für neue Katastrophen auf unsere Erzählerin warten, welche Abgründe sich jetzt wieder auftun. Selbst routinierte Schnell- und Vielleser wie ich brauchen für den umfangreichen Band sicherlich mehr als eine Woche – doch ich gebe gerne zu, dass ich mir die Zeit genommen habe. Zu interessant waren die eingeflossenen Ideen von der ganz eigenen Magie, den technischen Erfindungen, der Handlungsorte und der skurrilen Figuren.

Mit achtzehn Euro ist der Roman, einmal mehr der Auftakt einer Reihe, nicht günstig. Dafür aber bekommt der Käufer fast 700 in einem sehr kleinen Satzspiegel und auf dünnes Papier gedruckte Seiten, die von Wolfgang Thon kongenial ins Deutsche übertragen wurden. So ist dies eine Leseerfahrung, für die der Leser Sitzfleisch benötigt, die ihm bitteres Leid, Ungerechtigkeiten und Gewalt offeriert, aber auch durch interessante, vielschichtige Figuren, ein unvergleichliches Setting und einen wundervoll stimmigen Hintergrund punktet. Joe Abercrombie – hier kommt Konkurrenz, großgeschrieben.

Sam Sykes: Die Chroniken von Scar 01: Sieben schwarze Klingen.
Piper, August 2020.
688 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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