Sam Lloyd: Sturmopfer

An dem Tag, an dem ein gigantischer Sturm aufzieht und Lucy Lockes Heimat, den englischen Küstenort Skentel, attackiert, ergießt sich auch über ihre gesamte Familie ein Unheil, das sie zunächst nicht begreifen kann. Denn jede schlechte Nachricht weist in eine neue Richtung, die sie einfach nicht glauben will. Es darf einfach nicht sein, was der eine oder andere gerade behauptet. Die schlechten Nachrichten türmen sich auf wie die Wellen im aufgepeitschten Atlantik. Und es dauert fast zu lange, bis Lucy begreift, warum diese vielen Katastrophen ihr Leben zu zerstören drohen.

Wer schon Sam Lloyds Thriller über den Mädchenwald gelesen hat, weiß, dass der Autor starke Heldinnen in eine bösartige Geschichte platziert, die den normalen Alltagshorror weit in den Schatten stellt. Ein wahrgewordener Alptraum zerstört alles, was vorher sicher schien. Im Falle von Lucy sind da nicht nur Zweifel, ob ihr Mann etwas Wichtiges verheimlicht und die Frage, warum er sich und die Kinder in ernsthafte Gefahr gebracht hat. Dabei dachte sie, die finanziellen Schwierigkeiten und der Verrat des befreundeten Geschäftspartners seien schon schwer zu ertragen. Und dann sind da noch Fins schulische Probleme, die ihre Aufmerksamkeit bündeln und für Ablenkung sorgen. Vielleicht hätte sie das nahende Unheil erkennen können. Vielleicht hätte sie etwas ahnen können. Vielleicht ist die Welt auch eine Scheibe, auf der Heldinnen mit leichter Hand alle Schwierigkeiten meistern, quasi mit einem Fingerschnippen. In so einer Welt wäre kein Platz für geballte Gemeinheiten, und Geschichten hierüber ähnelten einer sanften Guten-Nacht-Unterhaltung.

Wer sich auf Lucys Katastrophe einlassen möchte, wird auf einen spannend erzählten Thriller stoßen, bei dem Undenkbares inszeniert wird. Die Übersetzung aus dem Englischen verfasste die Autorin und freie Lektorin Katharina Naumann.

„Das Wetter wird noch schlechter. Das Meer fällt von allen Seiten über sie her. Der Wind schneidet einen vollen Meter Wasser vom Kamm jeder Welle ab. Die Wogen schlagen mit der Kraft einer Kanonensalve auf sie ein, bringen das Boot zum Schwanken, […] und ziehen Lucy immer wieder den Boden unter den Füßen weg.“ (S. 120)

Sam Lloyd: Sturmopfer.
Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Naumann.
Rowohlt, April 2022.
448 Seiten, Taschenbuch, 17,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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