Sabine Bode: Das Mädchen im Strom

Sie ist groß, schön und selbstbewusst: Gudrun Samuel zieht im Mainzer Strandbad alle Blicke auf sich, wenn sie als 13-Jährige selbstbewusst raucht und oder fahrende Sattelschlepper erklimmt. Der Buchtitel ist hierbei genial gewählt. Beginnt er noch verspielt in den Fluten des Rheins, wird Gudrun schon bald vom Strom des Lebens hinfort gerissen. Auf der Flucht durch das NS-Regime muss die Jüdin um den halben Erdball ziehen, erfährt Armut, Vertreibung und Heimatlosigkeit am eigenen Leib. Mit diesem Buch ist Sabine Bode ein beeindruckendes Portrait einer starken Frau gelungen, die trotz aller Rückschläge das Prinzip Hoffnung lebt, Neubeginn und Versöhnung miteingeschlossen. Der Roman basiert zum Großteil auf der realen Biografie von Gertrude Meyer-Jörgenson, geborene Salomon, die von der Autorin 2011 interviewt wurde. Ein Buch aktueller denn je! Denn es macht den Schrecken begreifbar, dem heute noch Millionen von Menschen weltweit ausgesetzt sind.

Als Tochter eines Schuhgroßhändlers in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, endet Gudruns unbeschwerte Jugend schon bald. Zum Beispiel als ihre Jugendliebe zu dem deutschen Martin plötzlich als „Rassenschande“ gilt. Aus dem eigenen Zuhause vertrieben, im Gefängnis der Gestapo monatelang verhört, begibt sich Gudrun auf die schwierige Flucht über Russland in das Judenghetto von Shanghai. Auch hier ist sie aufgrund des deutschen Kriegsverbündeten Japan einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Durch eigene Stärke und Menschen, die sie unterstützen, wie eine russische Kartenlegerin oder ein wohlhabender Geliebter, gelingt es Gudrun, zu überleben. Sie wird zu „Judy“ und zieht nach Kriegsende nach London. Doch ihre alte Heimat lässt sie nicht los. Ist es möglich, in ein Land zurückzukehren, das ihre Familie ausgelöscht hat? Zu ehemaligen Mitschülerinnen, die von ihrer Zeit beim „Bund deutscher Mädel“ nichts mehr wissen und alle Geschehnisse vor 1945 lieber totschweigen wollen?

Der Roman beschreibt die Seelenzustände seiner Protagonistin sehr authentisch. Schwarz-Weiß-Malerei gibt es hier nicht, weder bei Gudrun, noch bei den Menschen aus ihrer Umgebung wie dem „guten“ SS-Offizier. Die komplexe Gefühlswelt wird sehr anschaulich im Briefverkehr zu Gudruns bester Freundin Margot dargestellt, die noch rechtzeitig in die USA emigrieren konnte. Beide Frauen haben verschiedene Ansätze, um mit dem Schrecken fertig zu werden. Ob Verdrängung oder Aufarbeitung, ob Versöhnung oder Abgrenzung – die Geschehnisse hinterlassen nach 1945 immer noch tiefe Spuren im Seelenzustand der Geflüchteten.

Beim Lesen wird spürbar, dass die Autorin Sabine Bode hier ganz in ihrem Metier ist. Die Kölner Journalistin und Autorin hat sich bereits in ihrem Buch „Die verlorene Generation“ dem Schicksal von Kriegskindern gewidmet und aufgezeigt, wie Traumata über Generationen hinweg weitergetragen werden. Bode, geboren 1947 und somit selbst ein Nachkriegskind, hört hin, kratzt an der Oberfläche von Schutzpanzern. Das ist auch gut so. Denn die wohl wichtigste Fragen lauten: Wie kann jemand trotz solcher Erfahrungen ein erfülltes Leben führen? Und wie ist eine Aussöhnung zwischen Jägern und Gejagten oder vielmehr verfeindeten Gruppierungen überhaupt möglich? Fragen, die heute noch so aktuell sind wie im Jahr 1945…

Fazit: Ein authentischer, mitreißender Roman über eine starke Frau, die gerade in heutigen Zeiten Mut zu Aufarbeitung und Versöhnung macht! Neben „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz der zweite große Wurf des Klett-Cotta-Verlages, der sich diesem so wichtigen wie schwierigen Thema bravourös annimmt.

Sabine Bode: Das Mädchen im Strom.
Klett-Cotta, Oktober 2018.
350 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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