Rye Curtis: Cloris

Cloris ist der Vorname der einen Protagonistin dieses wirklich erstaunlichen Romandebüts des jungen Texaners Rye Curtis. Cloris Waldrip ist 72 Jahre alt, als sie sich zusammen mit ihrem Mann, den sie stets nur Mr.Waldrip nennt, auf einen Rundflug über die Bitterroot Mountains begibt. Doch das kleine Flugzeug stürzt mitten in der Wildnis ab und nur Cloris überlebt, so gut wie unverletzt. Nur mit ihrer Handtasche, dem Pullover des toten Piloten und einigen Karamellbonbons bricht sie auf, in der Hoffnung auf Rettung.

Die zweite beeindruckende Protagonistin ist Debra Lewis, Rangerin im National Forrest. Als sie von dem Flugzeugabsturz erfährt, glaubt sie als Einzige fest daran, dass Cloris überlebt hat und macht sich auf die Suche nach ihr.

Cloris kommt aufgrund ihres Alters und weil ihr jede Kenntnis von Überlebensstrategien in freier Natur fehlen, nur sehr langsam voran. Doch es scheint, als hielte jemand seine schützende Hand über sie. Irgendwer hilft ihr, Feuer zu entzünden, versorgt sie mit Essbarem und bewahrt sie vor Unfällen. Es dauert lange, bis sich ihr geheimnisvoller Beschützer zu erkennen gibt und sie mit ihm Freundschaft schließen kann.

Die beiden Frauen, die die gesamte Handlung dieses fesselnden Romans tragen, sind sehr unterschiedlich und doch auch wieder nicht. Die Eine will überleben, sie rettet sich von einem Tag zum nächsten, manchmal kurz davor, jede Hoffnung auf Rettung aufzugeben, sich aufzugeben. Während ihrer mühsamen Wanderung durch den dichten Wald hat sie viel Zeit, über ihre Vergangenheit zu grübeln, darüber nachzusinnen, was sie falsch gemacht hat und was vielleicht auch richtig. Und was sie, wenn sie nochmal die Chance bekäme, anders machen würde.

Die Andere, Rangerin Lewis, ist eine sich selbst zerstörende junge Frau. Ihr Mann hat sie wegen einer anderen verlassen und damit kommt sie nicht zurecht. Sie wird zur Alkoholikerin, trinkt ununterbrochen Merlot, den sie heimlich in ihre Thermosflasche füllt. Gegen den Widerstand ihres Vorgesetzten und ihres Kollegen setzt sie durch, dass die Suche nach Cloris weitergeht, nachdem man das Flugzeugwrack gefunden hat. Doch will Cloris überhaupt gefunden werden?

Es ist im Grunde nicht viel, was geschieht auf den 350 Seiten dieses Romans. Und doch bleibt er bis zur letzten Seite spannend. Das liegt eben an diesen faszinierenden Frauenfiguren, die mit spitzer, pointierter Feder beschrieben sind. Dabei ist nicht alles traurig oder deprimierend, es gibt durchaus auch Szenen, bei denen die Leserin schmunzeln muss.

Cloris ist, wie mir scheint, eine Frau, die sich zwar nicht viel zutraut – sie gehört der Generation von Frauen an, die alle großen Entscheidungen ihren Männern überließen – die aber dennoch recht gemütlich in sich selbst ruht. Ihre süffisanten Betrachtungen über die anderen Frauen in ihrer Methodistengemeinde zu Hause lassen die Leserin jedes Mal breit grinsen. Rangerin Lewis hingegen hadert mit allem und jedem. Obwohl sie Gefühle für einen neuen Mann in ihrem Leben entwickelt, lässt sie diese Gefühle nicht zu.

Und auch all die anderen Figuren, die um die beiden Frauen kreisen, sind mit großem Verständnis, zartem Humor und viel Sympathie gezeichnet. Rye Curtis hat ein feines Auge für Kauze und Sonderlinge, für liebenswürdige Absonderlichkeiten seiner Mitmenschen. Auch wenn die Erlebnisse von Cloris auf ihrer Wanderung durch die Berge sich immer mal wiederholen und auch wenn der Running Gag der Merlot-trinkenden Rangerin sich mit der Zeit ein klein wenig abnutzt, so ist dieser Roman eine wunderbar herzerwärmend und spannend erzählte Geschichte, die Hoffnung auf mehr Bücher dieses Autors macht.

Rye Curtis: Cloris.
C. H. Beck, September 2020.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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