Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter (1921)

„Wenn man ihm glauben wollte, waren die Leute ständig damit beschäftigt, das Allerschlimmste entweder zu tun oder tun zu wollen oder zu wünschen und zu träumen, sie hätten es getan.“ (S. 247) Sigmund Freuds Lehren sind gerade in Mode, als die 63-jährige Mrs Hilary erstmals einen Psychiater aufsucht. Offiziell wegen Schlafstörungen, inoffiziell wegen Depressionen. Genauer: Weil sie mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen weiß, außer sie totzuschlagen. Von ihrem Therapeuten erfährt sie, dass ihre jüngste Tochter mit Affinität zu fragwürdigen Affären, nicht etwa in Sünde lebt, sondern „dem natürlichen Selbst gehorcht“.

Unfassbar amüsant, geistreich, sarkastisch: „Ein unerhörtes Alter“ ist ein Roman, der sich gleich auf mehreren Ebenen positiv hervorhebt. Sein großer Trumpf liegt in den Hauptdarstellerinnen. Selbst die Tratschmäuler, Aufbrausenden und Exzentrischen unter ihnen (also praktisch alle!) erobern sofort das Herz der hingerissenen Leserschaft. Das Erstaunlichste: Obwohl Macaulays Werk vor genau 100 Jahren publiziert wurde, ließe es sich problemlos in die Jetztzeit transferieren. Frauen stürzen in Midlife- und Selbstfindungskrisen, müssen sich zwischen verschiedenen Lebensmodellen entscheiden und äugen doch stets auf das der anderen. Dabei zeichnet die Autorin äußerst emanzipierte Charaktere. Während in anderen Romanen die Mehrheit der weiblichen Handlungsträger 1920 gerade erst das Korsett ablegt, schwimmen ihre Protagonistinnen durch Wellenbrecher, streben nach akademischen Titeln, verdienen ihr eigenes Geld, pflegen amouröse Bekanntschaften, tingeln durch Europa – und geben sich nicht mit dem zufrieden, was sie haben.

Im Mittelpunkt steht Neville, älteste Tochter von Mrs Hilary. An ihrem 43. Geburtstag überfällt sie eine Art Torschlusspanik. Ihre Kinder Gerda und Kay gehen mittlerweile eigener Wege und die Rolle als Ehefrau (wenngleich an der Seite eines wohlhabenden Politikers) erfüllt sie nicht mehr. Also beschließt sie, ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen. Dumm nur, dass ihr Verstand die letzten Jahre ebenfalls gealtert ist… Doch ihre eigene Mutter ist ihr ein abschreckendes Beispiel. Die herrlich spitzzüngige Mrs Hilary hat sehr resolute Ansichten, meist bar jeder Faktenlage, an denen sie unbeirrt festhält. Seit dem Tod ihres Ehemannes fühlt sie sich jedoch wie ein unnützes Werkzeug, das seinen Dienst getan hat. Nun lebt sie mit ihrer 83-jährigen Mutter in einem kleinen Küstenort und weiß ihre Tage nicht sinnvoll zu füllen. So soll es mit Neville nicht enden! Sie beneidet ihre Schwester Pamela, die als Sozialarbeitern Gutes bewirkt sowie ihre Schwester Nan, die als Schriftstellerin ein wesentlich aufregenderes Leben führt. Letztere will ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben, nicht einmal für die Avancen des sympathischen Barry. Erst als dieser einen Blick ihre 20-jährige Nichte wirft, kommen in Nan Zweifel auf.

Die Hilary-Familie, welche mehrere Frauengenerationen umfasst, zeigt den Zeitenwandel: Fanden die Älteren noch Trost in Religion und den Aufgaben im familiären Bereich, wollen die Jüngeren politisch aktiv sein und sich selbst verwirklichen. Zuspruch finden sie in Psychoanalyse oder bolschewistischen Manifesten. Es ist erstaunlich, wie federleicht es der Autorin – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung selbst 40 Jahre alt geworden – gelingt, diese Themen anzugehen. Da sind die inneren Monologe, die auf köstliche Art aufzeigen, was die Akteure wirklich über ihr Gegenüber denken. Da sind die von ironischen Spitzen gespickten Dialoge, in denen sich die Sprechenden die Pointen gegenseitig zuspielen, meist ganz unbewusst. Kein Wunder: Rose Macaulays über 20 verfasste Romane waren meist satirischer Natur.

Kurz: Ein absolut hinreißendes Buch! Amüsant-geistreich werden hier familiäre sowie gesellschaftliche Themen mit locker-flockiger Zunge serviert und mit typischen britischen Gepflogenheiten garniert. So erfahren wir, dass britische Upper-Class-Ladies sehr anstrengende Reisebegleiterinnen sein können, zumindest für ängstliche, temperaturempfindliche Wesen. Bleibt zu hoffen, dass noch mehr Werke dieser britischen Autorin den Sprung auf den deutschen Buchmarkt schaffen! Mit Irma Wherli wurde eine talentierte Übersetzerin gefunden, welche die ironischen Feinheiten mühelos in unsere Sprache überträgt.

Rose Macaulay: Ein unerhörtes Alter (1921).
Aus dem Englischen übersetzt von Irma Wehrli.
DuMont Buchverlag, Juni 2021.
304 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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