Robert Williams: Tief in den Wald hinein

waldAls Harriet geboren wird, schreit sie fast ununterbrochen. Ihre Eltern, Thomas und Ann, gehen vergeblich von Arzt zu Arzt. Schreien sei normal, hören sie als Erklärung. Ihre Verzweiflung führt zu dem Arrangement, abwechselnd die nächtliche Betreuung zu übernehmen, damit der Rest der Familie Schlaf findet. Eines Nachts entdeckt Thomas, dass Harriet im Wald von Abbeystead nicht mehr schreit. Mehrmalige Versuchen zeigen das gleiche Ergebnis. In diesem Wald fühlt sich die Tochter zum ersten Mal richtig wohl. Die Eltern beschließen, ihr Haus in der Stadt zu verkaufen und eine heruntergekommene Scheune im Wald zu sanieren. Das Leben in der Einsamkeit scheint für die gesamte Familie eine glückliche Entscheidung zu sein.
Die friedliche Idylle wird gestört, als Männer eines Abends in ihr Haus eindringen und die gesamte Familie in Geiselhaft nehmen. Am nächsten Morgen soll Thomas, der Direktor einer Bank ist, den Männern den Banktresor öffnen, während zwei von ihnen bei Ann, Harriet und ihrem Bruder Daniel bleiben. Das Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit und dem kleinen Glück ist nun zerbrechlich geworden.
Robert Williams dritter Roman »Tief in den Wald hinein« ist nicht nur wunderschön geschrieben, sondern auch spannend zu lesen. Unweigerlich fühlt der Leser mit den liebevoll gezeichneten Protagonisten, als seien sie »reale Menschen«. Aus der Perspektive von vier grundverschiedenen Personen wird deren Sehnsucht nach einem friedvollen oder erfolgreichen Leben beschrieben. Der zu klein geratene Keith leidet unter einem Minderwertigkeitsgefühl. Jeden größeren Menschen betrachtet er automatisch als einen Akt der Häme. Deshalb will er um jeden Preis Erfolg haben. Thomas und Ann lieben einander, können aber nicht immer ihre unterschiedlichen Bedürfnisse miteinander verbinden. Und Raymond, hünenhaft und schüchtern zugleich, kämpft mit seiner tiefsitzenden Einsamkeit. Der Überfall verknüpft und verändert nachhaltig ihre Biografien.
Viel zu schnell ist die letzte Zeile erreicht. Romane wie diesen sollte es häufiger geben.

Robert Williams: Tief in den Wald hinein.
Berlin Verlag, Februar 2016.
304 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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