Robert Moor: Wo wir gehen

Die ältesten Pfade entstanden vor über 550 Millionen Jahren. Am südöstlichen Ende von Neufundland wurden auf einer Felszunge die Abdrücke von Ediacara, der wohl frühesten bekannten Form tierischen Lebens, entdeckt. Ameisen folgen auf ihren Straßen der Pheromonspur von Artgenossen. Zebras erobern sich einen alten Pfad aufs Neue, indem sie dem Erinnerungsvermögen von Elefanten vertrauen. Wege sind keine Erfindung der Menschen.

Der US-amerikanische Autor und Journalist Robert Moor ist ein leidenschaftlicher Wanderer. Im Frühjahr 2009 nahm er eine Herausforderung an, die schon seit Kindheitstagen auf ihre Chance wartete: Er machte sich auf, den Appalachian Trail zu bezwingen – mehr als 2000 Meilen vom Springer Mountain in Georgia bis zum Mount Katahdin in Maine. Beim Laufen kamen die Fragen: Warum gibt es Wege und wie entstehen sie?

Auf der Suche nach Antworten reist Robert Moor sieben Jahre lang quer über den Globus. Er trifft sich mit Forschern, Wanderern, Wegebauern, Schafhirten, Jägern und vielen anderen ganz unterschiedlichen Menschen. Er begleitet sie bei ihrem Tun und auf ihren Wegen und nähert sich so von verschiedenen Seiten dem Wesen von Wegen und Pfaden.

Der Text mäandert gemächlich durch Täler und Gipfel von Fragen und Erkenntnis. Robert Moor lässt sich Zeit, macht immer wieder Abstecher zu Freunden aus den Wochen der ersten Wanderung, gönnt sich gelegentlich einen Ausblick auf die Schönheit der Wildnis, lässt seinen Blick über verschiedene Landschaftsformen schweifen, verweilt gar bei Darwin, Aldous Huxley oder dem Eremiten Han. Vor allem aber lässt er seine Gesprächspartner zu Wort kommen. Er begegnet dem Navajo-Schafhirten mit dem gleichen offenen Interesse wie dem Oxforder Wissenschaftler oder den Mitarbeitern im Elephant Sanctuary in Tennessee. Er lässt sie berichten, hört sich ihre Geschichten an und stellt Fragen. Er trägt Puzzlestein für Puzzlestein zusammen.

Moor beschreibt Wege als optimale Verbindung von zwei Punkten und gleichzeitig als Reduzierung unendlicher Möglichkeiten auf eine Linie. Freiheit in der Beschränkung. Er zeigt an verschiedenen Beispielen, wie Wege entstehen und sich verändern, wie sie an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden. Wege führen immer zu einem Ort, an dem es etwas Lohnendes gibt. Ameisen zum Beispiel sondern erst dann ein Spurpheromon ab, wenn sie Nahrung gefunden haben. Elefanten legen komplexe Wegenetze an, mit deren Hilfe sie sich in der Landschaft orientieren.

Für indigene Völker waren Pfade die Adern ihrer Kultur und das Land ein Wissensspeicher, weil Orte mit Ereignissen, Traditionen und vielfältigen Informationen verknüpft sind, welche durch Pfade verbunden werden. Für uns, die wir uns heute mittels technischer Hilfsmittel deutlich schneller bewegen können, sind Wegenetze ein System aus Knotenpunkten und Linien und die Landschaft ist ein Hindernis, welches es zu überwinden gilt.

Das Buch ist die Dokumentation des Erkenntnisprozesses. Es zieht den Bogen bis hin zu den Entscheidungen, mit denen wir unseren Lebensweg gestalten; bis hin zu der Frage, was Freiheit bedeutet. Es lädt ein, über den eigenen Weg nachzudenken. Was will man mehr?

Robert Moor: Wo wir gehen: Unsere Wege durch die Welt.
Insel Verlag, November 2020.
413 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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