Robert Jackson Bennett: Die Stadt der träumenden Kinder

„Es ist ungerecht, dass Menschen, die wir lieben sterben und uns allein zurücklassen. Aber noch ungerechter ist, dass sie niemals ganz von uns gehen.“ (Seite 401)

Einst, so lange ist es noch nicht her, stürzten sie ihre auf Erden wandelnden Götter. Die Rede ist vom Kaj und der Säuberung, wie der Göttermord inzwischen genannt wird. Schwarzes Blei, die einzige Waffe, die gegen Götter wirkt, war der Schlüssel zur Befreiung des Kontinents. Sigrud je Harkvaldsson hat damals daran ebensowenig teil, wie seine Freundin, Vorgesetzte und Politikerin Shara Komayd. Später aber wurden sie als Agenten in Dienst des Kontinents in die Auseinandersetzungen mit göttlichen Relikten und den wenigen, versteckten Göttern verwickelt – in einer sehr direkten Art und Weise. Damals sorgte Sigrud höchstselbst für das Ableben zweier der letzten verbliebenen Götter. Doch auch das ist lange her.

Inzwischen ist Sigrud verfemt und auf der Flucht vor seinem alten Arbeitgeber im tiefsten Wald als Baumfäller unterwegs. Doch selbst hier, am Ende der bekannten Welt wird bekannt, dass die frühere Ministerin Shara einem Mordkomplott zum Opfer fiel. Sigrud macht sich auf in die Hauptstadt um Rache zu üben. Er findet den Attentäter, doch dann stößt er auf Hinweise, die nicht sein können, nicht sein dürfen. Anhaltspunkte, dass bei dem Anschlag göttliche Kräfte eingesetzt wurden – doch wie kann das sein, wenn es keine Götter mehr gibt?

Es stellt sich heraus, dass sich die pensionierte Shara beileibe nicht zur Ruhe gesetzt hat – sie suchte, fand und schützte Götterkinder – die jetzt von etwas Dunklem, etwas Mächtigen und Skrupellosen gejagt werden. Zu diesem gehetzten Wild gehört auch Sharas adoptierte Tochter – was die Sache für Sigrud zu etwas Persönlichem macht – er hat ja leidlich Erfahrung im Kampf gegen göttliche Mächte …

Robert Jackson Bennetts Trilogie wird mit diesem Band abgeschlossen. Dies ist zu bedauern, wusste der Autor doch ein ganz eigenes Erzählgarn zu spinnen. Das war weitab von dem sonst Üblichen, bot beste Unterhaltung und ging ungewöhnliche Wege.

Dabei scheute sich der Autor auch nicht seine Erzähler immer wieder auszutauschen, Sympathieträger eines mehr oder minder glanzlosen Tod sterben zu lassen. Ihm ging und geht es mehr darum, uns seine Welt auch in Details überzeugend vorzustellen und diese realistisch auszugestalten. Entwicklungen brauchen Zeit, Menschen verändern sich, altern und sterben – das ist der Lauf der Welt und Bennett nutzt dies, um uns seine Welt begreifbar und überzeugend zu machen.

Er mixt technische mit gesellschaftlichen Fortschritten, zeichnet das Bild einer Zivilisation, die sich fortentwickelt. Dass es in dieser Welt dann aber auch Platz für Wunder, für göttliche Mirakel und für finstere Geheimnisse gibt, macht die Bücher so interessant. Nie kann der Leser vorausahnen, wie es wohl weitergehen wird, immer wieder gelingt es dem Autor uns zu überraschen. Überraschen durch Wendungen im Plot aber auch mit der Zeichnung und der Veränderung seiner Figuren. Und dies sind Menschen und Götter, die es wahrlich nicht leicht haben. Sie leiden, sie sind verzweifelt, sie sind ausgebrannt und doch zwingt ihnen ihr Schicksal auf, ein ums andere Mal in den eigentlich aussichtslosen Kampf um die Chance auf eine bessere Zukunft einzugreifen.

Neben den passenden Titelbildern darf ich hier noch auf die sehr gefällige Übersetzung von Eva Bauche-Eppers hinweisen, die die Lektüre zu einer wahren Freude macht.

Als Fazit bleibt, dass Bennett es geschafft hat etwas ganz Eigenes zu kreieren, uns nicht die Queste eines Protagonisten zu offerieren, sondern das überzeugend real wirkendes Bild einer Welt zu zeichnen, die von Göttern bewacht und heimgesucht, von Menschen bewohnt und ausgebeutet und vom Schicksal gebeutelt wurde und wird.

Robert Jackson Bennett: Die Stadt der träumenden Kinder.
Bastei Lübbe, März 2018.
656 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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