Robert Galbraith: Die Ernte des Bösen, gelesen von Dietmar Wunder

ernteVorab sei gesagt, ich bin ein Fan. Ein neuer Fan. Ein großer Fan. Nicht nur von der großartigen Story, nein, auch von Dietmar Wunder, der perfekte Inszenierer für Robert Galbraiths „Die Ernte des Bösen“. Dazu muss ich sagen, dass ich weder Teil 1 noch 2 dieser Krimireihe kenne und mir das Hörbuch nur auffiel, weil der Name „Cormoran Strike“ mich faszinierte. Auch wusste ich mit dem Pseudonym „Robert Galbraith“ nichts anzufangen. Die Entwicklung vom Zauberhandwerk zum Krimi ist schlicht und ergreifend an mir vorbei gegangen. Wenn man das Freunden erzählt, erntet man diese mitleidigen Blicke und hochgezogenen Augenbrauen. Zudem wurde mir mitgeteilt, dass ich Teil 3 auf gar keinen Fall hören dürfe, ohne die beiden vorangegangenen Teile gehört oder gelesen zu haben. Nun denn, ich habe es trotzdem gewagt und bin von der ersten Minute an belohnt worden und war der Atmosphäre á la Raymond Chandler sofort erlegen.
Zur Geschichte…
Cormoran Strikes kleine Privatdetektei in London läuft, nach den erfolgreich gelösten Mordfällen an einem berühmten Model und an einem bekannten Romanschriftsteller, sehr erfolgreich. Seine Mitarbeiterin Robin Ellacott, die mitten in ihren Hochzeitsvorbereitungen steckt, unterstützt ihren Chef tatkräftig, oft deutlich zeitintensiver als es ihrem Verlobten Matthew lieb ist.
Das Leben der beiden Ermittler ändert sich schlagartig, als Robin ein abgetrenntes Frauenbein in die Detektei zugeschickt wird. Bei genauer Untersuchung des Päckchens findet man einen Zweizeiler eines Liedtextes der Gruppe Blue Oyster Cult. Cormoran Strike ist sich sicher, dass der Absender ihn mit diesem makabren Geschenk treffen will, da er selbst ein Bein in seiner Armeezeit verlor und er durch seine Eltern sowie seinem Stiefvater enge Verbindungen zur Musikszene hatte. Sofort fallen ihm vier üble Gestalten aus seiner Vergangenheit und Armeezeit ein, die für dieses Verbrechen in Frage kommen. Jeder einzelne, das weiß Strike, ist zu unfassbaren Grausamkeiten fähig. Besonders sein verhasster Stiefvater, einem ehemaligen Rockstar, dem man den Mord an Strikes Mutter nie nachweisen konnte, rückt für Strike unweigerlich in den Fokus.
Unterdessen erntet der Mörder für die morbide Zurschaustellung seines Verbrechens das breite Interesse der Öffentlichkeit. Weitere Päckchen mit grausamen Inhalten erreichen die Detektei, weitere Liedzeilen erreichen den Hörer.  Gierig stürzt sich die Presse auf Cormoran und Robin. Durch die negative Berichterstattung und üble Nachrede gerät die Privatdetektei in Rekordgeschwindigkeit in Verruf und Cormoran Strike selbst in Verdacht. Neue Aufträge bleiben aus, das Geld wird knapp und Robins Arbeitsplatz steht auf der Kippe. Die Polizei, zwar bemüht um Aufklärung, ermittelt aber in die falsche Richtung und so nehmen Cormoran und Robin die Sache selbst in die Hand. Ihre Recherchen zur Vergangenheit jener grausamen Männer, die Strike verdächtigt, führen sie ins trostlose ländliche und kleinstädtische England. Hohe Arbeitslosigkeit bietet hier den Menschen wenig Perspektive auf ein gutes Leben. Ein Bier im örtlichen Pub ist das Highlight des Tages, viele Karrieren münden unweigerlich auf der schiefen Bahn. Jeder scheint hier bereit zu sein seine Mutter für ein paar Pfund an den Teufel zu verschachern. Für den Hörer wird klar, dass das unbarmherzige Leben in jener Trostlosigkeit einen grausamen Charakter noch um ein vielfaches erbarmungsloser werden lassen kann – „Great Britain not so great“.

Immer enger zieht sich die Schlinge um den bestialischen Mörder, immer deutlicher wird die Dimension seiner grausamen Natur und sein Hass auf Cormoran Strike. Immer mehr gerät Robin in tödliche Gefahr. Das große Finale, der Höhepunkt kommt zum Schluss á la Raymond Chandler, macht es zu einem aufregenden und spannenden Hörerlebnis und man will auf keinen Fall, dass es endet. Besonders da die undurchsichtige Verbindung zwischen Strike und Ellacort dem Ganzen eine tiefgründige und aufregende Note gibt. Das Aufregendste an der Galbraiths Kriminalroman sind also nicht allein die spektakulären und abscheulichen Verbrechen, das Ausmaß des menschlichen Bösen, sondern genau jene Verwirrungen in der Beziehung des Ermittlerduos Strike und Ellacort. Geschichten ihrer Vergangenheit, Höhen und Tiefen, Liebe und großes Leid kommen ans Licht – warum hat Robin nie ihr Studium beendet, was geschah wirklich mit Cormoran Mutter, …?
Es knistert zwischen den beiden in einer Lautstärke, die ohrenbetäubend für jeden Zuhörer wahrnehmbar ist. Nur die beiden Protagonisten scheinen es nicht zu hören, nicht hören zu wollen. Und wenn es ihn nicht schon gäbe, den Erzähler mit der männlich verführerischen Stimme, Dietmar Wunder, müsste man ihn glatt erfinden. Ein wahrer Hörgenuss wie er, zwischen diesen unsagbaren Grausamkeiten, das Knistern zwischen Cormoran und Robin ganz nebenbei als den eigentlichen Mittelpunkt in Szene zu setzen vermag. Ich bin mir sicher, der Autor kann von Dietmar Wunders Erzählerqualitäten nur begeistert sein, da Galbraiths hoch spannendes Werk „at its best“ vorgetragen wird.

Robert Galbraith: Die Ernte des Bösen, gelesen von Dietmar Wunder.
Random House Audio, Februar 2016.
1 mp3-CD, 15,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Steffi Scheffer-Thielmann.

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