Rick Riordan: Tochter der Tiefe

Ihr ganzes bisheriges Leben – immerhin 17 Jahre – hat Ana auf diesen Tag hingefiebert. Seit ihrer frühesten Jugend besucht sie, wie ihre Eltern, Großeltern und so weiter bis tief in die Vergangenheit vor ihr die Harding-Pencroft Academy. Jetzt in der neunten Klasse steht ihre Jahrgangsprüfung an. Wenn sie diese besteht, dann werden ihr, wie ihren Kassenkameraden und Kameradinnen, die Geheimnisse der Academy offenbart. Wer von der HP-Academy abgeht, der hat das Rüstzeug, in allen Zweigen, die auch nur entfernt mit dem Meer zu tun haben, Top-Positionen einzunehmen. Dabei sind die Zöglinge von der HP sogar noch einen Tick besser als ihre Konkurrenten von dem konkurrierenden Land Institute. Dumm, dass, kaum dass die Jahrgangsstufe zum Schiff aufgebrochen ist, das sie zu ihrer Prüfung bringen soll, ein Torpedo die Academy mit all ihren Bewohnern vernichtet. Das Stück Land an der Küste Kaliforniens verschwindet in einem Feuerball, das Land Institute hat den Kampf auf ein neues, ein ultimatives Level gehoben.

Nur mehr die 9. Klasse und ihr vom Krebs gezeichneter Lehrer sind übrig. An Bord des Schiffes fliehen sie zunächst aufs offene Meer. Hier offenbart ihnen ihr Professor das Geheimnis hinter der Academy.

HP schützt das Wissen und die Erfindungen Kapitän Nemos.

Hoppla, jetzt stutzen Sie – Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Die geheimnisvolle Insel“ kommen Ihnen in den Sinn – Hirngespinste, Phantasieerzählungen aus dem 19. Jahrhundert – nur, dass vieles, was sich Verne da hat einfallen lassen, tatsächlich existiert. Kalte Fusion, die Nautilus, Reichtümer und bahnbrechende Erfindungen zuhauf – alles real und den Erben Nemos zugänglich. Von diesen Erben aber ist nur eine, nämlich unsere Ana, übrig. Verfolgt von den Häschern des Land Instituts, die sich die Schätze – sowohl die technischen Wunder als auch die Diamanten und das Gold – aneignen wollen, beginnt eine Jagd nach Wissen, nach Reichtum und nach dem Vertrauen der Nautilus – der ersten KI …

Rick Riordan hat wunderbare Serien verfasst. In diesen hat er die antiken Götter-Pantheone in unsere Zeit versetzt, uns von Halbgöttern und ihren Verwandten berichtet und diese jeweils auf eine atemberaubend abenteuerliche Queste geschickt. Die griechischen Götter und ihre römischen Vettern wurden dabei ebenso beleuchtet, wie die alt-ägyptischen und die nordischen Übernatürlichen. Nun wendet er sich einem neuen Steckenpferd zu. Er nimmt die ihn als Jugendlichem wenig faszinierende Vorlage Jules Vernes und spielt das willkommene Spiel – was wäre, wenn die zugrunde liegende Geschichte wirklich wahr gewesen wäre?

Wenn es den indischen Adeligen wirklich gegeben hätte, sein U-Boot, die Nautilus und all seine Erfindungen wirklich wahr gewesen wären? Die Menschheit könnte einen riesigen Schritt voran machen, oder aber die Konzerne würden mit allen Mitteln versuchen, sich die Erfindungen anzueignen, um diese, damit ihre eigenen Werke nicht stillständen, schlicht verschwinden lassen – Profit geht schließlich über alles. Um dieses Szenario zu vermeiden, wurde die HP-Academy gegründet. Dass sie einen Gegner hat – ebenfalls von Familien gegründet, die in Vernes Roman vorkommen, die aber einen ganz anderen Ansatz vertreten als die Academy -, sorgt für die notwenige Dramatik. Dass unsere Erzählerin einer Familie entstammt, die aus Indien eingewandert ist, dient als Aufhänger für Diversität.

Soweit zum eigentlich interessanten Ansatz. Allerdings funktioniert der erste Ausflug Riordans in Verne´sche Gefilde nicht ganz so gut, wie der zu den antiken Göttern.

Zwar ist unsere Erzählerin altersmäßig der Zielgruppe der Romane angepasst, dann erinnert aber vieles zunächst an die Kings Man oder 007 Bond – viel Pyrotechnik, die Jagd der Verfolger und das letztlich nicht unbedingt stimmige Verhalten unserer Flüchtlinge, als sie ihre Gegner zunächst einmal ausschalten können, diese dann aber wieder frei lassen (was sich – natürlich – rächt).

Das hat durchaus jede Menge Tempo und Dramatik, irgendwie aber nimmt der Lesende unserer Erzählerin ihre Gefühle nicht ganz ab. Zu mühelos steckt sie die massiven Schicksalsschläge weg, findet sie immer zur rechten Zeit per Zufall oder Bestimmung eine recht einfache Lösung.

Dabei bietet der Plot eigentlich jede Menge Anknüpfungspunkte. Die Schönheiten der Tiefsee, die Wunder der Nautilus die so ganz anders gebaut ist und auch begriffen wird als moderne Wunderwerke der Technik, die Freundschaft mit den intelligenten Delphinen – das alles bleibt, wenn überhaupt, am Rand der Erzählung. Hier hat Riordan großes Potenzial verschenkt.

Aber auch die Beziehungen der Eleven untereinander sind eher einfach gestrickt. Sicherlich, da gibt es eine autistische Freundin, hat unsere Erzählerin ab und an Anxiety-Anfälle, doch alles löst sich zu einfach, zu schnell und wenig belastend in Wohlgefallen auf. Zu mühelos nimmt unsere 17-jährige, die gerade alles, was ihr auf der Welt verblieben ist, verloren hat, die Rolle der charismatischen, energischen Anführerin an, geht immer von Neuem mutig voran, löst im Handumdrehen Probleme und Rätsel – hier macht es sich der Verfasser für meinen Geschmack ein klein wenig zu einfach.

So bietet der vorliegende Roman zwar durchaus flüssig und spannend zu lesende Unterhaltung, kommt aber bislang bei Weitem nicht an die bisherigen Reihen des Bestseller-Autors heran.

Rick Riordan: Tochter der Tiefe.
Aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Haefs.
Carlsen, Mai 2022.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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