Richard Yates: Easter Parade (1976)

Der amerikanischer Meister vielschichtiger Charaktere hat es wieder geschafft: Er packt uns mit Haut und Haar, lässt uns tief ins Gefühlsleben seiner Protagonisten eintauschen. Hier sind wir nicht Zaungäste, hier sind wir Mitwisser, Mitdenker, Mitfühler. In diesem ausgefeilten Roman zeichnet er das Schicksal zweier ungleicher Schwestern im Amerika der 30er bis 70er Jahre nach. Gezeichnet durch die Scheidung ihrer Eltern, getrieben durch die ständigen Umzüge ihrer Kindheit, geprägt durch ganz unterschiedliche Vorzüge, versuchen sie ihr Leben auf unterschiedliche Weise in die Hand zu nehmen. Die schöne Sarah, Liebling des Vaters und der Männer, heiratet früh und bekommt drei Söhne. Die magere Emily tut sich durch intellektuelle Stärke hervor, studiert und schlägt eine journalistische Laufbahn ein. Glücklich werden beide nicht. Denn wie heißt es doch so schön: Wohin du auch gehst, du nimmst dich selbst immer mit.

Ihre Mutter will ein Leben voller Flair und schafft es nur bis zur nächsten Cocktailstunde. Emily und Sarah wachsen nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihrer Mutter Pookie auf, einer erfolglosen Immobilienmaklerin. Der Vater arbeitet in der Redaktion einer New Yorker Zeitung, er ist allerdings kein Reporter, sondern redigiert lediglich. Außerdem schreibt er Überschriften, laut seiner ältesten Tochter die wichtigste Aufgabe von allen. Die schöne Sarah fällt durch ihre weibliche Figur schon früh dem anderen Geschlecht ins Auge, heiratet einen Ingenieur, bekommt drei Söhne und lebt auf Long Island. Die jüngere Emily, mit weniger weiblichen Vorzügen gesegnet, fühlt sich in der Welt der Intellektuellen zuhause. Sie studiert und tritt in die Fußstapfen ihres Vaters, um endlich aus dem Schatten der Schwester zu treten. Sie redigiert nicht, sie schreibt selber. Emily wird von ihrem Neffen als eine der „ersten befreiten Frauen“ beschrieben, die noch weit vor der 1968er-Frauenbewegung ihren eigenen Weg gegangen ist. Doch hinter den Kulissen zeigt sich ein anderes Bild: Sarah ist nicht fähig, sich ein eigenes Leben außerhalb der Ehe aufzubauen und erträgt die Schläge des Ehemanns stillschweigend. Emily lässt sich durch eine Welt voller Affären treiben und merkt erst viel zu spät, wie einsam sie ist.

Geprägt durch die Bindungsängste ihrer Kindheit, schaffen es beide nicht, gesunde Beziehungen aufzubauen. Sarah schafft es nicht, sich aus der brutalen Ehe zu lösen. Emily schafft es nicht, eine stabile Beziehung einzugehen. Stets wählt sie Männer, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind: impotente Intellektuelle, alternde Autoren, die ihrem einstigen Ruhm hinterhertrauern oder Männer, die noch an ihren Ex-Frauen hängen.

Wie in der Chronik eines angekündigten Todes verfolgen wie Leser atemlos, wie sich die beiden unaufhaltsam in kleinen Schritten auf den Abgrund zubewegen.

Dabei schafft Yates Szenen, die sich ins Gedächtnis brennen. Die jugendliche Emily schämt sich für ihre Mutter, die im betrunkenen Zustand zunehmend breitbeiniger dasitzt und der Cocktailgesellschaft zuerst ihre Strapse, dann ihre faltigen Oberschenkel und letztendlich sogar den Schritt ihres Höschens präsentiert. So will Emily niemals enden! Szenenwechsel: Jahre später wacht Emily morgens nackt in einer fremden Wohnung neben einem fremden Mann auf, ohne irgendeine Erinnerung an letzte Nacht. Bei dem Versuch, in der Dunkelheit den Lichtschalter zu finden, um ihre Kleidung unauffällig aufzusammeln und zu verschwinden, stößt sie den Nachttisch um, Scherben klirren. Da wird ihr bewusst, wie „schmutzig“ das Szenario ist.

Ist unser Werdegang also vorgegeben? Müssen wir in den Schuhen unserer Eltern durchs Leben wandeln? Sind wir unfähig aus Fehlern zu lernen und Vergangenes zu überwinden? Yates Literatur wirft Fragen auf, die jeder Leser für sich selber beantworten muss.

Ebenso erstaunlich: Obwohl der Roman 1976 erstmals erschienen ist und hauptsächlich in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg spielt, wirkt er aktueller denn je. Dies liegt nicht nur an Yates Sprachstil sowie seinem Plot, in dem Abtreibungen und Bisexualität ganz selbstverständlich eingebaut werden. Themen, mit denen die USA noch heute ihre Probleme hat. Dies liegt auch daran, dass er mit Sarah und Emily, die Art von Archetypen geschafft hat, die uns heute immer noch beschäftigen. Denn die moderne Frau soll gefälligst beides sein. Erfolgreich in Beruf, vorzeigbar in der Gesellschaft, schön, sexy und liebevoll als Ehefrau und Mutter. So wie die gehobene Mittelschicht New Yorks traditionell auf der „Easter Parade“ nach dem Ostergottesdienst über die Fifth Avenue flanierte, um sich ausgiebig bewundern zu lassen, so präsentieren wir uns heute in den Sozialen Medien für Bewunderung in Form von Likes und Followern. Sarah und Emily werden von ihren falschen Entscheidungen in die Alkoholsucht getrieben, heute kommen die Symptome als Burn-Out daher.

Yates hat Weltliteratur geschaffen. Seine psychologisch ausfeilten Profile überdauern die Generationen. Sie treffen noch heute ins Mark der Gesellschaft. Nicht umsonst wird Yates als einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Sein wohl berühmtestes Werk lautet „Zeiten des Aufruhrs“, verfilmt mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio.

Resümee: Ergreifend, bewegend, aktueller denn je: Das Thema „Frausein“ wurde selten von einem Autor so vielschichtig dargestellt. Große Weltliteratur – übrigens auch für männliche Leser äußerst empfehlenswert.

Richard Yates: Easter Parade (1976).
Penguin Verlag, Juni 2019.
304 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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