Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

Franklin Starlight stammt von den Ojibwe ab. Er war der einzige Indianer in der Schule, wegen seiner Schweigsamkeit wird er oft für mürrisch gehalten. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er mit der Stute auf kaum zu entdeckenden Pfaden das Hochland durchstreift, manchmal wochenlang. Allein. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich beim Alten auf der Farm. Der Alte hat ihn aufgezogen, ihn alles gelehrt: Arbeit, Jagd, Respekt vor der Natur. Als Frank sechzehn ist, lässt ihn sein Vater zu sich rufen. Eldon Starlight ist ein herunter gekommener Alkoholiker, der in einer Kaschemme in der Fabrikstadt am Parson’s Gap lebt und sich als Tagelöhner durchs Leben schlägt. Pflichtbewusst macht sich Frank auf den mehrtägigen Weg in die Stadt. Er erwartet nichts vom Vater. Seit er denken kann, lebt er beim Alten; der Vater kam selten, jedes seiner Versprechen wurde zur Enttäuschung.

Eldon geht es sehr schlecht. Er will, dass Frank ihn in die Wildnis bringt, in die Gegend, aus der er gekommen ist, und ihn dort mit dem Gesicht nach Osten begräbt, im Sitzen, wie einen Krieger. Widerwillig stimmt Frank zu.

Die Reise der beiden ist beschwerlich, Eldon wird zusehends schwächer und kann sich kaum auf dem Pferd halten. Aber er hat Frank etwas zu geben: Eine Geschichte. Seine Geschichte, die von Angie, Franks Mutter, über die der Junge bislang gar nichts weiß, und die des Alten. Sie kommen langsam voran mit dem Reiten und mit dem Erzählen; dies gibt dem Autor Raum für gelungene, detaillierte Naturbeschreibungen und Schilderungen von Jagd, Feuermachen, Wasserholen. Viel mehr passiert nicht in diesem Buch, und doch geschieht unglaublich viel. Frank kommt seinem Vater näher, als ihm zunächst lieb ist, und damit auch der eigenen Identität.

Eindringlich und berührend erzählt Wagamese, wie Vater und Sohn einander finden und nach und nach verstehen lernen.

Es geht um Zugehörigkeit, um die Werte von Familie und Gemeinschaft, um Naturverbundenheit als Teil wesentlicher Werte, um die indianische Tradition und die heilende Wirkung des Geschichtenerzählens, und um das, was den Menschen ausmacht. Nachdem Frank als Kind seinen ersten Hirsch geschossen hat, sagt der Alte, der Weißer ist: „Ich kann dich nichts lehren über das, was du bist, Frank. Ich kann dir nur zeigen, wie man ein guter Mensch ist. Ein guter Mann. Wenn du lernst, ein guter Mann zu sein, wirst du auch ein guter Indianer. Stelle ich mir jedenfalls vor.“ (Zitat Kap. 6)

Die Gegend in British Columbia, in der Frank und der Alte leben, ist nicht näher bezeichnet, ebenso wenig die Zeit, in welcher das Buch spielt. Gerade die Zeitlosigkeit verleiht der Geschichte etwas Allgemeingültiges.

Großartig.

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes.
Blessing, September 2020.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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