Richard Russo: Ein Mann der Tat

Der US-amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger von 2002, Richard Russo (Jahrgang 1949),  legt mit dem Roman „Ein Mann der Tat“ (Originaltitel: „Everybody’s Fool“) die Fortsetzung von dem 1993 erschienenen Buch „Nobody’s Fool“ (Deutscher Titel: „Ein grundzufriedener Mann) vor. Der DuMont Buchverlag hat beide Titel im Mai 2017 auf Deutsch herausgebracht.

Der Lesende findet sich am Memorial-Day-Wochenende zunächst auf dem Hilldale-Friedhof von North Bath im US-Staat New York anlässlich der Beerdigung von Richter Barton Flatt wieder. Dort stürzt der unglückliche, von Zweifeln geplagte Polizeichef Douglas Raymer ohnmächtig ins offene Grab des Richters und verliert dabei sein einziges Beweisstück für die Untreue seiner vor einem Jahr bei einem Sturz auf der Treppe tödlich verunglückten Frau Rebecka (Becka): eine Garagentorfernbedienung.

Es ist heiß in North Bath und es stinkt. Rub Squeers, einfältiger Gelegenheitsarbeiter, wartet darauf, dass sein einziger Freund Donald Sullivan (genannt Sully) endlich etwas Zeit für ihn hat. Er ist schwer genervt von seiner Frau Bootsie, die ihm mit ihren Vorwürfen das Leben schwer macht. Sully, in die Jahre gekommener Held aus „Ein grundzufriedener Mann“ sitzt immer noch die meiste Zeit auf den Barhockern der diversen Kneipen von North Bath, vorzugsweise aber im Hattie’s, das von seiner Freundin und Ex-Geliebten Ruth betrieben wird.  Er kann es sich leisten, weniger zu arbeiten, da er das Haus seiner Englisch-Lehrerin Beryl Peoples geerbt hat. Allerdings erledigen Sully und Rub hin und wieder Jobs für den Bauunternehmer Carl Roebuck, impotent, prostatakrank und kurz vor der Pleite stehend.

Ruth ist mit dem „Müll“-Sammler Zack verheiratet, der nach und nach ihr gesamtes Grundstück und Haus in ein Warenlager verwandelt. Ihre Tochter Janey und die Enkelin Tina werden immer wieder von dem gewalttätigen, brutalen Roy Purdy attackiert, der gerade nach Verbüßung einer Haftstrafe wegen Körperverletzung wieder auf freiem Fuß ist. Roy führt eine Liste mit den Namen der Menschen, mit denen er noch eine Rechnung offen hat. Auch Sully steht auf dieser Liste. Polizeichef „Chief“ Raymer erhält Unterstützung von Charice, schwarze Polizistin im Innendienst. Charice mag Raymer. Ihren Zwillingsbruder Jerome, der bei der Polizeibehörde in Schuyler Springs, der schöneren und prosperierenden Partnerstadt von North Bath, arbeitet, hingegen empfindet Raymer als Konkurrent. Gus Moynihan ist Bürgermeister von North Bath und gibt sein Bestes, um der Stadt Aufschwung zu geben. Er  sorgt sich um seine psychisch kranke Frau Alice, die mit Raymers Frau Becka eng befreundet war.

Dann kommt es noch schlimmer für die Bewohnerinnen und Bewohner der erfolglosen Gemeinde: eine Mauer stürzt ein und trifft das Auto von Roy Purdy. Eine geschmuggelte Klapperschlange entweicht aus ihrem Käfig und sorgt für weitere Panik im Städtchen.

Raymer indessen ist gefangen in den Kreislauf seiner schlechten Gedanken, er will seinen Job kündigen und wird auch noch während eines heftigen Gewitters Opfer eines Blitzschlages, der eine andere Seite in ihm aktiviert. Sully hat schwere Herzprobleme, die er zu ignorieren versucht. Roy Purdy begeht weitere Verbrechen und wird dafür von jemandem bestraft, von dem man es nicht erwartet. Am Ende dieses heißen Memorial-Day-Wochenendes vollbringt „Chief“ Raymer eine Heldentat, kommt dem Geliebten Beckas auf die Spur und knüpft zarte Bande zu Charice. Und auch für Sullys Gesundheit gibt es eine Chance auf Besserung.

Richard Russo beschreibt in „Ein Mann der Tat“ (von Monika Köpfer aus dem Englischen übersetzt) auf beinahe 700 Seiten das Leben der arg gebeutelten Einwohner in der fiktiven Kleinstadt North Bath an nur einem Wochenende mit Humor und großem Einfühlungsvermögen. Und für mich als Lesende ist jede einzelne Seite interessant. Ich versinke im Buch und die Figuren, Geschehnisse tauchen vor meinen Augen auf, als würde ich einen Film anschauen. So präzise, wirklichkeitsnah und detailgenau entwickelt Russo seine Geschichte. Eine Geschichte von Menschen, die es schwer haben und sich schwer tun. Für die das Bier in der Kneipe oft der einzige Lichtblick des Tages ist, bevor der nächste beginnt, den es durchzuhalten gilt. Er beschreibt das Leben in der amerikanischen Provinz ohne provinziell zu werden.

Seine Figuren sind keine Helden, allen voran Douglas Raymer, ein Miesepeter und Schwarzmaler, den man aber trotzdem mag, weil Russo ihn liebevoll zeichnet. Oder Sully, der alte Schwerenöter, für den sich die Welt weiterdreht, „egal wie vermurkst das eigene Leben gerade war“, herrlich!

Richard Russo ist auch in „Ein Mann der Tat“ ein wunderbarer Erzähler, seine Sprache treffsicher und lebendig, seine Geschichte fesselnd, lustig, traurig, anspruchsvoll. Ganz genau so, wie ich mir gute Literatur wünsche.

Im letzten Jahr war Russos „Diese gottverdammten Träume“ der Roman des Jahres für mich, „Ein Mann der Tat“ ist nicht ganz so stark, lesenswert jedoch ist es allemal.

Richard Russo: Ein Mann der Tat.
DuMont Buchverlag, Mai 2017.
688 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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