Richard Russo: Diese gottverdammten Träume

csm_9783832189051_frontcover_7eebb6ba1fUm es gleich vorweg zu nehmen: „Diese gottverdammten Träume“ von Richard Russo sind unschlagbar gut. Wurde das Buch mit dem Originaltitel „Empire Falls“ schon 2002 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und 2005 mit Starbesetzung verfilmt, ist es nun auf Deutsch erschienen. Damit bringt der DuMont-Buchverlag den für mich besten Roman des Jahres heraus.

Empire Falls am Knox River in Maine (USA) ist der fiktive Ort, in dem die Geschichte von Miles Roby spielt, die Russo so herrlich gelassen und präzise erzählt.

Doch zunächst erfährt der Lesende im Prolog, dass Empire Falls einst prosperierender Standort für die Textilindustrie war, der der Familie Whiting Wohlstand und den Einwohnern ein gutes Auskommen sicherte.

Der junge Charles Beaumont (C. B.) Whiting kehrt nach einem längeren Aufenthalt in Mexiko nur widerwillig zurück, um die Textilfabrik und Hemdenmanufaktur  seines Vaters zu übernehmen, baut sich eine Hazienda, lässt den Knox River begradigen und  heiratet  Francine Robideaux, die ihm wie alle Frauen der Whiting-Männer zuvor „das Leben zur Hölle“ machen wird, bis er sich selbst erschießen wird.

Zwei Jahrzehnte später sind die Fabriken geschlossen und die kleine Stadt ist heruntergekommen. Miles Roby betreibt den Empire Grill, ein Diner, eine der Immobilien, die immer noch im Besitz der inzwischen verwitweten Mrs. Whiting ist, und das die besten Jahre hinter sich hat. Eigentlich hätte Miles studieren sollen, aber die Krankheit seiner Mutter Grace, lässt ihn nach Empire Falls zurückkehren. Grace stirbt und aus dem Aushilfsjob im Diner wird eine Dauerbeschäftigung. Nun wohnt Miles Roby  über dem Restaurant, ist von Janine geschieden, die den Besitzer des örtlichen Fitness-Studios‚ Walt Comeau,  heiraten will. Einmal im Jahr verbringt Miles eine Woche mit seiner Tochter Tick bei seinen Freunden Peter und Dawn auf Martha’s Vineyard, seinem Sehnsuchtsort. Er ist immer noch ein bisschen verknallt in Charlene, seine Jugendliebe und Kellnerin im Empire Grill. David, Miles‘ Bruder, nach einem schweren Unfall versehrt, hilft Miles im Diner aus. Der Vater von Miles und David, Max, lässt sich nur blicken, wenn er Geld braucht und ist nie um einen Spruch verlegen.

Und da sind noch der „Dorfpolizist“ Jimmy Minty und sein Sohn Zack, der Exfreund von Miles‘ Tochter Tick. Der stille Mitschüler John Voss, den Miles im Empire Grill beschäftigt, und der eine Tragödie verursacht. Miles‘ Schwiegermutter Bea, die das Callahan’s betreibt. Die beiden Pfarrer Father Mark und der demente Father Tom, der mit Max Roby für eine Weile verschwindet. Und nicht zuletzt Miles alter Freund Otto Meyer jr., Schuldirektor und Lebensretter.

Aber vor allem ist da die alte Mrs. Whiting, die im Hintergrund alle Fäden zieht und Schicksale beeinflusst, mit ihrer hinterhältigen, roten Katze und ihrer durch einen Unfall körperbehinderten und psychisch kranken Tochter Cindy, die in Miles seit gemeinsamen Kindheitstagen hoffnungslos verliebt ist.

Der Empire Grill ist Treffpunkt der Kleinstadtbewohner, hier wird gegessen, getrunken, gespielt und getratscht.

Und während „der liebe Junge“ Miles und die anderen versuchen, ihr Leben im Griff zu behalten, gehen Träume verloren und kündigt sich Unheil an. Bis am Ende der Knox River das Alte fortspült und Platz schafft für die Zukunft.

Richard Russo, 1949 geboren, lebt und arbeitet in Boston und in Maine. DuMont veröffentlichte 2010 seinen Roman „Diese alte Sehnsucht“.

Mit „Diese gottverdammten Träume“ schreibt  er 750 Seiten über eine unbedeutende, niedergehende Kleinstadt in Maine und ihre Bewohner, ohne eine einzige Seite langweilig zu werden. Sein Romanpersonal ist eine alltägliche Mischung verschiedener Typen, die von Russo so lebendig, humorvoll und einfühlsam beschrieben werden, dass man meint, selbst auf dem Barhocker im Empire Grill zu sitzen. Da gibt es so wunderbare Dialoge, wie den zwischen Janine, Miles‘ Exfrau und ihrer Mutter Beatrice:

„…Die Menschen können sich ändern, und ich bin dabei mich zu ändern.“

„Du bist nicht dabei, dich zu ändern, Janine“, sagte ihre Mutter. „Du verlierst einfach nur Gewicht. Das ist ein Unterschied…“

Er setzt Rückblenden, die die Geschichte hinter der Geschichte offenbaren. Er benutzt das Präsens in den Kapiteln von Tick, Miles Tochter, die vielleicht die einzige Person ist, die im Hier und Jetzt lebt. Und so spannt Richard Russo  den roten Faden in seinem Roman von der ersten bis zur letzten Seite, ohne dass er ein einziges Mal durchhängt oder verloren geht.

Russo gelingt ein lebendiges Abbild der amerikanischen Provinz, und das Buch ist bis hin zur Umschlaggestaltung (eine an die Gemälde von Edward Hopper erinnernde Fotografie) rundherum stimmig.

In seiner Sprache (aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer) schlicht, schön und lebensecht, hat Richard Russo einen leisen, weisen Roman über das Leben, was die Menschen daraus machen, und wie es hätte sein können, geschrieben.

Grandios, aber lesen Sie es gottverdammt nochmal selbst.

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume.
DuMont Buchverlag, Mai 2016.
752 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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