Richard Ford: Rock Springs: Short Storys

Richard Ford, amerikanischer Schriftsteller (Jahrgang 1944), erhielt  den Pulitzerpreis und PEN/Faulkner Award für seinen 1995 erschienenen Roman „Unabhängigkeitstag“. Ich-Erzähler und Protagonist Frank Bascombe aus diesem und den Romanen „Der Sportreporter“, „Die Lage des Landes“ und „Frank“ steht für den „American Everyman“. Und den Durchschnittsamerikaner treffen die Lesenden auch in den Kurzgeschichten „Rock Springs“ aus dem Jahre 1987, die dtv im November 2016 kurz nach den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen in einer Taschenbuchausgabe (übersetzt von Harald Goland) herausgegeben hat.

Darin zehn Short Storys, in denen Richard Ford über Menschen in ihren Alltagsleben erzählt. In einem Leben, das wenig mit dem amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär gemein hat. Die Menschen in Fords Kurzgeschichten bleiben, wenn sie Glück haben, Tellerwäscher.

Da sind es in der Titelgeschichte „Rock Springs“ Edna, Earl, Earls Tochter Cheryl und der kleine Hund Duke, die in einem gestohlenen Mercedes von Montana nach Florida fahren, weil Earl ein paar ungedeckte Schecks ausgestellt hat. Eine Autopanne lässt sie in einem Ramada Inn in Rock Springs stranden und Edna beschließt, Earl zu verlassen.

Auch in „Great Falls“ verlässt Ms Russell ihren Mann und ihren Sohn unerwartet, als diese überraschend früher von der Entenjagd nach Hause kommen. Und alle drei müssen allein weiter mit ihrem Leben zurechtkommen.

„Sie und Bobby waren schon als Kinder Sweethearts gewesen…“, heißt es in „Sweethearts“. Jetzt ist Arlene mit Russel zusammen. Gemeinsam bringen sie Bobby zum Sheriff, damit er seine Strafe im Gefängnis antritt. Danach fahren Arlene und Russell ein bisschen durch die Gegend und Arlene sagt: „Es ist alles nur Melodrama.“

Die beiden Jungen Claude und George machen mit der Ausreißerin Lucy, die zuvor mit Claudes Vater Sherman eine Nacht im Motel verbracht hat, einen Angelausflug und können doch die Leere ihrer Welt nicht füllen.

In „Vor die Hunde gehen“ wird Lloyd von Bonnie und Phyllis beklaut und er ahnt, „dass dies nur der Anfang einer harten Zeit war.“

Sims betrügt (nicht zum ersten Mal) seine Frau Marge mit Unteroffizier Doris Benton im Zug während einer Nachtfahrt zu Marges Schwester Pauline, deren Freund verhaftet worden ist.

Roy Brinson bringt Boyd Mitchell vor den Augen seiner eigenen Familie und Boyds Ehefrau Penny mit einem harten Faustschlag ums Leben und die Familie fällt nach seiner Haftentlassung auseinander. In der Mordnacht sagt die Mutter zu ihrem Sohn Frank: „Du kommst schon zurecht. Wir werden das überleben. Sei ein Optimist.“

In der letzten Kurzgeschichte des Bandes „Kommunist“ weiß Aileen  nach einer Gänsejagd, bei der eine Gans angeschossen wird und verletzt auf dem See treibt, dass ihr Freund Glen ein „Dreckskerl“ und dass ihr Sohn Les „nicht von Verrückten aufgezogen worden“ ist.

Richard Fords Geschichten spielen überwiegend im kargen und einsamen US-Bundesstaat Montana, wo Menschen versuchen, sich zwischen Bars, Motels, Zügen und Autos durchs Leben zu schlagen. Es sind Geschichten von nicht mehr ganz jungen und jungen Männern, und die meisten dieser Männer sind Verlierer. Sie verlieren ihr Jobs, ihre Frauen, ihre Kinder und manche ihr Leben. Das Handlungsrepertoire dieser Figuren ist begrenzt: wenn sie nicht mehr weiter wissen, unterschreiben sie ungedeckte Schecks, klauen Autos, gehen auf die Jagd oder betrügen ihre Frauen. Die Söhne beobachten diese Männer, die manchmal ihre Väter sind und manchmal nicht mit Ratlosigkeit und werden mit ihren Gedanken alleingelassen. Die Frauen gehen weg.

Ford beschreibt keine heile Welt, aber er lässt seine Figuren auch nicht jammern. Sie machen einfach immer weiter mit ihrem Leben in der Hoffnung, dass irgendwann bessere oder mindestens andere Zeiten kommen. Dabei sind die Figuren zutiefst heimatlos, sowohl geografisch als auch emotional. Ford beschreibt Familien, in der jede und jeder allein ist. Und das macht er so eindrücklich, klar und genau, dass mir als Lesende eine Gänsehaut entsteht.

„Was für ein Amerika ist das?“, frage ich mich. Jedenfalls in diesen Geschichten von Richard Ford kein Sehnsuchtsland, sondern ein Land von zerrütteten Existenzen am Rande der Illegalität mit verwahrlosten Herzen.

Richard Ford: Rock Springs: Short Storys.
dtv, November 2016.
312 Seiten, Taschenbuch, 11,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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