Richard Dübell: Der Jahrhundertsturm

jahrUm 1840 herum ist die Eisenbahn gerade erfunden. Noch fährt sie hauptsächlich in England, aber auch von Nürnberg nach Fürth ist bereits eine Dampflok gefahren. Es gibt Visionäre im Deutschland – oder vielmehr in den einzelnen Staaten die einmal Deutschland werden sollen – nicht nur im politischen, sondern auch im technischen Bereich. Bismarck ist noch ein Junker mit übergroßem Selbstbewusstsein und Ehr-geiz, Deutschland noch eine Ansammlung von Flecken auf der Landkarte in Form einzelner Fürstentümer. Aber Bismarks Vision ist ein geeintes Deutschland, mit Preu-ßen als stärkster Macht. Die Vision vom geeinten Deutschland teilt der Politiker mit den Technikern. Auch sie wünschen sich endlich eine Einheit, aber nicht, zum politische Stärke zu gewinnen, sondern damit das Gezerre um einheitliche Schienenbreiten endlich aufhört, damit man Unternehmen gründen kann, die groß genug sind, um ef-fektiv arbeiten zu können und damit man sich nicht mehr gegenseitig Konkurrenz macht.
Natürlich gibt es auch 1840 noch Menschen, die im Alten verhaftet sind und sich vor Veränderungen fürchten. Für sie ist die Eisenbahn gefährlich und allein der Gedanke, dass Preußen und Bayern zu einem Staat gehören könnten, erschreckt sie. Und es gibt auch 1840 Menschen, die an gar nichts denken, außer an sich selbst.
Richard Dübell hat sie alle porträtiert. Die Junker, die die Notwendigkeit von Verände-rungen einsehen und die, die altgutsherrlich verharren wollen. Politiker, die in eine neue Zeit aufbrechen möchten und die, die sich das Mittelalter zurückwünschen. Handwerker die Techniker werden wollen und die, für die Fabriken Teufelszeug sind. Der Adel, die Bürger und das Proletariat finden ihren Platz in diesem Roman.
Eingebetet ist das Panorama der Bismarkzeit in eine komplizierte Liebes- und Drei-ecksgeschichte über die Grenzen Europas hinweg. Man merkt schnell, wo alte Feind-schaften liegen und neue entstehen und lernt so die Wurzeln unser heutigen Ängste kennen. Auch so, und spannend ist das Buch auch noch.

Richard Dübell: Der Jahrhundertsturm.
Ullstein, Februar 2015.
1056 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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